Eine Prise Weimar gefällig?

Wenn der Gegner, auch der politische, zum Feind wird, hilft nur noch Gewalt –  ist die Überzeugung von Menschen, denen entweder die argumentative Sprache oder überhaupt das Denkvermögen fehlt, um in komplexen Konfliktsituationen zu bestehen. Auch eine damals im linken Milieu sehr geschätzte Intellektuelle wie Ulrike Meinhof erklärte nach dem Attentat auf Rudi Dutschke apodiktisch, jetzt helfe nur noch Gewalt. Gemeint war ein Bürgerkrieg, der die „Herrschenden“ und den „Schweinestaat“ wegfegen würde im Namen des Volkes. Anführen sollte dieses Volk eine „Rote Armee“ mit dem Zusatz „Fraktion“. Am Ende gab es einen Haufen Toter und eine endgültige Diskreditierung der linken Bewegung revolutionär-leninistischen Zuschnitts. Das „Volk“ aber war so klug als wie zuvor und wußte nicht, wie ihm geschah, wenn es auf seine Lohnzettel sah und damit die Gehälter der Wirtschaftsbosse verglich. Der Kapitalismus, der solches hervorbrachte, so schien es, war entweder „Schicksal“ oder „Natur“, auf jeden Fall „alternativlos“, wie es die Langzeitkanzlerin auf den Begriff brachte. Folglich hielt das Volk still und die Bonner/Berliner Republik funktionierte weiter im Frieden mit ihren zuerst drei, dann vier Parteien.

Vierzig Jahre zuvor, in der Weimarer Republik, war es nicht friedlich geblieben. Auch damals, so sah es die Spartakusgruppe, sollte der Klassenkampf unvermeidlich in den Bürgerkrieg übergehen und schließlich siegreich sein. Eine Serie von lokalen und regionalen Bürgerkriegen bestimmte die erste Phase der ersten deutschen Republik. Am Ende hatte die extreme Rechte, unterstützt von großen Teilen des Volkes (der Arbeiter), gesiegt und bescherte Deutschland einen Vogelschiß, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte.

Seit dem Aufstieg der AfD hat es in Deutschland einen Klimasturz gegeben. Aus politischen Gegnern wurden Feinde, wie man der im Bundestag nun sich durchsetzenden Sprache ablesen kann. Die einen wollen ihre erklärte Feinde „jagen“, diese nun die selbsternannten Jäger als Nazis auf den Misthaufen der Geschichte werfen. Entweder man beschimpft sich in giftigster Weise oder verweigert das Miteinanderreden. ZEIT-Kolumnist Martenstein zitiert eine Politologin, die wiederum von einer ZEIT-Journalistin zustimmend zitiert wird: „Der Gegner muß gehört werden; der Feind gehört verboten.“ Andere liberale Vertreter der „vierten Gewalt“, der Medien also, empfehlen das Totschweigen der AfD. Sie wollen nicht nur schweigen, sondern sich auch die Ohren verstopfen, und wenn sie eines Tages den Pfropfen herausziehen, ist das Wir-sind-das-Volk-Gebrüll trotz aller Totschweigerei so laut geworden, daß der Rest des Volkes, der noch nicht gebrüllt hat, schließlich den Schreihälsen glaubt und ihnen die Mehrheiten verschafft, die man heute noch für undenkbar hält.

Dazu ist gerade ein wesentlicher Schritt getan worden. Bewegungen wie die AfD sprechen Gefühle an, auch „dumpfe“, und zur Mobilisierung dieser Gefühle (Heimat, Identität etc.) eignen sich Märtyrer am besten. Jede Bewegung der primär emotionalen Art braucht einen Horst Wessel, wie die NSDAP ihn hatte und pflegte und besang. Drei noch unbekannte mutige Kämpfer gegen den „neuen Faschismus“, der noch nicht auf dem Misthaufen liegt, kühlten ihr Mütchen an dem Bremer AfD-Vorsitzenden Magnitz, überfielen ihn, schlugen ihn mit einem Kantholz zu Boden und traktierten mit Stiefeln nach Hooligan-Art seinen Kopf, so daß das Inkaufnehmen seines Todes unterstellt werden muß. Magnitz überlebte. Mit welchen bleibenden Schäden, ist noch nicht abzusehen. Von den „feindlichen“ Parteien war formelhaftes Bedauern zu hören der Art, Gewalt dürfe kein Instrument der Politik sein.

