Bergpredigt für IS-Rückkehrer

Was machen wir mit ihnen? – Der Theologe und Philosoph Jürgen Manemann (im DEUTSCHLANDFUNK) will ihnen mit der Bergpredigt begegnen, diesem Herzstück der jesuanischen Botschaft, in der sich die Aufforderung findet: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verachten“ (Matth. 5, 44).

Manemann charakterisiert die Feindesliebe als entscheidendes Gebot, das angesichts grassierender gesellschaftlicher Verfeindungen eine weit über das christliche Umfeld hinausreichende Bedeutung habe. Eine grandiose Verharmlosung! Das Feindesliebe-Gebot will nicht verfeindete Gruppen versöhnen oder ganz allgemein Frieden auf Erden stiften; es enthält vielmehr eine Utopie des Menschen, die ihn als realexistierenden immer überfordern wird. Jener Abschnitt der Bergpredigt, der den besagten Passus enthält, endet: „Ihr sollt also vollkommen sein wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Matth. 5, 48). Das entspricht jenem Gedanken, der im Schöpfungsbericht mit der Gottähnlichkeit ausgesprochen ist. Mit einem „realistischen“ Menschenbild, gar mit irgendeiner Praktikabilität hat er nichts zu tun.

Ob das „Virus Dschihadismus“, von dem Manemann spricht und für dessen Ausbreitung seiner Meinung nach die westlichen Gesellschaften wegen Sinnverweigerung auch Verantwortung tragen, mit Medikamenten aus dem Schrank einer unglaubwürdig gewordenen „christlich-jüdischen“ Kultur erfolgreich bekämpft werden kann, muß bezweifelt werden. Salafisten und Dschihadisten hassen die, die sich „Christen“ nennen, nämlich nicht als Christen, sondern weil sie in ihren Augen keine sind, vielmehr Heuchler und Verräter des eigenen Glaubens, also „Ungläubige“. Es herrscht, gerade was die Figur Jesus betrifft, zwischen Christentum und Islam ein elementares Mißverständnis. Von den umstürzlerischen Visionen seiner Predigten und Gleichnisse hat der Koran nichts begriffen und hält sie deshalb auch nicht für erwähnenswert. Wichtig ist ihm Jesu jungfräuliche Geburt, sind seine Wundertaten, sein Prophetentum, allerdings letzteres ohne jeden Inhalt. Er selbst nennt sich unmittelbar nach seiner Geburt einen treuen Diener Allahs (Sure 19, 30). Der dankt es ihm, verweigert ihm Kreuzigung und Ostern und holt ihn direkt und schmerzfrei in den Himmel. Viel bleibt nicht übrig von der umstürzlerischen Botschaft des charismatischen Wanderpredigers Jeschua Ben Joseph. Eigentlich nichts.

Der von vielen guten Menschen geteilte Grundirrtum Manemanns besteht darin, den Kämpfern des IS ihr „wahres“ Muslimsein abzusprechen. Deswegen hält er sie im Prinzip für heilbar wie jeden verirrten Kriminellen. Sie sind so wenig heilbar wie jene Katholiken, denen der sichtbar gewordene Degenerationsprozeß ihrer Kirche bis hin zu systemischen Untaten und mafiösen Strukturen nicht daran hindert, Papst und Hierarchie die Treue zu halten. Kriminologen und Psychologen wissen andererseits, daß, wer einmal die so stark tabuisierte Grenze zum Mord überschritten hat, zudem gerechtfertigt durch den Besitz der Wahrheit und gebilligt von seinem Gott, auf den Machtrausch, den ihm die Tat bescherte, nicht mehr verzichten will. Die IS-Mörder sind also keine Kriminellen, wie oft suggeriert wird. Sie sind ihres Gottes Krieger und Märtyrer. Und wenn sie Frauen versklaven und vergewaltigen tun sie dies zum Ruhme dieses Gottes, den sie während ihrer Taten unentwegt anrufen, um seiner Zustimmung gewiß zu sein. Das unterscheidet sie ums Ganze von säkularen Sexualtätern und Mördern.

Wenn Manemann uns auffordert, „mit diesem Feind so umzugehen, daß wir uns weigern, ihn zu dehumanisieren“, setzt er voraus, daß ein Glaubenskrieger mit der göttlichen Lizenz zum Kopfabschneiden und Vergewaltigen von seinen Kritikern nicht als „Mensch“ gesehen wird. Irrtum! Er ist vielmehr so menschlich wie alle anderen Fanatiker, die im Auftrag eines Gottes „Unmenschliches“ tun. Sein besonderes „Vergehen“ besteht allerdings darin, daß er filmte und medial verbreitete, was er tat.  Zu den religiös motivierten Fanatikern haben auch immer Christen gehört. Ihre Taten röteten seinerzeit, auch wenn es keine Videos gibt, das Wasser afrikanischer und amerikanischer Flüsse. Und zu Hause legte ihnen sogar der heilige Thomas von Aquin nahe, zum Wohl der Kirche Ketzer zu verbrennen. Es ist im Zweifel die allzu leidenschaftliche, vielleicht falsch verstandene Treue zu einem Gott selbst, die beim Dienst für diesen Gott den Verdacht der Dehumanisierung aufkommen läßt, auch wenn es keine ist. Sondern das Menschlich-Allzumenschliche im Glauben.

