Volksfeinde

Am Straßenrand steht ein Mann Ende 60 und beobachtet den mächtigen Pulk der Fridays-for-Future-Marschierer, der im Spätsommer-Sonnschein vorbeizieht. Für die Reporterin der Lokalzeitung ein interessantes Objekt ihrer Neugierde. Wie findet der Senior die friedlich, fast fröhlich demonstrierenden jungen Menschen, die ab und zu bekannte oder neue Slogans („Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“) skandieren? Der Mann flüchtet sich nicht ins Unverbindliche und sagt: „Ich bin gegen den Klimaschutz. Wir sollten uns über die Errungenschaften unserer Zeit freuen und sie maßvoll nutzen. Ich lasse mich jedenfalls von indoktrinierten Kindern nicht belehren.“

Gleichzeitig gibt die AfD, vertreten durch Alice Weidel, der WELT ein Interview, spricht von Hysterie, einem „Feldzug gegen das Auto“ und nennt auf Nachfrage als Verursacher dieser „emotionalen und nicht faktengestützten“ Politik die Manipulation der gesamten Wissenschaft durch das UNO-Komitee IPCC, einst gegründet von Al Gore, ehemals Clintons Vize. Dies sei keine „Verschwörungstheorie“, sondern „Fakt“. Weitere Fragen zu den Mechanismen einer solchen Verschwörung, die die gesamte wissenschaftliche Community durch Fördermittel bestechen und manipulieren soll, werden leider nicht gestellt. Es wäre vermutlich auch sinnlos, denn die Theorie ist zu absurd, als daß rational gegen sie argumentiert werden könnte. Ähnlich verhielt es sich einmal mit den „Protokollen der Weisen von Zion“, zu denen Adolf Hitler seinem Volk erklärte, „daß sie mit geradezu grauenerregender Sicherheit das Wesen und die Tätigkeit des Judenvolkes aufdecken und in ihren inneren Zusammenhängen sowie den letzten Schlußzielen darlegen“ (Mein Kampf).

Die „letzten Schlußziele“ der IPCC-Verschwörung sind, glaubt man Weidel, die Vernichtung der Volkswirtschaften, die mit einem „Feldzug gegen das Auto“ beginnt. Wem sollte das nützen? könnte gefragt werden. Darauf sind die Antworten der gelehrigen Schüler des Führers vage. Irgendwelchen, vielleicht sogar jüdischen, „Profiteuren“. – In der AfD als deutscher Variante einer weltweiten Degeneration des politischen Denkens ist Politik und politische Repräsentanz in den Parlamenten erschreckende Realität geworden. Trumps great again werdendes Amerika geht mit der Fahne des kapitalistischen Wachstumsoptimismus voran. Wir müssen nur weitermachen wie bisher, dann wird alles gut. So denkt wohl auch jener ältere Herr am Straßenrand, der sicher Sprüche wie „freie Fahrt für freie Bürger“ verinnerlicht hat und der, sofern er in Deutschlands Osten wohnte, von sich sagen würde, er sei „das Volk“.

Und dieses „Volk“ ist es, das seinen Feind in den jungen Demonstranten und sogar in der ängstlichen Klimapolitik, die diesen Namen nicht verdient, ausgemacht hat. Der Feind des Volkes und seiner Zukunft ist aber „das Volk“. Vor ihm Angst zu haben, davor, daß es sich plötzlich in einen giftigen Gelbwesten-Schwarm verwandeln könnte, ist begründet. Der Mann am Straßenrand könnte sich vertausendfachen und brüllend mit wehenden AfD-Fahnen vors Kanzleramt ziehen, wo das Klimakabinett zitternd hinter den Scheiben stünde. Es weiß, daß es erpreßbar ist und präsentiert eine Strategie, die niemand wehtut und die nichts bewegen wird, denn das Verhalten wird und soll sich nicht ändern. Darum müßte es aber gehen..

Der Grünen-Vorsitzende Habeck bringt diese aus Angst vor dem „Volk“ geborene Politik auf den Punkt: „Die große Koalition wendet sich damit von den Pariser Klimazielen ab. Und sie zerstört die Hoffnung all der Menschen, die monatelang gekämpft haben“ (Interv GEN.ANZ., Bonn). Nicht auszuschließen ist, daß der bisher so friedliche Protest gegen die Zukunftsdiebe auch partiell in Gewalt umschlagen könnte. Die Verzweiflung, die Habeck unter den Demonstrierenden beobachtete, ist groß. Mehr als die Zukunft verlieren kann man nicht.

