Politik als Fetischismus

Wenn wir den Theorien der Psychoanalyse glauben, steht der Fetisch für etwas oder ersetzt etwas, was nicht da ist, aber schmerzlich vermißt wird. Freud vermutete in seinen Spekulationen über kindlichen Sexualtheorien ein Erschrecken des kleinen Jungen über die Penislosigkeit der Mädchen, aus welcher Entdeckung die Möglichkeit und entsprechend die Angst vor der eigenen Kastration entspringe. Werde diese Angst vom Erwachsenen nicht angemessen verarbeitet, trete in der Vorstellung vom weiblichen Körper bzw. Genital eine Art Ersatz des Penis in Funktion – als Schuh, Fuß, Strumpf, Wäschestück etc. Auf diesen Ersatz und nicht auf das Genital selbst, das penislos Angst erzeugt, darf sich dann das Begehren richten. Der Fetischist darf begehren, auch wenn es nur der Schuh ist.

Wie kommen wir von dieser von vielen als ausgesprochen krude empfundenen Theorie mit ihren sexuellen Implikationen auf Andreas Scheuer, den Bundesverkehrsminister? Er hat bemerkenswert spontan und in einer auf Anhieb schwer zu verstehenden Sprache auf die Empfehlung einer Expertenkommission reagiert, der zufolge die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen auf 130 km/h begrenzt werden sollte – dem Klima und der Verkehrssicherheit zuliebe. Erstaunlich ist die Schnelligkeit und Heftigkeit der ministeriellen Reaktion, die durchaus darauf schließen läßt, daß etwas abgewehrt werden soll, was als Realität schwer zu ertragen wäre. In diesem Falle das Verbot hoher Geschwindigkeiten beim Autofahren.

Scheuer zufolge richtet sich der Vorstoß der Experten „gegen jeden Menschenverstand“ und beweise „fehlendes Gespür“ – offenbar für die Bedürfnisse der Menschen (Männer). Viele Autofahrer, berichtete daraufhin die WELT, seien dem Minister dankbar. WELT-Chefredakteur Poschardt sprach von „Überregulation“ und von „Freiheitsskeptizismus“, anknüpfend an den Slogan aus der frühen Bundesrepublik: „Freie Fahrt für freie Bürger“. Die FDP verwahrte sich gegen „Umerziehung“ frei rasender Bürger und vermutete einen „grünen Kulturkampf gegen das Auto“. Man sieht: Scheuer kann sich auf starke Bataillone stützten, BILD („irre Vorschläge“) eingeschlossen. Er und seine Mitkämpfer können das Thema Verkehrstote und ökologische Folgen ruhig ausblenden, ohne dafür von ihresgleichen gerügt zu werden. Auch sie sind vielleicht unbewußt Jünger des Trumpismus und der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen. Und was dem Amerikaner seine Knarre ist, ist dem Deutschen sein Bolide. Statt der ewigen Lamentiererei gilt es, sagt der Minister, positiv zu denken.

Scheuers positives Denken geht so: „Wir wollen die Bürger von den Chancen der Mobilität der Zukunft begeistern und mitreißen. Forderungen, die Zorn, Verärgerung, Belastungen auslösen oder den Wohlstand gefährden, lehne ich ab.“ Das wird den Auto-Bürger freuen, der auf die Frage, warum er sich einen klimaschädlichen SUV kauft, antwortet: „Weil ich es mir leisten kann.“ Und im Chor mit WELT, BILD und Scheuer stimmen wir die Hymne an: „Wir werden weitermarschieren, bis alles im ‚Wohlstand‘ erstickt, denn heute gehört uns die Straße, und morgen ist uns ja so egal…“ Die Kinder werden es schon richten. Und wenn nicht, sind wir ja schon tot. Also warum jetzt langsam dahinzockeln? Es ist unser eimaliges Leben im Geschwindigkeitsrausch!

Ein Philosoph der Geschwindigkeit, Paul Virilio, sprach in den 90er Jahren, als die Autos schon schnell genug waren, von der „Identität und Identifikation des Körpers mit seiner Geschwindigkeit“ sowie von der „Kausalität zwischen Hypergeschwindigkeit und Hypergewalt“. Virilio erkannte in der „Automobilisierung einen von der maßlosen Überproduktion schneller Fahrzeuge verbreiteten Autismus“. Der Autist im Auto ist der Einsamste von allen. Auch wenn er das Auto mit dem Liebeslager tauscht. Aber er hat die Macht, die aus der Maschine kommt, aus der Kraft der Maschine. Macht und Sexualität sind, wie wir gerade vorgeführt bekommen, verschwistert, aber die mächtigsten Penetranten bleiben einsam, ob sie den Raum penetrieren oder die Frau. Der daraus entstehende Frust, die unbesiegbare Einsamkeit kann nur kompensiert werden durch mehr Macht, mehr Pferdestärken, mehr Geschwindigkeit.

