Brauchen wir wieder Tabus?

Eine mehr als merkwürdige Debatte wabert durch das Land – ob nämlich diese Gesellschaft eine sei, in der man „alles“ sagen dürfe. Oder ob es eine geheime Zensur gäbe mit noch mehr Rede- und Denkverboten als etwa damals in der DDR. Unumstritten scheint: Es gibt Grundregeln für ein friedliches Zusammenleben der Menschen, die etwa krasse Beleidigungen, wie sie jüngst Renate Künast ertragen mußte, ausschließen, dennoch aber von Richtern nicht geahndet werden. Man kann also sogar mehr sagen, als eigentlich dem Gemeinwesen zuträglich ist. Jenseits solcher persönlicher Attacken, die mit „Wahrheit“ oder „Lüge“ nichts zu tun haben, sondern nur eine Person verletzten wollen, gibt es anscheinend wenig, was man nicht schreiben oder sagen darf vor Ohren anderer. Oder?

Wie ist es etwa mit der „Auschwitzlüge“? Welchen Sinn macht es, jemand zu bestrafen, der gegen jede Evidenz sagt, er glaube nicht, daß die Erinnerung noch lebender Opfer des Holocaust, daß die Forschung der Historiker, daß das überwältigende Bild- und Schrift-Material irgendeine Beweiskraft haben könne? Es macht keinen Sinn. Jemand, der glaubt, die Erde sei flach, obwohl es Bilder von der Erdkugel gibt, wird auch nicht bestraft. Er scheint ungefährlich, wenn auch oder weil keinem Argument zugänglich. Dem Holocaust-Leugner aber hat der Gesetzgeber wohl zugetraut, daß er im Volk der Mörder Schaden anrichten könne, wo es noch genügend Menschen gebe, die sich der Wahrheit des Völkermordes verschließen möchten, weil es ihr Selbstbild und das der Väter beschmutzt. Ist solche Selbstenthirnung der Leugner aber eine Straftat? Abermillionen Menschen laufen doch herum, die die Forderung Immanuel Kants, man möge sich seines eigenen Verstandes bedienen, als Zumutung empfinden. Soll man ihnen das Wahlrecht entziehen, auch wenn der Nicht-Entzug schon die AfD und einstmals die NSDAP zur Folge hatte? Vielleicht…

Ein Staat wie die Bundesrepublik, deren Repräsentanten sich die Holocaustleugnung als Straftat haben einfallen lassen, traut unter den Voraussetzungen der Demokratie seinen Bürgern offenbar nicht, ja er traut ihnen im Grunde die Zerstörung der nach 1945 mühsam aufgebauten Ordnung zu, indem sich das radikal Böse wiederholt. Er geht davon aus, daß die Zivilgesellschaft bedroht ist von zuweilen formal intelligenten Individuen, manche mit Professorentitel, deren Weltbild mit dem Untergang des Dritten Reiches gleichfalls untergegangen schien, aber de facto nicht ist. Der Schoß, aus dem das kroch, ist nach des Dichters hellsichtigen Worten und nach Ansicht des Gesetzgebers, anscheinend wohl noch fruchtbar genug, um  dagegen die ebenso irrationale Schutzmauer von Tabus aufrichten zu müssen: Frag nicht, pariere!

Wir leben, wie sich in den USA und auch in Großbritannien zeigt, im post-rationalen Zeitalter, also in einem Mittelalter mit anderen, überwiegend säkularen Vorzeichen. Die Massen, die mit leuchtenden Augen dem „politischen Triebtäter“ (Ferdos Forudastan im TV) im Weißen Haus zujubeln „Four more years!“, die in Brasilien Jair Bolsonaro als den zukünftigen Vernichter ihrer Lebensgrundlagen an die Spitze ihres Staates stellen – diese gefährlich urteilsunfähigen Massen erhielten im Internet-Zeitalter eine Waffe, gemischt aus Dummheit und Gewaltbereitschaft, deren Zerstörungskraft die der Hitlerschen Armeen übertrifft. Sie wählen gegebenenfalls unser aller Untergang. Und sie dürfen das.

Man mag in den tiefsten Tiefen des kollektiven Unbewußten des christlichen Abendlandes eine Art Blaupause dieser Vermischung von Wirklichkeitsverleugnung und damit verbundener Machtausdehnung vermuten, die wir jetzt in einem taumelnden Planeten als Bewußtsein vorfinden. Sigmund Freud erkannte in den Massen der Weltkriege einen „Todestrieb“ und fand ihn dann überall in der menschlichen Geschichte, die ein permanenter Kriegszustand gewesen ist. Manchmal blitzten zaghaft gegenteilige Erkenntnisse auf wie die des Jesus von Nazareth, nur durch konsequenten Gewaltverzicht ließe sich das Ende der Spezies verhindern. Aber leitbildhaft überlebte nicht der revolutionär neue Gedanke von Liebe und Gewaltlosigkeit, sondern die Figur des Helden, Heilands, des Retters, der die Feinde vernichtet und irgendwann – ganz sicher! – erscheinen wird: der Messias. So konterkarierte die Kirche seit ihrer Entstehung die Essenz der Botschaft dessen, auf den sie sich beruft. Er durfte nicht wie jeder andere getötet worden sein, sondern mußte als Held wiederkommen und „das Böse“ ausrotten. Also erfand man „Auferstehung“ und Parusie, die „Wiederkunft“ des Messias als Held. Auf die wird nun also seit Jahrhunderten gewartet. Samuel Beckett hat darüber ein Stück geschrieben: „Warten auf Godot“  – auf den Mann mit weißem Bart, der nichts tut.

Im christlichen Auferstehungsglauben, in dem jedwede Evidenz geleugnet und der Vernunft ihr Suizid zugemutet wird – sacrificium intellectus nannte man das –  findet sich das Modell für alle Fake News der nachfolgenden Geschichte. Mit dieser grandiosen Falsch-Nachricht hatte Paulus, nicht der qualvoll verendete Jesus, seine die Welt umstürzenden Erfolge. Wir werden auferstehen wie jener Christus, wenn wir an ihn glauben, hatte den Menschen der wirkungsmächtigste aller Missionare versprochen. Und begeistert folgten sie ihm. So funktionieren die von Todesangst und Höllenfurcht Zerfressenen bis heute. Es geht bei den existentiellen Ängsten und ihre Beschwichtigung nicht um Argumente, gar um „Wahrheit“.

Daß den Fake-Produzenten das Propagieren ihrer „alternativen Wahrheit“ heutzutage verboten wird, ist eine in AfD-Kreisen verbreitete Behauptung ohne empirischen Beleg. Das Christentum fand in seiner gewalttätigen Gestalt zur Weltgeltung trotz der intellektuellen Zumutung seiner Botschaften. Je absurder, um so überzeugender. Je unübersehbarer die Lügen Trumps sind, um so mehr schmieden sie seine Follower zusammen. Das gleiche gilt für Björn Höcke und Konsorten. Jeder darf heute sagen, was er will, sogar Greta (und der DREYZACK). Ihre wissenschaftsgestützte Wahrheit wird aber nicht helfen, nicht die Wende erzeugen, denn diese Wahrheit wie die vom Tode des erhofften Messias ist zu schmerzhaft, als daß man sie akzeptieren könnte. Wir können das Leben nicht ändern, das wir ändern müssen. Also muß Messias-Christus leben als kommender Held und Trump wiedergewählt werden und Höckes AfD sich in der Sonne ihres Erfolges räkeln. Alle positionieren sich als Retter jener Erde, die weniger vom Klimawandel bedroht ist als von Sünde und Gender-Theorie.

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