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Phallus im Kopf – zum Weltfrauentag

„Man kann, hält man sich an die Funktion des Phallus, Strukturen                             herausarbeiten, denen  die Beziehungen zwischen den  Geschlechtern                         unterworfen sind“ (Jacques Lacan, Die Bedeutung des Phallus)       

Eine Frau, Mitte zwanzig, betritt eine Bäckerei, stolz ihren Babybauch präsentierend. Die Bäckersfrau (um die 50, freundlich auf den Bauch blickend): „Was wird es denn?“ – Die werdende Mutter: „Ein Mädchen.“- Bäckersfrau (nun mit sachlichem Gesicht): „Na, Hauptsache gesund.“

Diese Bäckerin hat den Phallus im Kopf. Er bedeutet für sie, für die Gesellschaft, in der sie lebt und urteilt, das Wertvolle, Erstrebenswerte, ja Heilige, Göttliche. Die katholische Kirche teilt und bestärkt diese Haltung. Sie dekretierte einst und hält bis heute daran fest, daß nur ein Mensch im Besitz des Phallus das Evangelium in der Nachfolge Christi verkündigen dürfe. Überhaupt hätten sich die Penislosen mit niederen Funktionen zufriedenzugeben in der Kirche. Der Psychologe Lacan nannte den Phallus den wichtigsten „Signifikaten“ der patriarchalen Welt. Auch ältere Kulturen als die christliche verehrten den Phallus in Standbildern als einen Gott, als Symbol des göttlichen Gesetzes. Gewissermaßen repräsentiert er bis heute den männlichen Monotheisten-Gott. Und es sind überwiegend die Frauen, die ihn anbeten und sich als Schwangere wünschen, solch einen Phallusbesitzer zu gebären, den man etwa in Deutschland vor nicht allzu langer Zeit „Stammhalter“ nannte oder als „Prinzchen“ liebkoste und verwöhnte. In der Welt und Sprache Shakespeares bezeichnete man hingegen vor 500 Jahren jenen Körperteil, der bei Frauen die Phallus-Stelle besetzt, als „Nothing“ – als Nichts (Much Ado About Nothing – „Viel Lärm um Nichts“). Ein Nichts kann weder bedeutend noch heilig sein, im Gegenteil. Es hat vielmehr die Tendenz, schmutzig zu sein. Das galt auch lange vor Shakespeare und gilt in den meisten Weltgegenden und den dazugehörenden Religionen bis heute. Vor allem sind es die Frauen selbst, die diese Geltung bekräftigen, indem sie sich etwa der Patriarchenwelt der Kirche hingebungsvoll ausliefern, egal wie sehr die Männer der Kirche sie nicht wertschätzen, verachten oder gar mißbrauchen oder vergewaltigen.

Die Weiblichkeit, die mit jedem zweiten Kind einen Phallus zur Welt bringt, verstärkt dessen Bedeutung und Wirkung, indem sie die kleinen Phallus-Träger zu großen, starken, machtvollen Egomanen erzieht. Diese Arbeit zu solcher Stabilisierung des Machismo wird ihr aber nicht gedankt. Im Gegenteil. Die unentgeltliche Kinderaufzucht, im wesentlichen von den Frauen geleistet, führt zu geringeren Löhnen, höherem Armutsrisiko, niedrigeren Renten, schlechteren Karrierechancen und begrenzter politischer Repräsentanz, sprich: Macht. Nachdem aber die Versorgungsehe zumindest in den fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften als Lebensmodell ausgespielt hat, käme es darauf an, daß die Männer, die eine Familie wollen, sich solidarisch die mit der Erziehungsarbeit verbundene Mühe und Zeit mit ihren Frauen teilen. Das tun aber nur wenige und berufen sich meist darauf, daß sie mehr Geld für die Familie verdienen. Ein scheinheiliges Argument, das willentlich übersieht, daß die Schul- und Universitätsabschlüsse der Frauen sich wegen der Kinderaufzucht nicht im gleichen gerechten Maße in Einkommen und Karriere umsetzen lassen – trotz meist besserer Abschlüsse.

Die Mehrzahl der Männer ist zu solcher Solidarität nicht bereit, und ihre Frauen verlangen sie auch nicht, erhoffen sie vielleicht in der ersten Zeit der rosigen Verliebtheit. Solidarität mit Wesen, die sie nicht verstehen und auch nicht verstehen können, erscheint den meisten Männern als unzumutbare Forderung. Frauen sind anders, auch deshalb erotisch begehrenswert, aber ihr Gefühls- und Seelenleben gleicht dem von Aliens. Vice versa gilt das natürlich auch, weil die Patriarchenwelt immer schon, worauf auch ihre heiligen Schriften hinweisen, auf diesem gegenseitigen Fremd- wenn nicht Feind-Sein bestanden hat. Die ungeheure Zahl täglicher Vergewaltigungen nicht nur in Indien und Afrika beweist das.

