Sie kam und blieb

Versetzen wir uns in das Jahr 2025 und blicken fünf Jahre zurück. Damals stand bei denen, die nicht Netflix schauten, sondern Bücher lasen, „Die Pest“ von Albert Camus oben auf der Lese-Wunschliste. Wer wollte und Phantasie genug hatte, erkannte viel Parallelen zwischen den von der Pest heimgesuchten Bewohnern der Stadt Oran in der Mitte des 20. Jahrhunderts  und denen des Planeten Erde im Jahr 2020 insgesamt. Die neue Pest hatte ihre Herrschaft mit verblüffender Geschwindigkeit aufgerichtet, und als Symbol ihre Herrschaft trug sie eine schillernde Krone. Gegen sie wappnete sich die gebeutelte Menschheit mit der Strategie Wissenschaft, präziser mit der Wunderwaffe „Impfstoff“. An der wird bis heute (April 2025) gearbeitet. Das Buch, das wir jetzt lesen, ist ein alter Schmöker der Existentialistin Simone de Beauvoir aus der Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Nazis mit dem Titel „Sie kam und blieb“.

Unter den anhaltenden und anfangs für unerträglich erklärten Herrschaftsformen der Besatzungsmacht entwickelten sich diverse Debatten elementaren Charakters, die alle ein Dilemma bzw. eine Aporie offenbarten. Normalerweise spricht man angesichts einer quälend unangenehmen Wahl von einem „Dilemma“, in unserem Fall ging es aber um ein Trilemma: Was mußte mit Vorrang gelöst bzw. zurückgestellt werden: das Lebensrecht der Risikogruppen, der Schutz des Klimas, der Schutz der Wirtschaft? Und hier haben wir die „Aporie“. Sie bedeutet „Ausweglosigkeit“. Will ich um jeden Preis das Leben der Risikogruppen-Angehörigen retten. richte ich die Wirtschaft zugrunde und schaffe neue Risikogruppen und Opfer. Will ich, statt die Klimakatastrophe zu verhindern, den Wiederaufbau der Wirtschaft ohne Klima-Rücksichten ermöglichen, gefährde ich ebenfalls das Leben vieler Menschen. Stelle ich die Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze in den Vordergrund, ist weder das Virus beseitigt noch die Wirtschaft, wie wir sie kennen.  gerettet. Die Aporie verlangt ein ganz neues polit-ökonomisches „Design“, etwa indem man Wirtschaftsrettung und Klimarettung kreativ kombiniert. Das liefe im Zweifel auf eine Abschaffung des Kapitalismus hinaus. Darum wird bis heute erbittert gestritten, aber seit der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump haben auch die Berufsoptimisten die Hoffnung aufgegeben, ein solcher Kraftakt könnte gelingen. Im Trumpismus insgesamt, einer kaum verkleideten Variante des Faschismus, steckt wie in der Aktentasche des Präsidenten bzw. seines Adjutanten der Code für die Vernichtung der Spezies.

Unter dem Dach dieser apokalyptischen Gesamtanalyse entfaltete  sich schon im April 2020, angestoßen durch den damaligen Bundestagspräsidenten Schäuble und den Tübinger Grünen-OB Palmer, eine philosophische Diskussion, die nach dem Stellenwert des Lebens fragte – des Lebens allgemein, der Alten und Gefährdeten insbesondere. Palmer stellte wie Schäuble die Rettung des Lebens um jeden Preis in Frage, und erntete heftige Kritik. Ist doch seit der Dominanz der sog. „Apparate-Medizin“ die Verlängerung des letzten Lebensphase, die zugleich die kosten- bzw. gewinnträchtigste ist, tabugeschützt und – wir erinnern an die Sterbehilfe-Debatte – von allem von denen okkupiert, die im Hintergrund eine Art Gottesprogramm laufen haben. Danach ist der, der das Leben schenkte, als einziger auch Herr über Leben und Tod und allein berechtigt, das Todesdatum zu bestimmen.

Hier handelt es sich um eine alle Religionen betreffende Heuchelei, so alt wie die dogmatischen Systeme selbst, die einerseits das Märtyrertum stets verklärt haben, die Millionen junger Männer hemmungslos in die Schlachthöfe der Kriege (mit gesegneten Waffen) schickten, weil ein „Feind“ das „Vaterland“, den Glauben, die Zivilisation insgesamt bedrohte. Nicht selten erklärte man den jungen Männern, um die es sich in der Regel handelte und die keiner Risikogruppe der Corona-Zeit angehörten, frei nach Schiller, das Leben sei der Güter höchstes nicht. Damit befand man sich in Einklang mit all den metaphysischen Konstrukten, Religionen genannt, die nicht nur das von den Menschen vorgefundene Leben entwerteten, sondern ein schöneres, wertvolleres in einem Jenseits erfanden, dessen Existenz angesichts trostloser irdischer Perspektiven fast zwangsläufig angenommen werden mußte. Heute müssen Angehörige von Krebskranken der letzten Phase, bewaffnet mit Patientenverfügungen, um den würdigen Tod kämpfen, der im Zweifel den Moribunden so lange vorenthalten wird, wie die Apparate es erlauben.

Die vor fünf Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit geratene „Triage“-Problematik, die den Ärzten zumutete, über Leben und Tod zu entscheiden, verweist allerdings auf einen Aspekt des Dilemmas, den nur Kriege und Seuchen offenbaren. Die Todgeweihten solcher Zeiten würden normalerweise nicht sterben. Boris Palmer bezog sich aber auf jene, deren Tod auch in „normalen Zeiten“ abzusehen und deren Lebens-Verlängerung vor allem den Triumph der Apparate-Medizin bestätigt hätte. Der dafür getriebene Aufwand erschien ihm nicht angemessen.

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Rassismus und Irrsinn(2)

Verfolgt man die Nach-Hanau-Debatte, ergibt sich für den Beobachter das Bild einer sich gegenseitig bestätigenden und um Eindeutigkeit in der Vieldeutigkeit ringenden Gruppe im Nebel tappender „Experten“. Die wiederum sehen sich in der Pflicht, einer anscheinend urteilsunfähigen Masse von Medienkonsumenten, deren Nebelumfeld noch undurchdringlicher ist, mit einem Navigator-Licht voranzugehen und ihnen zu zeigen, wo der Verursacher all dieser rechtsradikalen Schrecken auszumachen sei. Wenn es einen solchen geben muß, dann muß er, um akzeptiert zu werden, ins aktuelle tief zerspaltene Parteien-Schema passen. Die AfD, deren Leitwölfe sich nicht entblöden, von Vogelschissen, erinnerungspolitischen Wenden um 180 Grad, „Umvolkungsgefahr“ und ähnlichem zu schwadronieren, bietet sich geradezu an. Also nehmen wir sie, und wir sind die Frage nach den wahren Ursachen auch der Hanauer Morde los.

