Die Grausamkeit der Frömmigkeit (2)

„Ich glaubte fest daran, daß alles, was der Papst und die Bischöfe lehrten, wahr war. Alles Übel in der Kirche rührte daher, daß so viele Gläubige nicht auf ihre Hirten hörten.“ So erklärte sich im Nachhinein die ehemalige Nonne Doris Wagner, was mit ihr geschehen war, ohne daß sie sich zunächst dagegen wehren konnte oder gar von ihrer Kirche Hilfe erwarten durfte. Sie wurde gedemütigt, vergewaltigt und als Verführerin im Auftrag des Teufels beschimpft, bedroht. nachdem sie Klage erhoben hatte. Nicht im dreizehnten Jahrhundert, sondern im einundzwanzigsten. Ihr Schicksal ist in der ZEIT (40. Ausgabe) nachzulesen

Die jetzt wie ein gewaltiger Kontinent aus dem Ozean der Kirchengeschichte auftauchende Wahrheit über die Verbrechen der Kirche an Millionen meist junger Menschen beiderlei Geschlechts verlangt nach einem ebenso gewaltigen Tabubruch. Wir müssen verstehen, daß die Kirchen-Verbrechen funktionierten und wohl auch noch funktionieren, weil sie ein Urbedürfnis der Menschen ausbeuteten und weiterhin ausbeuten: das nach Versöhnung mit ihrem Gott, nach Frömmigkeit und Gnade. Diese Frömmigkeit und das vorausgehende Sühne-Bedürfnis  wird (nicht nur im Christentum) in die jungen Hirne hineingewaschen, unlöschbar hineingepreßt. Ein sich durch die Generationen endlos wiederholender Vorgang, der als Motor der Systems Kirche seit je kraftvoll wirkt. Treibmittel dieses Motors sind Sündenbewußtsein und Todesangst. Bei der Hirnwäsche werden auch jene Elemente größtenteils entfernt, die als „natürliche Intelligenz“ (logisches Denken, Kritikfähigkeit) ursprünglich vorhanden waren. Die meisten Kinder sind nämlich intelligenter als jene Erwachsenen, die die Wäsche hinter sich haben. Das Opfer, das sie, um angepaßte und demütige Erwachsene zu sein, bringen mußten wie Doris Wagner, die Nonne, heißt sacrificium intellectus:  Preisgabe des Urteilsvermögens, sofern es die Glaubens-Wahrheiten der Offenbarung betrifft.

Die Infamie der ganzen, so wirkungsmächtigen systemischen Konstruktion läßt sich wohl nicht verschwörungstheoretisch auf Einzelpersonen (Kirchenväter, Päpste) zurückführen, sondern sie entsprang wahrscheinlich jenem Sünden-Todesangst Komplex, der im Ursprung aller Religionen zu finden ist. Aber vielleicht hat auch Peter Sloterdijk in seinem Buch „Nach Gott“ recht, der Paulus als Schuldigen erkannt hat: „Er war es, der die Weltreligion des schlechten Gewissens gestiftet hat – den Export von Schuld und den Großhandel mit ihrer Verzeihung.“ Die Großhändler sind die Kleriker, die ihren Opfern die Schuld aufladen. Dies ist das uralte christliche Schema, das etwa auch der Islam mit Blick auf die Frauen übernommen hat: ihre körperliche Existenz allein stiftet zum Vergehen gegen Gott an. Ohne solche Anstiftung wäre vielleicht die Bürde des Zölibats leichter zu tragen.

Der für den Komplex „Mißbrauch“ zuständige Bischof Ackermann gab kürzlich zu bedenken, man sollte vielleicht nur jenen den Priesterberuf zumuten, die in der Lage sein, den Zumutungen der Enthaltsamkeit zu entsprechen. Welch krummes Denken! Warum überhaupt solche Zumutungen? Um diese Frage zu beantworten, müßte sich der Bischof die christentümliche Sexualangst kritisch vornehmen, ja die ganze mit dem Komplex „Sünde“ verbundene Sicht auf die Frau und die Sexualität. Nicht nur die angehenden und fertigen Priester sind in dieser Hinsicht „unreif“, sondern die ganze Kirche. Daher ihre Perversitäten und letztlich auch ihre Verbrechen, ihre Unmenschlichkeit. Sie haben das, wovon sie immer sprechen, die Schöpfung, anscheinend nicht verstanden, zu der Sexualität notwendig gehört.

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