„Gottesvergiftung“ oder: Der Fall Doris Wagner (2)

1976 veröffentlichte der Psychoanalytiker Tilmann Moser, ausgehend von Sigmund Freuds Religionskritik, eine Abrechnung mit dem christlichen Glauben oder, wenn man will, mit der Kirche bzw. mit der Religion überhaupt unter dem Titel „Gottesvergiftung“. Mosers eigene Gotteserfahrung war die einer unheilbaren Krankheit, einer Neurose. Freud hatte das religiöse väterliche Gottesbild als illusionäre Wunscherfüllung einer unreifen bzw. regressiven Persönlichkeit verstanden, die sich wie ein ängstliches Kind nach Geborgenheit sehnte, nach Schutz und auch nach Autorität. Damit korreliert die Gehorsamsforderung, wie sie Doris Wagner, die Einser-Abiturientin, während ihrer Nach-Schul-Zeit als Nonne vorfand, der sie entsprechen wollte und auch entsprach – bis sie von einem Priester vergewaltigt wurde.

Offenbar hatten verbliebene Selbsterhaltungsreste in einem fast schon vernichteten Ich sich zum Protest aufgerafft, was schließlich zum Austritt aus der Gemeinschaft „Das Werk“  führte. Man kann leicht übertreibend sagen, daß das Verbrechen, das der Priester an der jungen Frau verübte, zum Standardrepertoire der vom Zölibat gequälten Kleriker gehört, und entsprechend barmherzig wurde und wird von ihrer Kirche darauf reagiert. Immerhin gehört seit den Kirchenvätern die Frau und ihr Körper zum Instrumentarium Satans, um fromme Männer zu versuchen und zu verderben. Man betet für sie und verachtet die Frauen.

Jahrhundertelang haben Frauen diese ihre Rolle im Kampf zwischen Gott und dem Teufel akzeptiert, sind mit Teufeln auf den Blocksberg geritten, haben dort mit ihnen kopuliert und wurden anschließend gefoltert und verbrannt. Eva war die große Sünderin, und schon Tertullian (2./3. Jahrhundert) hatte die Weiber als Schwestern der ersten vom Teufel Verführten ermahnt, sich ihres Verbrechens, den Tod über die Menschen gebracht zu haben, immer bewußt zu sein. Als Doris Wagner ihrer Vorgesetzten von der Vergewaltigung erzählte, bekam diese einen Wutanfall, der sich aber nicht gegen den Täter, sondern gegen das Opfer richtete. So dauerhaft erweisen sich katholische Traditionen, vor allem mit Blick auf das Geschlechterverhältnis.

Wenigstens im Ansatz hätte die hochintelligente, belesene junge Nonne die Geschichte der Kirche, der Gemeinschaft, in der sie das Glück suchte, kennen und eine gewisse Vorsicht walten lassen können. Sie tat es nicht. Zu lange schon hatte das Gift inmitten ihrer armen, frommen Familie auf sie gewirkt. Kinder religiös Erkrankter bleiben in der Regel selbst krank bzw. Geiseln ihres Gottes und seiner Repräsentanten auf Erden. Daraus ist ihnen nicht etwa der Vorwurf geistiger Trägheit und Bequemlichkeit zu machen. Sie hängen an der Nadel einer Droge, von der immer noch von den meisten geglaubt wird, jeder Mensch habe Anspruch auf sie, ohne die er sinn- und orientierungslos durch das Leben taumeln würde. Die Marx’sche Rede vom „Opium“ hat eine tiefe Berechtigung. Die Droge Gott lindert Angst und Schmerz, gibt Trost und Zuversicht auch dort, wo beide immer ausbleiben. So spricht heute auch ganz unbefangen Doris Wagner über die Droge (die sie natürlich nicht so nennt), wenn sie nach der gegenwärtigen Verfassung ihres Glaubens gefragt wird.

Vergleicht man ihr Schicksal mit dem von Ayaan Hirsi Ali, hält man die religiöse „Wende“ im Leben beider Frauen gegeneinander, so muß man zugestehen, daß der Weg der muslimischen Somalierin nur als von Todesdesdrohungen überschatteter recht verstanden werden kann. Seine Konsequenz, die schließlich in den Atheismus führte, nötigt äußersten Respekt ab. Der heutige Islam ist nämlich gnadenlos, was die Apostasie betrifft, auch wenn er zu Deutschland gehört. Wir Christen aber haben es geschafft, Hexen nicht mehr zu verbrennen, auch wenn einige die Bestrafung von dänischen Karikaturisten in brüderlicher Gemeinsamkeit mit den islamischen Vettern zu fordern damals nicht unterließen. Doris Wagners Weg, so könnte man kritisch anmerken, fehlt es an der Konsequenz, ohne die Oberaufsicht eines wenn auch gütig gedachten Gottes in der einmal eingeschlagenen Richtung weiterzugehen. Aber wer ganz ohne Aufsicht, und wenn es das „Gewissen“ ist, leben kann, werfe den ersten Stein.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s