Der längste aller Kriege (2)

In früheren Jahrhunderten erzählten sich Menschen Geschichten aus vergangener Zeit, Märchen und Mythen. Auch solche über Kriege, von denen der berühmteste der trojanische war. Rechts oben in der Ägäis, nahe der Mündung der Dardanellen, wo später ein Hügel die untergegangene Stadt bedeckte, fing Heinrich Schliemann an zu graben. Es waren die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, als man Troja, das in mehreren Schichten übereinanderlag, freilegte. Der homerische Mythos hatte, wie man jetzt sah, eine historische Wurzel.

Heute fällt dem Internet, besser: seinen Beobachtern, die Aufgabe Schliemanns zu, unter den Hügeln des kollektiven Bewußtseins nach den Ursprüngen der menschlichen Massenseele zu graben. Im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts trat zutage, was lange nur scheinbar abgelebt und überwuchert in der männlichen Seele der Spezies Homo lebendig gewesen war, was aber in Religionen immer wieder beobachtet werden konnte, wovon auch die heiligen Schriften Zeugnis ablegten: daß der Feind des männlichen Menschen in dessen Auge der weibliche Mensch war. Ein ambivalenter Feind allerdings, denn wo überall in den mythischen und historischen Kriegen die besiegten männlichen Feinde in der Regel getötet wurden, hatten die Frauen der Besiegten sexuelle Dienste zu leisten und den Bestand des Volkes auch als Mütter von Kriegern zu gewährleisten. Die Selbstbeschreibungen sowohl der monotheistischen Religionen wie auch der paganen antiken Erzählungen berichten davon. Viele Kriege wurden einzig mit der Absicht geführt, die Frauen der Feinde zu überwältigen und zu versklaven. Ein dazu gehöriger Mythos ist der vom Raub der Sabinerinnen.

Aus jenen Zeiten scheinen die Haßausbrüche und Verachtungstiraden zu stammen, denen sich heute wieder Frauen, sofern sie eine gewisse Prominenz erworben haben, in den sozialen Medien des Netzes ausgesetzt sehen –  und nicht nur dort, sondern auch etwa in den Texten allseits beliebter Rapper und Comedians. Die Sängerin Lena Meyer-Landrut hat solche Zeugnisse veraltet oder verschüttet geglaubter Haßgesänge, deren Ziel sie selbst geworden war, gesammelt, auf eine große Glasscheibe geschrieben, sich selbst, das Ziel der Wut, hinter die Scheibe gestellt und ein Selfie gemacht mit den Beschimpfungen als „Garnierung“. Im Zentrum steht das ehemals als Unwort streng tabuisierte wenngleich allseits verbreitete Wort FOTZE. Die Frau ist in diesem brutal-sexistischen Kontext ihr Geschlechtsorgan, nichts darüber hinaus, und zwar in seiner häßlichsten, verachtungswürdigsten Gestalt. Sozialpsychologen wie der Marburger Ulrich Wagner sprechen von „negativen Stereotypen, die über Frauen existieren“ und die sich in der Anonymität des Netzes hemmungslos ausbreiten können. Das klingt harmlos. Es ist zu harmlos.

Es geht nicht nur um „Stereotype“, sondern es geht um kaum verborgenen Haß, der allerdings so alt ist wie die menschliche Geschichte. Mächtige Alpha-Männchen wie The Donald stimulieren heute die Enthemmung, indem sie sich zu Fürsprechern der männlichen Verfügung über das weibliche Sexualobjekt machen. Das ist die Basis ihrer Macht und ein Lehrstück für alle, die fragen, warum es Jahrtausende gebraucht hat, um Formen der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht nur theoretisch vorsichtig anzudenken, sondern auch zu verwirklichen: elementare Formen wie das Wahlrecht z.B.. Kaum mehr gelang bis heute in den meisten Gesellschaften der Welt.

