„Wir haben es vermasselt“

Während sich der Kipp-Punkt gerade ereignet, während die Bewohner der Gegenwart dies gerade in Australien und an den Temperaturen des europäischen Hochwinters beobachten und (falls sie noch bei Verstand sind) nicht mehr leugnen können, bemächtigt sich der alt gewordenen Überlebenden des letzten großen Krieges, die nach dessen Beendigung ein ganzes friedvolles Leben führen, eine neue reiche Welt aufbauen durften, so etwas wie ein Schuldgefühl, ein tiefschwarzes schlechtes Gewissen. Hallt doch in ihren Ohren Gretas unter Tränen geschrienes HOW DARE YOU! nach als die Anklage, die nicht mehr zu überhören ist und die jeder Bagatellisierung widersteht, während viele Wissenschaftler schon den Point of no Return bestätigen. Es gibt ihnen zufolge demnächst kein Zurück mehr zu einer bewohnbaren Welt, die vielleicht noch in diesem Jahrhundert, manche sagen in diesem Jahrzehnt, den neuen Zustand erreicht haben wird, dessen Vorspiel wir gerade in Down Under à la „Götterdämmerung“ beobachten dürfen.

Ein neuer Begriff wurde 2015 von dem Ökologen Pablo Servigne erfunden: Kollapsologie – die Lehre vom Zusammenbruch von Zivilisationen, anklingend an Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Aber gegenwärtig erleidet nicht, glaubt man den Auguren, eine Zivilisation, etwa das „Abendland“, einen „Kollaps“, sondern der Planet als Voraussetzung aller Zivilisationen. Der lt. ZEIT wohl derzeit „einflußreichste Kollapsologe“, Jem Bendell, veröffentlichte einen Aufsatz unter dem Titel „Deep Adaption“ (fundamentale oder Tiefen-Anpassung), worin eben die Anpassung an das Unvermeidliche nahegelegt wird im Sinn von radikalen Lebensstiländerungen und nachbarschaftlicher Solidarität. Auch sollen sich die Menschen etwa in gemütlicher Runde in sog. „Todes-Cafes“ auf das Unvermeidliche einstimmen und  ein Bewußtsein für die Endlichkeit entwickeln. Dies erinnert an kirchliche Seelsorge oder eine elaborierte Sektenführerschaft, wenn wohl auch gemeinsame Gebete nicht auf der Agenda stehen. Dahinter darf man vermuten die uneingestandene Vorstellung, eine „andere Welt“ gehe es vielleicht und man solle getrost das Kinderzeugen weiter betreiben. Deshalb vielleicht suchen sie so leidenschaftlich nach eine „zweiten Erde“ unter den Exo-Planeten.

Der Bestseller-Autor Jonathan Franzen glaubt ebenfalls an das Unvermeidliche und nicht daran, „daß die menschliche Natur sich in absehbarer Zeit ändert“, etwa die Trumps und Bolsonaros nicht mehr zu Staatenlenkern wählt. Er versucht in seinem Text Wann hören wir auf, uns was vorzumachen? so etwas wie eine Neudefinition von „Hoffnung“. Wir sollten uns, wenn wir schon das Klima nicht retten können, um den Schutz der Natur, um Eindämmung des Artensterbens, um begrenze Rettung des Bedrohten kümmern. Die radikalen Verkünder des nahen Weltuntergangs sind ihm suspekt. Er gehört, so scheint es, zu den Bäumchen-Pflanzern im Angesicht des Untergangs.

Eine paradoxe, wenn nicht absurde Position. Er will den Tod, die extinction, der Spezies Homo nicht denken. Die meisten können ja nicht einmal den eignen Tod denken. Aber das zu tun, wäre an der Zeit. Unter dieser Voraussetzung wäre es möglich, die verbleibende Zeit wenigstens dort, wo Leben noch erträglich ist, zu „genießen“. Dies scheint der Hintergedanke Franzens zu sein, bezogen auf die Privilegierten dieser Erde, während der Rest in den sich ausbreitenden Glutöfen und Ozeanen ertrinkt, verdurstet oder verschmort.

Es gab vor ein paar Jahren (2007) die vierköpfige Familie Demeester in der Nähe von Calais, die gemeinschaftlichen Suizid durch Erhängen vollzog und einen Zettel hinterließ, der ihre Tat „erklären“ sollte: WIR HABEN ES VERMASSELT.

 

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2 Antworten zu „Wir haben es vermasselt“

  1. Kassandra schreibt:

    Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen…..
    Der Mensch hat es schlicht nicht verdient zu überleben!
    Das absurde wird folgendes Szenario:

    Die Ultrareichen werden sich das Präppen leisten können. I.d.R. sind das die selben Milliardäre, die auf Kosten der Umwelt und zugunsten der sie begünstigenden (Taxcut) „Staatenlenker“, ihr Vermögen gemacht haben. Mit diesem Blutvermögen wird nun gepreppt was das Zeug hält:

    Schiffe, Berge, Häuser in totaler Abgelegenheit, uneinnehmbar für andere.
    Diese Kerle werden dann die Art erhalten.
    Fun Fakt: nach einer Wandelphase wird die Welt, wärmer und besser sein als heute. Dann heißt es: „das war alles Panikmache! Seht her wie stark die Habitabilität gewachsen ist“.
    Wir könnten das Klimaproblem mit globaler Solidarität lösen, allein ist kein Wille da. Solidarität schon garnicht. In der Übergangszeit werden deshalb viele sterben und es zu massiver Völkerwanderung kommen. Dagegen war noch niemals ein Kraut gewachsen.

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  2. neptun16 schreibt:

    „Wärmer und besser nach der Wandelphase“? Wie soll das gehen auf der Basis welcher Theorien?

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