Der längste aller Kriege

Ein Bericht vom Schlachtfeld: „Ihr erster Käufer war Hadschi Salman, ein IS-Richter aus Mossul, der sie zwang, sich vor jeder Vergewaltigung hübsch anzuziehen und zu schminken. Nach einem Fluchtversuch wurde sie ausgepeitscht und eine Nacht den Hauswächtern zur Rache überlassen. Danach wurde sie weiterverkauft und an einem Checkpoint von so vielen Männern vergewaltigt, bis sie bewußtlos war.“ Die Rede ist von der Jesidin Nadia Murat, der diesjährigen Friedensnobelpreisträgerin. Der Mann, der sich mit ihr den Preis teilt, ist der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege. Er beschreibt das erste Opfer einer Vergewaltigung als Kriegshandlung, das er zu Gesicht bekam, so: „Ihr ganzes Becken war zerstört. Ich dachte, es handelte sich um das Werk eines Irren, aber im selben Jahr behandele ich noch 45 ähnliche Fälle.“

Die Systematik: In Kriegszeiten mußte man schon immer Soldaten, die ihr Leben riskierten, Belohnungen versprechen. Die Frauen des Feindes waren die begehrtesten. Es handelt sich um einen so grausamen wie verbreiteten Mechanismus, den man stets für so „natürlich“ gehalten hat, daß sich eine vertiefende Debatte anscheinend erübrigte. Der Befehlshaber befiehlt die Vergewaltigung oder gibt sie frei, und die Männer folgen nicht nur seinem Befehl, sondern sind mit rohestem Eifer dabei. An Erektionsvermögen analog zur auf dem Schlachtfeld ausgestandenen Todesangst mangelt es nicht. Sie vergessen im Rausch des Testosterons, daß Mütter sie geboren haben, das sie Schwestern, Freundinnen und Ehefrauen haben. Jetzt ist da nur noch das andere, das feindliche, das immer schon gehaßte Geschlecht, das penislose, die eigene mögliche Kastration repräsentierend. Alle Grenzen der Menschlichkeit werden übersprungen. Mit Bajonetten, Gewehrläufen, abgeschlagenen Flaschenhälsen werden die Vaginen, wie Denis Mukwege sie dann zu Gesicht bekommt, penetriert, die Brüste abgeschnitten und auf  Stangen durch die feindliche Stadt getragen. Das ist keine sadistische Lust, das ist blanker, sich förmlich überschlagender Haß, und wenn überhaupt von Lust die Rede sein kann, dann ist es die an dem Blut, dem Schreien und Wimmern, dem vergeblichen Flehen der Verachteten. Wer Erklärungen dafür sucht, muß in die tiefsten Abgründe tauchen, wo er das Ebenbild Gottes als ein denaturiertes Raubtier vorfindet.

Wir trauen uns nicht einzusehen und zuzugestehen, daß der Mann, solange ihn nicht Kultur und Zivilisation in menschliche Bahnen zwingen, der natürliche Feind der Frau ist. Sie ist ebenso natürliches primäres Triebziel und zudem körperlich schwächer. Und sie weiß das. Das genügt und erzwingt ihren Gehorsam. Sie ist außerdem „anders“, schwer zu verstehen, mahnt den Mann daran, daß er nicht Herr über seine Triebe ist, gefährdet somit seine Autonomie. Er muß sie – so galt das über Jahrtausende – in sein Eigentum zwingen, versklaven, um sich halbwegs sicher zu fühlen. Dieses Motiv, das zu Genitalverstümmelungen, zu Ehrendmorden oder Morden an Frauen, die sich befreien wollen, führt, ist bis heute mächtig. Dahinter steht der Glaube an eine natürliche, göttliche Ordnung: der Herrschaft des Mannes, an die auch der Papst glaubt, der die Gendertheorie für die gefährlichste hält. In allen Religionen ist diese Herrschaft Dogma, ohne Ausnahme. Der Mann als Stellvertreter der jeweiligen Gottes übt sie aus.

Die höchste Ehre für eine Frau ist es dann, von einem Gott geschwängert zu werden und ihm einen Sohn zu gebären. Das hat Tradition etwa schon bei den Griechen. Der heiligste Mythos ist gleichzeitig der gewaltsamste, der perverseste und der unangreifbarste. Natürlich ist die Frau, das Mädchen Miriam, demütig, nennt sich eine Magd und gehorcht. In einer der grandiosesten Stellen der europäischen Literatur hat Franz Kafka in der Amalia-Episode des Schloß-Romans diese göttliche Zumutung auf den Punkt gebracht. Amalia wirft entrüstet dem Boten (Gabriel) den Brief , der sie zum Stelldichein mit dem Schloß-Beamten Sortini (Heiliger Geist) zitiert, in Fetzen zerrissen an den Kopf. Ein ungeheures symbolisches Bild für die Befreiung des Menschen. Dieser Gott und sein Schloß repräsentieren die männliche Welt und ihre bedingungslose Herrschaft. Amalias Protest ist symbolisch (und vergeblich), aber Kafka, der blasphemische Visionär, spielt ihn durch. In der Sekundärliteratur zu Kafka ist die Stelle nie verstanden, kaum beachtet worden. Das Tabu des Heiligen lag wie eine Wolke über der Szene, eine Schlüsselszene der patriarchalischen Herrschaft, die wir die „Verkündigung“ zu nennen gewohnt sind.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s