Soweit zum Stand der Diskussion. Zwar nicht unmittelbar, aber vermittelt durch ihre völkische Rhetorik habe die AfD den Boden bereitet für eine „rassistische“ Grundstimmung in verunsicherten vor allem östlichen Milieus. Solche krude, der tagespolitischen Propaganda dienenden Kausalität ist nicht zu akzeptieren. Aber wer nur einfache Lösungen verstehen kann bzw. politisch instrumentalisieren will, wird das tun – gegen die AfD sowohl wie gegen die „Altparteien. Die sich für „das Volk“ halten, also auch das Gros der AfD-Anhänger, verwenden eine ähnlich schlichte Logik wie ihre Gegner, die gar nicht so weit entfernt stehen. Für sie sind die Migranten, die Lügenpresse und vor allem Merkel Ursache der Misere. Ihr Milieu konservativ, ja reaktionär zu nennen, scheint angemessen, aber damit unterscheiden sie sich weder von der Mehrheit der Unions-Wähler wie von den verbliebenen katholischen papsttreuen Christen. Sie alle erschrecken oder ekeln sich gar vor dem rot-grün versifften Gesellschaftsentwurf. Das Menschen-, Geschlechter- und Familienbild dieser Gruppen hat sich durch die Jahrzehnte der Bundesrepublik als ausgrenzendes bewährt, etwa mit homophober Gesetzgebung oder mit dem Mantra, wir seien kein Einwanderungsland. Hier zeigt sich die ideologische Nähe von Union und AfD, verbunden im leerhülsigen Schlagwort „bürgerlich“, das beide selbstbeschreibend verwenden. Es meint eigentlich „reaktionär“, in der Begrifflichkeit ihrer Gegner. Die Welt, unsere Organisation mag auf den Abgrund zurollen – wir wollen nicht, daß sich etwas ändert. Ähnlich geht es der katholischen Kirche, zumindest in Europa. Ihr laufen die Gläubigen weg wie den einst unantastbaren „Volks“-Parteien die Wähler. Der „Reformpapst“ bleibt eisern. Auch er ein antifeministischer „Rassist“.

Der Berührungsmöglichkeiten, der osmotischen Kanäle zwischen den diversen rückwärtsgewandten Fraktionen gibt es viele, mögen sie auch noch so viel Distanz zueinander behaupten. Sie nennen ihr frauenverachtendes Geschlechterbild,  ihr patriarchalisches Familienideal, ihre Leitkulturgläubigkeit „bürgerlich“ und umgehen so Begriffe wie „Bourgeois“, „Machismo“ und „Spießer“. Sie fühlten sich schon immer bedroht von allem Neuen und Fremden, es sei denn das Neue trat als Uraltes auf  wie „germanische Rasse“ oder „jüdisch christliche Kultur“. Wer sich solcher Verwandtschaftsverhältnisse erinnert, ahnt, warum im Osten der Republik, der 56 Jahre Diktatur zu verdauen hatte, die schwarzen Reaktionäre sich so wenig von den blauen unterscheiden. Wie gerne würden sie sich verbrüdern, um wieder richtig stark zu sein!

Die AfD ist nur das Symptom einer Krankheit, die sich überall, nicht nur in Europa oder Deutschland diagnostizieren läßt. Sie schafft das fremdenängstliche Denken nicht, das Politiker der anderen Fraktionen „rassistisch“ nennen und das so alt ist wie die Erfindung der „Nation“. Ihre Repräsentanten sagen eben nur laut, was andere im Verborgenen denken, und wer es doch mal aussprechen bzw. „sagen“ möchte, geht zu ihnen und wählt sie.

Dabei gerät leider z.B. eine begründete und sachliche Islamkritik in ein ungünstiges Licht, unter „Rassismusverdacht“ sozusagen. Wenn diese Kritik etwa feststellen würde, daß die hier lebenden Muslime ihren religiösen Status nicht frei gewählt haben, würde sie nur konstatieren, sie seien Geiseln ihrer Religion wie die meisten Katholiken (Christen allgemein) auch, nur daß letztere im Falle des Abfalls vom Glauben nicht mehr mit dem Tode bedroht sind,. Mißtrauen etwa angesichts verschleierter Frauen und lautstarke Islamfeindlichkeit der Pegida- und AfD-Anhänger sind eben nicht nur ignorant als „Islamophobie“, also eine Art Geisteskrankheit, abzuqualifizieren, sondern sie sind spätestens seit 9/11 Ausdruck begründeter Ängste. Gedankenlos gebrauchen Journalisten und Politiker den vom politischen Islam erfundenen Kampfbegriff „Islamophobie“. Und wer auf die geringe Zahl der Muslime hier hinweist, die als solche keine Gefahr darstellen könnten, mag sich an die Anfänge anderer später mächtiger Parteien erinnern.

Die Ideologen des politischen Islam, derzeit konzentriert in Iran und Saudi-Arabien, wissen wohl um die gegenwärtige Schwäche ihrer Bewegung, aber sie vergessen deswegen nicht den Auftrag des Propheten, die ganze Welt im Allahs Namen zu vereinen. Da sind sie sich mit den Kreuzzüglern und Missionaren der Christenheit einig, was das Ziel betrifft: das Heil aller Menschen, sofern sie gläubig sind. Die Ungläubigen, auch eine Art „Rasse“, die zu bekämpfen ist, kommen ins Höllenfeuer. Das ist dann der theologische Rassismus.

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Rassismus und Irrsinn

Sowohl der Verlautbarungen der Politiker (außerhalb der AfD) wie Berichte und Analysen der Medien nach dem Massaker von Hanau offenbaren nicht nur eine verzweifelte Hilflosigkeit, sondern den ebenso verzweifelten Versuch, den Mastermind hinter all dem rechts-rassistischen Wahnsinn dingfest zu machen. Und zwar dort, wo er uns täglich ganz real entgegentritt: In der AfD. Deren Gift habe der Massenmörder Tobias Rathjen getrunken. Ohne sie gebe es den „Rassismus“ nicht, von dem Rathjen getrieben worden sei.

Die AfD setzt sich zur Wehr und spricht von der Tat eines isolierten Wahnsinnigen. Wer das Manifest, das Rathjen hinterließ, kennt, weiß, daß ausnahmsweise die AfD recht hat. Rathjens Weltbild ist das eines hochgradig narzisstischen Paranoikers, eines Kranken, der sich von einem mysteriösen „Geheimdienst“ verfolgt sieht, welcher sich in sein Gehirn „eingeklinkt“ hat und ihn wie tausende andere „fernsteuert“. Ausführlich beschreibt er die Science-Fiction-Filme, die solche Techniken und Mächte zum Thema haben.