Da ist eher nachzuvollziehen und wohl auch wahrscheinlich, was AfD-Chef Meuthen auch mit Blick auf Angriffe auf Partei-Büros in Sachsen, zuletzt in Döbeln, gemutmaßt hatte: die Taten seien „Ergebnis der Hetze gegen uns“. Wenn aber, wie viele Beobachter meinen, die AfD etwa in Brandenburg auf dem Weg zur Volkspartei ist, so hat diese Entwicklung durch die Ereignisse in Döbeln und Bremen einen zusätzlichen Schub erfahren, einen Märtyrer-Schub. Das ahnen auch die „Altparteien“, verdrücken pflichtschuldigst ein paar Krokodilstränen und wünschen „gute Besserung“. Sie haben, so scheint es, noch nicht verstanden, daß der Geist, der die AfD bewegt und zusammenhält, auch im Volk zumal nach der Flüchtlingskrise und ihren diversen Nachbeben sich stetig ausbreitet, mächtiger wird und schließlich nicht mehr zurückfließt zu Union oder SPD, wie man dort hofft und entsprechend AfD-Positionen klammheimlich übernimmt.

Zugrunde liegt dieser Fehleinschätzung vor allem ein Mißverstehen des politischen Islam, der dahinterstehenden Kultur mit ihrer Regel-Rigidität und Frauen-Erniedrigung, die richtig einzuschätzen der AfD immerhin zugestanden werden muß. Daß sie andererseits zurück in die Zukunft der 50er Jahre will, müßte sie der konservativen Ur-Klientel der Union eher sympathischer machen, als deren Führungspersonal lieb sein kann. Die ehemals treuen Wähler haben wenig Grund zur Heimkehr.

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5 Antworten zu Eine Prise Weimar gefällig?

  1. Großbürger schreibt:

    Das Problem liegt woanders, nämlich zuerst einmal in der immer größer werdenden sozialen Ungleichheit.
    Das führt zu dem „Kampf“ Harzer/ Flüchtlinge (mal grob vereinfacht). „Schuld“ ist dann „das System“. Dass eine AfD trotzdem nicht die „richtige“ Wahl sein wird, bedürfte politischer Analyse des „kleinen Mannes“. Dazu ist dieser weder intellektuell, noch emotional in der Lage.
    Was wir brauchen (gebraucht hätten) sind massiv hohe Lohnsteigerungen in den untersten bis mittleren Einkommen.
    Das würde sehr viele Dinge gerade rücken. Bismarck hat die Sozialversicherung sicher auch nicht eingeführt weil er ein so guter Mensch war, sondern weil er gemerkt hatte, dass ihm die ganze Sache sonst um die Ohren fliegt. Sozialer Frieden kostet halt Geld, ist aber am Ende um 2-3 Größenordnungen günstiger als die AfD. Allein fehlt es an politischer Klugheit.

