Unheilbar oder: Der Fall Doris Wagner (4)

In einem atheistischen Internet-Shop konnte man einmal ein T-Shirt mit der Aufschrift kaufen: „Religion ist heilbar.“ Daran ist zu zweifeln. Manche Krankheit besiegt nur der Tod. Wer zwar nicht schon im Mutterleib, aber vom ersten Schrei an mit dem Virus infiziert wurde, wird ein Leben lang eine schmerzende Leere verspüren, die nur mit der Droge Religion oder, wie man heute gerne sagt, „Spiritualität“ aufzufüllen ist. Es gibt keinen gleichwertigen Ersatz für die Junkies, mögen sie noch so intelligent und gebildet sein. Falls der Zugang zur Droge versperrt ist, droht sogar Selbstmord. Die Krankheit ist eine zum Tode, um einen Buchtitel Sören Kierkegaards zu variieren. Gemeint ist dort und auch im aktuellen Kontext die Verzweiflung.

So beschreibt Doris Wagner, mit deren exemplarischem Schicksal der DREYZACK sich schon ausführlich auseinandersetzte, ihre Situation, in der sie glaubte, Gott verlange Unzumutbares von ihr (das Opfer ihrer Keuschheit, das ein Kleriker im Namen Gottes von ihr forderte) und deswegen müsse sie Gott die Glaubens-Gefolgschaft kündigen, vielleicht sogar sich umbringen. Sie tat es nicht, sondern trat aus ihrem katholischen Orden aus, machte die dort routinemäßigen Untaten publik, studierte Theologie und Philosophie und schrieb zwei Bücher. Deren Ambitionen sind scheinbar aufklärerisch, für eine Philosophin aber befremdlich inkonsequent.

Das markanteste Beispiel für dieses unphilosophisch-inkonsequente Vorgehen, wenn auch fast wie eine Nebensache versteckt, findet sich in der Schrift „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“. Die Autorin beschreibt eine katholische gemischt-geschlechtliche Gemeinschaft (ihre eigene oder eine dieser sehr ähnliche). „In der Gemeinschaft war der Altarraum während der Messe stets Männern vorbehalten worden. Er war ein heiliger Raum. Die Schwestern betraten ihn niemals. Frauen im Altarraum galten als anstößig. Es war, als würde ihre Anwesenheit dort den heiligen Raum beschmutzen.“  Der Leser erwartet an dieser Stelle eine Positionierung, eine Analyse, eine Klärung des Hintergrundes. Vergeblich. Die Philosophin fragt nicht weiter, wie es ihrem Beruf entsprochen hätte.. Die Theologin in ihr verbietet ihr offenbar das Fragen. Frageverbote sind essentiell für Glaubensgemeinschaften jeder Größenordnung. „Du sollst nicht fragen“ verbindet sich mit dem „Du sollst gehorchen“ zu einer ehernen Selbstfesselung des Geistes als Voraussetzung jeder Offenbarungs-Gläubigkeit. Doris Wagner beklagt zwar das strikte Frageverbot in ihrer Gemeinschaft, hat seine scheinbare Notwendigkeit aber so verinnerlicht, daß sie auch in ihrer nachträglichen Analyse die entscheidenden Fragen nicht zu stellen wagt. Etwa die nach dem Frauenbild (unrein, anstößig) ihrer Kirche. Sie müßte im Spiegel dieses vom eigenen Menstruationsblut beschmutzte Wesen ansehen und sich dem Urteil über ihre Minderwertigkeit fügen oder dagegen protestieren. Sie beschließt offenbar, dieses Problem, dessen sich die feministische Theologie schon lange angenommen hat, zu umgehen, es vielleicht einmal zu vergessen, kurz: den Spiegel künftig zu meiden. Daß sie die zitierte Stelle in ihrem Buch nicht getilgt hat, spricht aber dafür, daß im Hinterkopf die eigene Weiblichkeit sich empörte, wenn auch sehr zurückhaltend, fast furchtsam.