Der Blick über Europa hinaus in die muslimische Welt oder nach Indien ist allerdings ernüchternd, und wer in Mitteleuropa im Geiste einer sich selbst nicht reflektierenden Toleranz behauptet, die frauenfeindlichste der Religionen, der Islam, gehöre etwa zu Deutschland, hat die Dimension des Frauen-Hasses entweder nicht verstanden oder sie ist ihm, etwa wenn er sich als guter Katholik versteht, egal. Die Diskussion über Afrika und ob es fortschrittlich zu entwickeln sei, müßte eine über die Rolle der afrikanischen Frau sein. Ist sie aber nicht. Das gilt weltweit. Die Bevölkerungsexplosion in Afrika ist das Menetekel, das auf das Ende des Planeten, wie er einmal gewesen sein wird, hindeutet.  Die Geschlechterfrage ist aber so wichtig wie die ökologische. Beide gelten den großen Parteien als nachgeordnet. Der Haß mag unterdrückt werden, gar beseitigt. An seine Stelle tritt die Gleichgültigkeit derer, die das Problem für gelöst halten..

Advertisements
Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Trumps Geheimwaffe

Trotz der kleinen Delle bei den Midterms  – es scheint, als würden wir den Mann, vor dem die Deutschen mehr Angst haben als vor irgendjemand sonst, sobald nicht los. Kürzlich bei „Hart aber fair“ saß auch die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling von der kalifornischen Berkeley-Universität als einzige Frau und wurde quasi als Expertin für ihr Geschlecht gefragt, wie das paradoxe Phänomen der Trump-Wählerin zu erklären sei. Weil es „weiblichen Sexismus“ gebe, war die Antwort. Dieser sei aber keiner, der sich sozusagen als vergeltende Antwort in Männerhaß ergehe, sondern er sei männlicher Sexismus in weiblicher Gestalt. „Sexismus“, so Wehling habe nichts mit dem Geschlecht zu tun. Sondern, könnte man hinzufügen, mit dem traditionellen Weltbild, das ja auch Katholikinnen nicht davon abhält, die treuesten Kirchgängerinnen und Dienerinnen einer Institution, der katholischen Kirche, zu sein, die seit ihren Anfängen Angst vor dem weiblichen Geschlecht mit Frauenverachtung amalgamiert hat und die weibliche Minderwertigkeit (qua menstruierende Unreinheit) zur Grundlage ihres Dogmas von der Unfähigkeit des Weibes zur Verkündigung des Evangeliums machte. Der männliche Priester sei dazu aber berufen, weil er Hoden, einen Penis, Testosteron im Übermaß, keine Regelblutungen und keine Brüste hat – wie Jesus.

Dies ist also das Vorbild und Muster für den weiblichen Sexismus. der überall in den christlichen Gesellschaften (und natürlich auch bei Juden und Muslimen, ja in allen Religionen) diverse absurde Blüten getrieben hat und von keiner Aufklärung bzw. Wissenschaft eingedämmt werden konnte. Dabei ist es nicht das Privileg ungebildeter und systematisch unterdrückter Frauen, die herrschende Ordnung nicht zu hinterfragen. Die ihren Sexismus pflegenden Frauen, auch solche mit Hochschulabschluß, sagt Wehling, seinen implizit und explizit davon überzeugt , daß Männer mehr wert seien als Frauen. Männer hätten bessere Positionen und würden besser bezahlt, weil sie es verdient hätten. Diesem Denken liegt – wäre zu ergänzen – eine Vorstellung von einer „natürlichen“ hierarchischen Ordnung zugrunde, wie sie im Vatikan ihre exemplarische Gestalt gefunden hat. Das hat nun nicht nur nichts mit dem Stifter Jesus zu tun, es konterkariert und verhöhnt dessen Botschaft von der Gleichheit aller und der armen Kirche nachgerade. Die Evangelikalen Amerikas sind andererseits die zuverlässigsten Unterstützer der Trump-Kirche, und wer jemals den Prediger-Ton in den Präsidenten-Reden bemerkt hat, der den Billy Grahams jener Welt abgehorcht ist, wird begreifen. daß bezüglich seiner Wähler, männlichen wie weiblichen, nur eine genau so irrationale und lügengespickte Gegenpredigt eine Wende herbeiführen könnte. Die Demokratie, die den mündigen, denkfähigen Bürger voraussetzen muß, kommt somit an ihr Ende. Nicht nur in den USA.

