Politik als Fetischismus

Wenn wir den Theorien der Psychoanalyse glauben, steht der Fetisch für etwas oder ersetzt etwas, was nicht da ist, aber schmerzlich vermißt wird. Freud vermutete in seinen Spekulationen über kindlichen Sexualtheorien ein Erschrecken des kleinen Jungen über die Penislosigkeit der Mädchen, aus welcher Entdeckung die Möglichkeit und entsprechend die Angst vor der eigenen Kastration entspringe. Werde diese Angst vom Erwachsenen nicht angemessen verarbeitet, trete in der Vorstellung vom weiblichen Körper bzw. Genital eine Art Ersatz des Penis in Funktion – als Schuh, Fuß, Strumpf, Wäschestück etc. Auf diesen Ersatz und nicht auf das Genital selbst, das penislos Angst erzeugt, darf sich dann das Begehren richten. Der Fetischist darf begehren, auch wenn es nur der Schuh ist.

Wie kommen wir von dieser von vielen als ausgesprochen krude empfundenen Theorie mit ihren sexuellen Implikationen auf Andreas Scheuer, den Bundesverkehrsminister? Er hat bemerkenswert spontan und in einer auf Anhieb schwer zu verstehenden Sprache auf die Empfehlung einer Expertenkommission reagiert, der zufolge die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen auf 130 km/h begrenzt werden sollte – dem Klima und der Verkehrssicherheit zuliebe. Erstaunlich ist die Schnelligkeit und Heftigkeit der ministeriellen Reaktion, die durchaus darauf schließen läßt, das etwas abgewehrt werden soll, was als Realität schwer zu ertragen wäre. In diesem Falle das Verbot hoher Geschwindigkeiten beim Autofahren.

Scheuer zufolge richtet sich der Vorstoß der Experten „gegen jeden Menschenverstand“ und beweise „fehlendes Gespür“ – offenbar für die Bedürfnisse der Menschen (Männer). Viele Autofahrer, berichtete daraufhin die WELT, seien dem Minister dankbar. WELT-Chefredakteur Poschardt sprach von „Überregulation“ und von „Freiheitsskeptizismus“, anknüpfend an den Slogan aus der frühen Bundesrepublik: „Freie Fahrt für freie Bürger“. Die FDP verwahrte sich gegen „Umerziehung“ frei rasender Bürger und vermutete einen „grünen Kulturkampf gegen das Auto“. Man sieht: Scheuer kann sich auf starke Bataillone stützten, BILD („irre Vorschläge“) eingeschlossen. Er und seine Mitkämpfer können das Thema Verkehrstote und ökologische Folgen ruhig ausblenden, ohne dafür von ihresgleichen gerügt zu werden. Auch sie sind vielleicht unbewußt Jünger des Trumpismus und der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen. Und was dem Amerikaner seine Knarre ist, ist dem Deutschen sein Bolide. Statt der ewigen Lamentiererei gilt es, sagt der Minister, positiv zu denken.

Scheuers positives Denken geht so: „Wir wollen die Bürger von den Chancen der Mobilität der Zukunft begeistern und mitreißen. Forderungen, die Zorn, Verärgerung, Belastungen auslösen oder den Wohlstand gefährden, lehne ich ab.“ Das wird den Auto-Bürger freuen, der auf die Frage, warum er sich einen klimaschädlichen SUV kauft, antwortet: „Weil ich es mir leisten kann.“ Und im Chor mit WELT, BILD und Scheuer stimmen wir die Hymne an: „Wir werden weitermarschieren, bis alles im ‚Wohlstand‘ erstickt, denn heute gehört uns die Straße, und morgen ist uns ja so egal…“ Die Kinder werden es schon richten. Und wenn nicht, sind wir ja schon tot. Also warum jetzt langsam dahinzockeln? Es ist unser eimaliges Leben im Geschwindigkeitsrausch!

Ein Philosoph der Geschwindigkeit, Paul Virilio, sprach in den 90er Jahren, als die Autos schon schnell genug waren, von der „Identität und Identifikation des Körpers mit seiner Geschwindigkeit“ sowie von der „Kausalität zwischen Hypergeschwindigkeit und Hypergewalt“. Virilio erkannte in der „Automobilisierung einen von der maßlosen Überproduktion schneller Fahrzeuge verbreiteten Autismus“. Der Autist im Auto ist der Einsamste von allen. Auch wenn er das Auto mit dem Liebeslager tauscht. Aber er hat die Macht, die aus der Maschine kommt, aus der Kraft der Maschine. Macht und Sexualität sind, wie wir gerade vorgeführt bekommen, verschwistert, aber die mächtigsten Penetranten bleiben einsam, ob sie den Raum penetrieren oder die Frau. Der daraus entstehende Frust, die unbesiegbare Einsamkeit kann nur kompensiert werden durch mehr Macht, mehr Pferdestärken, mehr Geschwindigkeit.

