„Den Sozialismus in seinem Lauf…

…hält weder Ochs noch Esel auf“, reimte einst Erich Honecker. Zwar schafften es nicht Ochs oder Esel, die seit je damit beschäftigt waren, das Kind im Stall zu bewundern, sondern Erich selbst und seine Mitstreiter in den Ländern des real existierenden Sozialismus. Sie verbrannten für alle Zeiten die schöne Utopie von der von Ausbeutung befreiten und befriedeten Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen gestillt und glücklich wäre, und zwar schafften sie es mit einer Effizienz und Radikalität, die heute noch, 30 Jahre später, Staunen macht. Die Sozialisten hatten den Sozialismus abgeschafft, vernichtet, seine Wurzeln ausgerissen, nicht die bösen Kapitalisten. Einige seltsame hybride Gebilde, Karikaturen des Sozialismus wie China und Nordkorea, blieben übrig, wobei China bewies, daß Kapitalismus ohne Demokratie und auch ohne Sozialismus wunderbare Entwicklungschancen hat, während Nordkorea bis heute erfolgreich die Steinzeit mitten im 21. Jahrhundert am Leben hält.

Der unter diesen Voraussetzungen zur Mund-zu-Mund-Beatmung des Mausetoten angetretene Kevin Kühnert hat keine Chance. Er ist nicht Jesus oder sonst ein Totenerwecker. Er ist ein an seiner Partei verzweifelter Sozialdemokrat und greift zur Analyse des Karl Marx, die ihm zeigt, daß der Kapitalismus, wenn er eine gewisse Erfolgsstory hinter sich hat, sich selbst wie ein Kettenraucher seine Lunge mit einem Krebs infiziert, der ihn und wahrscheinlich den Planeten selbst zerstören wird. Die einzige Medizin, die helfen könnte und die Kevin beschwört, hat ihr Haltbarkeitsdatum überschritten und kann nicht mehr wirken. Eine andere scheint es nicht zu geben, es sei denn die neue Messiasse Trump und Bolsonaro erfänden sie, indem sie mindestens zwei Jahrhunderte in der Geschichte wieder zurückgingen und die alten Kriege neu führten.

Wer seinerzeit den Wendeprozeß 1989/90 verfolgte, konnte sich damals ausrechnen, daß jedem, der sich mit Marx und dem Sozialismus irgendwann wieder aus der Deckung begeben würde, ohne jedes inhaltliche Argument schlicht mit dem Hinweis auf den real grandios versagt habenden Sozialismus  abgeschmettert werden würde. Eine neue historische Chance wird es nicht geben. Das Menschenbild und der Geschichtsentwurf der Urväter Marx, Engels, Bebel etc. waren so utopisch im Sinne von wirklichkeitsfremd wie das christliche Modell vom erlösten und geretteten Sünder. Christentum wie Sozialismus überfordern offenkundig den Homo sapiens auf seiner jetzigen Evolutionsstufe. Daß er je eine höhere erreichen wird, wird er von der gegenwärtigen aus zu verhindern wissen.

Wenn Kühnert am Ende seines ZEIT-Interviews lachend (!) Adornos Satz zitiert „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, gibt er zu, daß auch er insgeheim vom falschen Leben ausgeht, aus dem es keine Entrinnen gibt. Auch bei ihm wird nach einem theoretisch-politischen Reifungsprozeß letztendlich der Apokalyptiker Adorno über die Utopisten Marx und Bloch gesiegt haben. Die Erkenntnis des „Wahren“ fördert selten das „Gute“ zutage.

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