Die Scham der Heuchler

Wir senken die Köpfe in Scham, daß Mißbrauch in unseren Kongregationen und Orden stattgefunden hat. Unsere Scham wird verstärkt dadurch, daß wir nicht realisiert haben, was vor sich geht.“ So zerknirscht bekennen sich die Oberen von Männer- und Frauenorden der katholischen Kirche vor dem Mißbrauchstreffen im Vatikan zu dem, was sie vor allem als unsäglichen Schaden für ihre Kirche, weniger für die Opfer, betrachten. Das hätte nicht sein, zumindest nicht ans Tageslicht kommen dürfen. Jahrhunderte lang ging es gut, muckte keines der Opfer auf – und jetzt?

Für den Kirchenhistoriker Hubert Wolf ist der Mißbrauch in der katholischen Kirche kein Phänomen des 20. und 21. Jahrhunderts. Wer seinen Verstand nebelfrei gehalten hat, wird dieser These ohne weiteres zustimmen und schlußfolgern: Der Mißbrauch ist so alt wie das System, dessen wichtigste Säulen Frauenverachtung, Sexualangst, davon abzuleitende menschliche Unreife der Priester, patriarchale Machthierarchie und die Furcht der Gläubigen vor Sünde und Hölle waren und sind. Auf diese Säulen kann die Kirche nicht verzichten.

Wenn sie von „Scham“ sprechen, blicken sie auf die Sündenbereitschaft in ihrem Innern und erkennen durchaus die Unmenschlichkeit der Forderung, den Kampf gegen diese Bereitschaft täglich zu führen auch um den Preis der Selbstverstümmelung. Sie schämen sich fremd angesichts dessen, der diesen Kampf verliert, den sie aber zugleich in seiner Not verstehen. Deshalb sind sie nicht besonders zur Aufklärung, die Selbst-Denunziation wäre, motiviert. Der Zölibat ist nur das sich zuerst aufdrängende Phänomen, das diese Verstümmelung, eigentlich eine Kastration, verursacht. Aber im Tiefsten handelt es sich bei dem Klerikern bis hinauf zu den Päpsten um die Unfähigkeit, mit der Zwei-Geschlechtlichkeit und damit Sexualität der Spezies Homo umzugehen. Sie bleiben in gewisser Hinsicht ihr Leben lang unreife Knaben, die Mädchen „doof“ finden, womit sie ihre abgründige Unsicherheit angesichts des Anderen, des Weiblichen überbrücken. Eine Konsequenz dieser nie überwundenen Unsicherheit ist der Vatikan als „eine der größten Schwulen-Gemeinschaften der Welt“, wie er aktuell von Frédéric Martel in seinem Buch „Sodoma“ charakterisiert wird. Die menschliche Sexualität ist plastisch formbar, auch in einer Welt, aus der Frauen größtenteils eliminiert sind, Knaben in großer Zahl aber zur Verfügung stehen. Und dann bleibt ja noch, wenn es doch (Ordens-)Frauen gibt, die Gewalt, die gleichzeitig mit meinem Trieb und meinem Haß auch meine Verachtung der Minderwertigen weil Unreinen befriedigt. Kompensiert wird das alles, um wenigstens einen Rest (Nächsten-)Liebe zu bewahren, mit dem Konzept der jungfräulichen Gottesmutter. Diese Frau darf ich schamlos lieben und verehren, denn sie hat alle Sexualität Evas hinter sich gelassen.

Der deutsche Kardinal Müller, der Steve Bannon unter den prominenten Klerikern, hat, ohne sich selbst offenbar zu durchschauen, die Homosexualität als Werk des Teufels verantwortlich gemacht für fast alle Mißbräuche, denn die meisten Opfer seien ja Jungen. Scheinbar geschickt macht er aus den Folgen der kirchlichen Sexualangst (vor Frauen) die Ursache. Männer, die in ihren Gemeinschaften wenig Möglichkeiten haben, sich an Mädchen zu vergehen, nehmen in ihrer Not auch Jungen. Sie werden quasi amtskirchlich verschwult. Man kennt das von anderen männlichen Gemeinschaften ohne Frauen-Kontakt. Der Teufel als Urheber solcher „Sodomie“, nicht das gottgewollte System einer heterosexuellen Schöpfung, steht immer zur Verfügung der rechtgläubigen Argumentation à la Müller.

Es gibt zwei triftige Gründe vorauszusagen, daß das „Mißbrauchstreffen“ in der Tradition des Hornberger Schießens ausgeht. Da ist zuerst die Unfähigkeit, den Systemcharakter des Phänomens Mißbrauch wahrzunehmen, was wiederum mit der Unverzichtbarkeit des Systems für die Einheit der Weltkirche zusammenhängt. Und dann ist es die römisch-katholische Weltkirche selbst, wo es das Phänomen Mißbrauch etwa in Afrika, Asien, in Südamerika, im Nahen Osten gar nicht gibt. Dort gilt, daß nicht existiert, worüber man nicht spricht. Und die Opfer werden es um ihres Seelenheils willen nicht wagen, sich zu beschweren. Die Mehrheit der katholischen Christen lebt heute nicht im dekadenten Westen, sondern in jenen glücklichen Weltgegenden, die die Sünde wider das 6. Gebot ausgerottet haben.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die Scham der Heuchler

  1. Grauwolf schreibt:

    Was soll die skeptische Ungeduld des Dreyzack? ihm fehlt offensichtlich der eschatologisch fundierte Langmut einer fast 1700 Jahre alten Organisation…

    Auch er sollte wissen: das unmündige Kind lernt nur langsam mit wenigen kleinen Schritten: Mitglieder des deutschen Episkopats kennen immerhin schon die Wörter ‚Machtmißbrauch‘ und ‚männerbündlerisch‘: für das nächste Jahrtausend besteht allso durchaus Hoffnung…
    Gut Ding will Weile haben: Das Zeitalter der Aufklärung hat doch gerade erst vor ein paar hundert Jahren begonnen…
    Solange müssen wir uns eben mit der vatikanischen ‚Kinderschutz-Konferenz‘ (so die offizielle deutsche Bezeichnung) zufrieden geben, deren zentrale Vorträge per Livestream übertragen werden, so dass für alle adventlich gestimmten Menschen, die guten Willens sind, gilt: wer Ohren hat, der höre…

    Zudem wissen wir doch:
    Auch die nächste Klimakonferenz kommt bestimmt… Denn so schnell kommt die Klimakatastrophe nicht, um diese zu verhindern…

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s