Gretas Angst (2) oder: Das „Prinzip Hoffnung“

In den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieb ein Marxist und zeitweiliger Stalinist, der Philosoph Ernst Bloch, eine Bibel für Ungläubige, die das Motiv der Rettung der Menschheit durch einen Gott oder Gottgesandten ins Weltliche umdeutete: „Das Prinzip Hoffnung„. Vorher hatte der Autor das Buch „Geist der Utopie“ veröffentlicht. Daß der menschliche Geist zu utopischen Entwürfen fähig sei und diese auch realisieren könne, das sei der Wesenskern der „Prinzips“. Man beachte: der Zweite Weltkrieg war gerade vorbei, die Bomben-Pilze über Hiroshima und Nagasaki waren zu grausamen Ikonen des Jahrhunderts geworden und die Welt war dabei, sich in zwei sich feindlich und nuklearwaffenstarrend gegenüberstehende Blöcke zu teilen. Woher Hoffnung?

Blochs „Hoffnung“ ist nun nach seinem eigenen Zeugnis das Gegenprinzip zu Greta Thunbergs „Angst“, deren Steigerung die Verzweiflung sei. Aber der Philosoph schien gegenüber dem Schulmädchen, das die Bombe noch gar nicht im Hinterkopf hat, recht zu behalten. Seit über 70 Jahren führen die Weltmächte keine direkten Kriege gegeneinander, nur noch Stellvertreterkriege. Der „nukleare Friede“, den wir der Bombe verdanken, dauert  nun über 70 Jahre. Das westliche Europa war nach 1990 „nur noch von Freunden umgeben“. Aber die störrische Greta ist davon überzeugt, daß die Welt, wie wir sie kennen, kaum noch Überlebenschancen hat. Damit ist sie beileibe nicht allein. Auch andere, keineswegs nur „dumme Schulmädchen“, teilen Gretas ungute Gefühle, indem sie die ökologische und die militärische Weltlage zusammendenken. Die Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz (außer den Trumpianern) waren sich überwiegend einig, daß die Welt unsicherer und dunkler, die Hoffnung trügend geworden ist. Worauf darf nach Trump, dem Brexit, der Krim noch gehofft werden? Daß Amerika wieder „first“ im Sinne von „führend“, Rußland eine saturierte Weltmacht mit Imperium sein wird? Daß China nichts anderes anstrebt als ökonomische und technologische, keine ideologische Dominanz?

Wir sind aber weder von Freunden noch von Feinden umgeben, sondern vom einem ungeheuren Ausmaß testosteronaler Irrationalität, die militärische Kraftmeierei für den ultimativen Sinn politischen Handelns hält. Deshalb droht Rußland, ökonomisch geschwächt und seiner gar nicht so stolzen kriegerischen Vergangenheit (Afghanistan) nachtrauernd, immer wieder mal mit seinen nuklearen Potentialen. Sie haben Angst wie im Kalten Krieg die Greise Andropow und Tschernjenko, die in den 80ern zitterten vor einem erwarteten „Enthauptungsschlag“ des Westens, dem man unbedingt zuvorkommen müsse. So kann wieder wie mitten im Kalten Krieg eine Fehleinschätzung der Lage in die ultimative Katastrophe führen. Es ist das Angstschlägersyndrom. Wer angstschlotternd durch eine nächtlich dunkle Straße geht, in der Hosentasche das Messer umklammernd, sticht eher zuerst zu. Wo kein Vertrauen offene Gespräche ermöglicht, kann passieren, was Blochianer eher für die Ausnahme halten, weil Statistiken zu Gelassenheit raten. Es kann ja nicht sein, schließt Morgensterns Palmström scharf, was nicht sein darf.

Die populärsten Abwehrformen der menschlichen Spezies wie auch der Individuen gegen eine bedrohliche Wirklichkeit scheinen zu sein: wishful thinking, Verdrängen, Vergessen. Die drei lassen sich zusammenfassen als „Prinzip Hoffnung“. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, nämlich nach uns, weil wir uns auf sie und Ihresgleichen („Gott“ etc.) zu sehr verlassen haben werden. Greta hat recht: Panik wäre vielleicht angemessener als solche Hoffnung. So zu denken erscheint aber als so unverantwortlich wenn nicht zynisch wie angesichts der Aussichten der Verzicht auf Nachwuchs. Es muß doch weitergehen mit den Menschen!

Was aber soll man tun, statt auf dumme Schulmädchen zu hören? Kopf einziehen und nicht daran denken!

 

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Eine Antwort zu Gretas Angst (2) oder: Das „Prinzip Hoffnung“

  1. Grauwolf schreibt:

    „In Deutschland protestieren jetzt Kinder für den Klimaschutz. Das ist ein wirklich wichtiges Anliegen. Aber dass plötzlich alle deutschen Kinder, nach Jahren, ohne jeden äußeren Einfluss, plötzlich auf die Idee kommen, dass man diesen Protest machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen.“ Angela Merkel

    Was soll denn das heißen?
    Greta und der von ihr angestoßene Protest scheinen der Bundeskanzlerin höchst suspekt zu sein: dahinter muss doch jemand anderes stecken…
    Die jungen Leute sollen aus ihrer Sicht wohl gefälligst still sein und lernen…

    Offensichtlich haben die protestierenden Kinder und Jugendlichen aber etwas gelernt:
    nämlich, dass es um ihre Zukunft geht…

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