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Die Vereinfachung der Welt

Die Frontfrau der AfD, Alice Weidel, hat es im Bundestag jüngst auf den Punkt gebracht: der „Klimaschutzwahn“, der seinen Ursprung hat in der Verschwörung von Leuten, die sich Wissenschaftler nennen, in Wahrheit aber „grün-sozialistische Spinner“ sind, wird uns, wenn wir uns darauf einlassen, alle ruinieren. Der „imaginierte Weltuntergang in ferner Zukunft“  soll den Menschen Angst machen und in Bereitschaft versetzen, auf Wohlstand und Freiheit zu verzichten. Profiteure, so könnte man den Gedanken fortspinnen, werden eben diese Verschwörer sein – in welcher Weise auch immer. Das große Vorbild der AfD in dieser Frage, Donald Trump, ist da schon präziser: Es sind die Chinesen, die dem Westen wirtschaftlich schaden wollen. Immerhin ein Argument, das den Schein von Rationalität für sich hat.

Beachtenswert ist für den neutralen Beobachter der Zusammenfall von „Klimaleugnung“ und rechtem Populismus.  Wer nicht wahrhaben möchte, daß halbwegs zurechnungsfähige intelligent Politiker, und dazu wollen wir auch Alice W. und einige ihrer Kollegen rechnen, an ihr eigenes Verschwörungskonstrukt glauben, muß ein politisches Kalkül dahinter vermuten, das im Kontext anderer AfD-spezifischer Ideen Leute ansprechen soll, die in der modernen Welt nach Orientierung suchen. Sie leben nämlich in einem anwachsenden Chaos, das Soziologen „Komplexität“ nennen und von dem diese Soziologen sagen, das Bestreben der Menschen gehe allenthalben dahin, Komplexität zu reduzieren: die Welt übersichtlicher zu machen. Zumindest soll sie übersichtlicher erscheinen als sie ist und durch eine wirksame Klimapolitik noch unübersichtlicher würde. Zu vieles würde sich ändern. Das Angebot, dies nicht zuzulassen, macht die AfD.

Wenn Deutsche mit Deutschen in einem Land mit eindeutigen Grenzen leben, was für Polen, Franzosen, Engländern etc. auch gilt, dann ist schon mal viel gewonnen. Das gilt um so mehr für die verschiedenen Kontinente. Wir leben sinnvollerweise unvermischt und mit uns in unserer Kultur „identisch“, sagen die sog. „Identitären“.  So ist es zu lesen beim unsterblichen Mastermind: „Die Blutsvermischung ist die alleinige Ursache des Absterbens alter Kulturen; denn die Menschen gehen nicht an verlorenen Kriegen zugrunde, sondern am Verlust jener Widerstandskraft, die nur dem reinen Blute zu eigen ist“ (A.H., Mein Kampf).  Ähnliches ließe sich über die Geschlechter sagen. Seit dem Paradies gibt es zwei, und jedes hat seine Aufgaben und Zuständigkeiten. Sogar der Papst ist dieser Meinung. Nieder mit Genderitis, mit dem Feminismus! Er kastriert den Mann, der schließlich nicht mehr weiß, was einer darf und was nicht. Nieder mit #MeToo!

Peinlich nur, daß unsere Alternativen ihrem Lieblingsfeind, dem politischen Islam, näher sind als sie vermuten. Er teilt das Bedürfnis nach Klarheit, Reinheit, Zweiwertigkeit ohne Grauabstufungen, allerdings zuweilen mit blutiger Konsequenz. Der IS etwa massakrierte (Jesiden) und zerstörte (Palmyra) alles, was seiner Meinung nach nicht mit ihm „identisch“ war. Die Staatsidee des Islam ist die globale Theokratie: Ein Gott, eine Menschheit, ein Paradies. Das kommt uns bekannt vor.