Der Psychoanalytiker Lacan hat den blutprallen Penis, den Phallus, den „Signifikaten“ schlechthin genannt, den „privilegierten Signifikanten“, das symbolische Zeichen unserer Kultur. Gleichzeitig diagnostiziert Lacan eine unaufhebbare Spaltung zwischen der Befriedigung des sexuellen Begehrens und dem Bedürfnis nach Liebe in dieser Kultur. Daraus könnte man mit einiger Plausibilität auf ein verbreitetes sexuelles Elend schließen, dessen Beschwichtigung oberflächlich gelänge, wenn der Phallus durch einen Fetisch ersetzt würde, der nicht mehr machtvoll die Frau penetriert, sondern den Raum und dafür von den weniger Machtvollen so bewundert wird wie ehedem der erfolgreiche Womanizer von den treuen Ehemännern, der Porsche vom Opel.

Auf dieser Stufe der Fetisch-Bildung scheint das Autoland Deutschland angekommen. Scheuer, kein tiefer Denker, aber ein Mann mit vielleicht nicht gut verarbeiteten Kastrationsängsten aus der Knabenzeit, ahnt mit politischem Sensorium, daß diese letztmögliche Kastration, die des Motors und der Pferdestärken, das sexuelle Elend vor allem der Männer nicht nur vergrößern, sondern zum regelrechten Aufruhr führen könnte. Was kann aber an die Stelle des Autos fetischhaft treten? Früher war es der Krieg, aber der fällt seit Hiroshima aus. Rohe Gewalt gegen Mitmenschen, auch der Männer gegen Frauen, ist allgemein geächtet. Symbolisch darf sie sich noch im Fußballstadion, auf dem Rasen wie auf den Rängen, austoben. Aber eben nur symbolisch. Es scheint außer der freien Fahrt keine Lösung zu geben, wenn es schon die funktionierende Verbindung von Sex und Liebe nicht geben kann.

Wir kommen also zu dem Schluß, daß die freie Fahrt autistisch rasender  und freier Bürger in ihren stählernen Phalloi zwar 3000 Tote jährlich kostet sowie eine verkürzte Lebenszeit unseres Lebensraums, daß aber für die Wahlperiode, in der Scheuer und seine Kollegen auf ihren Stühlen zu bleiben hoffen, gelten muß: Zorn, Verärgerung und Wohlstandsgefährdung müssen um jeden Preis, wirklich um jeden, vermieden werden. Das läßt sich zwar mit den Klimazielen nicht vereinbaren –  aber was soll man machen? Nach uns die Sintflut!

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Eine Prise Weimar gefällig?

Wenn der Gegner, auch der politische, zum Feind wird, hilft nur noch Gewalt –  ist die Überzeugung von Menschen, denen entweder die argumentative Sprache oder überhaupt das Denkvermögen fehlt, um in komplexen Konfliktsituationen zu bestehen. Auch eine damals im linken Milieu sehr geschätzte Intellektuelle wie Ulrike Meinhof erklärte nach dem Attentat auf Rudi Dutschke apodiktisch, jetzt helfe nur noch Gewalt. Gemeint war ein Bürgerkrieg, der die „Herrschenden“ und den „Schweinestaat“ wegfegen würde im Namen des Volkes. Anführen sollte dieses Volk eine „Rote Armee“ mit dem Zusatz „Fraktion“. Am Ende gab es einen Haufen Toter und eine endgültige Diskreditierung der linken Bewegung revolutionär-leninistischen Zuschnitts. Das „Volk“ aber war so klug als wie zuvor und wußte nicht, wie ihm geschah, wenn es auf seine Lohnzettel sah und damit die Gehälter der Wirtschaftsbosse verglich. Der Kapitalismus, der solches hervorbrachte, so schien es, war entweder „Schicksal“ oder „Natur“, auf jeden Fall „alternativlos“, wie es die Langzeitkanzlerin auf den Begriff brachte. Folglich hielt das Volk still und die Bonner/Berliner Republik funktionierte weiter im Frieden mit ihren zuerst drei, dann vier Parteien.

Vierzig Jahre zuvor, in der Weimarer Republik, war es nicht friedlich geblieben. Auch damals, so sah es die Spartakusgruppe, sollte der Klassenkampf unvermeidlich in den Bürgerkrieg übergehen und schließlich siegreich sein. Eine Serie von lokalen und regionalen Bürgerkriegen bestimmte die erste Phase der ersten deutschen Republik. Am Ende hatte die extreme Rechte, unterstützt von großen Teilen des Volkes (der Arbeiter), gesiegt und bescherte Deutschland einen Vogelschiß, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte.