Die „rassistischen“ Elemente sind vor allem Vernichtungsphantasien. Fremde Völker bedrohten als Kriminelle sein Land, „aus dem das Beste und Schönste entsteht und herauswächst, was diese Welt zu bieten hat“. Dann zählt er die Völker auf, die, weil das eigene Volk bedrohend, „vernichtet“ werden müßen: alles zwischen Marokko und den Philippinen. Mit dem Begriff „Rasse“ geht Rathjen wie Generationen vor ihm und heutige linke Islamfreunde freizügig um.

Auseinandersetzen mit Rathjens Gebräu aus Wahn und persönlichem Leid (Kränkung etwa durch ihn ablehnende Frauen) sollten sich Psychoanalytiker. So zu tun, als hätten wir es hier mit dem innersten Herd des sich ausbreitenden Rechtsextremismus mitsamt Rassismus zu tun, mit einer politischen Idee, dem Nazismus bzw. dem Völkischen der AfD und der Identitären irgendwie vergleichbar, verkennt und verharmlost deren Wirkkraft im Sine einer immer erfolgreicher werdenden politischen Bewegung in sträflicher Weise. So gibt man der wahren gefährlichen Rechten Argumente, sie würden von der Mainstream-Politik verteufelt und mit irrationalen Motiven verfolgt. Die Neue Rechte besteht nicht aus verfolgungswahnsinnigen Irren, wie Tobias Rathjen einer ist. Viel gefährlicher sind die Akademiker, die „klugen Köpfe“ und scharfzüngigen Redner in ihren Reihen. Ihr Anti-Islamismus etwa steht auf gut abgesichertem Boden.

Daß auch das Wahnhafte des Rassismus die Massen ergreifen kann, beweist die deutsche Geschichte  vor 1945, die „Vogelschiß“-Episode. Daß aber die Massen im Zweifel auch heute ergriffen werden können, ist das eigentliche Problem. Im Osten des wiedervereinigten Deutschlands, in Höckes Reich, wird sichtbar, wie Wut und Angst, wenn sie sich mischen, aus dem Demos, dem Wahlvolk, den nach einem Messias Rufenden machen: Befreie uns von dem Fremden! Wenn Medien und Politik aber den nach Befreiung Rufenden zu vermitteln suchen, der Täter von Hanau und die AfD seien aus demselben Ei gekrochen, durchschauen sie dies leicht als ein Manöver von „Lügenpresse“ und „Altparteien“. Daß der Massenmörder keiner von ihnen ist, davon sind sie überzeugt. Daß man die AfD mit verantwortlich macht für die Morde, das erregt ihre Empörung – nicht ohne Grund.

Die den Holocaust Inszenierenden haben damals alles getan, ihn vor dem „Volk“, selbst vor den „normalen“ Antisemiten, geheimzuhalten. Auch in Hanau wurde die Grenze überschritten, die von eingefleischten AfD-Anhängern respektiert wird. Sie zu beschuldigen, sie würden mit Massenmördern in einem Boot sitzen, wird ihre Wut und Distanz zum „demokratischen Rest“ der Nation nur vergrößern. Die tiefen Quellen und Gründe des Rassismus, wie sie auch in den USA, in Großbritannien und anderswo wirksam sind, scheinen allgemein menschliche zu sein, Ängste, Phobien erzeugend auch bei Menschen, die sich vom Blutbad in Hanau entrüstet abwenden. Auf sie, auch als AfD-Anhänger, wäre einzugehen.

 

 

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„Wir haben es vermasselt“

Während sich der Kipp-Punkt gerade ereignet, während die Bewohner der Gegenwart dies gerade in Australien und an den Temperaturen des europäischen Hochwinters beobachten und (falls sie noch bei Verstand sind) nicht mehr leugnen können, bemächtigt sich der alt gewordenen Überlebenden des letzten großen Krieges, die nach dessen Beendigung ein ganzes friedvolles Leben führen, eine neue reiche Welt aufbauen durften, so etwas wie ein Schuldgefühl, ein tiefschwarzes schlechtes Gewissen. Hallt doch in ihren Ohren Gretas unter Tränen geschrienes HOW DARE YOU! nach als die Anklage, die nicht mehr zu überhören ist und die jeder Bagatellisierung widersteht, während viele Wissenschaftler schon den Point of no Return bestätigen. Es gibt ihnen zufolge demnächst kein Zurück mehr zu einer bewohnbaren Welt, die vielleicht noch in diesem Jahrhundert, manche sagen in diesem Jahrzehnt, den neuen Zustand erreicht haben wird, dessen Vorspiel wir gerade in Down Under à la „Götterdämmerung“ beobachten dürfen.

Ein neuer Begriff wurde 2015 von dem Ökologen Pablo Servigne erfunden: Kollapsologie – die Lehre vom Zusammenbruch von Zivilisationen, anklingend an Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Aber gegenwärtig erleidet nicht, glaubt man den Auguren, eine Zivilisation, etwa das „Abendland“, einen „Kollaps“, sondern der Planet als Voraussetzung aller Zivilisationen. Der lt. ZEIT wohl derzeit „einflußreichste Kollapsologe“, Jem Bendell, veröffentlichte einen Aufsatz unter dem Titel „Deep Adaption“ (fundamentale oder Tiefen-Anpassung), worin eben die Anpassung an das Unvermeidliche nahegelegt wird im Sinn von radikalen Lebensstiländerungen und nachbarschaftlicher Solidarität. Auch sollen sich die Menschen etwa in gemütlicher Runde in sog. „Todes-Cafes“ auf das Unvermeidliche einstimmen und  ein Bewußtsein für die Endlichkeit entwickeln. Dies erinnert an kirchliche Seelsorge oder eine elaborierte Sektenführerschaft, wenn wohl auch gemeinsame Gebete nicht auf der Agenda stehen. Dahinter darf man vermuten die uneingestandene Vorstellung, eine „andere Welt“ gehe es vielleicht und man solle getrost das Kinderzeugen weiter betreiben. Deshalb vielleicht suchen sie so leidenschaftlich nach eine „zweiten Erde“ unter den Exo-Planeten.

Der Bestseller-Autor Jonathan Franzen glaubt ebenfalls an das Unvermeidliche und nicht daran, „daß die menschliche Natur sich in absehbarer Zeit ändert“, etwa die Trumps und Bolsonaros nicht mehr zu Staatenlenkern wählt. Er versucht in seinem Text Wann hören wir auf, uns was vorzumachen? so etwas wie eine Neudefinition von „Hoffnung“. Wir sollten uns, wenn wir schon das Klima nicht retten können, um den Schutz der Natur, um Eindämmung des Artensterbens, um begrenze Rettung des Bedrohten kümmern. Die radikalen Verkünder des nahen Weltuntergangs sind ihm suspekt. Er gehört, so scheint es, zu den Bäumchen-Pflanzern im Angesicht des Untergangs.

