Volksfeinde

Am Straßenrand steht ein Mann Ende 60 und beobachtet den mächtigen Pulk der Fridays-for-Future-Marschierer, der im Spätsommer-Sonnschein vorbeizieht. Für die Reporterin der Lokalzeitung ein interessantes Objekt ihrer Neugierde. Wie findet der Senior die friedlich, fast fröhlich demonstrierenden jungen Menschen, die ab und zu bekannte oder neue Slogans („Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“) skandieren? Der Mann flüchtet sich nicht ins Unverbindliche und sagt: „Ich bin gegen den Klimaschutz. Wir sollten uns über die Errungenschaften unserer Zeit freuen und sie maßvoll nutzen. Ich lasse mich jedenfalls von indoktrinierten Kindern nicht belehren.“

Gleichzeitig gibt die AfD, vertreten durch Alice Weidel, der WELT ein Interview, spricht von Hysterie, einem „Feldzug gegen das Auto“ und nennt auf Nachfrage als Verursacher dieser „emotionalen und nicht faktengestützten“ Politik die Manipulation der gesamten Wissenschaft durch das UNO-Komitee IPCC, einst gegründet von Al Gore, ehemals Clintons Vize. Dies sei keine „Verschwörungstheorie“, sondern „Fakt“. Weitere Fragen zu den Mechanismen einer solchen Verschwörung, die die gesamte wissenschaftliche Community durch Fördermittel bestechen und manipulieren soll, werden leider nicht gestellt. Es wäre vermutlich auch sinnlos, denn die Theorie ist zu absurd, als daß rational gegen sie argumentiert werden könnte. Ähnlich verhielt es sich einmal mit den „Protokollen der Weisen von Zion“, zu denen Adolf Hitler seinem Volk erklärte, „daß sie mit geradezu grauenerregender Sicherheit das Wesen und die Tätigkeit des Judenvolkes aufdecken und in ihren inneren Zusammenhängen sowie den letzten Schlußzielen darlegen“ (Mein Kampf).

Die „letzten Schlußziele“ der IPCC-Verschwörung sind, glaubt man Weidel, die Vernichtung der Volkswirtschaften, die mit einem „Feldzug gegen das Auto“ beginnt. Wem sollte das nützen? könnte gefragt werden. Darauf sind die Antworten der gelehrigen Schüler des Führers vage. Irgendwelchen, vielleicht sogar jüdischen, „Profiteuren“. – In der AfD als deutscher Variante einer weltweiten Degeneration des politischen Denkens ist Politik und politische Repräsentanz in den Parlamenten erschreckende Realität geworden. Trumps great again werdendes Amerika geht mit der Fahne des kapitalistischen Wachstumsoptimismus voran. Wir müssen nur weitermachen wie bisher, dann wird alles gut. So denkt wohl auch jener ältere Herr am Straßenrand, der sicher Sprüche wie „freie Fahrt für freie Bürger“ verinnerlicht hat und der, sofern er in Deutschlands Osten wohnte, von sich sagen würde, er sei „das Volk“.

Und dieses „Volk“ ist es, das seinen Feind in den jungen Demonstranten und sogar in der ängstlichen Klimapolitik, die diesen Namen nicht verdient, ausgemacht hat. Der Feind des Volkes und seiner Zukunft ist aber „das Volk“. Vor ihm Angst zu haben, davor, daß es sich plötzlich in einen giftigen Gelbwesten-Schwarm verwandeln könnte, ist begründet. Der Mann am Straßenrand könnte sich vertausendfachen und brüllend mit wehenden AfD-Fahnen vors Kanzleramt ziehen, wo das Klimakabinett zitternd hinter den Scheiben stünde. Es weiß, daß es erpreßbar ist und präsentiert eine Strategie, die niemand wehtut und die nichts bewegen wird, denn das Verhalten wird und soll sich nicht ändern. Darum müßte es aber gehen..

Der Grünen-Vorsitzende Habeck bringt diese aus Angst vor dem „Volk“ geborene Politik auf den Punkt: „Die große Koalition wendet sich damit von den Pariser Klimazielen ab. Und sie zerstört die Hoffnung all der Menschen, die monatelang gekämpft haben“ (Interv GEN.ANZ., Bonn). Nicht auszuschließen ist, daß der bisher so friedliche Protest gegen die Zukunftsdiebe auch partiell in Gewalt umschlagen könnte. Die Verzweiflung, die Habeck unter den Demonstrierenden beobachtete, ist groß. Mehr als die Zukunft verlieren kann man nicht.

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