Bliebe für alle, die nicht resignieren wollen, die Frage, ob Bewegungen wie #MeToo zumindest ein winziges Hoffnungsfeuerchen aufflackern lassen könnten. Andere schauen verzückt auf den sogenannten „Reformpapst“ Franziskus und erwarten von ihm, daß er den Drachen Klerikalismus samt seinen Mißbrauchs-Untaten beseitigt und zugleich die „arme Kirche“ etabliert. Haben seine BewunderInnen schon vergessen, daß für diesen Papst die Gender-Theorie Teufelszeug ist – weil nämlich jene gottgewollte hierarchische Ordnung, in der auch den Geschlechtern ein je eigener Ort (oben oder unten) zugewiesen ist, von der Genderitits bedroht sei? Bliebe, um bei Frau Wehling zu bleiben, eine allerletzte Hoffnung – die auf die Geschlechter-Solidarität. Auf eine Art beide Geschlechter zusammenbindende Freundschaft, in der der feministische Mann nicht mehr eine so unglaubwürdige wie lächerliche Figur ist. Deshalb plädiert Wehling für eine unverzichtbare Beteiligung der Männer am feministischen Projekt: „Jeder männliche Feminist ist wichtig und besonders wertvoll.“

Aber mehr als ein vorletzter Stoßseufzer scheint dieses Statement nicht zu sein. Eine Bewegung, in der sich männliche Feministen zu wirksamer politischer Aktion zusammentäten, wird es wohl nicht geben. Wie der Sündenfallgeschichte zu entnehmen ist („Du hast Verlangen nach deinem Mann, aber er wird über dich herrschen“), wurde der Sexismus zum innersten Kern der Erbsünde. Und was diese betrifft, sind wir alle auf Gnade angewiesen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | 3 Kommentare

Der längste aller Kriege

Ein Bericht vom Schlachtfeld: „Ihr erster Käufer war Hadschi Salman, ein IS-Richter aus Mossul, der sie zwang, sich vor jeder Vergewaltigung hübsch anzuziehen und zu schminken. Nach einem Fluchtversuch wurde sie ausgepeitscht und eine Nacht den Hauswächtern zur Rache überlassen. Danach wurde sie weiterverkauft und an einem Checkpoint von so vielen Männern vergewaltigt, bis sie bewußtlos war.“ Die Rede ist von der Jesidin Nadia Murat, der diesjährigen Friedensnobelpreisträgerin. Der Mann, der sich mit ihr den Preis teilt, ist der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege. Er beschreibt das erste Opfer einer Vergewaltigung als Kriegshandlung, das er zu Gesicht bekam, so: „Ihr ganzes Becken war zerstört. Ich dachte, es handelte sich um das Werk eines Irren, aber im selben Jahr behandele ich noch 45 ähnliche Fälle.“

Die Systematik: In Kriegszeiten mußte man schon immer Soldaten, die ihr Leben riskierten, Belohnungen versprechen. Die Frauen des Feindes waren die begehrtesten. Es handelt sich um einen so grausamen wie verbreiteten Mechanismus, den man stets für so „natürlich“ gehalten hat, daß sich eine vertiefende Debatte anscheinend erübrigte. Der Befehlshaber befiehlt die Vergewaltigung oder gibt sie frei, und die Männer folgen nicht nur seinem Befehl, sondern sind mit rohestem Eifer dabei. An Erektionsvermögen analog zur auf dem Schlachtfeld ausgestandenen Todesangst mangelt es nicht. Sie vergessen im Rausch des Testosterons, daß Mütter sie geboren haben, das sie Schwestern, Freundinnen und Ehefrauen haben. Jetzt ist da nur noch das andere, das feindliche, das immer schon gehaßte Geschlecht, das penislose, die eigene mögliche Kastration repräsentierend. Alle Grenzen der Menschlichkeit werden übersprungen. Mit Bajonetten, Gewehrläufen, abgeschlagenen Flaschenhälsen werden die Vaginen, wie Denis Mukwege sie dann zu Gesicht bekommt, penetriert, die Brüste abgeschnitten und auf  Stangen durch die feindliche Stadt getragen. Das ist keine sadistische Lust, das ist blanker, sich förmlich überschlagender Haß, und wenn überhaupt von Lust die Rede sein kann, dann ist es die an dem Blut, dem Schreien und Wimmern, dem vergeblichen Flehen der Verachteten. Wer Erklärungen dafür sucht, muß in die tiefsten Abgründe tauchen, wo er das Ebenbild Gottes als ein denaturiertes Raubtier vorfindet.

