#NunsToo oder: der Fall Doris Wagner (3)

Man kann das Phänomen Mißbrauch durch Kleriker epidemisch und/oder systemisch verstehen. Wenn jetzt Mißbräuche an Ordensfrauen als regelrechte „Sklaverei bis hin zur sexuellen Sklaverei durch Kleriker“ vom Papst selbst (beim Rückflug aus Abu Dhabi) gebrandmarkt werden, dann erscheint das Schicksal der Doris Wagner als der Fall, von dem aus die systemische Gewalthierarchie der Kirche erschlossen und beschrieben werden kann. Das Muster ist überdeutlich geworden: die Gewalttat, die Klage der Opfer, die ausbleibende Reaktion auf die Klage, der Versuch, die Gewalttat durch Beschweigen ungeschehen zu machen. Die beträchtliche Dimension der Verbrechen, die sich in den letzten Jahrzehnten seuchenhaft auszubreiten schienen, hat das Phänomen der sich an Unschuldigen vergehenden Gottesdiener dennoch irgendwann in aller Brutalität zutage treten lassen. Die dem folgende Krise der Organisation ließ sich nicht mehr übersehen.

Unterstellt werden muß, daß die Frauenverachtung des Klerikerstandes und der Kirche insgesamt als Voraussetzung der Untaten diese seit Jahrhunderten haben geschehen lassen. So schrieb die Historikerin Lucetta Scaraffia in den Vatikanzeitung (!) L’OSSERVATORE ROMANO: „Die jahrhundertealte Kultur innerhalb der kirchlichen Institution, der zufolge die Frau als gefährlich und verführerisch dargestellt wird, lassen die Gewalt, auch wenn sie angezeigt wird, als von beiden Seiten freiwillig begangene sexuelle Überschreitung erscheinen.“ Die mafiöse Organisation mit einem Schweigegebot (Omertà) als rigoroser Regel, begünstigte zudem das Verbrechen im Gewand der Heiligkeit, das wiederum den schlimmsten Verdacht von der Kirche fernhielt. Das Heilige kann selbstredend nicht dem Verbrechen dienen.

Jetzt tritt Vorwärtsverteidigung als neue Strategie des Vatikan und seiner Unterordnungen hervor. Man schickt den Papst selbst an die Front. Dessen Anklage erzwingt, könnte man meinen, nachgerade ein rigoroses Vorgehen nicht nur gegen das Verbrechen selbst, sondern vor allem gegen die, die es um jeden Preis und mit allen Mitteln nicht ans Licht lassen wollen. Wir werden aber erleben, daß sich nichts ändert. Weil sich nichts ändern kann. Doris Wagner selbst demonstriert exemplarisch als in Treue zur Kirche verharrend in diversen Artikeln und medialen Stellungnahmen aller Art, warum unter den Voraussetzungen eines autoritär verordneten Kirchenglaubens eine Zerstörung oder zumindest Abflachung der die Gewalt erzeugenden und schützenden hierarchischen Strukturen nicht möglich ist.  Sie schreibt von einem „Klima der Angst in der Kirche, das es von Seiten der Verantwortlichen zu überwinden gilt, indem sie den Frauen entgegenkommen“. Es sind aber die weiblichen Gläubigen selbst, also auch Doris Wagner selbst, die jene zwei Jahrtausende alte Struktur stützen und ihren Bestand garantieren. Von der männlichen Kirche, vom männlichen Vater-Gott erwarten sie ihr Heil, die Rettung vom geborenen Feind. Zaghaft fordern einige, die Kirche müsse weiblicher werden, aber seit Johannes Paul II 1994 (Ordinatio sacerdotalis) sogar jede Diskussion über das Priesteramt für Frauen verbot, trauten sich die meisten nicht mehr an dieses heikle Thema, obwohl es immer wieder Aufmucker gab.