Das Nazi-Erbe der AfD findet, wer sucht, bald unter der demokratisch-parlamentarischen Oberfläche etwa im  wütenden Zurückweisen einer Scham- und Erinnerungskultur („Denkmal der Schande“, „Vogelschiß“). Tiefer und die Denkstruktur elementarer bestimmend ist die Angst vor „Überfremdung“. Deshalb propagierten die Nazis „Rassereinheit“ und entwickelten dazu eine Hierarchie der Rassen, deren höchste, die arische, die anderen unterdrücken und ausbeuten durfte. So weit gehen die Höckes noch nicht. Sie glauben aber ein Verlangen beträchtlicher Mengen des Wir-sind-das-Volk-Volkes, der Pegida-Marschierer nach abendländischer Einfachheit, Übersichtlichkeit bemerkt zu haben und wollen es bedienen. Es ist die Angst der Desinformierten, Denkfaulen, geistig Abgehängten, Argumenten Unzugänglichen, die kein „Aufklärer“ qua Wissenschaft beschwichtigen könnte. Sie haben keine Angst vor einer „illiberalen Gesellschaft“, weil sie von keiner Gedanken- bzw. Rede-„Freiheit“ profitieren. Im Gegenteil. Immer noch suchen sie nach einem Führer, der endlich dem ganzen libertären Gelaber ein Ende bereitet. „Wenn Hitler nur nicht den Krieg angefangen hätte…“ Alles andere war ja das seinerzeit Gewünschte und wäre es heute noch.

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Letale Pneumonie

Der Patient, der bisher nur schwitzte, hustete und krächzte, nichts Besonderes bei einem Kettenraucher, muß nun doch wohl auf die Intensivstation. Seine Lunge hat ein Loch, das sich stetig vergrößert und dessen Ränder als lodernde Feuer vom Weltraum aus zu beobachten sind.  Dr. Macron, und nicht nur er,  ist jetzt anscheinend dort, wohin Greta Thunberg alle Politiker dieser Welt schon seit einem Jahr schicken will: in Panik. „Unser Haus brennt!“ schreit er, aber keine Feuerwehr weit und breit. Im Gegenteil: der Brandstifter Jair Bolsonaro glaubt an sein Recht als Waldbesitzer und verbittet sich jegliche Einmischung. Dieser Wald gehört ihm Und außerdem wurde er von seinem Volk gewählt. Dieses Volk möchte dort, wo bisher der Wald seit Jahrtausenden hirnlos vor sich hin wucherte, nützliche Dinge tun: Rinder züchten, um sie nach Europa und China zu transportieren, Soja anbauen, um diese Rinder zu ernähren, Gold und Bodenschätze aller Art aus dem Waldboden kratzen, damit aus dem armen Brasilien ein reiches Land werde. Das hat Bolsonaro versprochen. Deshalb wurde er gewählt. Ein Schelm, wer jetzt etwa denkt. der Brasilianer sei wohl nur ein Klon des Donald aus dem Norden. Auch der wurde gewählt, um sein Land „great again“ zu machen. Und jetzt hat die Welt den Salat. Sogar die Kanzlerin bedauert, was sich gerade  in den Lungenbläschen der Erde abspielt, aber wie immer hält sie sich mit Wort und Tat zurück.

Eigentlich müßte die Weltgemeinschaft sich zu einer Invasion Brasiliens entschließen, ein strenges Rauchverbot erteilen und den Präsidenten als Feuerwehrmann in angemessener Schutzkleidung an die Front schicken. Diese Invasion wird aber so wenig stattfinden wie die Errichtung einer globalen Öko-Diktatur. Dann lieber die Sintflut. Und die steht, auch wenn es zur Zeit so heftig lodert, bevor. Die suizidale Tendenz von Homo sapiens sapiens kann trotz aller „Weisheit“ nicht mehr übersehen werden, bestätigt der brasilianische Biologe und Amazonas-Experte Antonio Donato Nobre: „Die Menschheit begeht Selbstmord. Um diesen Irrsinn aufzuhalten“, fährt er fort, „müßten wir eigentlich einen Ausnahmezustand verhängen. Doch Brasiliens Regierung ist in den Händen der Abholzer. Und auch alles andere, was die Regierungen der Welt bisher unternehmen, ist völlig unzureichend und heuchlerisch.“ Und er ist weiterhin ganz bei Greta, wenn er fordert: „Der Rest der Welt muß aufhören, Soja, Rindfleisch und Edelholzer zu konsumieren, für die der Regenwald abgeholzt wird.“