Seit dem Aufstieg der AfD hat es in Deutschland einen Klimasturz gegeben. Aus politischen Gegnern wurden Feinde, wie man der im Bundestag nun sich durchsetzenden Sprache ablesen kann. Die einen wollen ihre erklärte Feinde „jagen“, diese nun die selbsternannten Jäger als Nazis auf den Misthaufen der Geschichte werfen. Entweder man beschimpft sich in giftigster Weise oder verweigert das Miteinanderreden. ZEIT-Kolumnist Martenstein zitiert eine Politologin, die wiederum von einer ZEIT-Journalistin zustimmend zitiert wird: „Der Gegner muß gehört werden; der Feind gehört verboten.“ Andere liberale Vertreter der „vierten Gewalt“, der Medien also, empfehlen das Totschweigen der AfD. Sie wollen nicht nur schweigen, sondern sich auch die Ohren verstopfen, und wenn sie eines Tages den Pfropfen herausziehen, ist das Wir-sind-das-Volk-Gebrüll trotz aller Totschweigerei so laut geworden, daß der Rest des Volkes, der noch nicht gebrüllt hat, schließlich den Schreihälsen glaubt und ihnen die Mehrheiten verschafft, die man heute noch für undenkbar hält.

Dazu ist gerade ein wesentlicher Schritt getan worden. Bewegungen wie die AfD sprechen Gefühle an, auch „dumpfe“, und zur Mobilisierung dieser Gefühle (Heimat, Identität etc.) eignen sich Märtyrer am besten. Jede Bewegung der primär emotionalen Art braucht einen Horst Wessel, wie die NSDAP ihn hatte und pflegte und besang. Drei noch unbekannte mutige Kämpfer gegen den „neuen Faschismus“, der noch nicht auf dem Misthaufen liegt, kühlten ihr Mütchen an dem Bremer AfD-Vorsitzenden Magnitz, überfielen ihn, schlugen ihn mit einem Kantholz zu Boden und traktierten mit Stiefeln nach Hooligan-Art seinen Kopf, so daß das Inkaufnehmen seines Todes unterstellt werden muß. Magnitz überlebte. Mit welchen bleibenden Schäden, ist noch nicht abzusehen. Von den „feindlichen“ Parteien war formelhaftes Bedauern zu hören der Art, Gewalt dürfe kein Instrument der Politik sein.

Da ist eher nachzuvollziehen und wohl auch wahrscheinlich, was AfD-Chef Meuthen auch mit Blick auf Angriffe auf Partei-Büros in Sachsen, zuletzt in Döbeln, gemutmaßt hatte: die Taten seien „Ergebnis der Hetze gegen uns“. Wenn aber, wie viele Beobachter meinen, die AfD etwa in Brandenburg auf dem Weg zur Volkspartei ist, so hat diese Entwicklung durch die Ereignisse in Döbeln und Bremen einen zusätzlichen Schub erfahren, einen Märtyrer-Schub. Das ahnen auch die „Altparteien“, verdrücken pflichtschuldigst ein paar Krokodilstränen und wünschen „gute Besserung“. Sie haben, so scheint es, noch nicht verstanden, daß der Geist, der die AfD bewegt und zusammenhält, auch im Volk zumal nach der Flüchtlingskrise und ihren diversen Nachbeben sich stetig ausbreitet, mächtiger wird und schließlich nicht mehr zurückfließt zu Union oder SPD, wie man dort hofft und entsprechend AfD-Positionen klammheimlich übernimmt.

Zugrunde liegt dieser Fehleinschätzung vor allem ein Mißverstehen des politischen Islam, der dahinterstehenden Kultur mit ihrer Regel-Rigidität und Frauen-Erniedrigung, die richtig einzuschätzen der AfD immerhin zugestanden werden muß. Daß sie andererseits zurück in die Zukunft der 50er Jahre will, müßte sie der konservativen Ur-Klientel der Union eher sympathischer machen, als deren Führungspersonal lieb sein kann. Die ehemals treuen Wähler haben wenig Grund zur Heimkehr.

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Trieb-Not und Prügelstrafe

„Myne Fru de Isebill will nich so as ik wol will“, klagt der Fischer dem Butt. Dem Mann könnte geholfen werden, konvertierte er zum Islam. Dann würde aus dem Fischer ein Ackerbauer – alles metaphorisch, versteht sich – und aus Isebill, die dann Suleika oder ähnlich hieße, ein Acker. Über den läse der Bauer im Koran (Sure 2, 223): „Eure Weiber sind euch ein Acker. Gehet zu eurem Acker, von wannen ihr wollt.“ Also bitte, Isebill! Und bist du nicht willig …

Nein, Allah zitiert nicht Goethe, sondern kümmert sich aus eigener Machtvollkommenheit um die männliche Trieb-Not und läßt den Propheten ein Machtwort sprechen: „Wenn ein Mann nach einer Frau schickt, um sein Bedürfnis zu stillen, sollte sie zu ihm gehen, sogar wenn sie mit Brotbacken beschäftigt ist.“ Lebenswichtiges wird getoppt von noch Lebenswichtigerem. Allah richtet sein Wort über den Zwischenhändler Mohammed übrigens stets nur an Männer, denen er sein Erziehungsprogramm für ihre Frauen nicht selten in starken Bildern mitteilt. Und weil damals niemand daran dachte, die Prügelstrafe für wen auch immer abzuschaffen, erlebte diese in der Koran-Sure 4, 34, also im Grundgesetz des Islam, ihre Heiligsprechung. Dort steht sie nun sinngemäß an der Stelle, wo bei uns „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht. Sie lautet: „Die Männer stehen über den Frauen. Die rechtmäßigen Frauen sind gehorsam. Diejenigen aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet – warnet sie, verbannet sie in ihre Schlafgemächer und schlagt sie.“ Abmahnung, Hausarrest, Prügel. So geht die fromme schwarze Pädagogik à la Islam.