Eine paradoxe, wenn nicht absurde Position. Er will den Tod, die extinction, der Spezies Homo nicht denken. Die meisten können ja nicht einmal den eignen Tod denken. Aber das zu tun, wäre an der Zeit. Unter dieser Voraussetzung wäre es möglich, die verbleibende Zeit wenigstens dort, wo Leben noch erträglich ist, zu „genießen“. Dies scheint der Hintergedanke Franzens zu sein, bezogen auf die Privilegierten dieser Erde, während der Rest in den sich ausbreitenden Glutöfen und Ozeanen ertrinkt, verdurstet oder verschmort.

Es gab vor ein paar Jahren (2007) die vierköpfige Familie Demeester in der Nähe von Calais, die gemeinschaftlichen Suizid durch Erhängen vollzog und einen Zettel hinterließ, der ihre Tat „erklären“ sollte: WIR HABEN ES VERMASSELT.

 

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Panik oder Hoffnung?

Als Greta Thunberg der Welt nahelegte, in Panik zu geraten, war im Hintergrund dieses Appells paradoxerweise die Hoffnung zu ahnen, daß nur eine ihren Untergang  vor Augen sehende Menschheit in der Lage sei, das brennende Haus rechtzeitig zu verlassen, wenn schon nicht zu löschen. Die ruhig in ihren Betten Bleibenden würden verbrennen. Und wenn gar niemand das Inferno ernst nehmen wolle, alle die Schreie der schon Brennenden für Hysterie hielten, weil es für dem Untergang bisher kein Paradigma gab, sei eben das Schicksal der Spezies wie das der Koalas besiegelt.

Gretas Panik-Formel hat, ohne daß sie wahrscheinlich davon weiß, prominente und sehr seriöse Vorbilder. Vom Dichter Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) ist der Satz überliefert „Nur Verzweiflung kann uns retten“, und Martin Heidegger, dessen Philosophie von einer radikalen Gottlosigkeit geprägt ist, sagte in einem berühmten SPIEGEL-Interview: „Nur ein Gott kann uns retten“, was nichts anderes bedeutet als: Wir sind nicht zu retten. Das war 1966. Es tobte der Kalte Krieg und über der Welt hing wie heute die Bombe, aktuell verschärft durch das „Klima“.

Das Erdzeitalter, in dem das geschieht, nennt man inzwischen das Anthropozän. Der Mensch prägt darin die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse des Planeten, für den es keine Migrations-Alternative gibt. Er vernichtet durch sein Handeln die Tierwelten und, selbst ein Tier, am Ende durch Vernichtung der Lebens-Ressourcen seine eigenen Lebensgrundlagen. Und er weiß, daß es so ist. Dabei gerät er wie der Raucher, der um den drohenden Krebs weiß, in das Dilemma, das die Psychologie die „kognitive Dissonanz“ nennt. Wir können unsere Einsichten nicht in Handeln umsetzen, selbst wenn es ums Überleben geht. So wie jeder von uns sich seinen Tod nicht vorstellen kann und von einer quasi Unsterblichkeit ausgeht.

Die prominenteste Form dieses Widerspruchs ist der religiöse Glaube. Als christlicher etwa verspricht er nach dem irdischen Jammertal das Paradies jenen, die glauben. Zentrale Figur ist der „Retter“ oder „Heiland“ oder „Messias“, also einer, der durch seine Tat das Paradox, das Dilemma aufhebt. Wer an ihn glaubt, fühlt sich nicht dem Prinzip Verzweiflung, sondern dem „Prinzip Hoffnung“ verpflichtet. Dies ist der Titel des Hauptwerks des Marxisten Ernst Bloch, der seine messianische Hoffnung nicht auf Jesus Christus projizierte, sondern auf den Kommunismus, der Bloch zufolge sehr viel mit den Grundgedanken des Nazareners zu tun hat: Nächstenliebe, Solidarität, Gerechtigkeit. Aber wie seit den ersten Staatschristen im römischen Reich die Prinzipien des Stifters verraten und in ihr Gegenteil (die welterobernde Kirche) verkehrt wurden, so trieben es die realexistierenden Kommunisten der Sowjetunion und ihrer Vasallen mit den Einsichten ihres Ersatzgottes Karl Marx, indem sie die Kirche des „Dialektischen Materialismus“ (DIAMAT) mit dem Dogma der Unfehlbarkeit gründeten.

Geblieben ist vom „Prinzip Hoffnung“ des Ernst Bloch der Optimismus des Donald Trump, wie er ihn in Davos kürzlich formulierte: „Dies ist eine Zeit des Optimismus. Gemeinsam werden wir unsere Nationen stärken, unsere Länder sicherer, unsere Kultur reicher, unsere Menschen freier und die Welt schöner als je zuvor machen.“

Wir werden es erleben.

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Brauchen wir wieder Tabus ? (2) – oder: darf man auf „alte Umweltsäue“ mit dem Finger zeigen?

Gibt es Grenzen, Tabus, die jedes Kind, jeder Radio-Sender beachten muß, will es, will er nicht den unbändigen Zorn einer ganzen Generation provozieren, der Generation der Babyboomer nämlich? Diese Generation oder die für sie stehenden Großmütter, als „Schweine“ resp. „Säue“ denunziert  (wie es jetzt im WDR geschah), will und kann nicht hinnehmen, daß heutige Grün-Schnäbel der Boomer und ihrer Nachkommen segensreiche Wühltätigkeit in der Erde quasi mit dem Tun einer riesigen Schweineherde vergleichen. Obwohl dies ganz so abwegig nicht ist. Dabei muß entschuldigend hinzugefügt werden: Schweine folgen einem natürlichen Freß-, Wühl und Fortpflanzungstrieb und wissen nicht, was sie tun.

Natürlich sind die „Omas“ nicht die lieben Großmütterchen, die den Fridays-for-future-Enkeln abends nach der Demo von der guten alten Zeit erzählen, als das Fliegen ein Luxus für Wenige war. Gemeint sind offenkundig jene, denen ihr heutiger Wohlstand die Religion ersetzt, an die wiederum ihre Omas noch die Lebenszufriedenheit hängen konnten, wären da nicht die blöden Kriege gewesen. Jetzt haben wir über 70 Jahre Frieden und diese wunderschöne Auto- und Flieger-Republik, in der sich auch die Jungen wie Maden im Speck dem Konsumismus hingeben, den ihnen die Eltern als Maxime frei nach Kant in die Wiege legten: Zeige dich stets so, daß deine Nachbarn sich anstrengen müssen, um zu haben, was du hast. Dies werde zum wachstumsfördernden Gesetz.