Die Entzündung der Weltlunge verstärkt die letalen Tendenzen im Umgang der Menschen mit ihrem einzigen und einzigartigen Habitat. Als ginge es nicht schon schnell genug. Als wollten wir es endlich hinter uns bringen. „Irrsinn“ nennt es Nobre. Im Zeitalter der Wissenschaft und der allgegenwärtigen Medien kann man nicht umhin anzunehmen, daß die „Methode“, die in diesem Irrsinn steckt, nicht mit Nichtwissen, sondern nur mit dem erklärt werden kann, was Sigmund Freud angesichts der universalen und geschichtsbeherrschenden Kriegslust „Todestrieb“ nannte. Der Trieb steuert uns in die Katastrophe, und gleichzeitig verhindert ein ebenso universeller Verdrängungsmechanismus, daß wir uns das Ende schonungslos vor Augen führen. Die Abholzer und Bolsonaros stecken in unendlich vielen Menschen, und es scheinen immer mehr zu werden. Das Kraut dagegen? Wohl kaum die Demokratie, wie wir sie kennen.

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„Greta ist das Böse“

Vor einem Jahr stellte Greta zum ersten Mal ihr Pappschild auf. Während sie 12 Monate später auf New York  zusegelt, sammeln einige in Trump-Country das Holz für den Scheiterhaufen. „Greta=Evil“ twitterte Patrick Moore, der Vorsitzende der „CO2 Coalition“, eine den Klimawandel leugnende Organisation. Ihre Hintermänner seien, schrieb Moore im SCIENTIFIC AMERICAN, „mit Hitler vergleichbar“.  Steve Milloy, einst mit Umweltfragen in Trumps Team beauftragt, meinte: „Sie ist ignorant, manisch und wird gnadenlos von erwachsenen Klima-Bettnässern ausgebeutet, die von Putin finanziert werden“. BREITBART wünscht ihr einen Walangriff und – immerhin! – die Rettung durch einen Öltanker. Viel fehlt nicht mehr, und der schon häufig gezogene Vergleich mit Jeanne d’Arc ist perfekt, sowohl auf der Seite der Heiligenverehrer wie derer, die den Prozeß mit dem Scheiterhaufen in ihrem gottgefälligen Sinne beendeten.

Natürlich ist es nicht Greta als Person, das „zopfgesichtige Mondgesicht-Mädchen“, wie der brandenburgische AfD-Kandidat Kaubitz sie zu verspotten versuchte, die die Inquisitoren auf den Plan ruft, sondern der diese verstörende Erfolg der „Fridays for Future“-Bewegung. Aber wer glaubt, dieser Bewegung gehörten die Sympathien der Mehrheit, könnte sich getäuscht haben. Nicht nur die AfD hat Greta als Feindbild im Visier (Gauland: „Wir hatten schon mal einen Kinderkreuzug“). In den  sozialen Medien läßt sich auch ein Gegentrend beobachten, der sich zusammenfassen ließe mit einem Post auf der digitalen FAZ-Kommentarseite: „Die Irrationalität gewisser Oberschichten ist für einen rational denkenden Menschen kaum auszuhalten.“ Dieser seine Rationalität leidenschaftlich bekennende User bezog sich auf Statistiken, die die jungen Freitags-Demonstranten vor allem in der gebildeten Mittelschicht, in den Gymnasien ausmachte. Die hätten, so der User, ein Luxusproblem und koppelten sich von der rauen Wirklichkeit arbeitender Menschen ab. Mit ähnlichen Argumenten wehrte sich lange die Arbeiterpartei SPD seit den Kanzlertagen Helmut Schmidts, sich ernsthaft mit dem Umweltproblem zu beschäftigen. Auch deshalb wuchsen damals die Grünen wie Tumore im Fleisch der alten Tante Sozialdemokratie.

