Bergpredigt für IS-Rückkehrer

Was machen wir mit ihnen? – Der Theologe und Philosoph Jürgen Manemann (im DEUTSCHLANDFUNK) will ihnen mit der Bergpredigt begegnen, diesem Herzstück der jesuanischen Botschaft, in der sich die Aufforderung findet: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verachten“ (Matth. 5, 44).

Manemann charakterisiert die Feindesliebe als entscheidendes Gebot, das angesichts grassierender gesellschaftlicher Verfeindungen eine weit über das christliche Umfeld hinausreichende Bedeutung habe. Eine grandiose Verharmlosung! Das Feindesliebe-Gebot will nicht verfeindete Gruppen versöhnen oder ganz allgemein Frieden auf Erden stiften; es enthält vielmehr eine Utopie des Menschen, die ihn als realexistierenden immer überfordern wird. Jener Abschnitt der Bergpredigt, der den besagten Passus enthält, endet: „Ihr sollt also vollkommen sein wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Matth. 5, 48). Das entspricht jenem Gedanken, der im Schöpfungsbericht mit der Gottähnlichkeit ausgesprochen ist. Mit einem „realistischen“ Menschenbild, gar mit irgendeiner Praktikabilität hat er nichts zu tun.

Ob das „Virus Dschihadismus“, von dem Manemann spricht und für dessen Ausbreitung seiner Meinung nach die westlichen Gesellschaften wegen Sinnverweigerung auch Verantwortung tragen, mit Medikamenten aus dem Schrank einer unglaubwürdig gewordenen „christlich-jüdischen“ Kultur erfolgreich bekämpft werden kann, muß bezweifelt werden. Salafisten und Dschihadisten hassen die, die sich „Christen“ nennen, nämlich nicht als Christen, sondern weil sie in ihren Augen keine sind, vielmehr Heuchler und Verräter des eigenen Glaubens, also „Ungläubige“. Es herrscht, gerade was die Figur Jesus betrifft, zwischen Christentum und Islam ein elementares Mißverständnis. Von den umstürzlerischen Visionen seiner Predigten und Gleichnisse hat der Koran nichts begriffen und hält sie deshalb auch nicht für erwähnenswert. Wichtig ist ihm Jesu jungfräuliche Geburt, sind seine Wundertaten, sein Prophetentum, allerdings letzteres ohne jeden Inhalt. Er selbst nennt sich unmittelbar nach seiner Geburt einen treuen Diener Allahs (Sure 19, 30). Der dankt es ihm, verweigert ihm Kreuzigung und Ostern und holt ihn direkt und schmerzfrei in den Himmel. Viel bleibt nicht übrig von der umstürzlerischen Botschaft des charismatischen Wanderpredigers Jeschua Ben Joseph. Eigentlich nichts.

Der von vielen guten Menschen geteilte Grundirrtum Manemanns besteht darin, den Kämpfern des IS ihr „wahres“ Muslimsein abzusprechen. Deswegen hält er sie im Prinzip für heilbar wie jeden verirrten Kriminellen. Sie sind so wenig heilbar wie jene Katholiken, denen der sichtbar gewordene Degenerationsprozeß ihrer Kirche bis hin zu systemischen Untaten und mafiösen Strukturen nicht daran hindert, Papst und Hierarchie die Treue zu halten. Kriminologen und Psychologen wissen andererseits, daß, wer einmal die so stark tabuisierte Grenze zum Mord überschritten hat, zudem gerechtfertigt durch den Besitz der Wahrheit und gebilligt von seinem Gott, auf den Machtrausch, den ihm die Tat bescherte, nicht mehr verzichten will. Die IS-Mörder sind also keine Kriminellen, wie oft suggeriert wird. Sie sind ihres Gottes Krieger und Märtyrer. Und wenn sie Frauen versklaven und vergewaltigen tun sie dies zum Ruhme dieses Gottes, den sie während ihrer Taten unentwegt anrufen, um seiner Zustimmung gewiß zu sein. Das unterscheidet sie ums Ganze von säkularen Sexualtätern und Mördern.

Wenn Manemann uns auffordert, „mit diesem Feind so umzugehen, daß wir uns weigern, ihn zu dehumanisieren“, setzt er voraus, daß ein Glaubenskrieger mit der göttlichen Lizenz zum Kopfabschneiden und Vergewaltigen von seinen Kritikern nicht als „Mensch“ gesehen wird. Irrtum! Er ist vielmehr so menschlich wie alle anderen Fanatiker, die im Auftrag eines Gottes „Unmenschliches“ tun. Sein besonderes „Vergehen“ besteht allerdings darin, daß er filmte und medial verbreitete, was er tat.  Zu den religiös motivierten Fanatikern haben auch immer Christen gehört. Ihre Taten röteten seinerzeit, auch wenn es keine Videos gibt, das Wasser afrikanischer und amerikanischer Flüsse. Und zu Hause legte ihnen sogar der heilige Thomas von Aquin nahe, zum Wohl der Kirche Ketzer zu verbrennen. Es ist im Zweifel die allzu leidenschaftliche, vielleicht falsch verstandene Treue zu einem Gott selbst, die beim Dienst für diesen Gott den Verdacht der Dehumanisierung aufkommen läßt, auch wenn es keine ist. Sondern das Menschlich-Allzumenschliche im Glauben.

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