Und plötzlich sind da diese Rotznasen, angeführt von einer griesgrämigen Göre mit Dachschaden, die uns alles vermiesen will, woran wir unser Lebensglück gehängt haben. Gottseidank gibt es die Herren Gauland, Meuthen und Höcke, die Damen Storch und Weidel, deren Macht unaufhaltsam wächst und die uns schützen werden vor Wahn und Hysterie rot-grüner Fanatiker. Wir halten uns an die Weltsicht der AfD und an das Lied „Wir werden weiter konsumieren, bis alles in Scherben fällt…“ , denn dann sind wir ja schon tot, wenigstens die meisten. Die Fanatiker aber, die auch jenen Kinderchor manipuliert, die kleinen Sänger mißbraucht haben, sollen solange ihre Tofus, ihr Grünzeug und ihr Dinkelbrot kauen, während wir fröhlich unsere letzten Jahre auf den Malediven und auf Hawaii verbringen.

Die nächste Arche kommt bestimmt, meint der Herr Lindner von der FDP, wenn er von „technischen Innovationen“ spricht, mit deren Hilfe die Krise, wenn es denn eine ist, von einem genialen neuen Noah bewältigt wird.  Und wenn es auf der neuen schönen Erde dann keine Koalas (die verbrennen gerade in Australien) und keine Eisbären (die ertrinken gerade in der eisfreien Arktis) und überhaupt nur die nützlichen Tiere (Rinder, Schweine, Hühner, Streicheltiere aller Art) gibt, wird man die Ausgestorbenen so wenig vermissen, wie man die Saurier in der Landschaft vermißt, haben wir doch die schönen Bilderbücher und Videos, in denen sie aufbewahrt werden.

Fazit: Die an den Pranger gestellten „Umweltsäue“ sind keine Klimaschädlinge, sondern eine lebensfrohe Untergruppe der Gattung Homo mit einem natürlichen Trieb zum Konsum und zum Spaß und zu niemandes Schaden. Gegen sie mit Hilfe unschuldiger Kinder zu hetzen, bedroht nicht nur den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, sondern entzieht ihr die Triebkräfte jener Dynamik, die einst das Wirtschaftswunder möglich gemacht haben. Eine trostlosere Welt als eine, in der Autokolonnen mit 130 über Autobahnen schleichen, ist nicht denkbar.

Es lebe die Oma, die mit ihrer Honda und 250 km/h den Hühnerstall ins Fliegen bringt! Sie könnte bald den „Spirit of Ecstasy“ ersetzen, der bisher als Symbol automobiler Herrlichkeit die Rolls-Royce-Kühler schmückte.

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Brauchen wir wieder Tabus?

Eine mehr als merkwürdige Debatte wabert durch das Land – ob nämlich diese Gesellschaft eine sei, in der man „alles“ sagen dürfe. Oder ob es eine geheime Zensur gäbe mit noch mehr Rede- und Denkverboten als etwa damals in der DDR. Unumstritten scheint: Es gibt Grundregeln für ein friedliches Zusammenleben der Menschen, die etwa krasse Beleidigungen, wie sie jüngst Renate Künast ertragen mußte, ausschließen, dennoch aber von Richtern nicht geahndet werden. Man kann also sogar mehr sagen, als eigentlich dem Gemeinwesen zuträglich ist. Jenseits solcher persönlicher Attacken, die mit „Wahrheit“ oder „Lüge“ nichts zu tun haben, sondern nur eine Person verletzten wollen, gibt es anscheinend wenig, was man nicht schreiben oder sagen darf vor Ohren anderer. Oder?

Wie ist es etwa mit der „Auschwitzlüge“? Welchen Sinn macht es, jemand zu bestrafen, der gegen jede Evidenz sagt, er glaube nicht, daß die Erinnerung noch lebender Opfer des Holocaust, daß die Forschung der Historiker, daß das überwältigende Bild- und Schrift-Material irgendeine Beweiskraft haben könne? Es macht keinen Sinn. Jemand, der glaubt, die Erde sei flach, obwohl es Bilder von der Erdkugel gibt, wird auch nicht bestraft. Er scheint ungefährlich, wenn auch oder weil keinem Argument zugänglich. Dem Holocaust-Leugner aber hat der Gesetzgeber wohl zugetraut, daß er im Volk der Mörder Schaden anrichten könne, wo es noch genügend Menschen gebe, die sich der Wahrheit des Völkermordes verschließen möchten, weil es ihr Selbstbild und das der Väter beschmutzt. Ist solche Selbstenthirnung der Leugner aber eine Straftat? Abermillionen Menschen laufen doch herum, die die Forderung Immanuel Kants, man möge sich seines eigenen Verstandes bedienen, als Zumutung empfinden. Soll man ihnen das Wahlrecht entziehen, auch wenn der Nicht-Entzug schon die AfD und einstmals die NSDAP zur Folge hatte? Vielleicht…

Ein Staat wie die Bundesrepublik, deren Repräsentanten sich die Holocaustleugnung als Straftat haben einfallen lassen, traut unter den Voraussetzungen der Demokratie seinen Bürgern offenbar nicht, ja er traut ihnen im Grunde die Zerstörung der nach 1945 mühsam aufgebauten Ordnung zu, indem sich das radikal Böse wiederholt. Er geht davon aus, daß die Zivilgesellschaft bedroht ist von zuweilen formal intelligenten Individuen, manche mit Professorentitel, deren Weltbild mit dem Untergang des Dritten Reiches gleichfalls untergegangen schien, aber de facto nicht ist. Der Schoß, aus dem das kroch, ist nach des Dichters hellsichtigen Worten und nach Ansicht des Gesetzgebers, anscheinend wohl noch fruchtbar genug, um  dagegen die ebenso irrationale Schutzmauer von Tabus aufrichten zu müssen: Frag nicht, pariere!

Wir leben, wie sich in den USA und auch in Großbritannien zeigt, im post-rationalen Zeitalter, also in einem Mittelalter mit anderen, überwiegend säkularen Vorzeichen. Die Massen, die mit leuchtenden Augen dem „politischen Triebtäter“ (Ferdos Forudastan im TV) im Weißen Haus zujubeln „Four more years!“, die in Brasilien Jair Bolsonaro als den zukünftigen Vernichter ihrer Lebensgrundlagen an die Spitze ihres Staates stellen – diese gefährlich urteilsunfähigen Massen erhielten im Internet-Zeitalter eine Waffe, gemischt aus Dummheit und Gewaltbereitschaft, deren Zerstörungskraft die der Hitlerschen Armeen übertrifft. Sie wählen gegebenenfalls unser aller Untergang. Und sie dürfen das.