Wenn selbsternannte Rationalisten systematisch und notorisch nicht wahrnehmen wollen, was ihnen die Wissenschaft täglich unter die Nase reibt, dann ist die psychologische Analyse gefragt. Schon Kant wußte, daß es unter formal durchaus intelligenten Menschen ausgesprochene Dummköpfe gibt, wenn es um die persönliche bzw. gesellschaftliche Umwelt geht. Dieses Sich-dumm-Machen etwa unter Berufung auf eine höhere Intelligenz kann religiöse Ursachen haben (Nur Gott kann eine Klimawandel herbeiführen) oder – und das ist wohl überwiegend der Fall – A n g s t. Sie wehrt etwas Unerträgliches ab nach dem Morgenstern’schen Palmström-Prinzip, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Dann ist es im Zweifel die gesamte wissenschaftliche Community, die die „Klimarettung als Ersatzreligion“ (Gauland) vor sich herträgt. Und jene, die „Wir sind das Volk“ schreien, haben die Angst eben dieses Volkes vor Veränderungen tiefgreifender Art auf ihrer Seite. Dafür müssen die Migranten wie die Klimahysteriker verschwinden, ja im Wahlkampf lassen sich die einen durch die anderen ersetzen, wie man gerade in Sachsen und Brandenburg beobachtet. Reaktionäre wie Gauland und Konsorten wollen ja, daß alles wieder so wird wie es nie war. Und damals gab es keinen Klimawandel, nur ab und zu heiße Sommer und Überflutungen. Damit können wir leben. Das Mantra heißt dann: Klimawandel hat es immer gegeben. Was aber den gegenwärtigen von dem, den es immer gab, unterscheidet, davon wollen wir lieber nichts wissen. Es könnte uns sprachlos machen und die Angst unerträglich.

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„Für Pessimismus ist es zu spät“

Diesen Satz eines Klimaforschers zitiert die Autorin Eva Menasse in einem Essay zum Thema „Verschwinden der Öffentlichkeit in der digitalisierten Welt“. Jeder – so Menasse im Einklang mit dem soziologischen Befund – sei heute potentiell seine eigene Öffentlichkeit in seiner je eigenen Blase (wie auch der DREYZACK, könnte man ergänzen). Die Leitmedien wie überregionale Zeitungen und das Fernsehen verbreiten kein Wissen mehr über die Welt für die meisten Menschen. Sie glauben und halten für wahr, was in der jeweiligen Blase kommuniziert wird. Etwa, daß die Rede vom Klimawandel Produkt einer großen Verschwörung sei, die den Menschen das Leben mit der Schlagzeile „Du sollst verzichten“ vermiesen wolle. Die Wähler von Trump, der AfD und einige kreationistisch befeuerte Christen stehen auf gegen diese Verzichts-Zumutung. Auf der anderen Seite suchen jene, die der Wissenschaft zutrauen, die Wahrheit nicht zu verschweigen, nach einer Haltung angesichts dessen, was Menasse in Anlehnung an den Klimaforscher Gernot Wagner das „perfekte Problem“ nennt. Soll man, wenn sowieso nichts hilft, weil eben das Problem sich zur Perfektion entwickelt hat, weiterleben wie bisher? Soll man sich wie der fromme Bäumchenpflanzer angesichts des Weltuntergangs verhalten und dennoch ehe das Licht ausgeht ein neues Pflänzchen eintopfen? Soll man Optimist sein, weil, wenn man nichts tut, alles noch schlimmer wird? Oder soll man rational und illusionslos Pessimist, gar Zyniker werden?

All diese Optionen setzten voraus, daß das, worauf reagiert werden soll, uns noch bevorsteht. Dabei sind wir mitten drin. Dies zu verdrängen, darin bestand unser aller Lebenslüge. Deshalb ist es für Pessimismus zu spät. Vor 20 Jahren war das noch anders, aber die Zeit haben wir heute hinter uns. Wir hätten es wissen können, wußten es auch seit den Siebzigern und wollten es zugleich nicht wissen. Das Denken in Weltuntergangsszenarien, wenngleich durchaus rational angesichts der „Grenzen des Wachstums“, erschien uns mythologisch, eine apokalyptische Religion gegen die überlieferte der Rettung, des Gottvertrauens.