Wir trauen uns nicht einzusehen und zuzugestehen, daß der Mann, solange ihn nicht Kultur und Zivilisation in menschliche Bahnen zwingen, der natürliche Feind der Frau ist. Sie ist ebenso natürliches primäres Triebziel und zudem körperlich schwächer. Und sie weiß das. Das genügt und erzwingt ihren Gehorsam. Sie ist außerdem „anders“, schwer zu verstehen, mahnt den Mann daran, daß er nicht Herr über seine Triebe ist, gefährdet somit seine Autonomie. Er muß sie – so galt das über Jahrtausende – in sein Eigentum zwingen, versklaven, um sich halbwegs sicher zu fühlen. Dieses Motiv, das zu Genitalverstümmelungen, zu Ehrendmorden oder Morden an Frauen, die sich befreien wollen, führt, ist bis heute mächtig. Dahinter steht der Glaube an eine natürliche, göttliche Ordnung: der Herrschaft des Mannes, an die auch der Papst glaubt, der die Gendertheorie für die gefährlichste hält. In allen Religionen ist diese Herrschaft Dogma, ohne Ausnahme. Der Mann als Stellvertreter der jeweiligen Gottes übt sie aus.

Die höchste Ehre für eine Frau ist es dann, von einem Gott geschwängert zu werden und ihm einen Sohn zu gebären. Das hat Tradition etwa schon bei den Griechen. Der heiligste Mythos ist gleichzeitig der gewaltsamste, der perverseste und der unangreifbarste. Natürlich ist die Frau, das Mädchen Miriam, demütig, nennt sich eine Magd und gehorcht. In einer der grandiosesten Stellen der europäischen Literatur hat Franz Kafka in der Amalia-Episode des Schloß-Romans diese göttliche Zumutung auf den Punkt gebracht. Amalia wirft entrüstet dem Boten (Gabriel) den Brief , der sie zum Stelldichein mit dem Schloß-Beamten Sortini (Heiliger Geist) zitiert, in Fetzen zerrissen an den Kopf. Ein ungeheures symbolisches Bild für die Befreiung des Menschen. Dieser Gott und sein Schloß repräsentieren die männliche Welt und ihre bedingungslose Herrschaft. Amalias Protest ist symbolisch (und vergeblich), aber Kafka, der blasphemische Visionär, spielt ihn durch. In der Sekundärliteratur zu Kafka ist die Stelle nie verstanden, kaum beachtet worden. Das Tabu des Heiligen lag wie eine Wolke über der Szene, eine Schlüsselszene der patriarchalischen Herrschaft, die wir die „Verkündigung“ zu nennen gewohnt sind.

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Die „Linke“ und der Islam

Der Journalist und Islam-Experte Samuel Schirmbeck kritisiert unter dem Buchtitel „Gefährliche Toleranz“ den „fatalen Umgang der Linken mit dem Islam“. Von der „Linken“, also von Linkspartei über Grüne bis zur SPD-Linken, gebe es „keine Kritik am Frauenbild des Islam, am islamischer Homophobie, keine Auseinandersetzung mit muslimischen Parallelgesellschaften“. Während die islamischen Verbände mit dem Schlagwort „Islamophobie“ gegen Islamkritiker ins Feld zögen, schrien die „Linken“ den Kritikern empört „Rassismus“ entgegen. Liberale Muslime seien von den europäischen „Linken“ enttäuscht. Kritische Muslime seien „entschieden weiter“ als die Linken. In Deutschland etwa hätten diese den notwendigen kritischen Diskurs mit dem Islam verweigert und seien daher mitverantwortlich für das Erstarken der Rechten.

