Fünf vor zwölf oder fünf nach zwölf?

Ende Juli färben sich die Bäume, die Blätter kräuseln sich, Laub fällt herab wie im Herbst, und  aus dem Freibad ertönt das lebensfrohe Kreischen der Kinder angesichts des „Traumsommers“. Die Bäume erwarten ihr Ende, ganze Wälder gleichfalls ,und das Leben mit seinen vielfachen Freuden geht seinen Gang. Für die Bäume ist es zu spät, für die Kinder fängt das Leben an, im Zweifel mit deutlich weniger Bäumen und Wäldern. So what. Wir leben ja nicht im Wald, sondern in Häusern.

Jene, die sich nicht mehr einfach auf die Zukunft freuen können, kreischen nicht vor Freude, sondern schreien vor Wut. Sie schreien den Politikern ins Gesicht, sie sollten die Expertisen der Wissenschaft zur Kenntnis nehmen und entsprechend handeln, in Panik geraten. Wer das Treiben von Politik und Wissenschaft seit den siebziger Jahren beobachtet, wird eine Floskel immer wieder antreffen: „Es ist fünf vor zwölf“. Diese fünf Minuten – und das hat der Brexit-Prozeß geerbt – wollen nicht aufhören. Politiker mahnen, man müsse ihnen Zeit lassen und die „Leute mitnehmen“. Unterstellt wird, man habe noch die erbetene Zeit. Dann wäre es heute immer noch „fünf vor“ wie seit 50 Jahren. Das bestreiten aber sowohl Wissenschaft wie Fridays for Future. Aber was sollen wir machen? antworten die Politiker. Die Welt ist kompliziert, die Regeln, nach denen wir, zumal in Demokratien, verfahren müssen, sind einfacher nicht zu haben. Kohleausstieg ist 38. So haben wir das einvernehmlich vereinbart.

Dabei wächst die Zahl derer, die „mitgenommen“ werden wollen durchaus in der Saharahitze, von Woche zu Woche, nachdem sie lange genug sich um nichts kümmerten. Aber kein Bus kommt zum Mitnehmen vorbei. Also steigen sie wieder ins Billigflugzeug und fliegen auf die Kanaren. Warten bringt nichts, und leben tun wir nur einmal. Und ich allein soll auf die Schönheiten des Lebens verzichten – seit wann ist der kategorische Imperativ Gesetz? Der würde vorschreiben, daß ich nur so handeln soll, daß mein Handeln als Grundlage eines verbindlichen Gesetzes für alle taugt. Wenn ich ohne Flugscham nach Barcelona düse, wäre die Freiheit, die ich mir erlaube, Grundlage des Gesetzes, das da lautet: „Freier Flug für freie Bürger.“ Laut sagt das kaum noch einer – oder? Doch: Trump sagt das, die FDP sagt das, die Rechten in der Union sagen das, die AfD sowieso. Und die es nicht sagen, glauben immerhin, daß man nichts verbieten darf, denn dann fühlten sich die Leute nicht „abgeholt“ und werden motzig wie die Gelbwesten. Und wer zuviel von Verboten redet, kriegt gleich die passende Antwort vom Wähler: Verbotspartei – nein danke! Lieber nicht an das Klima denken. Vielleicht ist es ja doch nur „Wetter“.

Dieser letzte geheime Wunsch, es könne sich die ganze Klima-Apokalyptik letztlich doch als pseudoreligiöse Angstmacherei interessierter Verschwörer (die Wissenschafts-Community) herausstellen, wird ungewollt von der Wissenschaft selbst befördert. Auch sie schiebt die Stunde Zwölf, den Point of no return, letztlich das Ende der irdischen Lebensbedingungen, immer vor sich her, kontrafaktisch, wie man sagen muß. Denn die Fakten, die sie seit einiger Zeit kundtun, sagen eindeutig: Es ist fünf nach. Die Einschränkung „Wenn wir weltweit unser Verhalten nicht ändern“ ist nichts als das Eingeständnis des Zu spät. An die globale Verhaltensänderung können nur die unerschütterlichen Anhänger eines religiösen Prinzip Hoffnung glauben. Gott wird es nicht zulassen, daß wir seine wunderbare Schöpfung in Flammen aufgehen, im Plastikmüll ersticken lassen.

Erklären läßt sich die paradoxe Haltung der Experten nur damit, daß auch ihre Psyche nicht den logischen Regeln der Wissenschaft folgt  Auch die Wissenschaftler haben Angst. Vor der Unumkehrbarkeit, die sie voraussagen. Vor dem Tod. Wie jedes Individuum. Die meisten Menschen leben so, als seien sie unsterblich. Tod ist kein Thema. Er zwingt ins Paradox. Und wer jetzt nicht nur denken, sondern aussprechen würde: „Es ist zu spät“ – könnte wirklich den finalen Fatalismus erzeugen, dem nur noch der Glaube an ein besseres Leben im Jenseits beikommen kann. Die Weltreligionen haben, klug wie sie sind, dies eingepreist, als sie die irdische Welt zum Jammertal erklärten und das Paradies ausmalten wie der Koran, als grandiosen Gegenentwurf zur Sahelzone, in die sich bald die ganze Erde verwandelt haben wird:

„Siehe, für die Gottesfürchtigen ist ein seliger Ort, Gartengehege und Weinberge, Jungfrauen mit schwellenden Brüsten, Altersgenossinnen und volle Becher.“ (Sure 78, 33-34) – Tja, wenn das so ist, brauchen wir keinen Klimaschutz. Konvertieren reicht.

 

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Eine Antwort zu Fünf vor zwölf oder fünf nach zwölf?

  1. Der Uhrmacher schreibt:

    Es ist 13:10h

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