Zwei ZEIT-Journalisten wollten nun wissen, ob die Prügel-Sure im täglichen Leben der Muslime bei uns einen Niederschlag findet. Bei ihrer Erkundungsreise stießen sie auf den Leipziger Hauptkommissar Loepki, der überzeugt ist, Wahrheiten müsse man aussprechen, auch die, daß die Legitimation für prügelnde Ehemänner im Islam eine religiöse ist. Ein Shitstorm war die Folge. Die übliche Argumentation: Man dürfe der AfD keine Argumente liefern. In Wahrheit liefern diese Argumente die konservativen Vertreter des Islam selbst reichlich. Die Bedeutung der Prügelsure wird in der Regel heruntergespielt, verharmlost. Gemeint seien keine harten, verletzenden Schläge, sondern eher so was wie Klapse auf den Po. Daß hier vor allem eine Erniedrigung der Frau zum  unmündigen und unartigen Kind die Folie für das Verständnis der Sure abgibt, kommt den Befragten gar nicht in den Sinn.

Mit einigem Recht bestreitet also die AfD dem Islam die Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz. Gehörte er zu Deutschland, so die Konsequenz, müßte man dieses ändern, was derzeit noch die Mehrheitsverhältnisse verhindern. Denn der Koran ist Gottes Wort und unveränderlich. Mehrheitsverhältnisse aber können sich ändern. Wer jetzt eine historisch-kritische Lesart des heiligen Buches fordert wie einige Reform-Muslime und christliche Befürworter einer Versöhnung mit dem Islam, wie die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth, stößt ehe er sich’s versieht auf eine Trumpsche Mauer der Abwehr bei den konservativen Muslimen. Und die sind (noch) in der Mehrheit.

Wir müssen begreifen: eine moderne, humanistisch aufgeklärte, die Gleichheit und Würde aller Menschen respektierende Gesellschaft geht nicht mit dem gegenwärtigen Mainstream-Islam, wenn man ihn denn erst nimmt.  Man müßte hoffen auf eine allmähliche Säkularisierung der Muslime, wie sie bei den Christen wenigstens in Europa seit längerem zu beobachten ist. Die Tendenz des gegenwärtigen Islam ist, das belegen die zitierten Suren und viele andere, so menschenfeindlich wie es die der katholischen Kirche lange war und in Teilen heute noch ist. Man denke an das Vertuschen und Leugnen der massenhaften Mißbräuche. Nein, man kann das Kirchen-Christentum nicht gegen die Islam ausspielen. Dafür sind sich beide zu ähnlich. Nicht Konversion, sondern Säkularisierung muß das Ziel sein. Noch sind die bei uns lebenden Muslime Geiseln ihrer Religion. Aus dieser Geiselhaft müssen sie sich selbst mir Hilfe ihrer progressiven Genossen befreien, vor allem die Frauen, die eigentlichen Opfer aller Religionen im Patriarchat.

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Das Unbehagen in der Demokratie (3)

Jetzt, zwischen den Jahren, bringen viele jene Weihnachtsgeschenke zurück, mit denen sie nichts anfangen können. Sie fühlen sich von den Schenkenden mißverstanden, zumindest aber in ihren Erwartungen betrogen und angesichts des vor dem Fest sehnsüchtig Erwarteten manchmal bitter enttäuscht. Sie brauchten weder neue Krawatten noch Socken noch Ratgeberbücher. Warum wußten das die nicht, die glaubten, schenken zu müssen? So können sogar Freundschaften zerbrechen.

Als anfangs der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts der Sozialismus in seinem Lauf zwar nicht von Ochs und Esel aufgehalten wurde, was Erich Honecker als Möglichkeit entschieden zurückgewiesen hatte, sondern quasi durch Selbst-Strangulierung an seinem historischen Ziel angekommen war, brach überall, so schien es, ein neues Zeitalter an: das von Freiheit und Demokratie. Jubel erscholl zwischen dem Baltikum und Rumänien, der sogar in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ein Echo fand. Die Gewaltherrscher hatten abgedankt oder hatten mit ihrem Leben (Ceausescu) das von ihnen einst verübte Unrecht bezahlt.

Was folgte war – heute wissen wir es – in den meisten der nun „freien“ Länder: der große Katzenjammer. Der Gabentisch, den „der Westen“ präsentierte, enthielt Zumutungen, mit denen man nicht gerechnet hatte. Etwa die Zumutung einer Freiheit, deren Rückseite Selbstverantwortung hieß oder auch Konkurrenz oder gar Arbeitslosigkeit und Armut in reichem Land. Statt in einen humanen Ponyhof des Lebens war man in einen Stall für Massentierhaltung geraten, wo jeder um sein Futter kämpfte und nicht wenige sich an die Tröge („Tafeln“) mitleidiger Helfer verwiesen sahen. Aber auch dort mußten sie bald mit noch Bedürftigeren kämpfen, die von weit her gekommen waren und eigentlich gar kein Recht hatten, hier um Brot zu betteln.