Wie gerne würde man dieser Beschreibung zustimmen – wenn man nur wüßte, wer das in diesen Zeiten ist: „die Linke“. Kürzlich gab es erste Treffen von Menschen, die sich von Sahra Wagenknechts Bewegung „Aufstehen“ angezogen fühlten. Dabei kam die Umwelt kaum vor, die Auseinandersetzung mit Religion, gar mit dem Islam gar nicht. Aber auch als „links“ waren diese Treffen nicht eindeutig zu identifizieren. Man war, wenn es überhaupt einen gemeinsamen Nenner gab, gegen das „kapitalistische System“, für Lohngerechtigkeit und Frieden. Gegen das „System“ sind die Rechten auch, wenn auch gegen das „rot-grün versiffte“. „Aufstehen“ erscheint als eine Kopie von „En Marche“, und niemand weiß, wohin der Marsch führt. Sicher nicht zum einem Kreuzzug gegen Islamismus.

Die Kritik Schirmbecks wird wohl u.a. deshalb verpuffen, weil niemand sich angesprochen fühlt außer vielleicht einige Hardcore-Willkommens-Kulturalisten, die am liebsten alle Mühseligen und Beladenen Afrikas und Asiens an die prall gefüllten Fleischbänke Europas einladen würden. Einige von ihnen haben deshalb versucht, auch Sahra Wagenknecht in die rechte Ecke zu stellen, weil sie sich diesem Zwang zur unbedingten Gutmenschlichkeit nicht beugen will. Dabei ist Wagenknecht eine der ausgewiesensten Marxistinnen unter den Politikern dieser Zeit, deren Debatten ansonsten eine Art Brain-Drain erleben und erlebt haben, was das intellektuelle, gar philosophische Niveau betrifft. Fundierte Religionskritik unterliegt einem Tabu, das einer sich als aufgeklärt verstehenden Gesellschaft nicht gut zu Gesicht steht.

Wenn man aber von Aufklärung als kultureller Basis moderner Gesellschaften ausgeht, ist Religionskritik Pflicht, Islamkritik erst recht. Der politische Mainstream-Islam, sunnitisch wie schiitisch, will zurück in die Vorzeit. Dies auszusprechen ist trivial, weil es jeder wissen müßte, der sich mit dieser Religion auseinandergesetzt hat, also auch die sog. „Linken“. Schirmbeck benennt als Ursachen der Verweigerung des Naheliegenden „die unbewältigte Kolonialvergangenheit bzw. die Nazi-Vergangenheit in Deutschland“, die zu einem Schuld-Komplex führe, der wiederum zu „gefährlicher Toleranz“ verleite. Eine solche Diagnose ist nicht leicht zurückzuweisen. Hinter der „Toleranz“ mag aber auch etwas Unbewußtes, ganz und gar Unpolitisches, genuin Anti-Marxistisches wirken : eine Art heiliger Scheu. Wer auch immer der Kirche wegen des millionenfachen Mißbrauchs etwa den Rücken kehrt, wendet sich deshalb nicht vom „göttlichen Prinzip“ ab, für das zu stehen die Kirche beansprucht hatte. Das Prinzip sucht jetzt sein Exil im Innern der Individuen. Gleiches gilt möglicherweise für die Frauenverachtung, das Geschlechterbild, die Demokratieferne, die Gewalt-Affinität der muslimischen Gesellschaften. All das vermag aber das göttliche Prinzip, dessen einer Aspekt „Allah“ ist, nicht einzutrüben. Entsprechend haben mit ihm all die Untaten, die in seinem Namen begangen werden, nichts zu tun.

Also wären jene „Linken“, die Schirmbecks Kritik meint, verkappte Fundamental-Religiöse, Dogmen-überschreitend, jederzeit bereit und historisch nachgewiesen, ihr Linkssein in Religion und Dogma zu verwandeln. Das stalinistische Dogma erwies sich zwar als nicht brauchbar, aber seine Nähe zum islamischen und zum faschistischen ist immer wieder beobachtet worden. Die Grundelemente des Islam sind absolute Hingabe und absolute Unterwerfung. Darauf lassen sich prächtige Gewaltherrschaften aufbauen, wie gerade in der Türkei besichtigt werden kann. Den Verdacht einer heimlichen Sympathie mit solchen Systemen wird jene Linke, die den Islam verteidigt, indem sie ihn nicht kritisiert, schwerlich abweisen können.