Die eigentliche Tragik des Gender-Dilemmas mag man darin sehen, daß Frauen es nicht nur fertig bringen, Trump zu wählen und den Papst zu verehren, sondern daß es vor allem die Frauen als Mütter sind, die die phallische Kultur in der Erziehung ihrer männlichen Babys perpetuieren und stärken.

Mütter machen Machos.

 

 

 

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Wie ein geprügelter Hund…

… saß Bischof Ackermann und mit ihm seine Kirche nach dem römischen Mißbrauchs-Spektakel in der Talkshow „Anne Will“ (24.2.) und wich den Steinen, die auf ihn geworfen wurden, eher hilflos mit dem Hinweis etwa auf Diskussionsverbote von Johannes-Paul II aus, die das Priesteramt von Frauen in der katholischen Kirche betrafen. Jener Papst habe nun ein für allemal nicht erlaubt, dieses Thema weiter zu diskutieren. Die Kirche, die keine nachvollziehbaren Argumente hat, ist einerseits froh, der Peinlichkeit dieses Problems mit Berufung auf den polnischen heiliggesprochenen Reaktionär zu entgehen, andererseits müßte sie, wäre sie aufrichtig, das klägliche Versagen anläßlich der Vatikan-Tagung genau darauf zurückführen, daß sie in der Geschlechterfrage und der Debatte über Sexualmoral jede Öffnung verweigert. Sie weiß, so sind ihre Verlautbarungen zu verstehen, anscheinend noch nicht einmal, warum das nötig wäre und will es auch nicht wissen.

Es gibt zur Verweigerung des Frauen-Priestertums kein logisches Argument, nur ein erstes, das historisch-dogmatisch und zugleich mißbrauchsbezogen verräterisch daherkommt (Es war immer so, daß ein Priester Hoden und einen Penis braucht!) und ein zweites: Frauen (die nur eine Vagina haben, die blutet) sind sowohl unrein wie Werkzeuge des Teufels, die als solche die durch Stimulation ihrer heilsnotwendigen Genitalien natürlicherweise verführbaren und ergo beklagenswerten Priester verdorben haben. Die Frau ist entsprechend das Feindbild, der Paria der patriarchalischen Hierarchie. Jungen, lebensunerfahrenen Männern, die nicht die Frauen und sich selbst nicht kennen und gleichwohl für den Priesterberuf entscheiden, wird zugemutet, daß sie die Tragweite solcher Entscheidung zur psychischen Selbstkastration einschätzen können. Die ungeheure Zahl der Mißbräuche zeigt, daß es zu vielen nicht gelingt. Die Zahl derer, denen es auch nicht gelingt, die aber den Schritt zum Verbrechen nicht tun, vielleicht weil ihnen Knabenhintern nicht zusagen, mag viel größer sein. Auch in ihrer Schuld steht die Kirche. Auch sie sind Verstümmelte wie die beschnittenen Mädchen Afrikas, Opfer, derer nicht gedacht wird. Die „heidnischen“ Kinderopfer, von denen Franziskus dunkel raunte, sind eben nicht nur „heidnisch“. Sie sind heute fast ein Alleinstellungsmarkmal der katholischen Kirche. Die Kirche opfert ihre Kinder, um sich selbst zu bewahren.

Eines der männlichen Opfer, Matthias Katsch von der Opfer-Vereinigung „Eckiger Tisch“, brachte am Ende der römischen Tagung seine Enttäuschung, seine Wut auf den Punkt: „Die Rede des Papstes ist der schamlose Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, ohne sich der Schuld und dem Versagen zu stellen und wirkliche Veränderung anzugehen.“ Andere Beobachter des Treffens äußerten die Ansicht, der Papst habe seine historische Rolle bzw. Möglichkeit als Reformpapst verspielt. Ihnen muß entgegengehalten werden, daß es nicht in eines Mannes Rolle sein kann, den Reformpapst zu geben, wenn Reform als reale und radikale nur Selbstzerstörung bedeuten würde. Daß die Kirche, wie es ein Tübinger Theologe und Jurist ausdrückte, zum „Hotspot der Kriminalität“ werden konnte, hat nur wenig mit ihrer jüngeren Vergangenheit zu tun. Das Verbrechen wurzelt tief im Genom dieser Organisation seit ihren Anfängen wie in dem ihres Geschwister, dem Islam. Beide wie auch Altes Testament und Koran gegeneinander auszuspielen, wie es oft geschieht, ist sinnlos. Das Isaak-Kinder-Opfer z.B. preisen beide. Sie decken sich weitgehend in ihrem patriarchalen Gottes- und Menschenbild.