Die Freiheit im Kapitalismus ist die Freiheit der Konkurrenz, des struggle for life. Sie erzeugt das gewaltige Gefälle zwischen Reich und Arm. Wer sich dem nicht gewachsen fühlt, sehnt sich eben nach dem Ponyhof oder nach der Familie, wo der Vater das Brot herbeischafft und mehr oder weniger gerecht verteilt. Als Gegenleistung wird Gehorsam angeboten. Vielen scheint das nicht schwer zu fallen. Auch Strafen für Ungehorsam scheinen zumutbar, wenn sie nur „gerecht“ sind und nicht willkürlich wie in den alten Zeiten des Feudalismus und der „realen“, nicht wie heute „versteckten“ Sklaverei.

Aus diesen Zeiten, dem 16. Jahrhundert, stammt eine Schrift mit dem Titel „Die freiwillige Knechtschaft“. Geschrieben hat sie mit 18 Jahren der Franzose Etienne de la Boétie. Er scheint einer Konstante der menschlichen Natur auf die Spur gekommen zu sein. Lust an der Freiheit kann sehr schnell umschlagen in „Furcht vor der Freiheit“. So der Titel eines Buches des Psychoanalytikers Erich Fromm aus dem Jahr 1941, also aus der Zeit der grausamsten Despotie, die Europa je heimgesucht hat. Die autoritäre, ja verbrecherische Herrschaft erschien vielen der Überforderten, Gedemütigten, in ihrer Existenz Bedrohten als einzige Möglichkeit des Überlebens. Das autoritäre System in seiner Freiheitslosigkeit wäre eine wärmende Schutz- und Trutzburg, gäbe es nicht die äußeren und auch die inneren Feinde, gegen die sich zu wehren zu den angemessenen Gegenleistungen der Beschützten gehört. Die äußeren Feinde können als fremde Heere oder als Invasoren im Flüchtlingskleid kommen – bedrohlich sind beide. Die Freiheit, nach der man sich einst gesehnt hatte, erweist sich nachgerade als Einfallstor für jene Fremden. Zu inneren Feinden können aber die werden, die sich den Fremden nicht entgegenstellen, obwohl sie die Macht dazu hätten.

Überall in der demokratischen (westlichen) Welt, wo die Herrschaft des Volkes noch „liberal“ genannt werden kann, bilden sich seit geraumer Zeit immer machtvollere Gruppen, Parteien, die sich aufgerufen fühlen, die „versiffte“ Burg zu säubern und ihre Mauern zu stärken, am besten schon weit im Vorfeld. Ihnen ist es teilweise schon gelungen, Boéties Kritik an der „freiwilligen Knechtschaft“ in das Lob einer Tugend umzudeuten – der Tugend der Verteidiger der Burg, derer, die sie von ihren Vätern geerbt haben. Ihre Knechtschaft ist in Wahrheit eine Ehre. Ihre Kinder und Enkel, so sagen sie, werden es ihnen danken, daß sie die Burg nach der Reinigung rein gehalten haben. Oder wenn sie welche Gemeinschaft auch immer great again gemacht haben, indem sie neue Burgwälle, hohe Mauern, bauten.

Mauern sind Symbole jener „freiwilligen Knechtschaft“, deren Pendant, die Herrschaft, heute keinem Gottesgnadentum mehr entspringt, sondern, wie in den USA, korrekten demokratischen Wahlverfahren. So könnte es am Ende den noch liberalen Demokratien ergehen wie dem einstigen bösen Feind, der ideologisch gerechtfertigten Diktatur: sie hinge stranguliert am Baum, den sie einmal selbst pflanzte.

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Das Unbehagen in der Demokratie (2)

Vor 70 Jahren wollten die Deutschen keine Demokratie. So wie ihre Vorfahren, die Germanen, das Christentum, das man ihnen aufdrängte, weder verstanden noch wirklich in ihre Stämme integrieren wollten. Die Folgen der gewaltsamen Bekehrungen  waren seltsam heidnisch-christliche Mischformen, von denen etwa der Hexenwahn uns bis heute noch als grausame und perverse Parodie eines Glaubens an einen barmherzigen Gott erscheint. Eine solche Parodie der Gerechtigkeit war dann auch der Umgang mit den Nazi-Verbrechern. Deren Richter und viele Politiker der Adenauer-Ära hatten, wie ihre Altvorderen, die Botschaft nicht verstanden, und der Glaube fehlte ihnen sowieso.

