„Für Pessimismus ist es zu spät“

Diesen Satz eines Klimaforschers zitiert die Autorin Eva Menasse in einem Essay zum Thema „Verschwinden der Öffentlichkeit in der digitalisierten Welt“. Jeder – so Menasse im Einklang mit dem soziologischen Befund – sei heute potentiell seine eigene Öffentlichkeit in seiner je eigenen Blase (wie auch der DREYZACK, könnte man ergänzen). Die Leitmedien wie überregionale Zeitungen und das Fernsehen verbreiten kein Wissen mehr über die Welt für die meisten Menschen. Sie glauben und halten für wahr, was in der jeweiligen Blase kommuniziert wird. Etwa, daß die Rede vom Klimawandel Produkt einer großen Verschwörung sei, die den Menschen das Leben mit der Schlagzeile „Du sollst verzichten“ vermiesen wolle. Die Wähler von Trump, der AfD und einige kreationistisch befeuerte Christen stehen auf gegen diese Verzichts-Zumutung. Auf der anderen Seite suchen jene, die der Wissenschaft zutrauen, die Wahrheit nicht zu verschweigen, nach einer Haltung angesichts dessen, was Menasse in Anlehnung an den Klimaforscher Gernot Wagner das „perfekte Problem“ nennt. Soll man, wenn sowieso nichts hilft, weil eben das Problem sich zur Perfektion entwickelt hat, weiterleben wie bisher? Soll man sich wie der fromme Bäumchenpflanzer angesichts des Weltuntergangs verhalten und dennoch ehe das Licht ausgeht ein neues Pflänzchen eintopfen? Soll man Optimist sein, weil, wenn man nichts tut, alles noch schlimmer wird? Oder soll man rational und illusionslos Pessimist, gar Zyniker werden?

All diese Optionen setzten voraus, daß das, worauf reagiert werden soll, uns noch bevorsteht. Dabei sind wir mitten drin. Dies zu verdrängen, darin bestand unser aller Lebenslüge. Deshalb ist es für Pessimismus zu spät. Vor 20 Jahren war das noch anders, aber die Zeit haben wir heute hinter uns. Wir hätten es wissen können, wußten es auch seit den Siebzigern und wollten es zugleich nicht wissen. Das Denken in Weltuntergangsszenarien, wenngleich durchaus rational angesichts der „Grenzen des Wachstums“, erschien uns mythologisch, eine apokalyptische Religion gegen die überlieferte der Rettung, des Gottvertrauens.

Eva Menasse, die ihre eigene Verzweiflung eingesteht, indem sie befürchtet, daß wir uns einen neuen Anfang „wahrscheinlich ohne uns vorstellen müssen“, schöpft ihre paradoxe „Hoffnung“ aus dem, was die kleine Schwedin mit den Zöpfen losgetreten hat. Greta Thunberg empfahl bekanntlich den Politikern und Experten, die ihr zuhörten, die Panik als einzig angemessene Reaktionsform. Eva Menasse hält es analog dazu für angemessen, „daß neben der Wut vielleicht die Verzweiflung die große Emotion ist, die die Fähigkeit hat, Menschen über alle Differenzen hinweg zusammenzubringen“.

So endet der Essay, indem er auf die protestierenden zukünftigen Bewohner der unbewohnbar gewordenen Erde blickt mit einer paradoxen Hoffnung: „Die Verzweiflung unserer Kinder ist die Hoffnung, die wir noch haben können. Ihre Streiks und Demonstrationen sind eine Wiederkeht alter, wirksamer, für alle sichtbarer Öffentlichkeit. Für uns alle gilt jedenfalls nur noch dieser eine Satz: Für Pessimismus ist es zu spät“. 

Eva Menasses Hoffnung , um einem Mißverständnis vorzubeugen, richtet sich nicht auf die Rettung.

 

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Eine Antwort zu „Für Pessimismus ist es zu spät“

  1. Gretchenfrage schreibt:

    https://www.spektrum.de/news/wie-exxon-den-klimawandel-entdeckte-und-leugnete/1374674

    Ach ja, ich kann es garnicht genug betonen: der Erde ist es vollkommen egal, ob der Mensch die Bienen fertig macht oder die Welt im Plastik erstickt, ob es Blauwale gibt oder Menschen. Es gibt keinen „Umweltschutz“ es hätte zu jedem Zeitpunkt „Menschenschutz“ heißen müssen. Die Konservativen und damit die meisten Menschen verstehen den Zusammenhang zwischen sich selbst und „der Umwelt“ nicht. Einfach nochmal richtig Party machen allà „das große Fressen“

    Liken

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