Der Psychoanalytiker Lacan hat den blutprallen Penis, den Phallus, den „Signifikaten“ schlechthin genannt, den „privilegierten Signifikanten“, das symbolische Zeichen unserer Kultur. Gleichzeitig diagnostiziert Lacan eine unaufhebbare Spaltung zwischen der Befriedigung des sexuellen Begehrens und dem Bedürfnis nach Liebe in dieser Kultur. Daraus könnte man mit einiger Plausibilität auf ein verbreitetes sexuelles Elend schließen, dessen Beschwichtigung oberflächlich gelänge, wenn der Phallus durch einen Fetisch ersetzt würde, der nicht mehr machtvoll die Frau penetriert, sondern den Raum und dafür von den weniger Machtvollen so bewundert wird wie ehedem der erfolgreiche Womanizer von den treuen Ehemännern, der Porsche vom Opel.

Auf dieser Stufe der Fetisch-Bildung scheint das Autoland Deutschland angekommen. Scheuer, kein tiefer Denker, aber ein Mann mit vielleicht nicht gut verarbeiteten Kastrationsängsten aus der Knabenzeit, ahnt mit politischem Sensorium, daß diese letztmögliche Kastration, die des Motors und der Pferdestärken, das sexuelle Elend vor allem der Männer nicht nur vergrößern, sondern zum regelrechten Aufruhr führen könnte. Was kann aber an die Stelle des Autos fetischhaft treten? Früher war es der Krieg, aber der fällt seit Hiroshima aus. Rohe Gewalt gegen Mitmenschen, auch der Männer gegen Frauen, ist allgemein geächtet. Symbolisch darf sie sich noch im Fußballstadion, auf dem Rasen wie auf den Rängen, austoben. Aber eben nur symbolisch. Es scheint außer der freien Fahrt keine Lösung zu geben, wenn es schon die funktionierende Verbindung von Sex und Liebe nicht geben kann.

Wir kommen also zu dem Schluß, daß die freie Fahrt autistisch rasender  und freier Bürger in ihren stählernen Phalloi zwar 3000 Tote jährlich kostet sowie eine verkürzte Lebenszeit unseres Lebensraums, daß aber für die Wahlperiode, in der Scheuer und seine Kollegen auf ihren Stühlen zu bleiben hoffen, gelten muß: Zorn, Verärgerung und Wohlstandsgefährdung müssen um jeden Preis, wirklich um jeden, vermieden werden. Das läßt sich zwar mit den Klimazielen nicht vereinbaren –  aber was soll man machen? Nach uns die Sintflut!

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2 Antworten zu Politik als Fetischismus

  1. Bleifuß schreibt:

    Immer wieder erstaunlich wie man alles auf eine Schwanzlänge reduzieren kann.
    Bei Scheuer scheint es damit nicht weit her zu sein. BILD und WELT haben schon mal garkeinen (Schwanz).
    Als ich die Meldung im RDio gehört hatte dachte ich zunächst das sei Satire. Nein! Es waren Nachrichten. Ok: Realsatire! Aber wo ist der Witz? Über was kann ein Vater da noch lachen? Merkel würde gut daran tun diesen Lobbyisten dahin zu entsorgen wo er hingehört: nach WOB, M oder S.
    Ich fahre auch gerne schnell! Warum? Weil ich es darf und kann und ich keinen Bock habe mit 120 hinter LKWs aus der mittleren Spur zu verhungern. Aber ich wünsche mir seit Jahren eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung. 140 wäre ein guter Kompromiss. Motoren könnten für diese Geschwindigkeit optimiert werden, weniger Tote, weniger CO2. Wenn über jedes Kind was auf German Autobahn ums Leben gekommen ist soviel Hype gemacht würde, wie um das Brunnenkind, dann wüssten wir nichtmal dass Trump US Präsident ist.

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  2. Johnny schreibt:

    Die Geschwindigkeitsbegrenzung wäre sowas von sinnvoll (Verkehrstote, Umwelt, Staus, etc…)! Vielleicht tatsächlich 140kmh, wie Bleifuß vorschlägt. Dann hätten wir im internationalen Vergleich immernoch „den Größten“ und es wäre trotzdem schonmal viel gewonnen.

    Slow is smooth and smooth is fast!!!!

    LG Johnny

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