Wir sind der Asteroid

Sechs Massensterbens hat der Planet Erde bisher erlebt und überlebt. Als die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren ausstarben, war es wohl ein gewaltiger Asteroid, der die Atmosphäre über einen langen Zeitraum in eine riesige Staubwolke verwandelte und die Temperatur abstürzen ließ, weil kein Sonnenlicht mehr durchdrang. Die Saurier waren die Leidtragenden, nicht aber die Verursacher der Katastrophe. Heute ist es anders. Wir, der Homo sapiens, gerade mal vor 100 000 Jahren aus Afrika zur Welteroberung aufgebrochen, wir sind Verursacher und Leidtragende in Personalunion. Wir wissen es, aber wir können es uns nicht vorstellen. Das ist ein Unterschied. Groteske Paradoxien erzeugt der menschliche Geist. Es sucht nach Lagerstätten für seinen Atommüll, wo er eine Million Jahre „sicher“ aufbewahrt werden kann, aber er verdrängt die bittere Einsicht, daß er letztlich schon in kurzer Zeit, weit vor den sagenhaften Millionen Jahren, das Opfer seines eigenen Handelns sein wird als letztes Opfer des Massensterbens. Er weiß es und weiß es nicht. Er tut de facto so, als könne sein Handeln immer so weitergehen, als könne er sich exponentiell weitervermehren, ernähren, energieverbrauchen, müllerzeugen. Als wüchse die Erde mit. Das weiß er zwar auch, daß sie das nicht tut. Aber er handelt so, als wären ihre Ressourcen für die explodierende Spezies Homo unbegrenzt. Vielleicht denkt er insgeheim an eine Rettung durch Gott, einen Welt-Messias oder ähnliches. Eine neue Daseinsberechtigungsform für Religionen aller Art…

Der aktuelle Bericht des Weltbiodiversitätsrats, IPBES, von der UNO in Auftrag gegeben, spinnt keine Apokalypse aus Hirnen stubenhockender Wissenschaftler heraus, sondern faßt die Ergebnisse jahrelanger sachlicher empirischer Forschung zusammen. Das Artensterben vollzieht sich derzeit, im Anthropozän, 10 bis 1000fach schneller als in 10 Millionen Jahren vorher. In  gleichem atemberaubenden Tempo, um mit dem Papst zu reden: karnickelhaft, vermehrt sich der Verursacher. Früher hätte man von dem Triumph einer Spezies, der Krone der Schöpfung, über alle anderen gesprochen. Heute müßte der Krone, wäre sie denn so vernünftig, wie sie sich einschätzt, sofort die ungeheure selbstgebaute Falle bewußt werden: Wir können nur mit den anderen zusammen überleben. Mit diesen und Pflanzen und Tieren, von denen wir, seit wir von der Evolution wissen, auch wissen, daß wir Verwandte sind und als deren Feinde und Vernichter wir uns gebärden. Mit jenem fürchterlichen Gottes-Befehl im Rücken, wir sollten uns die Erde „untertan“ machen, haben wir sie Jahrtausende lang versklavt und uns im Recht gesehen, sofern wir uns zu den „zivilisierten“ Gesellschaften zählten, während es die sog. „Wilden“ in den Urwäldern Amerikas waren“, die „Mutter Erde“ liebten und verehrten.

Um die Milliarden, die wir in schäumendem Mannes-Eifer und mit Pillen Paules Segen erzeugen (Nigerias Bevölkerung etwa vervierfachte sich dank seiner Manneskraft seit 1960 auf heute 175 Millionen), um sie zu ernähren, brauchen wir die artenvernichtende industrielle Landwirtschaft, brauchen wir die Energie und ihre Quellen und zerstören das Klima, produzieren wir den Müll, den wir an den Stränden und in den Mägen der Wale wiederfinden. Alles bekannt, nicht erst seit Gretas Aufforderung, in Panik zu geraten. Aber wir verfallen nicht in Panik. Von wegen! Uns fehlt es an Vorstellungskraft. Dafür haben wir Sciencefiction im Kino. Wir glauben, wenn wir SPD wählen, die soziale Frage gegen die ökologische ausspielen zu können. Wir glauben nicht, wenn wir CDU oder FDP wählen, daß wir von den Menschen verlangen können, ihr Leben zu ändern.  Wenn schon die, die das alles wissen, mit dem Flugzeug aus reiner Schaulust um die Welt jetten und einen kontinentgroßen Fußabdruck hinterlassen, nichts an ihrem Leben ändern, wie erst die, die nie etwas wissen, weil sie sich für nichts interessieren, das über Autos, Fußball und Ficken hinausgeht?

Die Demokratie, eine der größten Errungenschaften der Spezies, ermöglicht die verheerenden Wahlerfolge der Trumps und Bolsonaros. Auch so ein grandioses Paradox, wonach das Gute gewollt, das Böse aber produziert wird. Keiner will eine Öko-Diktatur, aber sie wäre der Preis, den wir zahlen müßten, wollten wir nicht nur Brasiliens Tropenwald retten, sondern schlicht überleben. Der Preis – aber keine Garantie. Dieses berechtigte Bedenken gegen jede Art von Diktatur zähmt auch die Grünen. Als sie Teilhaber der Macht waren, paktierten sie mit einem Auto-Kanzler, der zwar seiner Partei ideologisch entlaufen war, aber sie weiter in den neokapitalistischen Zukunftstraum führte. Seine Fußabdrücke werden noch jene Nachkommen bewundern, die es noch einige Zeit in privilegierten Landstrichen geben wird, wenn es die Pazifik-Atolle, die Korallenriffe und die Gletscher schon nicht mehr geben wird, von Eisbären ganz zu schweigen. Jene Generationen werden sich so lange wie möglich arrangieren mit der verarmten, ausgelaugten Erde. Bis es ihnen selbst, im globalisierten Sahel, an den Kragen geht.

Jetzt schon fantasieren sie über Raumflüge zu anderen Welten. Noch nicht einmal jenes simple physikalische Wissen fehlt ihnen, das ihnen  den Unsinn solcher Träume erklärte. Und sollte es jene Welten geben, müßten die Bewohner derselben für ihre Unerreichbarkeit dankbar sein. Sonst ginge es ihnen wie den „Wilden“ Amerikas.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s