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | 1 Kommentar

Komplizenschaft mit dem Bösen …

lateinisch „cooperatio ad malum“ . So verurteilte einst die katholische Kirche etwa die Ausgabe der Antibaby-Pille, weil damit dem „Kindesmord“ Beihilfe geleistet würde. Schuldig macht sich demzufolge nicht nur der unmittelbare Täter, sondern auch der, der die Tat ermöglicht oder ihre Durchführung erleichtert.

Jetzt fällt dieser kirchenrechtliche Begriff auf die Kirche zurück. Schuldig macht sich, wer angesichts der offenkundig gewordenen vieltausendfachen Verbrechen ihrer Mitarbeiter der Kirche weiterhin die Treue hält, etwa indem er sie mit Steuermitteln unterstützt. Das Kirchenmitglied wird, nach der Logik der Kirche, schuldig an den Untaten der Priester. Es hat die Opfer mit zu verantworten.

Systeme wie das der Nazis, des Stalinismus, des Trumpismus und des Katholizismus erzeugen vor allem riesige blinde Flecken. Die von ihnen unterdrückten bzw. indoktrinierten Massen verlernen das klare Sehen, das kritische Beobachten der sie umgebenden realen Welt, Hingegen lernen sie das systematische Wegsehen und Verleugnen. Sie leben in einer abgeblendeten Welt alternativer Fakten, für die sich gerade der Begriff „Blase“ etabliert. Sie begreifen nicht mehr, daß es etwas geben könnte, gegen das sie sich mit gesundem Menschenverstand gewehrt hätten, ehe sie in die Blase eintraten. Zu sehr hängen sie jetzt an den jeweiligen Heilsversprechen der Blasen , von denen die kirchlichen die ehrwürdigsten und elementarsten sind.

Eigentlich gilt das für alle geschlossenen Systeme bis hinunter zu den selbstmörderischen Sekten, die ganz in der Tradition des frühen Christentums das Weltende als unmittelbar bevorstehend erkannt haben. Auch der Offenbarungsglaube, dem sich die meisten Christen verpflichtet fühlen, ist ein solches System. Es gibt, sagt die Kirche, den Weg zum Heil nur durch sie. Keinen Ausweg.

Die Nazis machten machten 1938, den äußersten Zynismus aufbietend, die Juden für die Schäden der „Kristallnacht“ verantwortlich wie die Kleriker aller Instanzen seit je die Opfer ihrer Untaten dafür verantwortlich machten, daß die Repräsentanten Christi zu Sündern wurden, denen Schutz zu bieten die Kirche gezwungen war. Diese Schema galt vor allem, wenn Weiblichkeit im Spiel war. Frauen (aber nicht nur sie), die ihre Vergewaltiger unter der Soutane anklagten, hatten, wie jetzt sehr deutlich geworden ist, wenig Chancen, daß ihnen Gerechtigkeit widerfuhr.

Daß solch ein System funktioniert, ist der stärkste Beweis für jenes Opfer der Intelligenz (sacrificium intellectus), das Homo sapiens seit seinem Erscheinen auf dem Planeten, „sapiens“ zum Trotz, als unabdingbares mit sich herumträgt. Weil er seine Sterblichkeit begriffen hat, glaubt er jenes Opfer bringen und Religionen hervorzubringen zu müssen . Diesem Dilemma entkäme er nur, wenn er das schlichte Faktum des Todes ohne Wenn und Aber akzeptieren könnte. Die Geschichtsforschung, und das zeigt uns die Archäologie, weist aber nach, daß der Gedanke eines Lebens nach dem Tode vielleicht der wirkungsmächtigste in der Entwicklung des „weisen“ Menschen war. Ihm entsprangen alle Religionen und mit ihnen der Zwang, diese in jedem Fall vor Angriffen zu schützen.

Das System, in dem sich die Kirche zu einem Verbrecher-Schutzverein entwickeln konnte, ist also so alt wie der Mensch selbst. Viele werden jetzt wieder austreten, aber die große Masse wird, das Gute wollend, verdrängen und verleugnen wie bisher immer und den Pakt mit dem Bösen eingehen, ohne sich dessen bewußt zu sein.