Man muß geradezu mit dem Werkzeug der Psychoanalyse in die Tiefen der patriarchalen Ängste steigen, um eine Ahnung von der unhintergehbaren Irrationalität der frommen Frauenverachtung, die sich zum Haß steigern kann, zu bekommen. Jenseits der theologischen Dimension, die offen zutage liegt in den Schriften aller Monotheismen, gibt es den sexuellen Angst-Schwindel, den Verlust individueller Autonomie vis-à-vis der Sünde, den Weiblichkeit bei jenen Männern hervorruft, die sich quasi aus Selbstschutz-Motiven der Keuschheit verschreiben. Diese von Sexualangst und Triebverdrängung erfüllten Männer machen den Kleriker-Stand aus. Doris Wagner, die Benedikt XVI mehrmals begegnete, beschreibt diesen als schüchternen, ja ängstlichen Menschen. Dies war er wohl in ihrer weiblichen Gegenwart. Für Männer wie ihn sind und waren Frauen immer das schlechthin Fremde, das sie sich vom Leib halten müssen. Aus dieser elementaren Fremdheit des Geschlechts stammt die krude Sexualmoral, die dem Schutz des Mannes vor der Sünde zu dienen hat. Sein Triebwesen wird dabei nicht respektiert, vielmehr verdrängt, und entsprechend tobt es sich aus.

Aber eine Hierarchie wie die der katholischen Kirche glaubt fest an die Notwendigkeit männlicher, von Weiblichkeit nicht verunreinigter Herrschaft in der patriarchalischen Welt. Sie bedient sich dabei unwissenschaftlicher, logisch sinnloser Kriterien (Jesus war ein Mann, die Apostel waren Männer, ergo müssen Priester auch Männer sein) jenseits historisch-kritischer Methoden-Moderne und stützt sich implizit und streng tabuisiert ganz innen auf krudeste Anschauungen von der sog. weiblichen „Unreinheit“ (Menstruation). So sollen die heiligen Bereiche der Verkündigung des Evangeliums vor den regelmäßig Beschmutzten weil Blutenden geschützt werden. Davon scheint Doris Wagner nichts zu ahnen, wenn sei mit einer gewissen hoffenden Unschuld verkündet, wir wüßten „mittlerweile ja nicht nur, daß die prädominante Sorge um das institutionelle Ansehen (will sagen: den guten Ruf der Kirche), das damit verbundene Schweigen und das Beharren auf ‚internen Lösungen‘ nicht dazu führen, daß Mißbrauch wirksam bekämpft werden kann… (Jetzt gelte es) die Bedingungen des Mißbrauchs zu untersuchen, die Täter zu konfrontieren und zur Rechenschaft zu  ziehen und wirksame Maßnahmen zur Vermeidung künftiger Fälle zu ergreifen“.

Frommer lassen sich Wünsche nicht artikulieren. Die Männerherrschaft hat dafür nur Mitleid oder Zynismus übrig. Die Sklaverei der Frauen sei eine selbstgewollte, die weibliche Selbstverachtung bis hin zum weiblichen Sexismus (Trump-Wählerinnen) verbreitet. Man(n) weiß um die Bedeutung des frauenfeindlichen Dogmas für den Erhalt der patriarchalischen Struktur der Kirche. Zum Glück aber entwickeln sich die gesellschaftlichen Systeme außerhalb der Kirche, gleichwohl mit dieser im Austausch, in entgegengesetzter Richtung, wenigstens in der westlichen Welt.  Daran kann die Kirche, zumindest in Europa, scheitern, indem sie sich selbst marginalisiert. In anderen Teilen der Welt, etwa in Afrika oder Südamerika, kann man hingegen, so scheint es gegenwärtig, alle Hoffnung fahren lassen. Dort blüht und gedeiht die Gewalt gegen Frauen im Namen Christi fast uneingeschränkt. Elemente, die den Mißbrauch begünstigen, seien, wie die katholische Zeitung LA CROIX berichtet, neben der Geringschätzung der Frau in der Gesellschaft u.a. die Angst vor HIV, da Kleriker sich sicher wähnten, wenn sie Nonnen zu ihren Opfern machten. Die Zeitung zitiert einen afrikanischen Missionar: „Wenn wir eines Tages enthüllen müßten, was hier passiert, wäre das eine Bombe.“