Die Kirche ist heute die größte Verbrecherschutz-Organisation weltweit. Wer immer ihr angehört und zugleich ihre Untaten beklagt, macht sich mitschuldig, wie der Jesuit Klaus Mertes, der zu den Initiatoren des bis heute weitgehend wirkungslosen Aufklärungsversuchs gehört. Die Rede des Papstes machte für ihn, wie er in einem Interview sagte, ein tiefes Kulturproblem deutlich. Sie erweckte den Eindruck, das Böse komme von außen und dagegen müsse gekämpft werden. An dieser Strategie, so Mertes, sei alles falsch. Die Rede des Papstes habe gezeigt, daß er noch immer die Wurzel des Übels nicht erkannt habe. Mertes glaubt hingegen, es erkannt zu haben, aber dennoch sieht er offenbar keinen anderen Weg zu seinem Gott als unter dem Dach dieses klerikalen Mißbrauch-Kartells. Verstehen kann das nur, wer Mertes und die, die ähnlich schizophren denken und argumentieren (wie etwa Doris Wagner), als Opfer früher Drogen-Verführung versteht. Die Sucht wird sie beherrschen vielleicht bis zu ihrem Tod. Mit „Gott“ oder Jesus, denen sie ja auch ganz persönlich begegnen könnten, hat das nichts zu tun, zumal Jesus von der Kirche schändlich verraten wurde. Wer Jesus „verstanden“ hat, muß die Kirche verlassen, sogar bekämpfen.

Zu den Desorientierten, Süchtigen gehört auch der Regisseur Werner Herzog, der eine Film-Eloge über Franziskus schuf („Ein Mann seines Wortes“). Franziskus ist aber in Wahrheit ein Dampfplauderer, Vielversprecher und Wortbrecher, und Herzog müßte einen neuen Film machen. Dieser Papst ist, entgegen der Wahrnehmung seiner Verehrer, nie in der modernen Wirklichkeit angekommen, sondern verharrt bei den Teufels-Gläubigen einer finsteren südamerikanischen Vergangenheit. Sein Glaube ist im wesentlichen Aberglaube. Satan, indem er Priester verführte, ist, so denkt der Papst, von außen aus dem Reich des Bösen in die Kirche eingedrungen. Mit ihrem eigentlichen Innern hätten die Verbrechen nichts zu tun, denn die Kirche ist heilig, „sakrosankt“. Werkzeuge des Bösen sind aber auch, so Franziskus, „ideologische Polemiken“ und „journalistische Kalküle“ einer gehässigen säkularen Umwelt – eine Argumentation, derer sich autoritäre Herrscher gern bedienen. Dort sind es „Volksfeinde“ und gehören ausgeschlossen, wenn nicht vernichtet. Nicht umsonst war der Katholizismus am stärksten in den iberischen Diktaturen Spaniens und Portugals des 20. Jahrhunderts.

Eine Kirche die sich die letzten drei rückwärtsgewandten Päpste leistete, wäre nur durch eine Revolution zu retten, wenn denn eine Rettung überhaupt wünschbar ist. Andernfalls wird sie immer wieder in die alten Denk- und Deutungsmuster fallen, dieselben Opfer, dieselben verzweifelten Hilflosigkeiten à la Ackermann produzieren. Man kann die klerikale Mafia, auch wenn sie vorgibt, „Gottes“ Gesetz und Botschaft als einzige legitim verkünden und durchsetzen zu können, nur als gewaltigen Bock im Garten der Menschheit einsetzen, wo sie dann abertausende, ja Millionen Seelen zerstört. Die weltlichen Staaten gewähren ihr dazu die Freiheit, die sie für sich fordert, u.a. eine Parallel-Justiz.

Die Opfer bebten vor Wut nach dieser vatikanischen Farce und ersticken weiterhin an ihrer Trauer über ihr beschädigtes Leben.  Aber es gibt, auch von Seiten des Staates, nur hilflose Gesten für sie. Die Scham darüber gebührt einer Zivilisation insgesamt, die sich als „christlich-jüdisch“ versteht, die aber nichts ist als eine frauenverachtende Patriarchen-Vergötterung und Patriarchats-Verlängerung auch in ihren säkularen Bereichen. Dafür steht die für Frauen furchteinflößende römische Zusammenrottung alter mitleidloser Männer in Kardinalsuniform, absolute Gegenbilder ihres Stifters, dessen Kreuz von ihren Hälsen baumelt. Dies ist ein wahres Zeichen für Blasphemie, die Pervertierung einer Botschaft der Liebe zu einer der Herrschaft um jeden Preis. Die Macht über die Menschen, die sie im Laufe der Jahrhunderte erworben haben, werden sie nie aufgeben wollen. Man müßte sie, „von außen“, wie der Teufel, dazu zwingen.

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Unheilbar oder: Der Fall Doris Wagner (4)

In einem atheistischen Internet-Shop konnte man einmal ein T-Shirt mit der Aufschrift kaufen: „Religion ist heilbar.“ Daran ist zu zweifeln. Manche Krankheit besiegt nur der Tod. Wer zwar nicht schon im Mutterleib, aber vom ersten Schrei an mit dem Virus infiziert wurde, wird ein Leben lang eine schmerzende Leere verspüren, die nur mit der Droge Religion oder, wie man heute gerne sagt, „Spiritualität“ aufzufüllen ist. Es gibt keinen gleichwertigen Ersatz für die Junkies, mögen sie noch so intelligent und gebildet sein. Falls der Zugang zur Droge versperrt ist, droht sogar Selbstmord. Die Krankheit ist eine zum Tode, um einen Buchtitel Sören Kierkegaards zu variieren. Gemeint ist dort und auch im aktuellen Kontext die Verzweiflung.

