Die Vereinfachung der Welt

Die Frontfrau der AfD, Alice Weidel, hat es im Bundestag jüngst auf den Punkt gebracht: der „Klimaschutzwahn“, der seinen Ursprung hat in der Verschwörung von Leuten, die sich Wissenschaftler nennen, in Wahrheit aber „grün-sozialistische Spinner“ sind, wird uns, wenn wir uns darauf einlassen, alle ruinieren. Der „imaginierte Weltuntergang in ferner Zukunft“  soll den Menschen Angst machen und in Bereitschaft versetzen, auf Wohlstand und Freiheit zu verzichten. Profiteure, so könnte man den Gedanken fortspinnen, werden eben diese Verschwörer sein – in welcher Weise auch immer. Das große Vorbild der AfD in dieser Frage, Donald Trump, ist da schon präziser: Es sind die Chinesen, die dem Westen wirtschaftlich schaden wollen. Immerhin ein Argument, das den Schein von Rationalität für sich hat.

Beachtenswert ist für den neutralen Beobachter der Zusammenfall von „Klimaleugnung“ und rechtem Populismus.  Wer nicht wahrhaben möchte, daß halbwegs zurechnungsfähige intelligent Politiker, und dazu wollen wir auch Alice W. und einige ihrer Kollegen rechnen, an ihr eigenes Verschwörungskonstrukt glauben, muß ein politisches Kalkül dahinter vermuten, das im Kontext anderer AfD-spezifischer Ideen Leute ansprechen soll, die in der modernen Welt nach Orientierung suchen. Sie leben nämlich in einem anwachsenden Chaos, das Soziologen „Komplexität“ nennen und von dem diese Soziologen sagen, das Bestreben der Menschen gehe allenthalben dahin, Komplexität zu reduzieren: die Welt übersichtlicher zu machen. Zumindest soll sie übersichtlicher erscheinen als sie ist und durch eine wirksame Klimapolitik noch unübersichtlicher würde. Zu vieles würde sich ändern. Das Angebot, dies nicht zuzulassen, macht die AfD.

Wenn Deutsche mit Deutschen in einem Land mit eindeutigen Grenzen leben, was für Polen, Franzosen, Engländern etc. auch gilt, dann ist schon mal viel gewonnen. Das gilt um so mehr für die verschiedenen Kontinente. Wir leben sinnvollerweise unvermischt und mit uns in unserer Kultur „identisch“, sagen die sog. „Identitären“.  So ist es zu lesen beim unsterblichen Mastermind: „Die Blutsvermischung ist die alleinige Ursache des Absterbens alter Kulturen; denn die Menschen gehen nicht an verlorenen Kriegen zugrunde, sondern am Verlust jener Widerstandskraft, die nur dem reinen Blute zu eigen ist“ (A.H., Mein Kampf).  Ähnliches ließe sich über die Geschlechter sagen. Seit dem Paradies gibt es zwei, und jedes hat seine Aufgaben und Zuständigkeiten. Sogar der Papst ist dieser Meinung. Nieder mit Genderitis, mit dem Feminismus! Er kastriert den Mann, der schließlich nicht mehr weiß, was einer darf und was nicht. Nieder mit #MeToo!

Peinlich nur, daß unsere Alternativen ihrem Lieblingsfeind, dem politischen Islam, näher sind als sie vermuten. Er teilt das Bedürfnis nach Klarheit, Reinheit, Zweiwertigkeit ohne Grauabstufungen, allerdings zuweilen mit blutiger Konsequenz. Der IS etwa massakrierte (Jesiden) und zerstörte (Palmyra) alles, was seiner Meinung nach nicht mit ihm „identisch“ war. Die Staatsidee des Islam ist die globale Theokratie: Ein Gott, eine Menschheit, ein Paradies. Das kommt uns bekannt vor.

Das Nazi-Erbe der AfD findet, wer sucht, bald unter der demokratisch-parlamentarischen Oberfläche etwa im  wütenden Zurückweisen einer Scham- und Erinnerungskultur („Denkmal der Schande“, „Vogelschiß“). Tiefer und die Denkstruktur elementarer bestimmend ist die Angst vor „Überfremdung“. Deshalb propagierten die Nazis „Rassereinheit“ und entwickelten dazu eine Hierarchie der Rassen, deren höchste, die arische, die anderen unterdrücken und ausbeuten durfte. So weit gehen die Höckes noch nicht. Sie glauben aber ein Verlangen beträchtlicher Mengen des Wir-sind-das-Volk-Volkes, der Pegida-Marschierer nach abendländischer Einfachheit, Übersichtlichkeit bemerkt zu haben und wollen es bedienen. Es ist die Angst der Desinformierten, Denkfaulen, geistig Abgehängten, Argumenten Unzugänglichen, die kein „Aufklärer“ qua Wissenschaft beschwichtigen könnte. Sie haben keine Angst vor einer „illiberalen Gesellschaft“, weil sie von keiner Gedanken- bzw. Rede-„Freiheit“ profitieren. Im Gegenteil. Immer noch suchen sie nach einem Führer, der endlich dem ganzen libertären Gelaber ein Ende bereitet. „Wenn Hitler nur nicht den Krieg angefangen hätte…“ Alles andere war ja das seinerzeit Gewünschte und wäre es heute noch.

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2 Antworten zu Die Vereinfachung der Welt

  1. Said schreibt:

    So schaut’s.

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  2. Wolfgang Fastnacht schreibt:

    A. H. stand bekanntlich – was die nationalistischen Vorstellungen von Rasse betrifft – durchaus ‚auf der Höhe der Diskussionen der Zeit‘, als er in Landsberg sein Buch diktierte… Denn manches war damals durchaus Mainstream, was uns ältere heute ungemein irritiert…
    Dies macht auch die Studie des deutschen Historikers Stefan Vogt aus dem Jahre 2016 über deutschen Zionismus und Nationalismus zwischen 1890 und 1933 deutlich…

    Für Interessierte das Inhaltsvereichnis und der Anfang der Studie als Link:
    https://www.ciando.com/img/books/extract/3835340476_lp.pdf
    https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/deutscher-zionismus-stefan-vogt/

    Heute könnte man im Zionismus vielleicht die Frühform einer ‚identitären‘ Bewegung sehen! Aber heute scheint so manches – als Vergangenes Gedachte – camoufliert zurückzukommen… Denn die ideologische Nähe der Netanjahu, Orban, Höcke und anderer Zeitgenossen mit ihrer Politik der Sammlung und Bündelung (ital. fascio – Bündel) wird mehr und mehr deutlich… Es fehlt nur noch die ‚1. Nationalistische Internationale‘: Nationalisten aller Länder vereinigt euch!
    Bei Vogt wird aber auch deutlich, dass der damalige ‚Kulturzionismus‘ humanistischen Traditionen und der Gedankenwelt der Aufklärung verpflichtet blieb, obwohl man sich zum Teil eines ähnlichen Vokabulars bediente: wohl ein Versuch der Besetzung der Wörter… Ein Versuch des Framing, mit dem die propagandistische Wortstanzmaschine des Dr. Joseph Goebbels bei den Deutschen letztlich am erfolgreichsten war …

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