Spiegel-Rassismus

„Blackfacing“ ist Rassismus. So kann man es hören und lesen. Wer sich als Nicht-Schwarzer zu Karneval oder Halloween das Gesicht schwarz anmalt, ist demzufolge Rassist. Einer also, der die Minderwertigkeit bzw. Überlegenheit von Menschengruppen an ihrer Hautfarbe festmacht. Ein solcher Rassist war vorgeblich Justin Trudeau, der kanadische Ministerpräsident, als er vor einigen Jahren auf einem Kostümfest als Afrikaner auftauchte – mit schwarzem Gesicht. Das hätte ihn Jahre später fast den Wahlsieg gekostet. Trudeau zeigte sich zerknirscht und bereute. Fast zu spät.

Eine der Begründungen für das Blackfacing-Verbot ist der Vorwurf, als Angehöriger einer dominanten und privilegierten Mehrheit mache man sich lustig über eine ehemals versklavte und immer noch entrechtete Minderheit. Ursprung solcher Belustigung auf Kosten anderer waren die „Ministrel-shows“ in den USA des 19. Jahrhunderts, auf denen schwarz angemalte Weiße mit albernen Späßen rassistische Klischees bedienten, an die sich aber heute kam jemand erinnert. Daß in diesem „Beschützen“ der Schwarzen vor der Verhöhnung durch Weiße schon weiße paternalistische Anmaßung steckt, blieb verborgen.

In diesem Herbst war es in den Niederlanden der „Swaarte Piet“, der heutige Kritiker der ehemaligen Sklaverei, an der Holland sich ehemals rege beteiligt hatte, auf den Plan rief und unangenehme Erinnerungen an die sklavenhalterische Vergangenheit erzeugte. Es meldete sich offenbar das lange verschüttete schlechte Gewissen der Sklavenhalter-Enkel, die nun gute Menschen sein wollten und die Sklavenhalterzeit vergessen. Sie geben jetzt den liberalen Christenmenschen, um ihr eigenes verbliebenes heimliches Rassisten-Sein vor sich selbst so gut es geht zu verbergen. Verdrängen und Vergessen scheint die Parole, denn Schwarzsein ist für Schwarze offenbar ein unverschuldeter Makel, nicht hinnehmbar. Also gibt es keine schwarze Haut. Erst recht keine aus Schuhcreme. Credo der selbsternannten Anti-Rassisten: Es gibt gar keine „Rassen“.

Besonders problematisch wird es im Bereich der Kultur, des Theaters, der Oper. Da gibt es etwa in der Oper „Der Rosenkavalier“ einen kleinen schwarzen Jungen, Mohammed mit Namen, der sonst weiter nichts zu singen, sondern nur dienende Funktion hat, etwa am Ende ein fallengelassenes Taschentuch aufhebt. Die Oper spielt im 18. Jahrhundert. Mohammed oder seine Eltern kamen wahrscheinlich nicht freiwillig nach Wien. In modernen Inszenierungen traut sich kein Regisseur mehr, ihn schwarz sein zu lassen, als wolle man nicht mehr wahrhaben, daß Schwarze einmal als „Diener“ in hochherrschaftlichen Häusern ausgebeutet wurden. Das sollten wir besser vergessen. Auch könnten schwarze Menschen durch den Anblick des schwarzen Domestiken traumatisiert werden. Soviel Empathie mit schwarzen Seelen!

Geradezu zerstört man das weiße Kunstwerk, wenn Othello, der „Moor of  Venice“, in Shakespeares Tragödie oder Verdis Oper plötzlich hellhäutig wird, kein „Moor“ mehr sein darf. Dann ist Othello nicht mehr der gehaßte Außenseiter in der rassistischen zyprischen Gesellschaft, der gleichwohl zum Verdruß seiner Umgebung die Liebe einer weißen Frau gewann, sondern ein durchgeknallter Macho mit unbedingtem Besitzanspruch, der auf eine dämliche Intrige hereinfällt und die geliebte Frau erwürgt. Ein Psychopath, dem Mitleid, dessen der schwarze Othello gewiß sein darf, nicht gebührt. Sinn, Psychologie, Glaubwürdigkeit des Stückes sind dahin. Als Rassist demaskiert sich hier eigentlich der Regisseur, der die Qual dessen, der nicht glauben kann, diese schönen Frau und ihre Liebe als Schwarzer zu verdienen, ausblendet und damit den Rassismus der weißen Zyprer. Mit der Eliminierung des schwarzen Othello verschwindet auch der Rassismus der Zyprer und die Erinnerung an die Sklavenhalterkultur, und alle sind zufrieden.