Wer sich heute über die Wiederkunft längst überwunden geglaubter Vorstellungen von Volk, Vaterland, Ehre, Männlichkeit, Identität etc. wundert, wer in der AfD gar eine Wiedergängerin der NSDAP zu erkennen glaubt, die die Geschichte zwischen 1933 und 1945 in einer Art Unfall (eigentlich die Niederlage) umlügen möchte, den Vogelschiß , den man schnell einmal wegwischt, müßte sich auch die Zahl derer vergegenwärtigen, die jener AfD ihre Stimme gaben (fast 6 Millionen) und jene hinzuzählen, die klammheimlich mit dem Gedankengut der Partei sympathisieren. Das sind keine Fremden, keine Zugezogenen, keine Ungläubigen. Die „Wir sind das Volk“ brüllen, sind zwar nicht „das Volk“, aber durchaus Deutsche, Biodeutsche, Germans, Mischgermanen, die nichts anderes tun, als sich zu dem Geist zu bekennen, der auch Deutschland „great again“ machen soll. Die Amerikaner haben es vorgemacht, die Russen auch, die Briten benebeln sich gerade mit dem Wahn vom wiedererstandenen Empire – warum sollen die Deutschen, diese verspäteten Demokraten, ihnen nachstehen, wenn schon ihr Fußball in die Krise geriet?

Wer jetzt, wie die etablierten Parteien, wie die meinungsbildenden Medien versucht, aus all den Millionen AfD-Anhängern angebräunte Schmuddelkinder zu machen, hat ein fragwürdiges Demokratieverständnis. Statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen, etwa ihr Islamverständnis genauer unter die Lupe zu nehmen, ihre Kritik an der Willkommenskultur als durchaus nachvollziehbar zu akzeptieren, ihre Ängste seit der Kölner Silvesternacht zu teilen, und nicht immer mit dem dämlichen Schlagwort „Generalverdacht“ jede Debatte im Keim zu ersticken, passen sich Volksvertreter und Medien der Sprachverrohung der Höckes und Gaulands mit entgegengesetzten Vorzeichen an. So werden aus Islamkritikern Islamophobiker, aus braven, papsttreuen Katholiken Homophobiker; die eigene Angst vor dem politischen Islam wird ebenso geleugnet wie die eigene homophobe Vergangenheit vergessen. Am Beispiel Islam zeigt sich die Strategie der AfD-Schmäher, die einen islamkritischen AfD-Abgeordneten um keinen Preis zum Bundestags-Vizepräsidenten machen wollten,  als ausgemachte Heuchelei. Der Mann hatte zwar recht, aber was geht uns sachliche Richtigkeit an, wenn uns die Richtung nicht paßt! Das Trauerspiel wiederholt die SPD nun mit Thilo Sarrazin. Dessen Islam-Analyse wird zwar von vielen Experten im Grund geteilt, paßt aber nicht in den ideologischen Kram – meinen zumindest die Partei-Verantwortlichen. Sie könnten ziemlich daneben liegen in der Einschätzung ihrer Anhänger.

An vielen Stellen im (bisher) demokratischen Musterländle Bundesrepublik macht sich also wie überall in der Nachbarschaft das Unbehagen in und an der Demokratie bemerkbar. Ob die demokratische Substanz schon so gefestigt ist, daß sich letztlich jene durchsetzen, die keine sachliche Debatten mit Andersgläubigen scheuen und damit die offene Gesellschaft, die Karl Popper vorschwebte, offen halten, muß sich zeigen. Die Feinde dieser offenen Gesellschaft sind gerade dabei, alle Parteien und sogar Waldorf-Schulen mit dem Zwangsmittel der Sippenhaft zu unterwandern und mit dem Argument der notwendigen Abwehr des neuen Faschismus die Diskussionskultur im Lande tiefzufrieren. Nur eine Klimawandel könnte sie retten.

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Das Unbehagen in der Demokratie

Ein berühmter zivilisationskritischer Aufsatz von Sigmund Freud hat den Titel „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930). Darin vertritt der philosophierende Psychoanalytiker die These, daß unsere Kultur auf Triebverzicht aufgebaut ist, auf Unterdrückung vor allem der Sexualtriebe, der eigentlichen, der elementaren Glücksquelle. Die libidinösen Triebe aber verwandeln sich, so Freud, unter dem hemmenden Einfluß der Kultur in Aggression, und „die Kultur muß nun alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen“. Zwei Jahre nach dem Erscheinen der Schrift kam Hitler an die Macht und wiederum sechs Jahre später bekamen die Aggressionstriebe die Chance, sich in einer Weise auszutoben, wie sie die Welt noch nicht gekannt hatte.

Auch die Demokratie, so scheint es, ist nicht dazu da, die Menschen glücklich zu machen, indem sie etwa den Sex befreit, sondern sie soll vor allem die Aggressionstriebe in produktive Bahnen lenken, etwa indem die „blinde Natur“ zum Feind erklärt, unterworfen und ausgebeutet wird. Kapitalismus ist das dazu passende System. Daß die Ausbeuter sich nicht permanent die Köpfe einschlagen, soll ein Regelwerk auch zwischen den Völkern verhindern, das auf Diskursen und Kompromissen aufgebaut ist, im Zweifel auf wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen, ehe zu militärischen Mitteln der Gewalt gegriffen wird. Wahrhaft ein Fortschritt gegenüber jenen Epochen, bei denen Krieg alles andere als die ultima ratio, sondern allgegenwärtig und vielfach erste Wahl war. Noch vor hundert Jahren stürzten sich die Völker lustvoll in die Schlachthäuser, um Millionen von Angehörigen der gleichen Spezies zu schreddern. Das Schlachten dauerte, mit einer kleinen Pause, dreißig Jahre.