So beschreibt Doris Wagner, mit deren exemplarischem Schicksal der DREYZACK sich schon ausführlich auseinandersetzte, ihre Situation, in der sie glaubte, Gott verlange Unzumutbares von ihr (das Opfer ihrer Keuschheit, das ein Kleriker im Namen Gottes von ihr forderte) und deswegen müsse sie Gott die Glaubens-Gefolgschaft kündigen, vielleicht sogar sich umbringen. Sie tat es nicht, sondern trat aus ihrem katholischen Orden aus, machte die dort routinemäßigen Untaten publik, studierte Theologie und Philosophie und schrieb zwei Bücher. Deren Ambitionen sind scheinbar aufklärerisch, für eine Philosophin aber befremdlich inkonsequent.

Das markanteste Beispiel für dieses unphilosophisch-inkonsequente Vorgehen, wenn auch fast wie eine Nebensache versteckt, findet sich in der Schrift „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“. Die Autorin beschreibt eine katholische gemischt-geschlechtliche Gemeinschaft (ihre eigene oder eine dieser sehr ähnliche). „In der Gemeinschaft war der Altarraum während der Messe stets Männern vorbehalten worden. Er war ein heiliger Raum. Die Schwestern betraten ihn niemals. Frauen im Altarraum galten als anstößig. Es war, als würde ihre Anwesenheit dort den heiligen Raum beschmutzen.“  Der Leser erwartet an dieser Stelle eine Positionierung, eine Analyse, eine Klärung des Hintergrundes. Vergeblich. Die Philosophin fragt nicht weiter, wie es ihrem Beruf entsprochen hätte.. Die Theologin in ihr verbietet ihr offenbar das Fragen. Frageverbote sind essentiell für Glaubensgemeinschaften jeder Größenordnung. „Du sollst nicht fragen“ verbindet sich mit dem „Du sollst gehorchen“ zu einer ehernen Selbstfesselung des Geistes als Voraussetzung jeder Offenbarungs-Gläubigkeit. Doris Wagner beklagt zwar das strikte Frageverbot in ihrer Gemeinschaft, hat seine scheinbare Notwendigkeit aber so verinnerlicht, daß sie auch in ihrer nachträglichen Analyse die entscheidenden Fragen nicht zu stellen wagt. Etwa die nach dem Frauenbild (unrein, anstößig) ihrer Kirche. Sie müßte im Spiegel dieses vom eigenen Menstruationsblut beschmutzte Wesen ansehen und sich dem Urteil über ihre Minderwertigkeit fügen oder dagegen protestieren. Sie beschließt offenbar, dieses Problem, dessen sich die feministische Theologie schon lange angenommen hat, zu umgehen, es vielleicht einmal zu vergessen, kurz: den Spiegel künftig zu meiden. Daß sie die zitierte Stelle in ihrem Buch nicht getilgt hat, spricht aber dafür, daß im Hinterkopf die eigene Weiblichkeit sich empörte, wenn auch sehr zurückhaltend, fast furchtsam.

Doris Wagner trat aus dem Orden aus, wurde Ehefrau und Mutter und sagt heute in einem Zeitungsinterview zu ihrem Glauben: „Meinen alten Glauben und meine absurde Vorstellung, daß es eine kleine Gruppe von Männern in Rom gibt, denen Gott seinen Willen mitteilt und die dann verpflichtet sind, dem Rest der Welt diesen Willen kundzutun – diese Vorstellung habe ich natürlich komplett aufgegeben. Ich bin nach wie vor ein gläubiger Mensch, vielleicht sogar mehr als zuvor.“

Wie das? „Mehr als zuvor?“ Glaubt sie an den Vater, der sie, die nie erwachsen wurde, nie sich wirklich befreite zum selbständigen Denken, ohne Vermittlung der Kirche beschützt und leitet? Glaubt sie etwa an einen personalen und männlichen Gott, der im Altarraum den Geruch von Weiblichkeit nicht ertragen kann? Eigentlich ist doch die Mutterkirche eine Männer-Kirche, eine Vater-Kirche, und wer als böser Karikaturist die gegenwärtige Kirche darzustellen hätte in ihrer Mißbrauchs-Krise, könnte einen nackten Schmerzensmann zeichnen, der seinen Penis zum Knoten geschlungen hat, ohne allerdings verhindern zu können, daß der Knoten immer wieder aufgeht. Es handelt sich um ein Stück Fleisch, das seiner Bestimmung entsprechen will, nicht um einen Schnürsenkel. Soviel sei zur Ehre der Männlichkeit an dieser Stelle noch gesagt. Doris Wagner wiederum, um auch ihr zuletzt Ehre widerfahren zu lassen als aufgeklärte Philosophin, erwartet vom römischen Mißbrauchstreffen nichts Neues: „Ich nehme das Treffen als einen Akt der Hilflosigkeit wahr. Die meisten Bischöfe sind buchstäblich mit ihrem Latein am Ende. Sie haben keinen Plan, sind defensiv, wollen noch immer nicht verstehen, worum es eigentlich geht. Da ist viel Schwäche spürbar.“

An solches resignative Statement schlösse sich allerdings die Frage an, ob die Kirche überhaupt aus dem Dilemma zwischen Selbstlüge und Selbstaufklärung lebendig herauskommen kann. Lügend kann sie vielleicht noch eine Weile überleben, weil sie ihre Gläubigen von der Droge abhängig gemach hat. Selbstaufgeklärt bliebe ihr aber nur die Einsicht, daß eine erwachsene Menschheit ihrer nicht mehr bedarf. Ihre spirituellen Bedürfnisse können die Menschen an authentischeren Orten befriedigen. Und viele wissen das.