Man mag in den tiefsten Tiefen des kollektiven Unbewußten des christlichen Abendlandes eine Art Blaupause dieser Vermischung von Wirklichkeitsverleugnung und damit verbundener Machtausdehnung vermuten, die wir jetzt in einem taumelnden Planeten als Bewußtsein vorfinden. Sigmund Freud erkannte in den Massen der Weltkriege einen „Todestrieb“ und fand ihn dann überall in der menschlichen Geschichte, die ein permanenter Kriegszustand gewesen ist. Manchmal blitzten zaghaft gegenteilige Erkenntnisse auf wie die des Jesus von Nazareth, nur durch konsequenten Gewaltverzicht ließe sich das Ende der Spezies verhindern. Aber leitbildhaft überlebte nicht der revolutionär neue Gedanke von Liebe und Gewaltlosigkeit, sondern die Figur des Helden, Heilands, des Retters, der die Feinde vernichtet und irgendwann – ganz sicher! – erscheinen wird: der Messias. So konterkarierte die Kirche seit ihrer Entstehung die Essenz der Botschaft dessen, auf den sie sich beruft. Er durfte nicht wie jeder andere getötet worden sein, sondern mußte als Held wiederkommen und „das Böse“ ausrotten. Also erfand man „Auferstehung“ und Parusie, die „Wiederkunft“ des Messias als Held. Auf die wird nun also seit Jahrhunderten gewartet. Samuel Beckett hat darüber ein Stück geschrieben: „Warten auf Godot“  – auf den Mann mit weißem Bart, der nichts tut.

Im christlichen Auferstehungsglauben, in dem jedwede Evidenz geleugnet und der Vernunft ihr Suizid zugemutet wird – sacrificium intellectus nannte man das –  findet sich das Modell für alle Fake News der nachfolgenden Geschichte. Mit dieser grandiosen Falsch-Nachricht hatte Paulus, nicht der qualvoll verendete Jesus, seine die Welt umstürzenden Erfolge. Wir werden auferstehen wie jener Christus, wenn wir an ihn glauben, hatte den Menschen der wirkungsmächtigste aller Missionare versprochen. Und begeistert folgten sie ihm. So funktionieren die von Todesangst und Höllenfurcht Zerfressenen bis heute. Es geht bei den existentiellen Ängsten und ihre Beschwichtigung nicht um Argumente, gar um „Wahrheit“.

Daß den Fake-Produzenten das Propagieren ihrer „alternativen Wahrheit“ heutzutage verboten wird, ist eine in AfD-Kreisen verbreitete Behauptung ohne empirischen Beleg. Das Christentum fand in seiner gewalttätigen Gestalt zur Weltgeltung trotz der intellektuellen Zumutung seiner Botschaften. Je absurder, um so überzeugender. Je unübersehbarer die Lügen Trumps sind, um so mehr schmieden sie seine Follower zusammen. Das gleiche gilt für Björn Höcke und Konsorten. Jeder darf heute sagen, was er will, sogar Greta (und der DREYZACK). Ihre wissenschaftsgestützte Wahrheit wird aber nicht helfen, nicht die Wende erzeugen, denn diese Wahrheit wie die vom Tode des erhofften Messias ist zu schmerzhaft, als daß man sie akzeptieren könnte. Wir können das Leben nicht ändern, das wir ändern müssen. Also muß Messias-Christus leben als kommender Held und Trump wiedergewählt werden und Höckes AfD sich in der Sonne ihres Erfolges räkeln. Alle positionieren sich als Retter jener Erde, die weniger vom Klimawandel bedroht ist als von Sünde und Gender-Theorie.

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Spiegel-Rassismus

„Blackfacing“ ist Rassismus. So kann man es hören und lesen. Wer sich als Nicht-Schwarzer zu Karneval oder Halloween das Gesicht schwarz anmalt, ist demzufolge Rassist. Einer also, der die Minderwertigkeit bzw. Überlegenheit von Menschengruppen an ihrer Hautfarbe festmacht. Ein solcher Rassist war vorgeblich Justin Trudeau, der kanadische Ministerpräsident, als er vor einigen Jahren auf einem Kostümfest als Afrikaner auftauchte – mit schwarzem Gesicht. Das hätte ihn Jahre später fast den Wahlsieg gekostet. Trudeau zeigte sich zerknirscht und bereute. Fast zu spät.

Eine der Begründungen für das Blackfacing-Verbot ist der Vorwurf, als Angehöriger einer dominanten und privilegierten Mehrheit mache man sich lustig über eine ehemals versklavte und immer noch entrechtete Minderheit. Ursprung solcher Belustigung auf Kosten anderer waren die „Ministrel-shows“ in den USA des 19. Jahrhunderts, auf denen schwarz angemalte Weiße mit albernen Späßen rassistische Klischees bedienten, an die sich aber heute kam jemand erinnert. Daß in diesem „Beschützen“ der Schwarzen vor der Verhöhnung durch Weiße schon weiße paternalistische Anmaßung steckt, blieb verborgen.

In diesem Herbst war es in den Niederlanden der „Swaarte Piet“, der heutige Kritiker der ehemaligen Sklaverei, an der Holland sich ehemals rege beteiligt hatte, auf den Plan rief und unangenehme Erinnerungen an die sklavenhalterische Vergangenheit erzeugte. Es meldete sich offenbar das lange verschüttete schlechte Gewissen der Sklavenhalter-Enkel, die nun gute Menschen sein wollten und die Sklavenhalterzeit vergessen. Sie geben jetzt den liberalen Christenmenschen, um ihr eigenes verbliebenes heimliches Rassisten-Sein vor sich selbst so gut es geht zu verbergen. Verdrängen und Vergessen scheint die Parole, denn Schwarzsein ist für Schwarze offenbar ein unverschuldeter Makel, nicht hinnehmbar. Also gibt es keine schwarze Haut. Erst recht keine aus Schuhcreme. Credo der selbsternannten Anti-Rassisten: Es gibt gar keine „Rassen“.

Besonders problematisch wird es im Bereich der Kultur, des Theaters, der Oper. Da gibt es etwa in der Oper „Der Rosenkavalier“ einen kleinen schwarzen Jungen, Mohammed mit Namen, der sonst weiter nichts zu singen, sondern nur dienende Funktion hat, etwa am Ende ein fallengelassenes Taschentuch aufhebt. Die Oper spielt im 18. Jahrhundert. Mohammed oder seine Eltern kamen wahrscheinlich nicht freiwillig nach Wien. In modernen Inszenierungen traut sich kein Regisseur mehr, ihn schwarz sein zu lassen, als wolle man nicht mehr wahrhaben, daß Schwarze einmal als „Diener“ in hochherrschaftlichen Häusern ausgebeutet wurden. Das sollten wir besser vergessen. Auch könnten schwarze Menschen durch den Anblick des schwarzen Domestiken traumatisiert werden. Soviel Empathie mit schwarzen Seelen!

