Von der Freiheit der Christenmenschen oder: Der Fall Doris Wagner

Nachdem Doris Wagner das Abitur geschafft hatte, trat sie 2003 mit 19 Jahren in die katholische „geistliche Familie“ „Das Werk“ ein. Dort wollte sie glücklich werden. Der Weg zum Glück sollte sich von dem ihrer Altersgenossinnen radikal unterscheiden. Das Motto über dem spirituellen Weg hieß „Selbstaufopferung und Vertrauen in Gott“. Am Ende des Weges stand sie vor der Erkenntnis, daß sie nicht nur nicht glücklich geworden war, sondern daß die fromme Gemeinschaft von Männern und Frauen sich als ihre persönliche Hölle entpuppt hatte, in der sie als Individuum mit eigenem Willen, Urteilsvermögen, körperlicher Integrität vernichtet werden sollte. Sie durfte keine Bücher lesen, nicht telefonieren, keine Musik hören, keine Fragen stellen. Schließlich stand sie kurz vor dem Selbstmord. Die Vernichtung einer jungen, intelligenten, mit Begabung und Wissensdurst ausgestatteten Frau wäre fast gelungen. Das System, worin Frauen mit ihrer Kleidung sich so weit verhüllen müssen, daß die „Brüder“ der Gemeinschaft als Zölibatäre nicht in Dauererregung versetzt werden, gleicht dem strenger muslimischer Gesellschaften. Man könnte diese Spielart der Katholizismus als abendländischen Talibanismus interpretieren.

Folgerichtig, um es zynisch auszudrücken, wurde Doris Wagner von einem vorgesetzten Bruder mehrfach vergewaltigt und dafür von der vorgesetzten Schwester als „Instrument des Teufels“ beschimpft. Der Bruder war das Opfer der Tatsache, daß Doris Wagner, die unter ihren häßlichen Kleidern nackt war, den Bruder aufgrund dieser Tatsache dazu zwang , sie auszuziehen und zu mißbrauchen. Sie versuchte, auch diese äußerste Erniedrigung als der „Logik der Selbstaufopferung“ geschuldet einzuordnen. Vielleicht verstand sie sich als Märtyrerin. Sie benutzt heute in den Büchern, Interviews und Talkshows diesen Begriff nicht. Man hatte ihr eine radikale Gehirnwäsche verabreicht, ihr Ich fast ausgelöscht (ihr erstes Buch erschien 2016 unter dem Titel „Nicht mehr ich“) und sie so zu der Dienerin Gottes gemacht, die noch nicht einmal ihr Martyrium als selbstgewolltes begreifen konnte. Dem Machtmißbrauch, dessen Opfer sie nun war, hatte sie implizit mit ihrem Gelübde zugestimmt, ohne sich der brutalen Macho-Realität, die innerhalb der Institution Kirche besteht und deren geistliche Architektur wesentlich bestimmt, bewußt zu sein. Der Gott, der Jesus, an die sie glaubte, waren nicht so. Die aber, die vorgaben, Diener Gottes zu sein und die das Wort Gottes verkünden durften, zeichneten sich durch Mitleidlosigkeit, Blindheit und Starrsinn gegenüber den Opfern aus.

Mit Blick auf den kirchlichen sexuellen Massenmißbrauch hat Doris Wagner, die inzwischen ein Theologie- und ein Philosophiestudium abgeschlossen hat, verheiratet und Mutter ist, die Hoffnung auf eine Wende verloren. In einem DEUTSCHLANDFUNK-Gespräch nannte sie die kirchlichen „autoritären Strukturen“ das Haupthemmnis für einen Fortschritt. „Diese autoritäre Logik, daß einige Menschen irgendwie besser wissen, was Gott will und das anderen Menschen zu sagen haben und die sich dann zu fügen haben, das steckt tief in der Kirche drin. Ich glaube wirklich, daß es in der Kirche Menschen gibt, auch in leitenden Positionen, die nicht in der Lage sind, anders zu denken und das zu überdenken. Und das ist ein großer Teil der Reformunfähigkeit der Kirche.“

Zu fürchten ist, daß der Philosophin Doris Wagner kritischer Ansatz zu kurz greift. Noch steht sie am Anfang ihres eigenen Wegs zur Mündigkeit. Sie hat noch nicht einmal der Kirche, ihrer Folter-Herrin, den Rücken gekehrt, wenngleich sie daran denkt, dies demnächst zu tun. Nur die Entleerung des hohl, auch grausam, ja unmenschlich gewordenen Gehäuses könnte Raum für ein neues schaffen. Dazu gehörte eine radikale Rückbesinnung auf den Stifter. Aus dem geschichtlich verirrten Christentum müßte so etwas wie ein neuer Jesuanismus entstehen im Sinne von Immanuel Kant, dessen radikale Kirchenkritik so etwas wie den Gipfel des Aufklärungszeitalters darstellt. Der Philosoph schrieb schon vor über 200 Jahren vom „Afterdienst“ und „Fetischglauben“ der Kirche. Ihr langsamer Niedergang ist zwar heute zu beobachten und Kritiker wie Doris Wagner haben Anteil daran. Hätte sie aber in ihrer Leidenszeit Kant lesen dürfen, wäre ihr sicher die Unhintergehbarkeit ihrer Menschenwürde und ihre eingeborene Freiheit statt des aufgezwungenen und für unabdingbar gehaltenen „Frondienstes“ (Kant) früher bewußt geworden.

 

 

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Eine Antwort zu Von der Freiheit der Christenmenschen oder: Der Fall Doris Wagner

  1. Grauwolf schreibt:

    https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2019-01/glaubenskongregation-hermann-geissler-doris-wagner-missbrauch.html

    …da scheint wohl der Bock zum Gärtner m Weinberg des Herrn gemacht worden zu sein!

    [Die Kongregation für die Glaubenslehre wurde von Papst Paul III. am 21. Juli 1542 als ‚Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis‘ gegründet. Kardinal Müller, bis 2017 Präfekt der Glaubenskongregation und davor Regensburger Bischof, zeigte sich beim Aufkommen des Domspatzen-Skandals als gelehriger Morgenstern-Schüler: Denn, so schloss er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf! Und blieb weitgehend untätig…]

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