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Die Scham der Heuchler

Wir senken die Köpfe in Scham, daß Mißbrauch in unseren Kongregationen und Orden stattgefunden hat. Unsere Scham wird verstärkt dadurch, daß wir nicht realisiert haben, was vor sich geht.“ So zerknirscht bekennen sich die Oberen von Männer- und Frauenorden der katholischen Kirche vor dem Mißbrauchstreffen im Vatikan zu dem, was sie vor allem als unsäglichen Schaden für ihre Kirche, weniger für die Opfer, betrachten. Das hätte nicht sein, zumindest nicht ans Tageslicht kommen dürfen. Jahrhunderte lang ging es gut, muckte keines der Opfer auf – und jetzt?

Für den Kirchenhistoriker Hubert Wolf ist der Mißbrauch in der katholischen Kirche kein Phänomen des 20. und 21. Jahrhunderts. Wer seinen Verstand nebelfrei gehalten hat, wird dieser These ohne weiteres zustimmen und schlußfolgern: Der Mißbrauch ist so alt wie das System, dessen wichtigste Säulen Frauenverachtung, Sexualangst, davon abzuleitende menschliche Unreife der Priester, patriarchale Machthierarchie und die Furcht der Gläubigen vor Sünde und Hölle waren und sind. Auf diese Säulen kann die Kirche nicht verzichten.

Wenn sie von „Scham“ sprechen, blicken sie auf die Sündenbereitschaft in ihrem Innern und erkennen durchaus die Unmenschlichkeit der Forderung, den Kampf gegen diese Bereitschaft täglich zu führen auch um den Preis der Selbstverstümmelung. Sie schämen sich fremd angesichts dessen, der diesen Kampf verliert, den sie aber zugleich in seiner Not verstehen. Deshalb sind sie nicht besonders zur Aufklärung, die Selbst-Denunziation wäre, motiviert. Der Zölibat ist nur das sich zuerst aufdrängende Phänomen, das diese Verstümmelung, eigentlich eine Kastration, verursacht. Aber im Tiefsten handelt es sich bei dem Klerikern bis hinauf zu den Päpsten um die Unfähigkeit, mit der Zwei-Geschlechtlichkeit und damit Sexualität der Spezies Homo umzugehen. Sie bleiben in gewisser Hinsicht ihr Leben lang unreife Knaben, die Mädchen „doof“ finden, womit sie ihre abgründige Unsicherheit angesichts des Anderen, des Weiblichen überbrücken. Eine Konsequenz dieser nie überwundenen Unsicherheit ist der Vatikan als „eine der größten Schwulen-Gemeinschaften der Welt“, wie er aktuell von Frédéric Martel in seinem Buch „Sodoma“ charakterisiert wird. Die menschliche Sexualität ist plastisch formbar, auch in einer Welt, aus der Frauen größtenteils eliminiert sind, Knaben in großer Zahl aber zur Verfügung stehen. Und dann bleibt ja noch, wenn es doch (Ordens-)Frauen gibt, die Gewalt, die gleichzeitig mit meinem Trieb und meinem Haß auch meine Verachtung der Minderwertigen weil Unreinen befriedigt. Kompensiert wird das alles, um wenigstens einen Rest (Nächsten-)Liebe zu bewahren, mit dem Konzept der jungfräulichen Gottesmutter. Diese Frau darf ich schamlos lieben und verehren, denn sie hat alle Sexualität Evas hinter sich gelassen.

Der deutsche Kardinal Müller, der Steve Bannon unter den prominenten Klerikern, hat, ohne sich selbst offenbar zu durchschauen, die Homosexualität als Werk des Teufels verantwortlich gemacht für fast alle Mißbräuche, denn die meisten Opfer seien ja Jungen. Scheinbar geschickt macht er aus den Folgen der kirchlichen Sexualangst (vor Frauen) die Ursache. Männer, die in ihren Gemeinschaften wenig Möglichkeiten haben, sich an Mädchen zu vergehen, nehmen in ihrer Not auch Jungen. Sie werden quasi amtskirchlich verschwult. Man kennt das von anderen männlichen Gemeinschaften ohne Frauen-Kontakt. Der Teufel als Urheber solcher „Sodomie“, nicht das gottgewollte System einer heterosexuellen Schöpfung, steht immer zur Verfügung der rechtgläubigen Argumentation à la Müller.