Eva Menasse, die ihre eigene Verzweiflung eingesteht, indem sie befürchtet, daß wir uns einen neuen Anfang „wahrscheinlich ohne uns vorstellen müssen“, schöpft ihre paradoxe „Hoffnung“ aus dem, was die kleine Schwedin mit den Zöpfen losgetreten hat. Greta Thunberg empfahl bekanntlich den Politikern und Experten, die ihr zuhörten, die Panik als einzig angemessene Reaktionsform. Eva Menasse hält es analog dazu für angemessen, „daß neben der Wut vielleicht die Verzweiflung die große Emotion ist, die die Fähigkeit hat, Menschen über alle Differenzen hinweg zusammenzubringen“.

So endet der Essay, indem er auf die protestierenden zukünftigen Bewohner der unbewohnbar gewordenen Erde blickt mit einer paradoxen Hoffnung: „Die Verzweiflung unserer Kinder ist die Hoffnung, die wir noch haben können. Ihre Streiks und Demonstrationen sind eine Wiederkeht alter, wirksamer, für alle sichtbarer Öffentlichkeit. Für uns alle gilt jedenfalls nur noch dieser eine Satz: Für Pessimismus ist es zu spät“. 

Eva Menasses Hoffnung , um einem Mißverständnis vorzubeugen, richtet sich nicht auf die Rettung.

 

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Fünf vor zwölf oder fünf nach zwölf?

Ende Juli färben sich die Bäume, die Blätter kräuseln sich, Laub fällt herab wie im Herbst, und  aus dem Freibad ertönt das lebensfrohe Kreischen der Kinder angesichts des „Traumsommers“. Die Bäume erwarten ihr Ende, ganze Wälder gleichfalls ,und das Leben mit seinen vielfachen Freuden geht seinen Gang. Für die Bäume ist es zu spät, für die Kinder fängt das Leben an, im Zweifel mit deutlich weniger Bäumen und Wäldern. So what. Wir leben ja nicht im Wald, sondern in Häusern.

Jene, die sich nicht mehr einfach auf die Zukunft freuen können, kreischen nicht vor Freude, sondern schreien vor Wut. Sie schreien den Politikern ins Gesicht, sie sollten die Expertisen der Wissenschaft zur Kenntnis nehmen und entsprechend handeln, in Panik geraten. Wer das Treiben von Politik und Wissenschaft seit den siebziger Jahren beobachtet, wird eine Floskel immer wieder antreffen: „Es ist fünf vor zwölf“. Diese fünf Minuten – und das hat der Brexit-Prozeß geerbt – wollen nicht aufhören. Politiker mahnen, man müsse ihnen Zeit lassen und die „Leute mitnehmen“. Unterstellt wird, man habe noch die erbetene Zeit. Dann wäre es heute immer noch „fünf vor“ wie seit 50 Jahren. Das bestreiten aber sowohl Wissenschaft wie Fridays for Future. Aber was sollen wir machen? antworten die Politiker. Die Welt ist kompliziert, die Regeln, nach denen wir, zumal in Demokratien, verfahren müssen, sind einfacher nicht zu haben. Kohleausstieg ist 38. So haben wir das einvernehmlich vereinbart.

Dabei wächst die Zahl derer, die „mitgenommen“ werden wollen durchaus in der Saharahitze, von Woche zu Woche, nachdem sie lange genug sich um nichts kümmerten. Aber kein Bus kommt zum Mitnehmen vorbei. Also steigen sie wieder ins Billigflugzeug und fliegen auf die Kanaren. Warten bringt nichts, und leben tun wir nur einmal. Und ich allein soll auf die Schönheiten des Lebens verzichten – seit wann ist der kategorische Imperativ Gesetz? Der würde vorschreiben, daß ich nur so handeln soll, daß mein Handeln als Grundlage eines verbindlichen Gesetzes für alle taugt. Wenn ich ohne Flugscham nach Barcelona düse, wäre die Freiheit, die ich mir erlaube, Grundlage des Gesetzes, das da lautet: „Freier Flug für freie Bürger.“ Laut sagt das kaum noch einer – oder? Doch: Trump sagt das, die FDP sagt das, die Rechten in der Union sagen das, die AfD sowieso. Und die es nicht sagen, glauben immerhin, daß man nichts verbieten darf, denn dann fühlten sich die Leute nicht „abgeholt“ und werden motzig wie die Gelbwesten. Und wer zuviel von Verboten redet, kriegt gleich die passende Antwort vom Wähler: Verbotspartei – nein danke! Lieber nicht an das Klima denken. Vielleicht ist es ja doch nur „Wetter“.

