Das Unbehagen in der Demokratie

Ein berühmter zivilisationskritischer Aufsatz von Sigmund Freud hat den Titel „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930). Darin vertritt der philosophierende Psychoanalytiker die These, daß unsere Kultur auf Triebverzicht aufgebaut ist, auf Unterdrückung vor allem der Sexualtriebe, der eigentlichen, der elementaren Glücksquelle. Die libidinösen Triebe aber verwandeln sich, so Freud, unter dem hemmenden Einfluß der Kultur in Aggression, und „die Kultur muß nun alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen“. Zwei Jahre nach dem Erscheinen der Schrift kam Hitler an die Macht und wiederum sechs Jahre später bekamen die Aggressionstriebe die Chance, sich in einer Weise auszutoben, wie sie die Welt noch nicht gekannt hatte.

Auch die Demokratie, so scheint es, ist nicht dazu da, die Menschen glücklich zu machen, indem sie etwa den Sex befreit, sondern sie soll vor allem die Aggressionstriebe in produktive Bahnen lenken, etwa indem die „blinde Natur“ zum Feind erklärt, unterworfen und ausgebeutet wird. Kapitalismus ist das dazu passende System. Daß die Ausbeuter sich nicht permanent die Köpfe einschlagen, soll ein Regelwerk auch zwischen den Völkern verhindern, das auf Diskursen und Kompromissen aufgebaut ist, im Zweifel auf wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen, ehe zu militärischen Mitteln der Gewalt gegriffen wird. Wahrhaft ein Fortschritt gegenüber jenen Epochen, bei denen Krieg alles andere als die ultima ratio, sondern allgegenwärtig und vielfach erste Wahl war. Noch vor hundert Jahren stürzten sich die Völker lustvoll in die Schlachthäuser, um Millionen von Angehörigen der gleichen Spezies zu schreddern. Das Schlachten dauerte, mit einer kleinen Pause, dreißig Jahre.

Die ausgeblutete Menschheit suchte daraufhin nach einer besseren Lösung. Viele schlugen die „Demokratie für alle Staaten“, Menschenrechte eingeschlossen, vor, also auch für solche,  die nie etwas anderes gekannt hatten als Gewalt von oben und Rechtlosigkeit der Massen. Den Frieden garantierte unterdessen die „Bombe“, weniger die politische Vernunft. Wir nennen ihn deshalb den „nuklearen Frieden“. Er dauert im sog. „Westen“ inzwischen über siebzig Jahre und verdankte sich dem „Gleichgewicht des Schreckens“. Ein wahrhaft prekäres Gleichgewicht, aber es scheint heute, als hätten einige Völker und ihre Führer all dies vergessen, allen voran der mächtigste unter ihnen. Für ihn liegt Heil und Glück der Völker im Bewußtsein, groß und mächtig zu sein oder werden zu können und im Konkurrenzkampf den anderen niederzuringen. Sollte sich dies ökonomisch als allzu illusionär erweisen, so könnte das Volk sich ja als zwar armes, aber militärisch mächtiges begreifen, als Körper eines Imperiums, dessen Ausbreitung auf dem Globus zu dem selbstbewundernden Ausruf veranlassen müßte: „Wir sind die Größten!“ So scheint der zweitmächtigste Dinosaurier der Welt zu denken. Seine Massen lieben ihn, weil er sein Land ebenfalls „great again“ machen will. Wer persönlich welche Vorteile davon hat, mag Geheimnis bleiben. Es interessiert die Massen nicht. Hauptsache „groß“. So denken und fühlen Kinder.

Ein Volk, das sich als „großes“ selbst bewundern kann, braucht eine „Identität“. So funktioniert jenes Denken, das sich im neuen Nationalismus in der Gestalt „identitärer Bewegungen“ ausbreitet. Seine Grundlage ist infantiler, regressiver Natur. Sie scheint die viele Jahrhunderte hindurch identitätsstiftende Religion zu ersetzen. Sowohl die trumpistischen wie die putinesken Botschaften enthalten einen Kern, der strukturell dem der Religionen gleicht. Freuds Bemerkungen über das Verhältnis von Religion und Massen läßt sich ohne Verzerrungen auf die Bewegungen übertragen, die heute die fragile Nachkriegsordnung nicht mehr verstehen, ihrer überdrüssig sind und zurück in den Schoß vermeintlich mit sich selbst identischer Vaterländer streben: „Das Ganze ist so offenkundig infantil, so wirklichkeitsfremd, daß es einer menschenfreundlichen Gesinnung schmerzlich wird zu denken, die große Mehrheit der Sterblichen werde sich niemals über diese Auffassung des Lebens erheben können.“ Will sagen: die Komplexitäten, die diesseitiges Leben und demokratische Prozesse voraussetzen und hervorbringen, überfordern nicht nur die Massen, sondern auch ihre Führer. Freud bezog sich auf den Jenseitsglauben. An dessen Stelle scheint zu treten der Glaube an die Nation und den, der sie repräsentiert, an ein sozusagen diesseitiges Jenseits mit dem Vatergott in seinem Tower oder Kreml.

Es mag übertrieben scheinen, wenn man zu dem Fazit kommt: Die Völker leiden an der Demokratie. Aber gerade in jenem Volk, das zu den „Erfindern“ der Demokratie gehört, in Frankreich, schlägt gerade die Wut auf den Kapitalismus, der jene maßlosen Ungerechtigkeiten erzeugt, unter denen die Menschen wirklich leiden, um in eine Bewegung mit autoritären Zügen, wie Daniel Cohn-Bendit (in der ZEIT) beobachtet. Die Gelbwesten wissen, was sie hassen, aber sie haben keinen Gegenentwurf. Das wäre auch zu viel verlangt. Also werden sie aggressiv und destruktiv. Ihre Wortführer rechnet Cohn-Bendit den Rechten bis Ultrarechten zu.  Die tiefe soziale Krise, in der Franzosen, Briten und auch Amerikaner gegenwärtig stecken, diese einstigen demokratischen Mustergesellschaften, entspringt dem Kapitalismus, aber die Demokratie westlicher Provenienz scheint nicht in der Lage, sie zu lösen. Diktaturen wie China sind da erfolgreicher. Und die Sympathien vieler rechter Bewegungen in Europa für Putin deuten in die Richtung: Demokratie ist zu kompliziert. Sie überfordert uns. Wenn sie schon sein muß, dann „gelenkt“ (Putin) oder „illiberal“ (Orban). Und was wäre die katholische Kirche ohne die Diktatur des Vatikan?! Die Muslime wissen das auch. Für sie ist „Herrschaft des Volkes“ Anmaßung und Sünde. Gott allein herrscht. Also Theokratie. Dagegen ist schwer zu argumentieren.

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Eine Antwort zu Das Unbehagen in der Demokratie

  1. Demokrat schreibt:

    Weil Demokratie zu kompliziert ist, Diktatur?
    Demokratie geht halt nicht ohne Bildung, ohne Musik, ohne Kultur, ohne Kunst, ohne Theater, aber wirklich „wichtig“ ist seit der Thatcher/Reagan-Deregulierung nur noch der schnöde Mammon. Geld, Geld, Geld.
    Nur die Kultur macht uns zu Menschen. Wenn die Kultur und damit die Kontorverse stirbt, stirbt die Demokratie. Demokratie ist mühselig und langsam, da wünscht man sich den „guten Diktator“. Die Menschen wählen die (Ungarn, Brazilien etc.). Die Demokratie wird mit den eigenen Mitteln von den Undemokraten angewählt. Das ist schon fast Ironie

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