Die ausgeblutete Menschheit suchte daraufhin nach einer besseren Lösung. Viele schlugen die „Demokratie für alle Staaten“, Menschenrechte eingeschlossen, vor, also auch für solche,  die nie etwas anderes gekannt hatten als Gewalt von oben und Rechtlosigkeit der Massen. Den Frieden garantierte unterdessen die „Bombe“, weniger die politische Vernunft. Wir nennen ihn deshalb den „nuklearen Frieden“. Er dauert im sog. „Westen“ inzwischen über siebzig Jahre und verdankte sich dem „Gleichgewicht des Schreckens“. Ein wahrhaft prekäres Gleichgewicht, aber es scheint heute, als hätten einige Völker und ihre Führer all dies vergessen, allen voran der mächtigste unter ihnen. Für ihn liegt Heil und Glück der Völker im Bewußtsein, groß und mächtig zu sein oder werden zu können und im Konkurrenzkampf den anderen niederzuringen. Sollte sich dies ökonomisch als allzu illusionär erweisen, so könnte das Volk sich ja als zwar armes, aber militärisch mächtiges begreifen, als Körper eines Imperiums, dessen Ausbreitung auf dem Globus zu dem selbstbewundernden Ausruf veranlassen müßte: „Wir sind die Größten!“ So scheint der zweitmächtigste Dinosaurier der Welt zu denken. Seine Massen lieben ihn, weil er sein Land ebenfalls „great again“ machen will. Wer persönlich welche Vorteile davon hat, mag Geheimnis bleiben. Es interessiert die Massen nicht. Hauptsache „groß“. So denken und fühlen Kinder.

Ein Volk, das sich als „großes“ selbst bewundern kann, braucht eine „Identität“. So funktioniert jenes Denken, das sich im neuen Nationalismus in der Gestalt „identitärer Bewegungen“ ausbreitet. Seine Grundlage ist infantiler, regressiver Natur. Sie scheint die viele Jahrhunderte hindurch identitätsstiftende Religion zu ersetzen. Sowohl die trumpistischen wie die putinesken Botschaften enthalten einen Kern, der strukturell dem der Religionen gleicht. Freuds Bemerkungen über das Verhältnis von Religion und Massen läßt sich ohne Verzerrungen auf die Bewegungen übertragen, die heute die fragile Nachkriegsordnung nicht mehr verstehen, ihrer überdrüssig sind und zurück in den Schoß vermeintlich mit sich selbst identischer Vaterländer streben: „Das Ganze ist so offenkundig infantil, so wirklichkeitsfremd, daß es einer menschenfreundlichen Gesinnung schmerzlich wird zu denken, die große Mehrheit der Sterblichen werde sich niemals über diese Auffassung des Lebens erheben können.“ Will sagen: die Komplexitäten, die diesseitiges Leben und demokratische Prozesse voraussetzen und hervorbringen, überfordern nicht nur die Massen, sondern auch ihre Führer. Freud bezog sich auf den Jenseitsglauben. An dessen Stelle scheint zu treten der Glaube an die Nation und den, der sie repräsentiert, an ein sozusagen diesseitiges Jenseits mit dem Vatergott in seinem Tower oder Kreml.

Es mag übertrieben scheinen, wenn man zu dem Fazit kommt: Die Völker leiden an der Demokratie. Aber gerade in jenem Volk, das zu den „Erfindern“ der Demokratie gehört, in Frankreich, schlägt gerade die Wut auf den Kapitalismus, der jene maßlosen Ungerechtigkeiten erzeugt, unter denen die Menschen wirklich leiden, um in eine Bewegung mit autoritären Zügen, wie Daniel Cohn-Bendit (in der ZEIT) beobachtet. Die Gelbwesten wissen, was sie hassen, aber sie haben keinen Gegenentwurf. Das wäre auch zu viel verlangt. Also werden sie aggressiv und destruktiv. Ihre Wortführer rechnet Cohn-Bendit den Rechten bis Ultrarechten zu.  Die tiefe soziale Krise, in der Franzosen, Briten und auch Amerikaner gegenwärtig stecken, diese einstigen demokratischen Mustergesellschaften, entspringt dem Kapitalismus, aber die Demokratie westlicher Provenienz scheint nicht in der Lage, sie zu lösen. Diktaturen wie China sind da erfolgreicher. Und die Sympathien vieler rechter Bewegungen in Europa für Putin deuten in die Richtung: Demokratie ist zu kompliziert. Sie überfordert uns. Wenn sie schon sein muß, dann „gelenkt“ (Putin) oder „illiberal“ (Orban). Und was wäre die katholische Kirche ohne die Diktatur des Vatikan?! Die Muslime wissen das auch. Für sie ist „Herrschaft des Volkes“ Anmaßung und Sünde. Gott allein herrscht. Also Theokratie. Dagegen ist schwer zu argumentieren.