Doris Wagner trat aus dem Orden aus, wurde Ehefrau und Mutter und sagt heute in einem Zeitungsinterview zu ihrem Glauben: „Meinen alten Glauben und meine absurde Vorstellung, daß es eine kleine Gruppe von Männern in Rom gibt, denen Gott seinen Willen mitteilt und die dann verpflichtet sind, dem Rest der Welt diesen Willen kundzutun – diese Vorstellung habe ich natürlich komplett aufgegeben. Ich bin nach wie vor ein gläubiger Mensch, vielleicht sogar mehr als zuvor.“

Wie das? „Mehr als zuvor?“ Glaubt sie an den Vater, der sie, die nie erwachsen wurde, nie sich wirklich befreite zum selbständigen Denken, ohne Vermittlung der Kirche beschützt und leitet? Glaubt sie etwa an einen personalen und männlichen Gott, der im Altarraum den Geruch von Weiblichkeit nicht ertragen kann? Eigentlich ist doch die Mutterkirche eine Männer-Kirche, eine Vater-Kirche, und wer als böser Karikaturist die gegenwärtige Kirche darzustellen hätte in ihrer Mißbrauchs-Krise, könnte einen nackten Schmerzensmann zeichnen, der seinen Penis zum Knoten geschlungen hat, ohne allerdings verhindern zu können, daß der Knoten immer wieder aufgeht. Es handelt sich um ein Stück Fleisch, das seiner Bestimmung entsprechen will, nicht um einen Schnürsenkel. Soviel sei zur Ehre der Männlichkeit an dieser Stelle noch gesagt. Doris Wagner wiederum, um auch ihr zuletzt Ehre widerfahren zu lassen als aufgeklärte Philosophin, erwartet vom römischen Mißbrauchstreffen nichts Neues: „Ich nehme das Treffen als einen Akt der Hilflosigkeit wahr. Die meisten Bischöfe sind buchstäblich mit ihrem Latein am Ende. Sie haben keinen Plan, sind defensiv, wollen noch immer nicht verstehen, worum es eigentlich geht. Da ist viel Schwäche spürbar.“

An solches resignative Statement schlösse sich allerdings die Frage an, ob die Kirche überhaupt aus dem Dilemma zwischen Selbstlüge und Selbstaufklärung lebendig herauskommen kann. Lügend kann sie vielleicht noch eine Weile überleben, weil sie ihre Gläubigen von der Droge abhängig gemach hat. Selbstaufgeklärt bliebe ihr aber nur die Einsicht, daß eine erwachsene Menschheit ihrer nicht mehr bedarf. Ihre spirituellen Bedürfnisse können die Menschen an authentischeren Orten befriedigen. Und viele wissen das.

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Eine Antwort zu Unheilbar oder: Der Fall Doris Wagner (4)

  1. Make Religion Privat Again schreibt:

    Inkonsequenter jedoch ist unser Staat. Trotz all des Wissen genießen diese Kinderficker Organisationen Schutz durch das GG. Treibt der Staat per Kirchensteuer Geld ein. Gewährt der Staat ein eigenes Kirchenrecht.
    JEDER wirklich JEDER andere Verein mit dieser kriminellen Energie würde a) aufgelöst und b) verboten werden.
    Es ist m.E. vollkommen legitim zu extrapolieren, dass in anderen ebenso patriarchal und strikt organisierten „Glaubensgemeinschaften“ Ähnliches vorgeht. Daher kann man getrost all diese Vereine ihren Privilegien entledigen. Es wird Zeit für eine wirklich säkulare Gesellschaft wo der Atheismus der „Normalzustand“ ist und das Religiöse in das private und hinter den Staat zurück tritt. Das gilt insbesondere für konfessionellen Religionsunterricht an den Schulen. Stattdessen sollte Ethik gelehrt werden. Kirchenglocken läuten halt nur noch die Stunde: fertig.
    Die Selbstverständlichkeit mit der Religion sich als überlegen gibt muss enden.

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