Die Grausamkeit der Frömmigkeit

Jetzt, nachdem die Spitze des Eisbergs aufgetaucht ist und weltweit mit Millionen von Mißbrauchs-Opfern gerechnet werden muß, jetzt endlich scheint es angemessen, über dieses ungeheure Paradox nachzudenken, daß aus der menschenfreundlichsten aller Botschaften, der des Jesus von Nazareth, eine sadistisch-empathielose, die Menschen verachtende Organisation Kirche hervorgehen konnte, wie sie uns in den Einzelschicksalen der Opfer entgegentritt.  Diese gehen, vielfach wird das so berichtet, nach der ihnen angetanen Untat verängstigt und schuldbewußt zur Beichte und werden mit einem Schwall von Beschimpfungen abgefertigt, weil sie es wagen, die Reinheit des Priesterstandes zu beschmutzen. Sie haben die Stellvertreter Jesu verführt, sie sind die Sünder. Vor ihnen und ihren schändlichen Verleumdungen muß die Kirche beschützt werden. Das ist uraltes dialektisches Schema, das vor allem zur Denunziation des Weiblichen seit Eva diente.

Die ehemalige Nonne Doris Wagner schildert in der ZEIT, was sie erlebte, als ein Ordensoberer sie vergewaltigte: „Das unfreiwillige Entkleidetwerden, den älteren, ungepflegten Mann, die Schmerzen, das Blut; wie der ‚Mitbruder‘ sie benutzt für seinen Geschlechtsverkehr; hier befriedigt sich einer an einem unterlegenen Menschen, als wäre der gar nicht da.“ Vorgesetzte ließen den Täter unbehelligt. Ein Beichtvater, dem sich das Opfer anvertraute, beschimpfte sie als „Instrument des Teufels“. Ihm war nicht bewußt, daß er, daß in Wahrheit seine Kirche dieses Instrument ist. Allmählich wird es vielen unabweisbar, zumindest denen, die den Abstieg des Männer-Ordens Kirche zu einem Verbrechersyndikat schon länger beobachten. Er vollzieht sich über viele Jahrhunderte. Opfer-Hekatomben säumen seinen Weg zu einer Macht, die ihm auch Staaten wie der deutsche immer noch gewähren. Und keine weltliche Macht greift ein und zeigt den Opfern, sie schützend, jene Barmherzigkeit, die die Institution heuchlerisch vorgibt zu besitzen.

Wir müssen begreifen, daß die Kirche, die katholische noch weniger als die evangelische, nicht die legitime Verkünderin der Evangeliums ist, daß sie ihren Anspruch, die ethischen Normen der Gesellschaft mitzubestimmen, aufzugeben und sich in die hinterste Ecke der Inhumanität zu verbergen hat, von wo aus sie hoffentlich bald auf den Unrathaufen der Geschichte expediert wird. Nicht nur brauchen wir sie nicht, wir müssen sie als genuine Menschenfeindin identifizieren und auch so behandeln. Nicht nur ist sie nicht der Weg zum Heil; sie ist das institutionelle Unheil. Sie instrumentalisiert die Frömmigkeit und die Gottessehnsucht der Menschen, um ihre Macht zu bewahren. Und es scheint, daß eben jenes Bedürfnis, „fromm“ zu sein, um dem Gott zu gefallen und das Heil zu erlangen, daß jene Heilssehnsucht das ist, was die Grausamkeit der selbsternannten Verwalter des Heils stimuliert und so machtvoll erscheinen läßt. Die Opfer empfinden sich dagegen als machtlos und selbst sündig, weil sie die Gehirnwäsche in ihren gläubigen Milieus schon immer haben über sich ergehen lassen. „Sünde“ ist das Zauberwort der Macht. Daher das unendliche Leid, der Schmerz, den sie ertragen müssen, wenn sie sich offenbaren. Sie müssen rebellieren gegen das, was ihnen Heimat war und Lebensglück versprach: die Mutter Kirche, die zur Bordell-Vorsteherin und grausamen Zuchtmeisterin herabgesunken ist. Für viele bleibt dann nur noch Heimatlosigkeit.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die Grausamkeit der Frömmigkeit

  1. Brett der Lügner schreibt:

    Spätestes seit den Boston Skandal, kann sich jeder tatsächlich ausrechnen, dass wir es statistisch mit 4 bis 9% Tätern zu tun haben. In der Kirche. Man darf legitim annehmen, dass je konservativer und strenger die Gesellschaft, umso höher die Quote.
    Mich überraschen die „neuen“ Vorwürfe und Zahlen nicht.
    Es ist Zeit für einen radikalen Cut Staat/Kirche. Sprich: Keine Kirchensteuer, kein Kirchenrecht (insbesondere Arbeitsrecht und Strafrecht) über Bundesrecht.
    Die Kirche hat jeden moralischen Anspruch verloren. Fun Fakt: dass die rk. Kirche eine schwulen Lehrer entlässt mit der Begründung er würde nicht konform gehen mit der Sexualmoral der rk. Kirche, ist schon fast lustig streng nach der Logik: besser 20 Ministranten vergewaltigt, als einen anderen Mann geliebt. Widerlich

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s