Das Unbehagen in der Demokratie (3)

Jetzt, zwischen den Jahren, bringen viele jene Weihnachtsgeschenke zurück, mit denen sie nichts anfangen können. Sie fühlen sich von den Schenkenden mißverstanden, zumindest aber in ihren Erwartungen betrogen und angesichts des vor dem Fest sehnsüchtig Erwarteten manchmal bitter enttäuscht. Sie brauchten weder neue Krawatten noch Socken noch Ratgeberbücher. Warum wußten das die nicht, die glaubten, schenken zu müssen? So können sogar Freundschaften zerbrechen.

Als anfangs der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts der Sozialismus in seinem Lauf zwar nicht von Ochs und Esel aufgehalten wurde, was Erich Honecker als Möglichkeit entschieden zurückgewiesen hatte, sondern quasi durch Selbst-Strangulierung an seinem historischen Ziel angekommen war, brach überall, so schien es, ein neues Zeitalter an: das von Freiheit und Demokratie. Jubel erscholl zwischen dem Baltikum und Rumänien, der sogar in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ein Echo fand. Die Gewaltherrscher hatten abgedankt oder hatten mit ihrem Leben (Ceausescu) das von ihnen einst verübte Unrecht bezahlt.

Was folgte war – heute wissen wir es – in den meisten der nun „freien“ Länder: der große Katzenjammer. Der Gabentisch, den „der Westen“ präsentierte, enthielt Zumutungen, mit denen man nicht gerechnet hatte. Etwa die Zumutung einer Freiheit, deren Rückseite Selbstverantwortung hieß oder auch Konkurrenz oder gar Arbeitslosigkeit und Armut in reichem Land. Statt in einen humanen Ponyhof des Lebens war man in einen Stall für Massentierhaltung geraten, wo jeder um sein Futter kämpfte und nicht wenige sich an die Tröge („Tafeln“) mitleidiger Helfer verwiesen sahen. Aber auch dort mußten sie bald mit noch Bedürftigeren kämpfen, die von weit her gekommen waren und eigentlich gar kein Recht hatten, hier um Brot zu betteln.

Die Freiheit im Kapitalismus ist die Freiheit der Konkurrenz, des struggle for life. Sie erzeugt das gewaltige Gefälle zwischen Reich und Arm. Wer sich dem nicht gewachsen fühlt, sehnt sich eben nach dem Ponyhof oder nach der Familie, wo der Vater das Brot herbeischafft und mehr oder weniger gerecht verteilt. Als Gegenleistung wird Gehorsam angeboten. Vielen scheint das nicht schwer zu fallen. Auch Strafen für Ungehorsam scheinen zumutbar, wenn sie nur „gerecht“ sind und nicht willkürlich wie in den alten Zeiten des Feudalismus und der „realen“, nicht wie heute „versteckten“ Sklaverei.

Aus diesen Zeiten, dem 16. Jahrhundert, stammt eine Schrift mit dem Titel „Die freiwillige Knechtschaft“. Geschrieben hat sie mit 18 Jahren der Franzose Etienne de la Boétie. Er scheint einer Konstante der menschlichen Natur auf die Spur gekommen zu sein. Lust an der Freiheit kann sehr schnell umschlagen in „Furcht vor der Freiheit“. So der Titel eines Buches des Psychoanalytikers Erich Fromm aus dem Jahr 1941, also aus der Zeit der grausamsten Despotie, die Europa je heimgesucht hat. Die autoritäre, ja verbrecherische Herrschaft erschien vielen der Überforderten, Gedemütigten, in ihrer Existenz Bedrohten als einzige Möglichkeit des Überlebens. Das autoritäre System in seiner Freiheitslosigkeit wäre eine wärmende Schutz- und Trutzburg, gäbe es nicht die äußeren und auch die inneren Feinde, gegen die sich zu wehren zu den angemessenen Gegenleistungen der Beschützten gehört. Die äußeren Feinde können als fremde Heere oder als Invasoren im Flüchtlingskleid kommen – bedrohlich sind beide. Die Freiheit, nach der man sich einst gesehnt hatte, erweist sich nachgerade als Einfallstor für jene Fremden. Zu inneren Feinden können aber die werden, die sich den Fremden nicht entgegenstellen, obwohl sie die Macht dazu hätten.

Überall in der demokratischen (westlichen) Welt, wo die Herrschaft des Volkes noch „liberal“ genannt werden kann, bilden sich seit geraumer Zeit immer machtvollere Gruppen, Parteien, die sich aufgerufen fühlen, die „versiffte“ Burg zu säubern und ihre Mauern zu stärken, am besten schon weit im Vorfeld. Ihnen ist es teilweise schon gelungen, Boéties Kritik an der „freiwilligen Knechtschaft“ in das Lob einer Tugend umzudeuten – der Tugend der Verteidiger der Burg, derer, die sie von ihren Vätern geerbt haben. Ihre Knechtschaft ist in Wahrheit eine Ehre. Ihre Kinder und Enkel, so sagen sie, werden es ihnen danken, daß sie die Burg nach der Reinigung rein gehalten haben. Oder wenn sie welche Gemeinschaft auch immer great again gemacht haben, indem sie neue Burgwälle, hohe Mauern, bauten.

Mauern sind Symbole jener „freiwilligen Knechtschaft“, deren Pendant, die Herrschaft, heute keinem Gottesgnadentum mehr entspringt, sondern, wie in den USA, korrekten demokratischen Wahlverfahren. So könnte es am Ende den noch liberalen Demokratien ergehen wie dem einstigen bösen Feind, der ideologisch gerechtfertigten Diktatur: sie hinge stranguliert am Baum, den sie einmal selbst pflanzte.

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Eine Antwort zu Das Unbehagen in der Demokratie (3)

  1. Liberaler schreibt:

    Liberalismus kann sich eine Gesellschaft nur leisten, wenn wirklich jeder die Wahl hat. Freiheit ist nur denkbar mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Sprich: bedingungsloses Grundeinkommen.

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