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3 Antworten zu #NunsToo oder: der Fall Doris Wagner (3)

  1. Grauwolf schreibt:

    Interessant in diesem Zusammenhang die Sendung des BR vom 6.2.2019:

    https://www.br.de/mediathek/video/missbrauch-in-der-katholischen-kirche-eine-frau-kaempft-um-aufklaerung-av:5c5af92b42b54f00183b451f

    und des offiziösen Internet-Portals VaticanNews

    https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2019-02/missbrauch-kardinal-schoenborn-doris-wagner-reisinger-br.html

    Endlich wird auch in Kirchenkreisen mehr und mehr thematisiert, dass der spirituelle und sexuelle Missbrauch in den Machtstrukuren der Una Sancta Catholica et Apostolica Ecclesia wurzeln.

    Aber seien wir vorsichtig:
    Organisationen mit ‚Politbüro‘-Strukturen sind tendenziell reformunfähig: es sei denn, man will organisatorischen Suizid begehen… Und gegen mögliche Reformgedanken spricht die robuste Überlebensfähigkeit der inkriminierten Organisation…
    Und allen Organisationen, die ideologisch begründete Wahrheit verbunden mit dem Gemeinschaftsgedanken totalitär vertreten, muß der spirituelle Mißbrauch, wenn ich diesen Begriff trivialdialektisch recht verstehe, konstititutiv inhärent sein…
    Wie heißt es doch so schön: Fest soll mein Taufbund immer stehn: ich will die Kirche hören: die Partei, die Partei, die hat immer recht…

    Da liegt doch der Gedanke nahe: Zwischen spirituellen Gemeinschaften (wie der FSSPX : Priesterbruderschaft St. Pius X.) und Organisationen (wie der RAF), die ideologisch motivierte, terroristische Gewalttaten begehen, könnte es strukturelle Gemeinsamkeiten geben… Aber nein, aber nein, die FSSPX ist keine kriminelle Vereinigung sondern eine anerkannte spirituelle Gemeinschaft, wie jeder Gläubige weiß…

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  2. neptun16 schreibt:

    Zum Gespräch Schönborn-Wagner: Soll man mit dem Kardinal Mitleid haben, der einer Kirche dient, deren Abgründe er nicht versteht? Er will sie nicht verstehen. Eine bodenlose Scham hindert ihn daran. Er hat keine Antworten. Er äußert sich nicht zum Frauenbild, zur Sexualmoral, wundert sich über den pornografischen Voyeurismus der Beschäftigung mit dem 6. Gebot. Kein Wort zum Zölibat. Er ist wie seine zölibatären Mitbrüder unreif und unwissend geblieben. Unklar bleibt, ob Doris W. diese Themen direkt angesprochen hat. Indirekt tat sie es. Die Antworten, die keine waren, zeigten einen jämmerlichen, traurigen alten Mann. Immerhin traf er sich mit Doris W.

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  3. Grauwolf schreibt:

    Kardinal Schönborn kann die vom Dreyzack beschworenen Abgründe nicht verstehen, da es für ihn eine ‚Glaubensgewissheit‘ gibt, die er mit Benedict und Franciscus teilt. Man könnte ‚Glaubensgewissheit‘ auch als ‚ideologische Linientreue‘ verstehen. Diese ‚Linientreue‘ teilt er, der Konservative, mit seinen reaktionären Amtsbrüdern…
    Schönborn ist nicht ‚unreif und unwissend geblieben‘, wie der Dreyzack ihm unterstellt. Er gehört zu den Mächtigen der Kirche, die dem öffentlichen Machtkampf mit den reaktionären Kräften (noch?) ausweichen. Aber die Reaktionäre sind nicht die Älteren, wie u. a. die deutsche Bischofskonferenz zeigt…
    Wie dieser Machtkampf in der Kirche ausgehen wird, wird letztlich das nächste Konklave zeigen!

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