Gretas Angst oder: das Ziemiak-Syndrom

Greta Thunberg ist 2003 geboren. Sie hätte das ganze Jahrhundert vor sich, aber… sie denkt und sagt es allen ins Gesicht: In diesem Jahrhundert geht es um Leben und Tod. Das klingt reichlich übertrieben, geradezu apokalyptisch. Es ging doch schon immer um Leben und Tod, nicht wahr: bei den Sauriern, bei den Neandertalern, bei den ersten Migranten der Spezies homo sapiens, von denen nur noch wenige Individuen übrig waren, bei der Sintflut, bei der Pest, bei den Weltkriegen, beim Holocaust. Und jetzt soll es anderes sein? Radikaler? Endgültiger? Das Mädchen mit dem Asperger-Syndrom, sagt einer von Gretas Kritikern im Namen vieler anderer, ist „altklug und verhaltensgestört, von Untergangsphantasien verfolgt und von der Idee besessen, die Welt retten zu müssen“. Sie ist, sind sich die überwiegend männlichen und älteren Kritiker sicher, manipuliert von ihren Eltern, von grünen Ideologen, von Spinnern halt, die immer schon nach Sektenart das Weltende beschworen haben. Die Kritiker treten in ihrer seriösen Spielart auf wie der Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, bei Twitter.

Auch Ziemiak macht sich Sorgen: um Arbeitsplätze, um Versorgungssicherheit, um Bezahlbarkeit etwa des Stroms für Bedürftige. Er wirft der Aktivistin aus dem Norden vor, diese Punkte nicht beachtet zu haben, als sie den zu späten Kohle-Ausstiegstermin Deutschlands kritisierte. Arme dumme Greta! Der Politiker verpaßt dem Teenager in seinem Tweet einen Affen mit den Händen vor den Augen. Irgendwann, mag er hoffen, wird sie die Wirklichkeit sehen, wie sie ist und sich dann vielleicht von ihrem Weltuntergangswahn verabschieden. Was Greta denkt, mag, wenn auch tiefschwarz, „groß“ gedacht sein, aber das kann sich die Politik nicht leisten. Ihre Methode in der Demokratie muß das Schritt-für-Schritt sein, das „piecemeal engineering“, wie es Karl Popper nahegelegt hatte, um ein Gegenmodell zur gewaltsamen Revolution einzuführen. Das geht natürlich viel langsamer, hat aber auch weniger Kollateralschäden zur Folge. Popper dachte dabei aber nicht an die Möglichkeit eines atomaren Harmagedon oder einer klimatisch bedingten Unbewohnbarkeit des Planeten.

Ziemiak hat heute Informationen genug, daran zu denken, aber er und seinesgleichen weisen solche Gedanken zurück. Weil sie sie nicht ertragen. Verdrängen und Verleugnen sind dem Psychologen vertraute Abwehrmechanismen der Psyche, die mit anscheinend unlösbaren Konflikten konfrontiert ist oder mit unerträglichem Leid. So war Jesu Hinrichtung für die Jünger unfaßbar und nicht hinnehmbar, und sie mußten ihn mit weltgeschichtlichen Konsequenzen in ihrer Phantasie auferstehen  lassen. Es scheint, daß religiös, gar christlich geprägte Denker oder Politiker wie Ziemiak die Rettung des Planeten nicht den Menschen, die ihn bedrohen, zumuten, sondern lieber ihrem allmächtigen und barmherzigen Gott – den guten Mächten, die uns „wunderbar bergen“, weshalb wir „getrost was kommen mag erwarten“ dürfen, wie Dietrich Bonhoeffer vor seinem Tod dichtete. Oder wie Rilke, demzufolge Einer das Fallen der Erde „unendlich sanft in seinen Händen hält“. Der Trost aus solchen Zeilen ist anscheinend unverzichtbar für eine Menschheit, die sich selbst das geworden ist, was für die Saurier einst der Asteroid war: die Ursache ihres eigenen Verschwindens.

Im Innersten haben dies die erwachsenen, von Greta hart angegangenen („ich will, daß ihr in Panik geratet“) Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft verstanden. Seltsam lethargisch, ja resignativ, mutlos fällt ihre Reaktion aus. Es gibt, zumindest in der Demokratie, wie wir sie kennen, keine Alternative, sagen sie. Was diese Demokraten als ihr unheilbares Leiden erfahren, ist das Ziemiak-Syndrom. Sie müssen, um für die Gegenwärtigen zu sorgen, die Zukünftigen opfern. Zu ihnen gehört Greta. Sie wird einmal gefragt, ob sie sich eine Öko-Diktatur wünsche. Nein, sagt sie. Demokratie ist ihr heilig. Sie setzt auf Angst und Panik der Demokraten, wie sie sie selbst erfährt, aber damit ist massenhaft wohl erst zu rechnen, wenn es endgültig zu spät und die 4-Grad-Erwärmung Fakt ist. Es sei denn vorher hätten die großen Mächte beschlossen, dem ewigen Warten ein nukleares Ende mit Schrecken zu bereiten.

Gretas Jahrhundert erscheint in einer klimatisch-nuklearen Zangenbewegung. So eine Konstellation gab es geschichtlich noch nie. Sie ist das Alleinstellungsmerkmal des Anthropozäns, des wesentlich vom Menschen „gestalteten“ Erdzeitalters.

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