Greta kam nicht bis Erfurt

Thüringen ist die schöne Mitte Deutschlands, grün, wald- und kulturreich (Weimar!). Seit Sonntag dem 27. Oktober erinnert es an den Mittleren Westen der USA, an Trump-Country, an einen der Overfly-States, die sich abgehängt fühlen vom Rest Amerikas und die ihre Wut darüber in der Weise ausdrückten, daß sie einen geistig begrenzten Frauenhasser und begnadeten Lügner zum nächtigsten Mann der Welt erkoren. Sein Thüringer Klon heißt Björn Höcke, von Beruf Geschichtslehrer, ein geschickter Goebbels-Imitator, der seine ahnungslosen Follower, sofern sie Biodeutsche sind, vor dem großen Volksumtausch bewahren will, den finstere Mächte hinter Angela Merkel und Konsorten seit langem planen. Moslems und Afrikaner, auch die, die nicht an Allah glauben, werden nämlich nach Europa gelockt, wo entartete Frauen sich zunehmend ihrer eigentlichen Aufgabe, dem Gebären, verweigern und so regelrechte Volkslücken erzeugen. Die müßten gefüllt werden, denken die Volksfeinde, sagen die Alternativen.

Zuletzt war die Anziehungskraft dieser Umvolkungs-Theorie allerdings gesunken, aber unversehens traten die Alternativen mit einem neuen Schreckens-Szenario hervor: geheime Mächte manipulierten die leichtgläubige Jugend und die rot-grün verblödeten Hipster in den Uni-Städten mit der These, der Mensch schädige das Klima und gefährde sogar das Weiterleben auf der Erde. Ein irrationaler „Feldzug“ gegen das Auto (etwa die vielen Diesel in Thüringen) werde geführt und die erst jüngst errungene Reisefreiheit zu den Stränden der Welt, die Lust aufs Bratwurstessen etc. solle den Menschen vermiest bzw. verteuert werden. Außerdem werde die Wirtschaft insgesamt ruiniert – zum Nutzen wiederum geheimer, vielleicht jüdischer Manipulatoren im Hintergrund.

Wer nun gedacht hatte, solche Szenarien könnten in einer wissens- und bildungsgesättigten Gesellschaft in der Mitte Europas höchstens einige Satiriker vom Schlage Oliver Welke mit Munition für ein allzu lachbereites Publikum versorgen, sah am Wahlsonntag-Abend erstaunt, betroffen oder begeistert dem Raketen-Aufstieg der Höcke-Partei und der gleichzeitigen Bauchlandung der Grünen zu. Keine Future für Fridays for Future? Haben die Bewohner des Thüringer Waldes und des Eichsfelds noch nicht die weltweit hallenden Aufschrei How dare You vernommen? Oder ging der ihnen hier rein und da raus bzw. am Arsch vorbei? Wir lassen uns doch nicht von vorlauten Schulgören belehren! Der große Zampano drüben im Washington hat recht: alles Fake-News.  Wir wollen zurück dorthin, wo der weißhäutige Biodeutsche inmitten seiner dreikindrigen Familie (Höckes Lieblingsmodell) sein geliebtes Auto wäscht und nach Gran Canaria düst, wie und wann es ihm gefällt. Klima findet woanders statt und läßt sich sowieso nicht ändern.

Politiker können und dürfen es nicht sagen –  an dieser Stelle muß es gesagt werden, weil: Man muß es doch wohl noch sagen dürfen: Bewohner der östlichen deutschen Länder tragen vielfach ein Virus in sich herum: Das Autoritäre, das auch das Vorgestrige ist. Und zwar mindestens seit 1933, wenn nicht schon seit Kaiser Wilhelm. Sie wünschen sich eine übersichtliche Welt und wehren sich dagegen, daß man ihnen vorwirft, gerade diese Welt mit ihrer angsterfüllten Intoleranz, ihren völkischen Grenzziehungen, mit ihrem Glauben an die Heimat, die Macht der überkommenen Ordnung der Geschlechter, der starken Männer, die ihre Gegner „jagen“ (Gauland) – gerade die sei die Welt des Protofaschismus. Sie sind die zukünftigen Faschisten, die nicht wissen, daß sie es sind. Man muß ihnen glauben, daß sie davon überzeugt sind, „Bürgerliche“ zu sein und anständig. Der Übergang mag fließend sein. Der subkutane Massen-Faschismus ist im wesentlichen Ignoranz, Dummheit, Verblödung. Er ist nicht durchaus der Wille zum Bösen. Nur wird er von diesem Willen, der auch immer mit anwesend ist, instrumentalisiert. Nur die Demokratie – dies ist das ihr innewohnende Paradox – ermöglicht ihren Feinden, so lange stark zu werden, bis sie in der Lage sind, die Freiheit, die man ihnen gewährte, in brutale Gewalt oder in Notstandsgesetze umschlagen zu lassen.

Es ist nicht davon auszugehen, daß die Höcke-Fans und -Wähler sich dieser Konsequenzen bewußt sind. Sie sind sich auch nicht bewußt, daß damals die Wähler der NSDAP weder Krieg noch Holocaust herbeisehnten.  Die glaubten, daß da endlich einer ist, der den Gordischen Knoten zerschlägt und machtvoll alle Probleme löst. Das tat er dann ja auch. Und die heute AfD wählen, weil die Partei eine völlige Umgestaltung der Gesellschaft verspricht, wünschen sich keine Schreckensherrschaft. Vielleicht denken sie gerade mal an einen trumpistischen Staat, in dem Mauern verhindern, daß Dunkelhäutige das Land überschwemmen, Wohnungen besetzen, Frauen vergewaltigen, einen Staat, in dem jeder Waffen tragen darf, um der dunkelhäutigen Gefahr begegnen zu können, in dem biodeutsche Abreibungen verboten werden, um den rassisch reinen Bestand zu gewährleisten. Es ist sogar davon auszugehen, daß die meisten AfD-Wähler den gequirrlten Quark der Partei-Programmatik nie zur Kenntnis genommen haben.  Vor 80 Jahren las auch niemand „Mein Kampf“.

Es ist nicht das zähnefletschende Böse, das uns aus dem Alternativen Wahlvolk entgegengrinst, sondern der offene Mund blöder Leerheit, der. wenn er sich erklären soll, übers Stammeln nicht hinauskommt. Bei einem wie Höcke wirkt aber sogar diese gestammelte Leere durchaus inspiriert und eloquent.

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Eine Antwort zu Greta kam nicht bis Erfurt

  1. Anonymous schreibt:

    Tja

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