 

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Die Grausamkeit der Frömmigkeit (2)

„Ich glaubte fest daran, daß alles, was der Papst und die Bischöfe lehrten, wahr war. Alles Übel in der Kirche rührte daher, daß so viele Gläubige nicht auf ihre Hirten hörten.“ So erklärte sich im Nachhinein die ehemalige Nonne Doris Wagner, was mit ihr geschehen war, ohne daß sie sich zunächst dagegen wehren konnte oder gar von ihrer Kirche Hilfe erwarten durfte. Sie wurde gedemütigt, vergewaltigt und als Verführerin im Auftrag des Teufels beschimpft, bedroht. nachdem sie Klage erhoben hatte. Nicht im dreizehnten Jahrhundert, sondern im einundzwanzigsten. Ihr Schicksal ist in der ZEIT (40. Ausgabe) nachzulesen

Die jetzt wie ein gewaltiger Kontinent aus dem Ozean der Kirchengeschichte auftauchende Wahrheit über die Verbrechen der Kirche an Millionen meist junger Menschen beiderlei Geschlechts verlangt nach einem ebenso gewaltigen Tabubruch. Wir müssen verstehen, daß die Kirchen-Verbrechen funktionierten und wohl auch noch funktionieren, weil sie ein Urbedürfnis der Menschen ausbeuteten und weiterhin ausbeuten: das nach Versöhnung mit ihrem Gott, nach Frömmigkeit und Gnade. Diese Frömmigkeit und das vorausgehende Sühne-Bedürfnis  wird (nicht nur im Christentum) in die jungen Hirne hineingewaschen, unlöschbar hineingepreßt. Ein sich durch die Generationen endlos wiederholender Vorgang, der als Motor der Systems Kirche seit je kraftvoll wirkt. Treibmittel dieses Motors sind Sündenbewußtsein und Todesangst. Bei der Hirnwäsche werden auch jene Elemente größtenteils entfernt, die als „natürliche Intelligenz“ (logisches Denken, Kritikfähigkeit) ursprünglich vorhanden waren. Die meisten Kinder sind nämlich intelligenter als jene Erwachsenen, die die Wäsche hinter sich haben. Das Opfer, das sie, um angepaßte und demütige Erwachsene zu sein, bringen mußten wie Doris Wagner, die Nonne, heißt sacrificium intellectus:  Preisgabe des Urteilsvermögens, sofern es die Glaubens-Wahrheiten der Offenbarung betrifft.

Die Infamie der ganzen, so wirkungsmächtigen systemischen Konstruktion läßt sich wohl nicht verschwörungstheoretisch auf Einzelpersonen (Kirchenväter, Päpste) zurückführen, sondern sie entsprang wahrscheinlich jenem Sünden-Todesangst Komplex, der im Ursprung aller Religionen zu finden ist. Aber vielleicht hat auch Peter Sloterdijk in seinem Buch „Nach Gott“ recht, der Paulus als Schuldigen erkannt hat: „Er war es, der die Weltreligion des schlechten Gewissens gestiftet hat – den Export von Schuld und den Großhandel mit ihrer Verzeihung.“ Die Großhändler sind die Kleriker, die ihren Opfern die Schuld aufladen. Dies ist das uralte christliche Schema, das etwa auch der Islam mit Blick auf die Frauen übernommen hat: ihre körperliche Existenz allein stiftet zum Vergehen gegen Gott an. Ohne solche Anstiftung wäre vielleicht die Bürde des Zölibats leichter zu tragen.

Der für den Komplex „Mißbrauch“ zuständige Bischof Ackermann gab kürzlich zu bedenken, man sollte vielleicht nur jenen den Priesterberuf zumuten, die in der Lage sein, den Zumutungen der Enthaltsamkeit zu entsprechen. Welch krummes Denken! Warum überhaupt solche Zumutungen? Um diese Frage zu beantworten, müßte sich der Bischof die christentümliche Sexualangst kritisch vornehmen, ja die ganze mit dem Komplex „Sünde“ verbundene Sicht auf die Frau und die Sexualität. Nicht nur die angehenden und fertigen Priester sind in dieser Hinsicht „unreif“, sondern die ganze Kirche. Daher ihre Perversitäten und letztlich auch ihre Verbrechen, ihre Unmenschlichkeit. Sie haben das, wovon sie immer sprechen, die Schöpfung, anscheinend nicht verstanden, zu der Sexualität notwendig gehört.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Die Grausamkeit der Frömmigkeit

