Das Ende der Geschichte

Der englische Historiker Tony Judt resümiert in seinem Buch über die Geschichte Europas seit 1945: „Zwei Generationen von Europäern wuchsen unter dem bislang unvorstellbaren Eindruck auf, daß der Friede die natürliche Ordnung der Dinge ist.“ Bis dahin war nämlich immerwährender Krieg Vater aller Dinge und Fortschritte. Anfang der Siebziger tauchte im Club of Rome ein neuer Gedanke auf, nämlich daß Krieg jetzt geführt werde zwischen dem Menschen und dem Planeten, auf dem er lebte  – ein radikaler Unterwerfungs- und Ausbeutungskrieg. Ende der 80er endete der Kalte Krieg zwischen Menschen, einer mit Auslöschungspotential, wäre er denn „heiß“ geworden. Der heiße wäre das Ende der Spezies Homo gewesen. Francis Fukuyama glaubte jetzt, Ende 80er, an den endgültigen, den globalen Sieg der Demokratie westlicher Provenienz und an das Ende aller kriegerischen Konflikte. Er glaubte an „The End of History“. Die Warnungen des Club of  Rome wurden vergessen. Alles würde gut und friedlich und die Gattung Homo könnte sich folgenlos vermehren und Reichtümer ansammeln wie es ihr beliebte, wie Gott es ihr im Buch Genesis ans Herz gelegt hatte.

Die Spezies Homo hat auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kluge, hellsichtige Wissenschaftler hervorgebracht, aber es bedurfte eines Asperger-Mädchens aus Schweden, um die  mehr als 40 Jahre alten Erkenntnisse dieser Wissenschaftler ins unwissenschaftliche, ins politische Weltbewußtsein zu heben. Das allein sagt alles über den Zustand der Menschheit im Zeitalter ihrer zunehmenden digitalen Verblödung, „Wissensgesellschaft“ genannt. Sie könnte alles wissen, aber sie scheint das Wesentliche, das ihren Bestand ausmacht, nicht zu wissen oder besser: nicht wissen zu wollen. Es sind jetzt keine Kriege mehr, sondern es ist frei nach Immanuel Kant die „selbstverschuldete Unmündigkeit der Menschen“, die die Welt dieser Unmündigen, absichtsvoll Unwissenden mit Auslöschung bedroht. Zu denen gehören fatalerweise die Mächtigsten dieser Welt. Wir bräuchten eine neue Aufklärung, würde Kant sagen, aber die verhindert paradoxerweise ein Kind der Aufklärung: die Demokratie. Wer das Volk, den Demos, abstimmen läßt, erhält als Ergebnis eine Art Weihnachtsmann, der verspricht, alle Wünsche zu erfüllen, wenn man schön brav ist und nicht allzuviel protestiert. Dann muß man auch sein Leben nicht ändern, denn das, aufs Gewohnte zu verzichten, auf den hart erarbeiteten Lebensstil, ist, wie einer der Greta-Kritiker sagt, niemand zuzumuten, gar wenn die Zumutung von einem Kind stammt.

Gretas Wie-könnt-ihr-es- wagen-Wutrede war nach Meinung vieler verwirrter, verirrter Zeitgenossen in den sozialen Medien selbst die Selbstentblößung einer Irren, von dunklen Mächten Manipulierten. Wer so offen vom Weltuntergang als bevorstehendem redet, muß krank sein. Und das ist sie ja auch, wie jedermann weiß. Nur ein krankes Hirn kann, folgt man dieser Logik, nachvollziehen, was nüchterne Wissenschaft in gesunden Wissenschaftler-Hirnen erkannt hat und prognostizieren läßt: das Ende der Geschichte des Menschen. Noch immer ist aber, davon sind die meisten ganz ohne Wissenschaft überzeugt, Gott der Herr derjenige, der über die nächste Sintflut verfügt. Wenn sie denn kommt, ist das sein Wille. Mit dem Menschen hat das nichts zu tun. Beten wir also, er möge uns verschonen!

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