Geradezu zerstört man das weiße Kunstwerk, wenn Othello, der „Moor of  Venice“, in Shakespeares Tragödie oder Verdis Oper plötzlich hellhäutig wird, kein „Moor“ mehr sein darf. Dann ist Othello nicht mehr der gehaßte Außenseiter in der rassistischen zyprischen Gesellschaft, der gleichwohl zum Verdruß seiner Umgebung die Liebe einer weißen Frau gewann, sondern ein durchgeknallter Macho mit unbedingtem Besitzanspruch, der auf eine dämliche Intrige hereinfällt und die geliebte Frau erwürgt. Ein Psychopath, dem Mitleid, dessen der schwarze Othello gewiß sein darf, nicht gebührt. Sinn, Psychologie, Glaubwürdigkeit des Stückes sind dahin. Als Rassist demaskiert sich hier eigentlich der Regisseur, der die Qual dessen, der nicht glauben kann, diese schönen Frau und ihre Liebe als Schwarzer zu verdienen, ausblendet und damit den Rassismus der weißen Zyprer. Mit der Eliminierung des schwarzen Othello verschwindet auch der Rassismus der Zyprer und die Erinnerung an die Sklavenhalterkultur, und alle sind zufrieden.

Die politisch Überkorrekten sind also, könnte man vermuten, Rassisten aus schlechtem Gewissen.  Sie wollen vergessen machen, was als Wunde in der Geschichte der Täter genau so schwärt wie in der der Nachkommen der Sklaven. Den Nachkommen der Herren ist, wenn man ihre Begründungen genau liest, in Wahrheit wie ihren Vorfahren das Schwarzsein ein Merkmal der Minderwertigkeit , wenn etwa  „dominanten Gesellschaftsgruppen“ (also den Weißen) in Begründungen des Blackfacing-Verbots die Überlegung nahegelegt wird, „daß schwarze Menschen die Hautfarbe oder Haarstruktur nicht nach Belieben auf und absetzen können“. Dagegen wäre zu fragen: Warum sollten sie? Natürlich könnten sich die Whitefacen wie es Michael Jackson versuchte. Aber ginge es ihnen dann besser?

Solange, wie kürzlich geschehen, eine schwarze Schönheitskönigin (die Transgenderfrau Jezebel Barbie Royale) sich darüber wundert, daß sie auch von Weißen als die Schönste gewählt wurde, solange schwarze Menschen (wie auch Angehörige anderer diskriminierter Gruppen) ihren Selbsthaß, der ihnen einmal eingeschrieben wurde, nicht überwinden, wird der paradoxe, der gespiegelte Rassismus – ich blicke in den Spiegel und erkenne meine „Häßlichkeit“ –  nicht verschwinden. Lange teilten ihn Frauen und Juden, indem sie insgeheim die Herrschaftsstruktur des weißen christlichen Patriarchats akzeptierten als eine quasi göttliche. Gott ist eben ein weißer Mann. Er schuf den weißen Mann als sein Ebenbild. Der Rest ist minderwertig seitdem – Frauen, Afrikaner, Asiaten. Und die, die das auch  insgeheim glauben, sich aber selbst ihren verborgenen Rassismus übelnehmen, wollen zumindest das Schwarze aus der weißen Kultur eliminieren. Othello soll ergo lieber weiß sein, auch wenn er dann ein Verbrecher ist, kein Opfer einer weißen Intrige, einer systemischen Unmenschlichkeit. Die Sklaverei darf es nicht gegeben haben, denn die Erinnerung an sie traumatisiert heutige schwarze Menschen. Es ist eben beschämend, Nachkomme von Sklaven zu sein.

Der Vergleich mit den Holocaust-Leugnern mag erlaubt sein. Die Leugnung ist zwar Aberwitz, aber ihre Anhänger brauchen ihn, um ihr Selbstbild als Nachkommen angeblich kultivierter Menschen, die kurzzeitig verirrt zu Bestien mutierten, nicht zu beschmutzen.  Eine Umdeutung der Geschichte und ihrer Ausläufer in die Gegenwart führt zu einer Verfälschung um des guten Gewissens und eines menschlichen Selbstbildes willen.

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Verschleierter Griff nach der Macht

Die Hüter der Verfassung haben ein neues feindliches Objekt entdeckt. Sie gaben ihm den Namen legalistischer Extremismus. Burkhard Freier vom NRW-Verfassungsschutz gab der FAZ eine Definition: „Bewegungen, deren Ideologie verfassungsfeindlich ist, die auf dem Weg, den Staat und die Verfassung zu verändern, aber regelmäßig nicht Gewalt anwenden“. Sie dringen also nicht mit Maschinengewehren in Konzerthallen ein, überfahren keine Menschengruppen mit Lastwagen und sprengen sich nicht selbst in die Luft. Die verbreitetste Spielart jener quasi geräuschlosen, unblutigen Machterwerbungs-Strategie ist der legalistische Islamismus, konkret: die Muslimbruderschaft. Sie schleuse etwa, erläutert Freier, in Deutschland „einen politischen Islam besonders in den muslimischen Teil der Gesellschaft ein, den die Gesellschaft und die Muslime häufig selbst nicht richtig erkennen“. Sie wollten natürlich „keine Demokratie in unserem Sinn errichten, sondern einen Staat, in dem die Gesetze der Scharia gelten“.

Die Bruderschaft haben ohne Zweifel ein ehemaliger Bundespräsident und die noch amtierende Kanzlerin nicht gemeint, als sie erklärten, der Islam gehöre zu Deutschland. Dieser andere Islam sei nämlich, so die heutige Experten-Ansicht, als „politischer“ böse, der „religiöse“ sei aber eine Art Christentum, werde in ihm doch sogar Jesus verehrt. Und der religiöse sei nun mal vom Grundgesetz geschützt wie Religion überhaupt, habe also infolgedessen in Deutschland ein Bleiberecht. Was soll man dagegen sagen, will man nicht als Islamophobiker enttarnt und in eine Reihe neben die AfD gestellt werden?

Man kann z.B. auf die Selbstbeschreibung der höchsten islamischen Geistlichkeit verweisen, wonach jene Trennung von politisch und religiös unislamisch ist, ein weltliches Gesetz neben der Scharia nicht existieren darf und ergo auch keine Demokratie, wie sie das Grundgesetz definiert, nämlich mit jener Gewaltenteilung, die Allah, der einzige Herrscher, nicht dulden kann. Die Menschen haben sich unter sein Gesetz zu beugen. Dann ist alles gut und alle kommen in den Himmel. Wenn nicht, dann in die Hölle. Ganz einfach.