Jetzt, nachdem die Spitze des Eisbergs aufgetaucht ist und weltweit mit Millionen von Mißbrauchs-Opfern gerechnet werden muß, jetzt endlich scheint es angemessen, über dieses ungeheure Paradox nachzudenken, daß aus der menschenfreundlichsten aller Botschaften, der des Jesus von Nazareth, eine sadistisch-empathielose, die Menschen verachtende Organisation Kirche hervorgehen konnte, wie sie uns in den Einzelschicksalen der Opfer entgegentritt.  Diese gehen, vielfach wird das so berichtet, nach der ihnen angetanen Untat verängstigt und schuldbewußt zur Beichte und werden mit einem Schwall von Beschimpfungen abgefertigt, weil sie es wagen, die Reinheit des Priesterstandes zu beschmutzen. Sie haben die Stellvertreter Jesu verführt, sie sind die Sünder. Vor ihnen und ihren schändlichen Verleumdungen muß die Kirche beschützt werden. Das ist uraltes dialektisches Schema, das vor allem zur Denunziation des Weiblichen seit Eva diente.

Die ehemalige Nonne Doris Wagner schildert in der ZEIT, was sie erlebte, als ein Ordensoberer sie vergewaltigte: „Das unfreiwillige Entkleidetwerden, den älteren, ungepflegten Mann, die Schmerzen, das Blut; wie der ‚Mitbruder‘ sie benutzt für seinen Geschlechtsverkehr; hier befriedigt sich einer an einem unterlegenen Menschen, als wäre der gar nicht da.“ Vorgesetzte ließen den Täter unbehelligt. Ein Beichtvater, dem sich das Opfer anvertraute, beschimpfte sie als „Instrument des Teufels“. Ihm war nicht bewußt, daß er, daß in Wahrheit seine Kirche dieses Instrument ist. Allmählich wird es vielen unabweisbar, zumindest denen, die den Abstieg des Männer-Ordens Kirche zu einem Verbrechersyndikat schon länger beobachten. Er vollzieht sich über viele Jahrhunderte. Opfer-Hekatomben säumen seinen Weg zu einer Macht, die ihm auch Staaten wie der deutsche immer noch gewähren. Und keine weltliche Macht greift ein und zeigt den Opfern, sie schützend, jene Barmherzigkeit, die die Institution heuchlerisch vorgibt zu besitzen.

Wir müssen begreifen, daß die Kirche, die katholische noch weniger als die evangelische, nicht die legitime Verkünderin der Evangeliums ist, daß sie ihren Anspruch, die ethischen Normen der Gesellschaft mitzubestimmen, aufzugeben und sich in die hinterste Ecke der Inhumanität zu verbergen hat, von wo aus sie hoffentlich bald auf den Unrathaufen der Geschichte expediert wird. Nicht nur brauchen wir sie nicht, wir müssen sie als genuine Menschenfeindin identifizieren und auch so behandeln. Nicht nur ist sie nicht der Weg zum Heil; sie ist das institutionelle Unheil. Sie instrumentalisiert die Frömmigkeit und die Gottessehnsucht der Menschen, um ihre Macht zu bewahren. Und es scheint, daß eben jenes Bedürfnis, „fromm“ zu sein, um dem Gott zu gefallen und das Heil zu erlangen, daß jene Heilssehnsucht das ist, was die Grausamkeit der selbsternannten Verwalter des Heils stimuliert und so machtvoll erscheinen läßt. Die Opfer empfinden sich dagegen als machtlos und selbst sündig, weil sie die Gehirnwäsche in ihren gläubigen Milieus schon immer haben über sich ergehen lassen. „Sünde“ ist das Zauberwort der Macht. Daher das unendliche Leid, der Schmerz, den sie ertragen müssen, wenn sie sich offenbaren. Sie müssen rebellieren gegen das, was ihnen Heimat war und Lebensglück versprach: die Mutter Kirche, die zur Bordell-Vorsteherin und grausamen Zuchtmeisterin herabgesunken ist. Für viele bleibt dann nur noch Heimatlosigkeit.

Veröffentlicht unter Uncategorized | 1 Kommentar