Rassismus und Irrsinn(2)

Verfolgt man die Nach-Hanau-Debatte, ergibt sich für den Beobachter das Bild einer sich gegenseitig bestätigenden und um Eindeutigkeit in der Vieldeutigkeit ringenden Gruppe im Nebel tappender „Experten“. Die wiederum sehen sich in der Pflicht, einer anscheinend urteilsunfähigen Masse von Medienkonsumenten, deren Nebelumfeld noch undurchdringlicher ist, mit einem Navigator-Licht voranzugehen und ihnen zu zeigen, wo der Verursacher all dieser rechtsradikalen Schrecken auszumachen sei. Wenn es einen solchen geben muß, dann muß er, um akzeptiert zu werden, ins aktuelle tief zerspaltene Parteien-Schema passen. Die AfD, deren Leitwölfe sich nicht entblöden, von Vogelschissen, erinnerungspolitischen Wenden um 180 Grad, „Umvolkungsgefahr“ und ähnlichem zu schwadronieren, bietet sich geradezu an. Also nehmen wir sie, und wir sind die Frage nach den wahren Ursachen auch der Hanauer Morde los.

Soweit zum Stand der Diskussion. Zwar nicht unmittelbar, aber vermittelt durch ihre völkische Rhetorik habe die AfD den Boden bereitet für eine „rassistische“ Grundstimmung in verunsicherten vor allem östlichen Milieus. Solche krude, der tagespolitischen Propaganda dienenden Kausalität ist nicht zu akzeptieren. Aber wer nur einfache Lösungen verstehen kann bzw. politisch instrumentalisieren will, wird das tun – gegen die AfD sowohl wie gegen die „Altparteien. Die sich für „das Volk“ halten, also auch das Gros der AfD-Anhänger, verwenden eine ähnlich schlichte Logik wie ihre Gegner, die gar nicht so weit entfernt stehen. Für sie sind die Migranten, die Lügenpresse und vor allem Merkel Ursache der Misere. Ihr Milieu konservativ, ja reaktionär zu nennen, scheint angemessen, aber damit unterscheiden sie sich weder von der Mehrheit der Unions-Wähler wie von den verbliebenen katholischen papsttreuen Christen. Sie alle erschrecken oder ekeln sich gar vor dem rot-grün versifften Gesellschaftsentwurf. Das Menschen-, Geschlechter- und Familienbild dieser Gruppen hat sich durch die Jahrzehnte der Bundesrepublik als ausgrenzendes bewährt, etwa mit homophober Gesetzgebung oder mit dem Mantra, wir seien kein Einwanderungsland. Hier zeigt sich die ideologische Nähe von Union und AfD, verbunden im leerhülsigen Schlagwort „bürgerlich“, das beide selbstbeschreibend verwenden. Es meint eigentlich „reaktionär“, in der Begrifflichkeit ihrer Gegner. Die Welt, unsere Organisation mag auf den Abgrund zurollen – wir wollen nicht, daß sich etwas ändert. Ähnlich geht es der katholischen Kirche, zumindest in Europa. Ihr laufen die Gläubigen weg wie den einst unantastbaren „Volks“-Parteien die Wähler. Der „Reformpapst“ bleibt eisern. Auch er ein antifeministischer „Rassist“.

Der Berührungsmöglichkeiten, der osmotischen Kanäle zwischen den diversen rückwärtsgewandten Fraktionen gibt es viele, mögen sie auch noch so viel Distanz zueinander behaupten. Sie nennen ihr frauenverachtendes Geschlechterbild,  ihr patriarchalisches Familienideal, ihre Leitkulturgläubigkeit „bürgerlich“ und umgehen so Begriffe wie „Bourgeois“, „Machismo“ und „Spießer“. Sie fühlten sich schon immer bedroht von allem Neuen und Fremden, es sei denn das Neue trat als Uraltes auf  wie „germanische Rasse“ oder „jüdisch christliche Kultur“. Wer sich solcher Verwandtschaftsverhältnisse erinnert, ahnt, warum im Osten der Republik, der 56 Jahre Diktatur zu verdauen hatte, die schwarzen Reaktionäre sich so wenig von den blauen unterscheiden. Wie gerne würden sie sich verbrüdern, um wieder richtig stark zu sein!

Die AfD ist nur das Symptom einer Krankheit, die sich überall, nicht nur in Europa oder Deutschland diagnostizieren läßt. Sie schafft das fremdenängstliche Denken nicht, das Politiker der anderen Fraktionen „rassistisch“ nennen und das so alt ist wie die Erfindung der „Nation“. Ihre Repräsentanten sagen eben nur laut, was andere im Verborgenen denken, und wer es doch mal aussprechen bzw. „sagen“ möchte, geht zu ihnen und wählt sie.

Dabei gerät leider z.B. eine begründete und sachliche Islamkritik in ein ungünstiges Licht, unter „Rassismusverdacht“ sozusagen. Wenn diese Kritik etwa feststellen würde, daß die hier lebenden Muslime ihren religiösen Status nicht frei gewählt haben, würde sie nur konstatieren, sie seien Geiseln ihrer Religion wie die meisten Katholiken (Christen allgemein) auch, nur daß letztere im Falle des Abfalls vom Glauben nicht mehr mit dem Tode bedroht sind,. Mißtrauen etwa angesichts verschleierter Frauen und lautstarke Islamfeindlichkeit der Pegida- und AfD-Anhänger sind eben nicht nur ignorant als „Islamophobie“, also eine Art Geisteskrankheit, abzuqualifizieren, sondern sie sind spätestens seit 9/11 Ausdruck begründeter Ängste. Gedankenlos gebrauchen Journalisten und Politiker den vom politischen Islam erfundenen Kampfbegriff „Islamophobie“. Und wer auf die geringe Zahl der Muslime hier hinweist, die als solche keine Gefahr darstellen könnten, mag sich an die Anfänge anderer später mächtiger Parteien erinnern.

Die Ideologen des politischen Islam, derzeit konzentriert in Iran und Saudi-Arabien, wissen wohl um die gegenwärtige Schwäche ihrer Bewegung, aber sie vergessen deswegen nicht den Auftrag des Propheten, die ganze Welt im Allahs Namen zu vereinen. Da sind sie sich mit den Kreuzzüglern und Missionaren der Christenheit einig, was das Ziel betrifft: das Heil aller Menschen, sofern sie gläubig sind. Die Ungläubigen, auch eine Art „Rasse“, die zu bekämpfen ist, kommen ins Höllenfeuer. Das ist dann der theologische Rassismus.

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