Es gibt zwei triftige Gründe vorauszusagen, daß das „Mißbrauchstreffen“ in der Tradition des Hornberger Schießens ausgeht. Da ist zuerst die Unfähigkeit, den Systemcharakter des Phänomens Mißbrauch wahrzunehmen, was wiederum mit der Unverzichtbarkeit des Systems für die Einheit der Weltkirche zusammenhängt. Und dann ist es die römisch-katholische Weltkirche selbst, wo es das Phänomen Mißbrauch etwa in Afrika, Asien, in Südamerika, im Nahen Osten gar nicht gibt. Dort gilt, daß nicht existiert, worüber man nicht spricht. Und die Opfer werden es um ihres Seelenheils willen nicht wagen, sich zu beschweren. Die Mehrheit der katholischen Christen lebt heute nicht im dekadenten Westen, sondern in jenen glücklichen Weltgegenden, die die Sünde wider das 6. Gebot ausgerottet haben.

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Gretas Angst (2) oder: Das „Prinzip Hoffnung“

In den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieb ein Marxist und zeitweiliger Stalinist, der Philosoph Ernst Bloch, eine Bibel für Ungläubige, die das Motiv der Rettung der Menschheit durch einen Gott oder Gottgesandten ins Weltliche umdeutete: „Das Prinzip Hoffnung„. Vorher hatte der Autor das Buch „Geist der Utopie“ veröffentlicht. Daß der menschliche Geist zu utopischen Entwürfen fähig sei und diese auch realisieren könne, das sei der Wesenskern der „Prinzips“. Man beachte: der Zweite Weltkrieg war gerade vorbei, die Bomben-Pilze über Hiroshima und Nagasaki waren zu grausamen Ikonen des Jahrhunderts geworden und die Welt war dabei, sich in zwei sich feindlich und nuklearwaffenstarrend gegenüberstehende Blöcke zu teilen. Woher Hoffnung?

Blochs „Hoffnung“ ist nun nach seinem eigenen Zeugnis das Gegenprinzip zu Greta Thunbergs „Angst“, deren Steigerung die Verzweiflung sei. Aber der Philosoph schien gegenüber dem Schulmädchen, das die Bombe noch gar nicht im Hinterkopf hat, recht zu behalten. Seit über 70 Jahren führen die Weltmächte keine direkten Kriege gegeneinander, nur noch Stellvertreterkriege. Der „nukleare Friede“, den wir der Bombe verdanken, dauert  nun über 70 Jahre. Das westliche Europa war nach 1990 „nur noch von Freunden umgeben“. Aber die störrische Greta ist davon überzeugt, daß die Welt, wie wir sie kennen, kaum noch Überlebenschancen hat. Damit ist sie beileibe nicht allein. Auch andere, keineswegs nur „dumme Schulmädchen“, teilen Gretas ungute Gefühle, indem sie die ökologische und die militärische Weltlage zusammendenken. Die Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz (außer den Trumpianern) waren sich überwiegend einig, daß die Welt unsicherer und dunkler, die Hoffnung trügend geworden ist. Worauf darf nach Trump, dem Brexit, der Krim noch gehofft werden? Daß Amerika wieder „first“ im Sinne von „führend“, Rußland eine saturierte Weltmacht mit Imperium sein wird? Daß China nichts anderes anstrebt als ökonomische und technologische, keine ideologische Dominanz?

Wir sind aber weder von Freunden noch von Feinden umgeben, sondern vom einem ungeheuren Ausmaß testosteronaler Irrationalität, die militärische Kraftmeierei für den ultimativen Sinn politischen Handelns hält. Deshalb droht Rußland, ökonomisch geschwächt und seiner gar nicht so stolzen kriegerischen Vergangenheit (Afghanistan) nachtrauernd, immer wieder mal mit seinen nuklearen Potentialen. Sie haben Angst wie im Kalten Krieg die Greise Andropow und Tschernjenko, die in den 80ern zitterten vor einem erwarteten „Enthauptungsschlag“ des Westens, dem man unbedingt zuvorkommen müsse. So kann wieder wie mitten im Kalten Krieg eine Fehleinschätzung der Lage in die ultimative Katastrophe führen. Es ist das Angstschlägersyndrom. Wer angstschlotternd durch eine nächtlich dunkle Straße geht, in der Hosentasche das Messer umklammernd, sticht eher zuerst zu. Wo kein Vertrauen offene Gespräche ermöglicht, kann passieren, was Blochianer eher für die Ausnahme halten, weil Statistiken zu Gelassenheit raten. Es kann ja nicht sein, schließt Morgensterns Palmström scharf, was nicht sein darf.

Die populärsten Abwehrformen der menschlichen Spezies wie auch der Individuen gegen eine bedrohliche Wirklichkeit scheinen zu sein: wishful thinking, Verdrängen, Vergessen. Die drei lassen sich zusammenfassen als „Prinzip Hoffnung“. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, nämlich nach uns, weil wir uns auf sie und Ihresgleichen („Gott“ etc.) zu sehr verlassen haben werden. Greta hat recht: Panik wäre vielleicht angemessener als solche Hoffnung. So zu denken erscheint aber als so unverantwortlich wenn nicht zynisch wie angesichts der Aussichten der Verzicht auf Nachwuchs. Es muß doch weitergehen mit den Menschen!

Was aber soll man tun, statt auf dumme Schulmädchen zu hören? Kopf einziehen und nicht daran denken!

