Der längste aller Kriege (2)

In früheren Jahrhunderten erzählten sich Menschen Geschichten aus vergangener Zeit, Märchen und Mythen. Auch solche über Kriege, von denen der berühmteste der trojanische war. Rechts oben in der Ägäis, nahe der Mündung der Dardanellen, wo später ein Hügel die untergegangene Stadt bedeckte, fing Heinrich Schliemann an zu graben. Es waren die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, als man Troja, das in mehreren Schichten übereinanderlag, freilegte. Der homerische Mythos hatte, wie man jetzt sah, eine historische Wurzel.

Heute fällt dem Internet, besser: seinen Beobachtern, die Aufgabe Schliemanns zu, unter den Hügeln des kollektiven Bewußtseins nach den Ursprüngen der menschlichen Massenseele zu graben. Im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts trat zutage, was lange nur scheinbar abgelebt und überwuchert in der männlichen Seele der Spezies Homo lebendig gewesen war, was aber in Religionen immer wieder beobachtet werden konnte, wovon auch die heiligen Schriften Zeugnis ablegten: daß der Feind des männlichen Menschen in dessen Auge der weibliche Mensch war. Ein ambivalenter Feind allerdings, denn wo überall in den mythischen und historischen Kriegen die besiegten männlichen Feinde in der Regel getötet wurden, hatten die Frauen der Besiegten sexuelle Dienste zu leisten und den Bestand des Volkes auch als Mütter von Kriegern zu gewährleisten. Die Selbstbeschreibungen sowohl der monotheistischen Religionen wie auch der paganen antiken Erzählungen berichten davon. Viele Kriege wurden einzig mit der Absicht geführt, die Frauen der Feinde zu überwältigen und zu versklaven. Ein dazu gehöriger Mythos ist der vom Raub der Sabinerinnen.

Aus jenen Zeiten scheinen die Haßausbrüche und Verachtungstiraden zu stammen, denen sich heute wieder Frauen, sofern sie eine gewisse Prominenz erworben haben, in den sozialen Medien des Netzes ausgesetzt sehen –  und nicht nur dort, sondern auch etwa in den Texten allseits beliebter Rapper und Comedians. Die Sängerin Lena Meyer-Landrut hat solche Zeugnisse veraltet oder verschüttet geglaubter Haßgesänge, deren Ziel sie selbst geworden war, gesammelt, auf eine große Glasscheibe geschrieben, sich selbst, das Ziel der Wut, hinter die Scheibe gestellt und ein Selfie gemacht mit den Beschimpfungen als „Garnierung“. Im Zentrum steht das ehemals als Unwort streng tabuisierte wenngleich allseits verbreitete Wort FOTZE. Die Frau ist in diesem brutal-sexistischen Kontext ihr Geschlechtsorgan, nichts darüber hinaus, und zwar in seiner häßlichsten, verachtungswürdigsten Gestalt. Sozialpsychologen wie der Marburger Ulrich Wagner sprechen von „negativen Stereotypen, die über Frauen existieren“ und die sich in der Anonymität des Netzes hemmungslos ausbreiten können. Das klingt harmlos. Es ist zu harmlos.

Es geht nicht nur um „Stereotype“, sondern es geht um kaum verborgenen Haß, der allerdings so alt ist wie die menschliche Geschichte. Mächtige Alpha-Männchen wie The Donald stimulieren heute die Enthemmung, indem sie sich zu Fürsprechern der männlichen Verfügung über das weibliche Sexualobjekt machen. Das ist die Basis ihrer Macht und ein Lehrstück für alle, die fragen, warum es Jahrtausende gebraucht hat, um Formen der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht nur theoretisch vorsichtig anzudenken, sondern auch zu verwirklichen: elementare Formen wie das Wahlrecht z.B.. Kaum mehr gelang bis heute in den meisten Gesellschaften der Welt.

Der Blick über Europa hinaus in die muslimische Welt oder nach Indien ist allerdings ernüchternd, und wer in Mitteleuropa im Geiste einer sich selbst nicht reflektierenden Toleranz behauptet, die frauenfeindlichste der Religionen, der Islam, gehöre etwa zu Deutschland, hat die Dimension des Frauen-Hasses entweder nicht verstanden oder sie ist ihm, etwa wenn er sich als guter Katholik versteht, egal. Die Diskussion über Afrika und ob es fortschrittlich zu entwickeln sei, müßte eine über die Rolle der afrikanischen Frau sein. Ist sie aber nicht. Das gilt weltweit. Die Bevölkerungsexplosion in Afrika ist das Menetekel, das auf das Ende des Planeten, wie er einmal gewesen sein wird, hindeutet.  Die Geschlechterfrage ist aber so wichtig wie die ökologische. Beide gelten den großen Parteien als nachgeordnet. Der Haß mag unterdrückt werden, gar beseitigt. An seine Stelle tritt die Gleichgültigkeit derer, die das Problem für gelöst halten..

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