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Die CDU, die SPD und die Schöpfung

Drei streiten um die Führung. Alles Christen in einer christlichen Partei. Es geht um Sexualmoral,  christliche Soziallehre, Aktien für Rentner, natürlich um Asyl, Abgrenzung vom Gottseibeiuns AfD und ähnlich Bedeutsames. Alle drei  Bewerber, letztlich um das Kanzleramt, sind Katholiken. Für Katholiken ist es wichtig, daß die Menschen den Regeln folgen, die von den alten Männern an der Spitze der römischen Hierarchie mit Berufung auf den Heiligen Geist aufgestellt werden. Um so merkwürdiger mutet an, daß das Thema „Schöpfung“ und ihre Bewahrung so gut wie gar nicht vorkommt. Das überlassen die volksparteilichen Generalisten den Experten: den Grünen. Quasi als Randthema.

Die Sozen auf der anderen Seite halten seit Helmut Schmidt selig das Thema Ökologie für ein Luxusthema. Gerne, wie jetzt im Fall Braunkohle, wollen sie mehr soziale Gerechtigkeit durch weniger Ökologie erreichen. Die feindlichen Vettern der Linken halten es ähnlich. Wer in die Wagenknecht-Bewegung „Aufstehen“ hineingehorcht hat, vermißte den Blick auf die zukunftsentscheidende Menschheitsfrage ebenso.

Was ist los mit uns? Erleben wir gerade, anläßlich des Umweltgipfels im smogverhangenen Kattowitz, auch mit Blick auf die USA (Trump) und Brasilien (Bolsonaro), den Einstieg in das Finale dessen, was der Klimaforscher Schellnhuber einen „kollektiven Selbstmordversuch“ nennt? Das Experiment globaler Suizid hat schon vor vielen Jahrzehnten angefangen, ohne daß es bemerkt wurde, und auch heute noch, stellt Schellnhuber fest, macht erschrecken, „daß viele Menschen das Ausmaß des Problems und vor allem die Geschwindigkeit, in der es auf uns zurast, noch nicht erfassen und die Botschaft vom menschengemachten Klimawandel viel zu langsam das große Rauschen an weitgehend nutzlosen Informationen (etwa bei den CDU-Regionalkonferenzen) durchbricht“. Der Soziologe Niklas Luhmann würde sagen, weil es dem Menschen an Sehkraft für die Zukunft fehlt, kann er nicht sehen, was er nicht sehen kann. Es fehlt ihm konstitutiv an „Prophylaxefähigkeit“, formuliert der Physiker Harald Lesch. Seiner Meinung nach können wir im Stand der gegenwärtigen evolutionären Entwicklung der Spezies nur aus Katastrophen lernen, und letztlich, wie jetzt beim Klima, kommen wir immer zu spät. Konkret bedeutet das: eine zerstörte Erde fällt als Wohnort für die Spezies Homo sapiens demnächst aus, ehe die Spezies reif wurde, eine angemessene Überlebensstrategie zu entwickeln. Eine andere Erde, fänden wir sie denn, wäre zu weit weg. Das Bild vom kollektiven Suizid hat also einen hohen Realitätsgehalt.

Es fehlt aber nicht nur an Vorstellungskraft, was die Klima-Zukunft des Planten und der Menschheit betrifft. In Afrika, sagen einige, die die Prognose fast verschämt wagen, werden die Menschen, die sich gerade, um mit dem Papst zu sprechen, karnickelmäßig vermehren, nicht mehr leben können. Sie werden nach Norden strömen in unvorstellbaren Massen, und kein Mittelmeer wird verhindern, daß Abermillionen an dessen Nordküste ankommen. Aber auch die Iberische Halbinsel, Griechenland, Italien werden den Hitzekollaps erleiden. Also weiter Richtung Nordpol! Der Rest ist blutiges Chaos, vor allem wenn man auch nach Asien blickt.

Daß man mit solchen Prognosen weder Wahlen gewinnen noch etwas verändern kann, leuchtet ein. Also schließen wir mit Christian Morgenstern messerscharf, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Wir – das sind auch die Politiker, die christlichen und die anderen. Seien wir ehrlich: Wir haben uns schon aufgegeben und zeugen dennoch weiter Kinder und Enkel. Das steigert die Schuld. Das rührende Bild von dem Bäumchen, das man pflanzen sollte, auch wenn für morgen der Weltuntergang angesagt ist, entstammt dem frommen Glauben an einen Gott, der am Ende doch alles zum Guten wenden wird. Bekanntlich ist aber auch dessen Lebens- und Wirkungszeit abgelaufen. Wir haben ihn, das wußte schon Nietzsche, getötet, ohne an die Folgen zu denken.

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