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  2. Johnny schreibt:

    Vielen Dank für den schönen Blog! Er ist in seiner Art einmalig und sehr lesenswert. Ich war bisher immer stiller Mitleser, möchte mich nun aber auch mal zu Wort melden. Und zwar den Autor fragend: Wer oder was soll denn „der politische Islam“ genau sein, der von den „Altparteien“ so missverstanden wird?
    Sprechen wir hierbei eher von konkreten Institutionen, wie etwa Kirchengemeinden, Organsisationen, Regierungen? Oder eher von einer Art mentalem Virus, einer „bösen Idee“?
    LGJ

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    • neptun16 schreibt:

      Hallo Johnnny.
      Der politische Islam, wie er heute zwischen Indonesien und Marokko anzutreffen ist, ist seiner Idee nach theokratisch organisiert. Eine Trennung von Religion und Gesellschaft/Politik ist nicht nur nicht vorgesehen, sondern richtet sich gegen Allahs Gebot. „Islam ist Religion und politische Macht“ (al-Islam din wa daula) lautet die zugrunde liegende Formel, auf die sich die Herrscher dort beziehen, wo der Islam Mehrheits- bzw. Staatsreligion ist. Im Iran und in Saudi Arabien wird das theokratische Modell am rigidesten realisiert, aber grundsätzlich gilt es in der gesamten Islamischen Welt. „Demokratische“ Prozesse wie Wahlen sind nur möglich bei Anerkennung der Herrschaft Allahs über die von ihm geschaffene Welt. Was die deutschen „Altparteien“ (ein Kampfbegriff der AfD, deshalb in Anführungszeichen) betrifft, so gehen diese davon aus, daß Religion, auch die der bei uns lebenden Muslime, Privatsache ist. Die Muslime sind durch die Scharia (Hadithe) angehalten, als Minderheiten in der Diaspora sich soweit wie möglich den jeweiligen Verhältnissen anzupassen, zugleich aber nach der Mehrheit zu streben. Houellebecq hat in „Unterwerfung“ eine Machtübernahme durch politisch korrekte demokratische Prozesse durchgespielt. Die Gesetze in der islamischen Mehrheitsgesellschaft sehen zwar eine Duldung der Minderheiten bei gleichzeitiger Entmachtung vor, verbindlich wird aber das islamische Gesetz einschließlich elementarer Frauenunterdrückung. Für diese Aussicht gibt es in den „Altparteien“ ganze Cluster von blinden Flecken. Unterstellt wird bei den hier lebenden Muslimen, daß sie irgendwann alle ihre Religion so lasch praktizieren wie die meisten Christen, sich also „assimilieren“. Damit gäbe es keinen „politischen“ Islam mehr. Diese Haltung könnte sich als fatale Fehleinschätzung erweisen. (Quellen „Islamlexikon“ u.a.)

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  3. Said schreibt:

    Erfrischend finde ich, dass es Henryk Broder gelingt, diesen Duktus zu durchbrechen, wenn er Mitte Januar mit einer offenen Rede vor der AfD-Fraktion eine Diskussion eingeht. In dieser Diskussion wird er vorab bereits von allen politisch Korrekten als Verlierer gesehen, weil er mit den Unberührbaren spricht, also ein Tabu bricht und sich damit selbst beschmutzt. Folgerichtig wird er daraufhin in sozialen Medien von den Linken angefeindet a la „von dem hatten wir ja nichts anderes erwartet“. Das sind die eigentlichen Spalter der Gesellschaft; bloß das Tabu wahren, um sich der eigenen Seligkeit sicher zu sein. Solchen Menschen würde ich gerne eine Prise Nietzsche ans Herz legen. Und dann Freud. Man kann sich bildlich schön vorstellen, wie das gesamte Land, aber insbesondere Politiker der „Altparteien“, bei der Ansprache von Bundespräsident Steinmeier am 1. Weihnachtsfeiertag des vergangene Jahres genickt und gedanklich zugestimmt haben, als dieser von „Brücken“ und von „miteinander reden“ dozierte. Ungeteilte Zustimmung. Es scheint aber, dem Verlauf der Dinge nach jedenfalls, dass die Auslegung dessen recht heterogen ausfällt. Sollen DIE doch sich bekehren und endlich zur Vernunft kommen, denken sich leider viele. Es ist weithin noch nicht angekommen, dass Selbstreflexion mit dem Sich-in-Frage-stellen beginnt.

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