Greta und die Witzbolde

Es konnte nicht ausbleiben – und der Greta-Hype ist ja auch ein gefundenes Fressen für Entertainer und Satiriker jeglichen Niveaus – daß der Fridays-for-Future-Sturm, der über alle Kontinente fegt, einige berufene Witzemacher „Klein Greta“, die neue „Jean d’Arc der Klimahysteriker“, zum Gegenstand von Spott und Häme machen ließ. Das aber ist etwa Dieter Nuhr nicht bekommen. Er empfahl etwa Greta, ihr Zimmer im Winter nicht zu heizen – dem Klima zuliebe. Auch die Radikalität und die Wortwahl („How dare You!“), die Greta in New York zum Schrecken aller Gemäßigten und guterzogenen Demokraten (Merkel: „Wir müssen alle mitnehmen“) machten, fand Nuhr spott- und kritikwürdig. Die Folge nun wiederum war ein Shitstorm aus dem Futuristen-Lager, der nicht nur den armen Kabarettisten einzuschüchtern vermochte, sondern der ganzen Fraktion der „Klimaleugner“ (zu der Nuhr nicht gehört) vor Augen führte, wie mächtig der Feind, der unseren Wohlstand zugrunderichten will (so die AfD), schon geworden ist. Wir sollten wirklich in Panik geraten – nämlich angesichts dieser blondbezopften Furie in Teenagerverkleidung.

In diesem Zusammenhang fällt jedem halbwegs nüchternen Beobachter auf, daß in den Medien und auf den Bühnen wieder diese typische Personalisierung und damit Nivellierung eines Themas vorgeführt wird, die Ausdruck der Unfähigkeit ist, die existentielle Problematik der Klima-Frage wie auch anderer komplexer Zusammenhänge zu verstehen bzw. zu beschreiben. Gretas Wut und Angst zu bewundern oder zu verabscheuen ist gerade nicht Ausdruck eines wie immer gearteten Verstehens. Die Sache ist komplizierter. Man versteht, aber will nicht verstehen – oder kann auch nicht. Deshalb die personale Ausweichbewegung in Richtung „unreifes Zopfmädchen“ (Gauland) bzw. „irregeleitetes Kind“ (Meuthen) oder auch „Prophetin“  (Kathrin Göring-Eckardt). Auf weltpolitischer und deshalb bedrohlicherer Ebene mag der Name Trump genügen, um die Dimension dieses massenpsychologischen Phänomens zu vergegenwärtigen. Die Gefahr wird durch Leugnen scheinbar aus der Welt geschafft. Bernd Ulrich schrieb in der ZEIT vom „wissenden Ignorieren“ der Krise. Wissen und Nicht-Wissen-Wollen stoßen unter einer Schädeldecke zusammen. Wie beim Raucher, der die Schachtel mit der Aufschrift „Rauchen ist tödlich“ öffnet und sich einen tiefen Lungenzug genußvoll stöhnend gönnt. Die Psychologen sprechen von „kognitiver Dissonanz„. Zwei Wahrnehmungen dissonieren, lassen sich nicht harmonisieren. Mein tägliches Befinden und Handeln läßt sich nicht mit der durchaus wahrgenommenen Umweltkrise harmonisch vereinbaren. Darauf kann ich mit (Flug-)Scham, Resignation, Trotz oder eben mit Leugnung reagieren, z.B.: Alle Wissenschaftler sind bestochen und ihre Expertisen gefälscht (Alice Weidel). Andererseits: Asperger-Menschen können nicht lügen, auch nicht sich selbst belügen. Deshalb geraten sie in Panik.

Das historisch folgenreichste Beispiel einer solchen Leugnung von etwas Unerträglichem mag die Erzählung von der Auferstehung des hingerichteten Rabbi Jeshua Ben Joseph aus Galiläa sein. Sein Tod und damit das Ende der an ihn gebundenen Hoffnung durften für seine Anhänger nicht sein. Auch die Liebe einer Frau, Maria aus Magdala, mochte das Geschehen um keinen Preis wahrhaben. Deshalb teilte die Verzweifelte und dann sich selbst Täuschende den Jüngern mit, der Rabbi sei lebendig, wie er ja in ihrem Herzen weiterlebte. So verlangte es ihre Liebe. So wird es, hoffen einige Wissende und dieses Wissen zugleich Ignorierende, auch der Erde gehen, nachdem die Krone der Schöpfung sie unbewohnbar gemacht hat. Es mag Menschen geben, für die dieser Gedanke etwas Tröstendes hat. Immerhin ist denkbar, daß einige Exemplare der Gattung in Pol-Nähe paarweise überleben. Die können dann von vorn anfangen wie damals im Garten Eden. Viel Glück!

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