Phallus im Kopf – zum Weltfrauentag

„Man kann, hält man sich an die Funktion des Phallus, Strukturen                             herausarbeiten, denen  die Beziehungen zwischen den  Geschlechtern                         unterworfen sind“ (Jacques Lacan, Die Bedeutung des Phallus)       

Eine Frau, Mitte zwanzig, betritt eine Bäckerei, stolz ihren Babybauch präsentierend. Die Bäckersfrau (um die 50, freundlich auf den Bauch blickend): „Was wird es denn?“ – Die werdende Mutter: „Ein Mädchen.“- Bäckersfrau (nun mit sachlichem Gesicht): „Na, Hauptsache gesund.“

Diese Bäckerin hat den Phallus im Kopf. Er bedeutet für sie, für die Gesellschaft, in der sie lebt und urteilt, das Wertvolle, Erstrebenswerte, ja Heilige, Göttliche. Die katholische Kirche teilt und bestärkt diese Haltung. Sie dekretierte einst und hält bis heute daran fest, daß nur ein Mensch im Besitz des Phallus das Evangelium in der Nachfolge Christi verkündigen dürfe. Überhaupt hätten sich die Penislosen mit niederen Funktionen zufriedenzugeben in der Kirche. Der Psychologe Lacan nannte den Phallus den wichtigsten „Signifikaten“ der patriarchalen Welt. Auch ältere Kulturen als die christliche verehrten den Phallus in Standbildern als einen Gott, als Symbol des göttlichen Gesetzes. Gewissermaßen repräsentiert er bis heute den männlichen Monotheisten-Gott. Und es sind überwiegend die Frauen, die ihn anbeten und sich als Schwangere wünschen, solch einen Phallusbesitzer zu gebären, den man etwa in Deutschland vor nicht allzu langer Zeit „Stammhalter“ nannte oder als „Prinzchen“ liebkoste und verwöhnte. In der Welt und Sprache Shakespeares bezeichnete man hingegen vor 500 Jahren jenen Körperteil, der bei Frauen die Phallus-Stelle besetzt, als „Nothing“ – als Nichts (Much Ado About Nothing – „Viel Lärm um Nichts“). Ein Nichts kann weder bedeutend noch heilig sein, im Gegenteil. Es hat vielmehr die Tendenz, schmutzig zu sein. Das galt auch lange vor Shakespeare und gilt in den meisten Weltgegenden und den dazugehörenden Religionen bis heute. Vor allem sind es die Frauen selbst, die diese Geltung bekräftigen, indem sie sich etwa der Patriarchenwelt der Kirche hingebungsvoll ausliefern, egal wie sehr die Männer der Kirche sie nicht wertschätzen, verachten oder gar mißbrauchen oder vergewaltigen.

Die Weiblichkeit, die mit jedem zweiten Kind einen Phallus zur Welt bringt, verstärkt dessen Bedeutung und Wirkung, indem sie die kleinen Phallus-Träger zu großen, starken, machtvollen Egomanen erzieht. Diese Arbeit zu solcher Stabilisierung des Machismo wird ihr aber nicht gedankt. Im Gegenteil. Die unentgeltliche Kinderaufzucht, im wesentlichen von den Frauen geleistet, führt zu geringeren Löhnen, höherem Armutsrisiko, niedrigeren Renten, schlechteren Karrierechancen und begrenzter politischer Repräsentanz, sprich: Macht. Nachdem aber die Versorgungsehe zumindest in den fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften als Lebensmodell ausgespielt hat, käme es darauf an, daß die Männer, die eine Familie wollen, sich solidarisch die mit der Erziehungsarbeit verbundene Mühe und Zeit mit ihren Frauen teilen. Das tun aber nur wenige und berufen sich meist darauf, daß sie mehr Geld für die Familie verdienen. Ein scheinheiliges Argument, das willentlich übersieht, daß die Schul- und Universitätsabschlüsse der Frauen sich wegen der Kinderaufzucht nicht im gleichen gerechten Maße in Einkommen und Karriere umsetzen lassen – trotz meist besserer Abschlüsse.

Die Mehrzahl der Männer ist zu solcher Solidarität nicht bereit, und ihre Frauen verlangen sie auch nicht, erhoffen sie vielleicht in der ersten Zeit der rosigen Verliebtheit. Solidarität mit Wesen, die sie nicht verstehen und auch nicht verstehen können, erscheint den meisten Männern als unzumutbare Forderung. Frauen sind anders, auch deshalb erotisch begehrenswert, aber ihr Gefühls- und Seelenleben gleicht dem von Aliens. Vice versa gilt das natürlich auch, weil die Patriarchenwelt immer schon, worauf auch ihre heiligen Schriften hinweisen, auf diesem gegenseitigen Fremd- wenn nicht Feind-Sein bestanden hat. Die ungeheure Zahl täglicher Vergewaltigungen nicht nur in Indien und Afrika beweist das.

Die eigentliche Tragik des Gender-Dilemmas mag man darin sehen, daß Frauen es nicht nur fertig bringen, Trump zu wählen und den Papst zu verehren, sondern daß es vor allem die Frauen als Mütter sind, die die phallische Kultur in der Erziehung ihrer männlichen Babys perpetuieren und stärken.

Mütter machen Machos.

 

 

 

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