 

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Gretas Angst oder: das Ziemiak-Syndrom

Greta Thunberg ist 2003 geboren. Sie hätte das ganze Jahrhundert vor sich, aber… sie denkt und sagt es allen ins Gesicht: In diesem Jahrhundert geht es um Leben und Tod. Das klingt reichlich übertrieben, geradezu apokalyptisch. Es ging doch schon immer um Leben und Tod, nicht wahr: bei den Sauriern, bei den Neandertalern, bei den ersten Migranten der Spezies homo sapiens, von denen nur noch wenige Individuen übrig waren, bei der Sintflut, bei der Pest, bei den Weltkriegen, beim Holocaust. Und jetzt soll es anderes sein? Radikaler? Endgültiger? Das Mädchen mit dem Asperger-Syndrom, sagt einer von Gretas Kritikern im Namen vieler anderer, ist „altklug und verhaltensgestört, von Untergangsphantasien verfolgt und von der Idee besessen, die Welt retten zu müssen“. Sie ist, sind sich die überwiegend männlichen und älteren Kritiker sicher, manipuliert von ihren Eltern, von grünen Ideologen, von Spinnern halt, die immer schon nach Sektenart das Weltende beschworen haben. Die Kritiker treten in ihrer seriösen Spielart auf wie der Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, bei Twitter.

Auch Ziemiak macht sich Sorgen: um Arbeitsplätze, um Versorgungssicherheit, um Bezahlbarkeit etwa des Stroms für Bedürftige. Er wirft der Aktivistin aus dem Norden vor, diese Punkte nicht beachtet zu haben, als sie den zu späten Kohle-Ausstiegstermin Deutschlands kritisierte. Arme dumme Greta! Der Politiker verpaßt dem Teenager in seinem Tweet einen Affen mit den Händen vor den Augen. Irgendwann, mag er hoffen, wird sie die Wirklichkeit sehen, wie sie ist und sich dann vielleicht von ihrem Weltuntergangswahn verabschieden. Was Greta denkt, mag, wenn auch tiefschwarz, „groß“ gedacht sein, aber das kann sich die Politik nicht leisten. Ihre Methode in der Demokratie muß das Schritt-für-Schritt sein, das „piecemeal engineering“, wie es Karl Popper nahegelegt hatte, um ein Gegenmodell zur gewaltsamen Revolution einzuführen. Das geht natürlich viel langsamer, hat aber auch weniger Kollateralschäden zur Folge. Popper dachte dabei aber nicht an die Möglichkeit eines atomaren Harmagedon oder einer klimatisch bedingten Unbewohnbarkeit des Planeten.

Ziemiak hat heute Informationen genug, daran zu denken, aber er und seinesgleichen weisen solche Gedanken zurück. Weil sie sie nicht ertragen. Verdrängen und Verleugnen sind dem Psychologen vertraute Abwehrmechanismen der Psyche, die mit anscheinend unlösbaren Konflikten konfrontiert ist oder mit unerträglichem Leid. So war Jesu Hinrichtung für die Jünger unfaßbar und nicht hinnehmbar, und sie mußten ihn mit weltgeschichtlichen Konsequenzen in ihrer Phantasie auferstehen  lassen. Es scheint, daß religiös, gar christlich geprägte Denker oder Politiker wie Ziemiak die Rettung des Planeten nicht den Menschen, die ihn bedrohen, zumuten, sondern lieber ihrem allmächtigen und barmherzigen Gott – den guten Mächten, die uns „wunderbar bergen“, weshalb wir „getrost was kommen mag erwarten“ dürfen, wie Dietrich Bonhoeffer vor seinem Tod dichtete. Oder wie Rilke, demzufolge Einer das Fallen der Erde „unendlich sanft in seinen Händen hält“. Der Trost aus solchen Zeilen ist anscheinend unverzichtbar für eine Menschheit, die sich selbst das geworden ist, was für die Saurier einst der Asteroid war: die Ursache ihres eigenen Verschwindens.

Im Innersten haben dies die erwachsenen, von Greta hart angegangenen („ich will, daß ihr in Panik geratet“) Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft verstanden. Seltsam lethargisch, ja resignativ, mutlos fällt ihre Reaktion aus. Es gibt, zumindest in der Demokratie, wie wir sie kennen, keine Alternative, sagen sie. Was diese Demokraten als ihr unheilbares Leiden erfahren, ist das Ziemiak-Syndrom. Sie müssen, um für die Gegenwärtigen zu sorgen, die Zukünftigen opfern. Zu ihnen gehört Greta. Sie wird einmal gefragt, ob sie sich eine Öko-Diktatur wünsche. Nein, sagt sie. Demokratie ist ihr heilig. Sie setzt auf Angst und Panik der Demokraten, wie sie sie selbst erfährt, aber damit ist massenhaft wohl erst zu rechnen, wenn es endgültig zu spät und die 4-Grad-Erwärmung Fakt ist. Es sei denn vorher hätten die großen Mächte beschlossen, dem ewigen Warten ein nukleares Ende mit Schrecken zu bereiten.

Gretas Jahrhundert erscheint in einer klimatisch-nuklearen Zangenbewegung. So eine Konstellation gab es geschichtlich noch nie. Sie ist das Alleinstellungsmerkmal des Anthropozäns, des wesentlich vom Menschen „gestalteten“ Erdzeitalters.

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