Dieser letzte geheime Wunsch, es könne sich die ganze Klima-Apokalyptik letztlich doch als pseudoreligiöse Angstmacherei interessierter Verschwörer (die Wissenschafts-Community) herausstellen, wird ungewollt von der Wissenschaft selbst befördert. Auch sie schiebt die Stunde Zwölf, den Point of no return, letztlich das Ende der irdischen Lebensbedingungen, immer vor sich her, kontrafaktisch, wie man sagen muß. Denn die Fakten, die sie seit einiger Zeit kundtun, sagen eindeutig: Es ist fünf nach. Die Einschränkung „Wenn wir weltweit unser Verhalten nicht ändern“ ist nichts als das Eingeständnis des Zu spät. An die globale Verhaltensänderung können nur die unerschütterlichen Anhänger eines religiösen Prinzip Hoffnung glauben. Gott wird es nicht zulassen, daß wir seine wunderbare Schöpfung in Flammen aufgehen, im Plastikmüll ersticken lassen.

Erklären läßt sich die paradoxe Haltung der Experten nur damit, daß auch ihre Psyche nicht den logischen Regeln der Wissenschaft folgt  Auch die Wissenschaftler haben Angst. Vor der Unumkehrbarkeit, die sie voraussagen. Vor dem Tod. Wie jedes Individuum. Die meisten Menschen leben so, als seien sie unsterblich. Tod ist kein Thema. Er zwingt ins Paradox. Und wer jetzt nicht nur denken, sondern aussprechen würde: „Es ist zu spät“ – könnte wirklich den finalen Fatalismus erzeugen, dem nur noch der Glaube an ein besseres Leben im Jenseits beikommen kann. Die Weltreligionen haben, klug wie sie sind, dies eingepreist, als sie die irdische Welt zum Jammertal erklärten und das Paradies ausmalten wie der Koran, als grandiosen Gegenentwurf zur Sahelzone, in die sich bald die ganze Erde verwandelt haben wird:

„Siehe, für die Gottesfürchtigen ist ein seliger Ort, Gartengehege und Weinberge, Jungfrauen mit schwellenden Brüsten, Altersgenossinnen und volle Becher.“ (Sure 78, 33-34) – Tja, wenn das so ist, brauchen wir keinen Klimaschutz. Konvertieren reicht.

 

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Jeremia, Greta und die blaue Murmel

Weh, genommen und erobert / ist der Ruhm der ganzen Erde / Weh, Babel ist zu einem Bild des Entsetzens geworden / Das Meer überflutet Babel / Vom Schwall seiner Wogen wird es bedeckt / Seine Städte werden zur Wüste / Ein Land der Dürre und der Steppe / wo niemand wohnt und wo kein Mensch mehr hindurchzieht (Jeremia 51, 41-43)  

Die Grüne Katrin Göring-Eckardt nannte Greta Thunberg kürzlich eine Prophetin. Das war bewundernd gemeint. Für ihre Gegner und Hasser ist die Schülerin auch eine Prophetin, aber eine „Prophetin der Apokalypse“ oder ein „Guru des Niedergangs“. Das ist abwertend gemeint. Von der „Apokalypse“ reden nur, würden Christian Lindner und seine heimlichen Gesinnungsgenossen in der AfD  und woanders sagen, pseudoreligiöse Spinner, die mit der Wissenschaft der Experten fremdeln.

Gretas kurze aber wirkungsvolle Reden („Ich will, das ihr in Panik geratet!“) erinnern weniger an den Propheten Amos, wie Göring-Eckardt meint, sondern an Jeremia, der den Untergang vorhersagt und beklagt. Wenn wir Babel mit der globalisierten Menschheit auf ihrem einsamen Planeten gleichsetzen, wird der Vergleich plausibel: die wunderbare blaue Kugel, die uns jüngst anläßlich der Erinnerung an die Mondlandung wieder in ikonischen Bildern vor Augen geführt wurde, als Ort, „wo keine Mensch mehr hindurchzieht“. Noch sind es einzelne Landschaften und Orte, die von Menschen verlassen werden, weil sie dort klimabedingt nicht mehr leben können. Bald werden es ganz Afrika und andere Länder des globalen Südens sein, wo Menschen und auch Tiere nicht mehr wohnen können, etwa weil sie keinen bearbeitbaren Boden, kein Wasser mehr haben oder im Meer ertrinken.

