Der Vogelschiss von Halle

Pateifreunde von Björn Höcke sind verständlicherweise nicht in der Lage, Zitate aus Reden oder sonstigen Äußerungen des thüringischen AfD-Vorsitzenden von Zitaten aus Hitlers „Mein Kampf“ zu unterscheiden. Tief sind offenbar Gedankengut und Utopie des verblichenen Führers in die Grundwasser-Dimensionen der sich „bürgerlich“ verkleidenden Neu-Nazi Organisation AfD gesickert und können von den Mitgliedern und Wählern der Partei gar nicht mehr als solche identifiziert werden. Sie gelten heute in breiten Wählerschichten als bürgerlich bzw. „mittig“. Spätestens seit dem Versagen der Behörden während der NSU-Morde muß davon ausgegangen werden, daß aus jenen Grundwässern schon viel in die mittleren Etagen des heftig ausschlagenden neuen Bürgerwaldes gestiegen ist. Oder um ein anderes berühmtes Bild zu nehmen: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch, das zwischen 1939 und 1945 die Welt verwüstete. Wie wir heute aus berufenem Munde wissen, war es nicht mehr als ein Vogelschiß. Wir ahnen, was diese Harmlosigkeit, Zweiter Weltkrieg genannt, übersteigern würde und welch gewaltige Vögel ihre Last aus Kot über der Menschheit demnächst abladen könnten.

Es wimmelt von Symptomen. Daß uns (von Höcke) nahegelegt wurde, das „Denkmal der Schande“ in Berlin abzureißen, ist ein winziges. Daß uns ebenfalls (von Gauland)  nahegelegt wurde, der mörderischen Großtaten der Wehrmacht in den 1940ern im Osten (in den Schluchten von Babi Jar, in Leningrad und überall, wo Juden lebten) in Ehren und mit Stolz zu gedenken, ein weiteres. Daß die heutigen Nachfahren der Mörder und derer, die nur ihre Pflicht bei der Eroberung des Raums im Osten getan hatten, jenen nachlaufen, die ihre Väter nicht nur freisprechen, sondern ihnen Heldenstatus zugestehen, noch eins. Daß auf der Landesliste der AfD vor der Wahl in Thüringen Polizisten, also Menschen, die uns u.a. vor den Nazis bewahren sollten, zu finden sind, beachtet kaum jemand. Es sind halt Bürger wie du und ich. Da ist was dran. Die AfD besiedelt zunehmend die Mitte der Gesellschaft und macht aus dieser Mitte ein rechtes Bollwerk. Sind wir bald da, wo wir schon einmal waren? Ist das völkische Volk wirklich so furchterregend dumm?

Der Möchtegern-Massenmörder von Halle verdichtet in seinem gefilmten Bekenntnis sozusagen die AfD-Ideologie. Er leugnet den Holocaust – die AfD verharmlost ihn. Er hält den Feminismus für eine Wurzel des Übels – weil nämlich die Frauen zu wenig Kinder kriegten, müßte eine „Umvolkung“ stattfinden. Daher die Befeuerung der Migration durch die „Alt-Parteien“. Die AfD wehrt sich gegen Zuwanderung und wünscht sich das traditionelle kinderreiche Familienmuster zurück mit dem Mann als Oberhaupt  und der Gattin als züchtiger Hausfrau. Da unterscheidet sie sich nicht vom katholischen Mainstream, was beweist, daß dieser wiederum problemlos an das rechte Lager andocken kann. Auch dem Papst ist die Gender-Theorie bekanntlich ein Graus. Was bedeutet: Wer katholisch ist, kann durchaus ohne schlechtes Gewissen AfD wählen, wenn er gleichzeitig ein paar Krokodilstränen wegen der Toten im Mittelmeer abdrückt.

Die Übergänge von Weit-rechts nach Traditionell-Konservativ sind also durchlässig. Der Terrorist von Halle ist einer von uns, nur etwas verrückter. Er ist in seiner Verrücktheit sogar in gewisser Weise nah bei den Richtern, die die unsäglichen Beschimpfungen der „linken“ Renate Künast als „zulässige freie Meinungsäußerung“ durchwinkten. Was etwa können jetzt Richter gegen Lutz Bachmann, den Pegida-Gründer, haben , der die Klima-Aktivisten „Volksschädlinge“, „Parasiten“ und „miese Maden“ nannte und empfahl, sie in einen Graben zu werfen und zuzuschütten? Wenig. Das Volk liebt solche Klarstellungen, denn immerhin: Die Parasiten wollen uns Autos, Steaks und Mallorca-Flüge wegnehmen – also ab in den Graben mitsamt Greta!

Wir sollten uns nicht täuschen: Das Wir-sind-das-Volk-Volk liebt die einfache Sicht auf die Dinge und die entsprechende Sprache. Wie schnell Verlust von Menschlichkeit ergänzend hinzutreten kann, haben wir in Mitteleuropa auch schon erlebt. Und wenn Polizei und Justiz schon Signale geben, daß vielleicht Volkes Stimme zuletzt zu wenig gehört wurde – dann gute Nacht Marie.

 

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Eine Antwort zu Der Vogelschiss von Halle

  1. The End schreibt:

    Ich hätte es nicht besser ausdrücken können.
    Sprache schafft Bewusstsein, der Schritt ist klein, zu klein.
    Niemand beschäftigt sich mit Geschichte, daher haben die rechten Fischer leichtes Spiel.
    Wer kann denn noch Dichtung von Wahrheit unterscheiden?

    Eben.

    Die Unwahrheit ist mittlerweile, dank Internet und Videos, extrem gut verpackt. Wer keinen (Moralischen) Kompass hat, läuft Gefahr in den Sog zu geraten. Littel hat es im Vorwort von „Die Wohlgesinnten“ vorhergesehen.

    Liken

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