Das Böse im Frommen

Daß die katholische Kirche ein Verbrecher-Schutzverein ist, wurde spätestens während der jüngsten Diskussion über die sexuellen Mißbräuche, ihre diversen Vertuschungsmethoden und nach dem ergebnislosen römischen Treffen im Februar all  jenen klar, die sich nicht haben korrumpieren lassen in ihrer Urteilsfähigkeit. Daß aber eben diese Kirche nicht nur Verbrecher schützt, sondern sich selbst mafiöser, d.h. verbrecherischer Methoden bedient, offenbarte das Interview, das Christian Pfeiffer jetzt der ZEIT gab.

Pfeiffer, ehemals Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), sollte ab Sommer 2011 den sexuellen Mißbrauch in der katholischen Kirche in deren Auftrag erforschen. Im Dezember 2012 war das Projekt gescheitert. Hauptverantwortlich dafür waren Pfeiffer zufolge der Mißbrauchsbeauftragte der Kirche, Bischof Ackermann, und der als liberal überall geschätzte Kardinal Marx. Die Kirche beanspruchte, so Pfeiffer, bald nach Beginn der Untersuchungen „finale Kontrolle der Forschung“. Ihr sei bewußt geworden, „daß unsere Forschung wehtun könnte und daß es uns auch darum ging, aufzudecken, daß so viele enttarnte Täter weiterbeschäftigt wurden“. Die Kirchenvertreter verlangten entsprechend die Möglichkeit eines zensurierenden Eingriffs vor jeder Veröffentlichung eines Forschungsergebnisses. Diesem Wunsch widersetzten sich Pfeiffer und seine Mitarbeiter. Die Lage eskalierte. Die Kirchenvertreter verlangten von Pfeiffer, sich zu verpflichten, „jeglichen Vorwurf von Zensur und Kontrollwünschen der Kirche zu unterlassen. Wir hätten zwar sagen dürfen, daß das Projekt beendet ist, aber nicht, warum“. Ein korrumpierendes finanzielles Angebot (120.000 Euro) sollte den Forschern das Nachgeben bzw. das Schweigen über den wahren Verlauf erleichtern. Bischof Ackermann warnte Pfeiffer: „Wenn ich mich weigere, den Vertrag zu unterschreiben und der Zensurvorwurf nach draußen dringe, dann sei ich ein Feind der katholischen Kirche – und das wünsche er niemandem“. Welche Foltergeräte, Scheiterhaufen oder, anders gesprochen, Säurebäder Ackermann im Sinn hatte, wissen wir nicht. Die Drohung, mag sie auch heute lächerlich klingen, ist unüberhörbar. Und Pfeiffer fühlte sich bedroht, nahm die Bedrohung ernst. „Das war der Versuch einer Nötigung“. Aber der Kriminologe wollte den offenen Konflikt vermeiden und schwieg bis heute, bis zu diesem Interview. Allerdings mußte er sich gerichtlich zweimal (erfolgreich) gegen eine einstweilige Verfügung wehren, wonach er nie wieder behaupten dürfe, „die katholische Kirche habe in Hinblick auf das Forschungsprojekt Zensur ausüben wollen“.

Der Fall beweist nicht nur, wie weit der Arm der geschwächt scheinenden Kirche noch reicht, wie dieser Staat im Staate, der Rolle der Mafia in Süditalien durchaus vergleichbar, rechtsstaatliche Verfahren angesichts offenkundiger schwerer Rechtsbrüche verhindern kann. Pfeiffer nennt sich einen gläubigen Menschen und wagt mit seinem Interview viel, was seiner Kirche auch schaden könnte, aber er begreift offenbar nicht, daß Rechtsstaatlichkeit und Verfassung über dem Daseinsrecht der Kirchen stehen müssen. Was wir den Muslimen nahelegen, müssen wir selbst einzuhalten in der Lage sein. Kinder, die in kirchlichen Einrichtungen gequält und vergewaltigt werden (die meisten „Mißbräuche“ sind regelrechte Vergewaltigungen), gehören nicht der Kirche und auch nicht dem Gott, auf den die Kirche sich bezieht. Sie gehören sich selbst. Dafür, daß ihnen das Sichselbstgehören möglich ist, hat der Rechtsstaat zu sorgen. Das macht seine vornehmste Daseinsberechtigung aus, nicht der Schutz von Religion und Kirche.

Die Widersacher Pfeiffers im Streit mögen „von Natur aus“ weder „böse“ Menschen noch machtbesessene Zyniker sein, aber das Verlangen ihrer Institution, um aber auch jeden Preis ihren Ruf und ihre moralische Macht zu schützen, bringt sie in die Lage, gegen eben jene Grundsätze ohne jede Rücksicht zu verstoßen, für die ihr Stifter die strengsten Maßstäbe aufgerichtet hatte. Die Verbrechen der Kirche heute richten sich nicht nur gegen die Menschen, sofern sie Opfer sind, sondern vor allem gegen den Geist jenes Jesus von Nazareth, der, wie man sagt, auch für solche Sünden gestorben ist, die die Kirche heute immer wieder begeht. Dies allerdings mit einer gehörigen Zutat an Zynismus und Mitleidlosigkeit, was die Opfer betrifft.

Dostojewskis Großinquisitor war es, der dem wieder auf Erden wandelnden Jesus nahelegte, besser zu verschwinden. Er schade den Menschen, die seinen Ansprüchen, die sie auch nicht verstünden, nicht genügen könnten. Die Kirche habe sich deshalb dem Dienst des großen Widersachers verschrieben, durchaus im Dienst der Menschen. Staunend stehen wir heute vor der Hellsichtigkeit des russischen Dichters.

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