Lieber rot als tot … oder lieber umgekehrt.

Gegenwärtig findet an verschiedenen Orten in Deutschland, angeregt von ZEIT und FAZ, eine Dialogveranstaltung statt unter dem Label „Deutschland spricht„. Die Dialogbereiten, die sich angemeldet und vorab zu brisanten Themen schriftlich Stellung genommen hatten, wurden von einem Algorithmus so zu Paaren zusammengeführt, daß möglichst starke Gegensätze aufeinanderprallten. Daß die Klimadebatte dabei eine zentrale Rolle spielen würde, war zu erwarten gewesen.

In einer Diskussion zwischen zwei jungen Frauen kam es zu einer Zuspitzung nachgerade existentieller Dimension. Mit Blick auf die Langsamkeit demokratischer Meinungsbildungsprozesse bei gleichzeitiger Brisanz der Klimakrise, die auch aus Sicht der Wissenschaft schnelleres Handeln von Politik und Wirtschaft, Bauern eingeschlossen, verlangt, formulierte eine der Disputantinnen die Frage: „Würdest du lieber in einer Diktatur leben oder in einer Demokratie sterben?“ Im Hintergrund stand dabei die Vermutung, nur eine Ökodiktatur könne, wenn überhaupt ein System, in angemessener Weise und Geschwindigkeit die notwendigen Korrekturen sowohl des wirtschaftlichen Handelns wie der Lebensgewohnheiten der Bürger zuwege bringen. Die Angesprochene entschied sich in der aktuellen Gesprächssituation, allerdings ohne akute Bedrohung, für den Tod in der Demokratie.

Der Zuhörer als unbeteiligter wenngleich engagierter Dritter fragte sich, ob, hielte die Demokratin-um-jeden-Preis mit notwendiger Vorstellungskraft den Hitzetod der Erde für ein voraussagbares Faktum, ob sie dann  bei ihrer Position bliebe. Oder ob gerade diese Position Ausdruck einer nicht offen zugestandenen Meinung ist, das apokalyptische Geschrei von FFF, E(xtinction) R(ebellion) und Wissenschaft sei nichts als Ausdruck einer unverantwortlichen, letztlich irrationalen Hysterie. Besagten Hitzetod könne und werde es nicht geben – eher, würde die AfD hinzufügen, den „Volkstod“ jener Staaten, die ihre Grenzen angesichts der Flüchtlingsflut nicht sicherten.

Nun könnten die Befürworter einer (Öko-)Diktatur ins Feld führen, man könne bei den Massen überall eine Demokratie-Skepsis, wenn nicht -Feindschaft beobachten, im Osten Mitteleuropas, in den USA, in China sowieso, wo der gläserne Chinese sozusagen das Zukunftsmodell der erfolgreichsten Volkswirtschaft geworden ist. Von den Ländern der islamischen Welt zu schweigen. Wo Allah und die Scharia über jedem menschengemachten Recht stehen, in einer Theokratie also, wäre es reichlich unislamisch, sich für die Freiheiten der Demokratie zu opfern.

Und für wen sind diese Freiheiten überhaupt gut? Für Leute, die auf ihre eingene Meinung wert legen, weil sie eine haben; für solche, die individuelle Lebensentwürfe für genuin menschlich halten; für Nörgler, die Kritik üben wollen, wenn es an der Zeit ist, und die Zensur ablehnen, weil sie ihre Intelligenz beleidigt. Aber sind diese Freiheitsansprüche für die (Wähler-)Massen, auch die westlichen, unabdingbar? Trump würde sagen und mit ihm alle Putins, Erdogans, Xis, Assads dieser Welt: Das mit der Freiheit ist elitärer Bullshit. Und im Vatikan würde man sich ehrlicherweise daran erinnern, daß man lange genug gegen Menschenrechte wie Religionsfreiheit kämpfte. Die Freiheit hat immerhin dem Glauben nicht gut getan. Und die Deutschen fanden ihre vorletzte Diktatur auch gar nicht so schlimm, hätte der Diktator nicht einen Krieg angefangen. Die Einschränkungen anderer Freiheiten wie des Konsums und der Mobilität würden allerdings, ist zu vermuten, auf Widerstand stoßen. Aber damit kann eine Diktatur umgehen, und am Ende würden sich die Malle-Fans und SUV-Liebhaber beugen. Man erinnere sich an das Rauchverbot. Das Ideal der Massen ist nicht „Mehr Demokratie wagen“, sondern der gute König. Den zu geben, könnte der Diktator ja versuchen.

Er würde, wenn er sich weltweit durchsetzt, was aber unwahrscheinlich ist, zumindest garantieren, daß der Temperaturanstieg nicht die tödlichen 4 Grad erreicht, die wir produzieren, wenn wir mit allen Freiheitsmöglichkeiten weitermachen wie bisher. Daß wir aber überhaupt in die Lage gekommen sind, uns zwischen Rot und Tod unterscheiden zu müssen, verdanken wir der Angst vor der Wahrheit, der wir jahrzehntelang nicht ins Auge sehen wollten. Deshalb taten wir nicht das, das uns dieses Dilemma vielleicht erspart hätte. Greta hat recht, aber das ist kein Trost.

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Eine Antwort zu Lieber rot als tot … oder lieber umgekehrt.

  1. Immer wieder Kassandra schreibt:

    FFF??? Fressen, Ficken, Fernsehen?

    Na ja!

    Klimawandel ist da und ein Problem für die Menschheit, aber nicht für die Welt, denn der Erde ist es vollkommen egal.
    M.E. hat es die Menschheit schlicht nicht „verdient“. Offenbar ist „die Krone der Schöpfung“ schlicht zu dumm und zu gierig. Das hat doch schon dieser Indianer gesagt: „Geld kann man nicht fressen“

    Liken

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