Jetzt könnte man einwenden, auf diese Weise grenze man die unter uns friedlich lebenden Muslime aus, und das sei entweder à la Pegida oder AfD und sei erst recht undemokratisch. Leider ist gegen die Islamkritik der AfD wenig einzuwenden, wenn sie nicht diesen ausgrenzenden Effekt hätte, weshalb auch zuweilen von „Rassismus“ die Rede ist, wenn Islamkritik gemeint ist. Man kann ja auch den friedlichen Muslimen und ihren verschleierten Frauen keine Säkularisierung aufnötigen. Höchstens kann man, wie die Verfassungsschützer empfehlen, sie schulen und aufklären, damit sie auf die Sirenentöne der legalistischen Muslimbrüder nicht hereinfallen. Wie soll das aber gelingen, wenn selbst Wulf und Merkel schon darauf hereingefallen sind und gemeint haben, Religion sei überall gleich Religion und eben nicht Politik?

Was nun die AfD betrifft, so liegt das Pikante und Brisante drin, daß ihre Strategie nachgerade von den legalistischen Islamisten abgekupfert zu sein scheint und so dem legalistischen Extremismus zugeordnet werden muß. Die Partei ist ein Wolf mit viel Kreide im Bauch. Ihre Wähler – auch da wird viel verharmlost – sind keine irregeleiteten Unschuldstrottel, sondern sie gehören zu einem ehernen autoritär-reaktionären Grundbestand fast aller Völker auch im demokratischen Westen. Die „illiberale Demokratie“ (Viktor Orban), in der sie gerne leben möchten, hat die Schwelle zur faschistischen bzw. stalinistischen Diktatur so weit abgesenkt, daß sie im Krisenfall, etwa angesichts einer wirklichen oder künstlich erzeugten Bedrohungslage, leicht überschritten werden kann. Ein Trump-Anhänger etwa erläuterte im TV zur Frage, was man gegen ein Impeachment tun könne mit vorgeschobenem Kinn kurz und knackig: „Guns“. Es wäre nicht der erste Bürgerkrieg in den USA, aber eben nicht im Sinne des legalistischen Extremismus, sondern sozusagen old school. Trump selbst, den die Welt seit drei Jahren ertragen muß, könnte durchaus als legalistischer Extremist angesehen werden, also bis jetzt noch vor der Schwelle zur Gewalt stehend, ist er doch demokratisch gewählt und bewegt sich innerhalb von Grenzen, die die Mehrheit (?) der Amerikaner bereit ist, ihm zuzugestehen. Wird das aber so bleiben?

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Das toxische Ypsilon

Für die AfD ist das männliche Geschlecht im Zeitalter von Gender-Mainstreaming das verfolgte und diskriminierte. Die katholische Kirche ihrerseits wehrt sich seit ihrer Entstehung ganz im Geiste der heutigen „Alternativen“ gegen Verführung zur Sünde durch das Weib und begreift das fehlende Y-Chromosom des weiblichen Geschlechts als den Faktor, der die Priester-Weihe von Frauen schlechthin verunmöglicht. Das fehlende Chromosom ist das Kennzeichen der Erbsünde, es verunreinigt das Weib, was sich in der Monatsblutung regemäßig offenbart.

Und jetzt kommt ein bekannter Kriminologe um die Ecke und behauptet: „Die Dominanz der Männer gefährdet das Überleben der Menschheit“. Der Mann heißt Christian Pfeiffer, war Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachen, dort auch Justizminister und wurde bekannt durch seinen Streit mit den Katholiken, die 2013 die Zusammenarbeit mit ihm an einer Studie über den Mißbrauch in der katholischen Kirche aufkündigten.

Pfeiffer hat jetzt ein Buch mit dem Titel „Gegen die Gewalt“ veröffentlicht. Gemeint ist die dem Ypsilon geschuldete männliche Gewalt, und zwar weit über das unmittelbar Physische etwa der Vergewaltigung, über individuellen Mord und Totschlag hinaus. Überall gehe zwar, so Pfeiffers Analyse, das Töten zurück, aber am wenigsten bei den Morden an Frauen. Unterdessen sei die Gewalt zunehmend politisch geworden und habe sich in Männern wie Trump und Bolsonaro inkarniert, verfleischlicht. „Typen wie Trump und Bolsonaro,“ schreibt Pfeiffer in FAZ.net, „sind eine Gefahr für die Menschheit geworden. Wenn solche Typen, die die Klimakrise für eine Erfindung der Wissenschaft halten, in die Überzahl kommen, dann Gnade uns Gott. Wir erleben in der Politik den Dominanz-Typus par excellence. Bei Vergewaltigungen geht es um den Dominanzanspruch der Männer, die glauben, Frauen hätten ihnen zur Verfügung zu stehen. Darüber hinaus geht es um die Dominanz der Männer, die glauben, alles, selbst die Natur müsse sich ihnen unterordnen.“

Genau diese Männer sind es, denen das Mädchen Greta ihr „How dare you!“ entgegenschreit. Deren Dominanz ist – so Pfeiffer – „die Hauptquelle all der Probleme, die uns Angst machen: Überbevölkerung, Terrorismus, Umweltverschmutzung, Klimakatastrophe. Es ist zu gefährlich geworden, den Männern das Heft in der Hand zu lassen, weil sie zu viel Schaden anrichten. Wer produziert denn Kriege? Machokulturen wie Taliban und IS. Die haben uns früher nur genervt, jetzt sind sie lebensgefährlich.“

„Jetzt?“ Sie waren es immer, muß man Pfeiffer entgegenhalten. Seit der Mensch eine Geschichte hat, war der männliche Krieg der Naturzustand, in dem er lebte. Das Patriarchat kann auf Jahrtausende zurückblicken, und es ist stolz auf seine Kulturleistungen, die, so die tradierte Meinung, vor allem dem Krieg entsprangen. Am Eingang der europäischen Literatur stehen die Gemetzel, die die „Ilias“ als Heldentaten feiert. Und von Anfang an dominierten und versklavten die Männer ihre eigenen Frauen wie die der Feinde. Die Schande des Christentums besteht auch darin, daß es diesen grausamen Gewohnheiten sich anschloß und vergaß, was sein Stifter an Neuem in die Welt gebracht hatte. Nicht zuletzt Freundschaft und Liebe zu den Frauen: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ (Joh. 8,7). Sie waren nicht ohne Sünde, in keiner Weise, aber die Steine warfen sie unbeeindruckt weiter auf die, die sie als Sünderinnen identifiziert hatten. Und sie schichteten die Scheiterhaufen. So hatte sich der Rabbi das nicht vorgestellt.

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