Die politisch Überkorrekten sind also, könnte man vermuten, Rassisten aus schlechtem Gewissen.  Sie wollen vergessen machen, was als Wunde in der Geschichte der Täter genau so schwärt wie in der der Nachkommen der Sklaven. Den Nachkommen der Herren ist, wenn man ihre Begründungen genau liest, in Wahrheit wie ihren Vorfahren das Schwarzsein ein Merkmal der Minderwertigkeit , wenn etwa  „dominanten Gesellschaftsgruppen“ (also den Weißen) in Begründungen des Blackfacing-Verbots die Überlegung nahegelegt wird, „daß schwarze Menschen die Hautfarbe oder Haarstruktur nicht nach Belieben auf und absetzen können“. Dagegen wäre zu fragen: Warum sollten sie? Natürlich könnten sich die Whitefacen wie es Michael Jackson versuchte. Aber ginge es ihnen dann besser?

Solange, wie kürzlich geschehen, eine schwarze Schönheitskönigin (die Transgenderfrau Jezebel Barbie Royale) sich darüber wundert, daß sie auch von Weißen als die Schönste gewählt wurde, solange schwarze Menschen (wie auch Angehörige anderer diskriminierter Gruppen) ihren Selbsthaß, der ihnen einmal eingeschrieben wurde, nicht überwinden, wird der paradoxe, der gespiegelte Rassismus – ich blicke in den Spiegel und erkenne meine „Häßlichkeit“ –  nicht verschwinden. Lange teilten ihn Frauen und Juden, indem sie insgeheim die Herrschaftsstruktur des weißen christlichen Patriarchats akzeptierten als eine quasi göttliche. Gott ist eben ein weißer Mann. Er schuf den weißen Mann als sein Ebenbild. Der Rest ist minderwertig seitdem – Frauen, Afrikaner, Asiaten. Und die, die das auch  insgeheim glauben, sich aber selbst ihren verborgenen Rassismus übelnehmen, wollen zumindest das Schwarze aus der weißen Kultur eliminieren. Othello soll ergo lieber weiß sein, auch wenn er dann ein Verbrecher ist, kein Opfer einer weißen Intrige, einer systemischen Unmenschlichkeit. Die Sklaverei darf es nicht gegeben haben, denn die Erinnerung an sie traumatisiert heutige schwarze Menschen. Es ist eben beschämend, Nachkomme von Sklaven zu sein.

Der Vergleich mit den Holocaust-Leugnern mag erlaubt sein. Die Leugnung ist zwar Aberwitz, aber ihre Anhänger brauchen ihn, um ihr Selbstbild als Nachkommen angeblich kultivierter Menschen, die kurzzeitig verirrt zu Bestien mutierten, nicht zu beschmutzen.  Eine Umdeutung der Geschichte und ihrer Ausläufer in die Gegenwart führt zu einer Verfälschung um des guten Gewissens und eines menschlichen Selbstbildes willen.

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2 Antworten zu Spiegel-Rassismus

  1. Kassandra schreibt:

    Es passt ins Bild, dass ein Putin nun den Hitler/Stalin Pakt leugnet. Selbes Schema. Stalin könnte sonst nicht verehrt werden. Geschichte verdrängen als Mittel der Reinwaschung.
    So machen sich die Täter zum 2. Mal schuldig.
    Auf Dauer ist das für die herrschende Klasse (den weißen Mann) angenehm.
    Nach 1 ½ Generationen hat man vergessen, nach 5 Generationen ist nie was passiert. Ergo kann sich die Geschichte wiederholen.
    Alles nur ein „Fliegenschiß der Geschichte“.
    So werden „die Menschen“ nie erwachsen und werden immer dem vermeintlich starken, weißen Führer anhängen. Hitler, Stalin, Putin, Trump.
    Trump zeigt extrem, dass es mittlerweile vollkommen egal ist, ob man sich öffentlich dazu bekennt Vergewaltiger zu sein (Pussygrabber) oder misogyn („she is bleeding“) oder antisemitisch. Everything goes in einer Gesellschaft wo alles unter den Teppich gekehrt wird und alle so tun als seien sie „lieb“. Da hängt das „katholisch und nett sein“ höher als der subkutane frauenverachtende Rassismus. „Aber er ist doch so lieb“. Das sind falsche Maßstäbe.

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  2. PC alla US schreibt:

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