„Reform“ auf katholisch

Wie auch die politischen Klimamuffel hat die katholische Kirche anscheinend begriffen, daß Reform dringend vonnöten ist. Besonders erfolgversprechend scheint eine Erneuerung von Systemen, wie Kirche eins ist, wenn die Anstöße von innen kommen. Gegen äußere Kritik wird man sich in der Regel trotzig in die traditionelle Wagenburg zurückziehen. Die Philosophen sprechen von „immanenter Kritik“. Eine solche liegt jetzt in erfrischender Schonungslosigkeit vor.

Der katholische Theologe Michael Seewald hat als Theologe und Katholik „aus einer Verbundenheit mit meiner Kirche“, wie er im Radio-Interv. betonte, ein Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Reform – dieselbe Kirche anders denken„. Das Buch versucht u.a. nachzuvollziehen, wie das katholische Lehramt mit seinen Irrtümern umgeht. Was die Autorität des Lehramts betrifft, unterscheidet Seewald zwei Formen dieser Autorität. Da ist zum einen die auf Einsicht zielende („epistemische Autorität“), auf der anderen Seite findet man die auf Gehorsam abstellende Autorität („juridische Autorität“) . Diese den Gehorsam fordernde juridische Autorität stehe derzeit im Vordergrund. Sie sei in der Lage, aus sich heraus Glaubenswahrheiten, letztlich „Wirklichkeit“ zu setzen. Der unfromme, dem Gehorsam abgeneigte Beobachter würde von Deep Fake sprechen. Eine Welt unbegründbarer, wenngleich göttlich inspirierter Behauptungen, die sich als Wahrheiten verkleiden, wird zur Lebens- und Regelwelt der Gläubigen. Das hat Folgen.

Seewald hat beobachtet, daß das Lehramt etwa besonders in der Frage der Geschlechterrollen zu dem Schluß gekommen ist, daß Debatten innerhalb dieses Themenbereichs unterbunden und Kritiker sanktioniert werden müssen. Dieser ganze Bereich Geschlechterrollen und Sexualmoral sei „in den letzten Jahrzehnten zu einem identitären Marker des Katholischen geworden“. Man wolle eine gewisse überkommene Gesellschaftsordnung konservieren und reagiert entsprechend äußerst sensibel auf abweichende Positionen. Für Seewald ist die Geschlechterrolle als „identitäre Frage“ (was macht mich als Christen, als Katholiken aus?) etwas, das sich im Evangelium nicht finden läßt. Es gebe dort keinen Zusammenhang zwischen Amt und Geschlecht, dagegen aber einen sehr deutlichen zwischen Armut und Nachfolge. Männlichkeit sei aber im Widerspruch zum Evangelium zwingend für das Priesteramt, Armut nicht. Auch hier finde man die Verschiebung vom Argument zur Autorität.

In der Vergangenheit gab es peinliche Behauptungen von Päpsten, die nur dadurch abgeschwächt werden konnten, daß man sie dem Vergessen der Gläubigen anvertrauen konnte. So durfte Pius XII 1950 noch die Lehre vom Monogenismus verkünden, die Lehre also, daß alle Menschen im biologischen Sinne Nachkommen von Adam und Eva sind. Heute wird in theologischen Seminaren die Out-of-Africa-Theorie gelehrt, wonach vor ca. 200 000 Jahren der moderne Mensch in Afrika entstand und sich von dort aus über die Welt verbreitete. Pius II ist nur noch peinlich, aber man darf die päpstliche Glaubwürdigkeit als solche nicht in Frage stellen, indem man diese Peinlichkeit im Gedächtnis behält. „Löschen!“ heißt die Losung.

Ähnlich verhält es sich mit den Menschenrechten. Sie wurden von der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert wütend bekämpft, weil sie Gewissens- und Glaubensfreiheit beinhalteten. Benedikt XVI hatte hingegen in jüngster Vergangenheit die Chuzpe, vor dem Bundestag zu behaupten, es gebe eine bruchlose Tradition: Christentum, Katholizismus, Menschenrechte. Man tut so im vollen Bewußtsein der Lüge, als habe Gewissens- und Glaubensfreiheit schon immer zum Lehrbestand der Kirche gehört. Fake über Fake im Interesse der Beherrschung der Herde. Wer sich an Trump und dessen Herde erinnert, liegt wohl nicht ganz falsch. Auch von Hitler und seinen Anhängern  ist man nicht weit entfernt. Die Lüge als Instrument der Massenlenkung war dessen wirksamste Waffe.

Seewalds Fazit: „Selbstkritik und Selbstkorrektur ist ein selten anzutreffendes Phänomen in der katholischen Kirche.“ Sie opfert die Wahrheit auch des Evangeliums dem Machterhalt, denn „wenn folgende Generationen von Päpsten das, was ihre Vorgänger entschieden haben, problematisieren, gerät natürlich die Vorstellung des Entscheidens unter göttlichem Beistand ins Wanken“.

Seewald gehört zur jungen Generation von Theologen, die fast verzweifelt an ihrer Kirche festhalten. Die systemischen Zwänge aber, die den Bau des riesigen Lügengebäudes begründen als Zitadelle, in der die Gläubigen eingesperrt sind, will er nicht wahrhaben. Er glaubt an die mögliche Demokratisierung im Sinne freier Diskurse und an ein Entkommen aus der Elementar-Lüge, die ihren wahren Grund im Mythos von der Offenbarung Gottes in der Schrift hat – und die ist zwangsläufig korrekturresistent..

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