Kürzlich wehrte sich Greta in der Französischen Nationalversammlung gegen die Anfeindungen von demokratisch gewählten Volksvertretern: „Müssen wir Kinder uns verhöhnen und lächerlich machen lassen von gewählten Volksvertretern? Wir sind die Kinder, aber vielleicht seid ihr nicht reif genug, um der Realität ins Auge zu sehen.“  Was sie hier als „Unreife“ vorführt, mag man auch auf die berühmte Schwarmintelligenz beziehen, die Herrschaft von meist politischen Menschenballungen (Republikaner etc.), die mit den Regeln der Demokratie als Rüstung, dem Mehrheitsprinzip, alles tun, um ihre eigenen Existenzbedingungen zu zerstören. Sie wählen die Trumps, die Bolsonaros, die Johnsons, und niemand kann ihnen vorwerfen, ihre Entscheidungen verletzten die Regeln, die sich eine aufgeklärte Menschheit nach langen Kämpfen. Kriegen und Revolutionen selbst gegeben hat. Alternativlos, wie es scheint.

Die Demokratie, verstanden als Herrschaft des Volkes, der Mehrheit, ist die heilige Kuh, die wohl geschlachtet werden müßte, um die Verbote durchzusetzen, die allein den Planeten retten könnten. Es geht um Verbote und viel Geld, d.h. Einbuße an Lebensqualität, um nur das Minimalziel physische Existenzbewahrung zu erreichen. Es geht um den schlimmen Begriff „Öko-Diktatur“. Die will auch Greta nicht, aber es wird keinen anderen Weg geben, wenn denn einer übrig bleiben soll. Solange Trump und Konsorten die Chance haben, gewählt zu werden und infolgedessen etwa der Regenwald verschwindet und klimaschützende Vereinbarungen geradezu zynisch mißachtet werden, muß das systematisch verblödete Volk, der Demos in seinen rasenden SUVs, wie ein Kind behandelt und ihm die Verantwortungsreife abgesprochen werden.

Wir sind, anders als die Putins und Orbans sich das vorstellen, quasi zwangsweise in ein postdemokratisches Zeitalter eingetreten und wissen es noch nicht. Einige mögen es ahnen. Es geht nicht um „gelenkte“ oder „illiberale“ Demokratie zur Erhaltung der Macht herrschender Cliquen, sondern um eine Art Reifezeugnis, das von jedem zu erwerben wäre und das seinen Informationsgrad hinsichtlich der globalen Gefahren und Möglichkeiten beschreibt.  Es gibt unter den Anhängern Trumps wahlfähige Bürger, die die Erde trotz aller Bilder für eine Scheibe halten. Jene Bilder seien nämlich gefakt. Dabei ist die  Trump-Welt eine alle Bereiche durchdringende Lüge, „deep fake“, und ein Element dieser Lüge besteht darin, daß die Klimakrise von den Chinesen erfunden wurde und ergo nicht existiert. Wenn wir dieser Lügenwelt noch genügend Zeit lassen bis zum Zusammenbruch, werden wir allesamt mit ihr untergehen.

Es sieht so aus, als könnten wir uns die vertrauten demokratischen, diese zeitraubenden Spielregeln nicht mehr leisten oder müßten, wie die antike Römische Republik in schweren Krisenzeiten, so etwas wie einen zeitlich befristeten Diktator einsetzen. Über die damit verbundenen Gefahren muß nicht gestritten werden, aber man kann heute damit rechnen, daß das untergehende Raumschiff Erde, die blaue Murmel, wahrscheinlich anders nicht zu retten ist. Weil aber die Idee einer globalen Öko-Diktatur völlig unrealistisch erscheint, sollte man alle Hoffnung fahren lassen und zuvor in Panik geraten.

 

 

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