Sie kam und blieb

Versetzen wir uns in das Jahr 2025 und blicken fünf Jahre zurück. Damals stand bei denen, die nicht Netflix schauten, sondern Bücher lasen, „Die Pest“ von Albert Camus oben auf der Lese-Wunschliste. Wer wollte und Phantasie genug hatte, erkannte viel Parallelen zwischen den von der Pest heimgesuchten Bewohnern der Stadt Oran in der Mitte des 20. Jahrhunderts  und denen des Planeten Erde im Jahr 2020 insgesamt. Die neue Pest hatte ihre Herrschaft mit verblüffender Geschwindigkeit aufgerichtet, und als Symbol ihre Herrschaft trug sie eine schillernde Krone. Gegen sie wappnete sich die gebeutelte Menschheit mit der Strategie Wissenschaft, präziser mit der Wunderwaffe „Impfstoff“. An der wird bis heute (April 2025) gearbeitet. Das Buch, das wir jetzt lesen, ist ein alter Schmöker der Existentialistin Simone de Beauvoir aus der Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Nazis mit dem Titel „Sie kam und blieb“.

Unter den anhaltenden und anfangs für unerträglich erklärten Herrschaftsformen der Besatzungsmacht entwickelten sich diverse Debatten elementaren Charakters, die alle ein Dilemma bzw. eine Aporie offenbarten. Normalerweise spricht man angesichts einer quälend unangenehmen Wahl von einem „Dilemma“, in unserem Fall ging es aber um ein Trilemma: Was mußte mit Vorrang gelöst bzw. zurückgestellt werden: das Lebensrecht der Risikogruppen, der Schutz des Klimas, der Schutz der Wirtschaft? Und hier haben wir die „Aporie“. Sie bedeutet „Ausweglosigkeit“. Will ich um jeden Preis das Leben der Risikogruppen-Angehörigen retten. richte ich die Wirtschaft zugrunde und schaffe neue Risikogruppen und Opfer. Will ich, statt die Klimakatastrophe zu verhindern, den Wiederaufbau der Wirtschaft ohne Klima-Rücksichten ermöglichen, gefährde ich ebenfalls das Leben vieler Menschen. Stelle ich die Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze in den Vordergrund, ist weder das Virus beseitigt noch die Wirtschaft, wie wir sie kennen.  gerettet. Die Aporie verlangt ein ganz neues polit-ökonomisches „Design“, etwa indem man Wirtschaftsrettung und Klimarettung kreativ kombiniert. Das liefe im Zweifel auf eine Abschaffung des Kapitalismus hinaus. Darum wird bis heute erbittert gestritten, aber seit der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump haben auch die Berufsoptimisten die Hoffnung aufgegeben, ein solcher Kraftakt könnte gelingen. Im Trumpismus insgesamt, einer kaum verkleideten Variante des Faschismus, steckt wie in der Aktentasche des Präsidenten bzw. seines Adjutanten der Code für die Vernichtung der Spezies.

Unter dem Dach dieser apokalyptischen Gesamtanalyse entfaltete  sich schon im April 2020, angestoßen durch den damaligen Bundestagspräsidenten Schäuble und den Tübinger Grünen-OB Palmer, eine philosophische Diskussion, die nach dem Stellenwert des Lebens fragte – des Lebens allgemein, der Alten und Gefährdeten insbesondere. Palmer stellte wie Schäuble die Rettung des Lebens um jeden Preis in Frage, und erntete heftige Kritik. Ist doch seit der Dominanz der sog. „Apparate-Medizin“ die Verlängerung des letzten Lebensphase, die zugleich die kosten- bzw. gewinnträchtigste ist, tabugeschützt und – wir erinnern an die Sterbehilfe-Debatte – von allem von denen okkupiert, die im Hintergrund eine Art Gottesprogramm laufen haben. Danach ist der, der das Leben schenkte, als einziger auch Herr über Leben und Tod und allein berechtigt, das Todesdatum zu bestimmen.

Hier handelt es sich um eine alle Religionen betreffende Heuchelei, so alt wie die dogmatischen Systeme selbst, die einerseits das Märtyrertum stets verklärt haben, die Millionen junger Männer hemmungslos in die Schlachthöfe der Kriege (mit gesegneten Waffen) schickten, weil ein „Feind“ das „Vaterland“, den Glauben, die Zivilisation insgesamt bedrohte. Nicht selten erklärte man den jungen Männern, um die es sich in der Regel handelte und die keiner Risikogruppe der Corona-Zeit angehörten, frei nach Schiller, das Leben sei der Güter höchstes nicht. Damit befand man sich in Einklang mit all den metaphysischen Konstrukten, Religionen genannt, die nicht nur das von den Menschen vorgefundene Leben entwerteten, sondern ein schöneres, wertvolleres in einem Jenseits erfanden, dessen Existenz angesichts trostloser irdischer Perspektiven fast zwangsläufig angenommen werden mußte. Heute müssen Angehörige von Krebskranken der letzten Phase, bewaffnet mit Patientenverfügungen, um den würdigen Tod kämpfen, der im Zweifel den Moribunden so lange vorenthalten wird, wie die Apparate es erlauben.

Die vor fünf Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit geratene „Triage“-Problematik, die den Ärzten zumutete, über Leben und Tod zu entscheiden, verweist allerdings auf einen Aspekt des Dilemmas, den nur Kriege und Seuchen offenbaren. Die Todgeweihten solcher Zeiten würden normalerweise nicht sterben. Boris Palmer bezog sich aber auf jene, deren Tod auch in „normalen Zeiten“ abzusehen und deren Lebens-Verlängerung vor allem den Triumph der Apparate-Medizin bestätigt hätte. Der dafür getriebene Aufwand erschien ihm nicht angemessen.

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Eine Antwort zu Sie kam und blieb

  1. Johnny schreibt:

    Wann gibt es endlich einen neuen Post?

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