Mißbräuche und Kopftücher

Zunächst eine These als Klärungsansatz: Die patriarchalen monotheistischen Religionen sind, aus der Distanz von jemand, der ihnen nicht angehört, Männerbünde zur Verteidigung männlicher Herrschaft – wenigstens auf den ersten Blick. Die latente Furcht vor dem Verlust dieser Herrschaft entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Furcht vor Verlust der Autonomie. Wahrgenommen wird die Bedrohung der Autonomie, auch der jeweils eigenen, als Bedrohung durch die Triebsphäre, durch die Sexualität. Äußere Repräsentanten dieser Bedrohung sind die weiblichen Körper, ist die Weiblichkeit in dieser Welt überhaupt. Um sie ranken sich die bekannten Mythen. Von denen sind die von Eva, der Ursünderin, die den Tod brachte, und von Maria, die als geschlechtslose Eva alles wieder rückgängig machen sollte, in der christlichen Welt die bekanntesten. Im Islam haben wir im Grunde nichts anderes vor uns, als ein holzschnittartiges Juden-Christentum, dem alle ethischen Inhalte zu rituellen Vorschriften geronnen bzw. verkommen sind. Die Überschneidungen auch mit dem orthodoxen Judentum sind aber im Geschlechterbild am größten. Gott (Jahwe) schafft den Mann als sein Ebenbild (und gibt ihm später eine Gespielin), und im Koran spricht Allah ausschließlich zu den Männern und sagt ihnen, was sie mit ihren Frauen anstellen dürfen und was nicht. Der jüdisch/christlich/muslimische männliche Gott entpuppt sich als Vorstand und Vorbild einer machtgeilen Männerhorde.

Ein System wie eine Religion von außen zu beschreiben, beinhaltet häufig die Gefahr der Verunreinigung des Bildes und  Urteils durch Vorurteile oder schlichte Mißverständnisse. Deshalb rufen wir den Muslim und Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi als Zeugen auf. Mit Blick auf das Kopftuch stellt er in der RHEINISCHEN POST fest: „Es ist ein historischen Produkt der männlichen Herrschaft in der Geschichte der Muslime, ein Instrument der Unterwerfung der Frau. Denn es geht dabei um die Kontrolle des Körpers und des Geistes der Frauen, damit sie sich der männlichen Macht unterordnen. Es gibt nirgendwo auf der Welt eine Gemeinschaft, die mehr Angst hat vor der Selbstbestimmung der Frauen als die Muslime.“ Denn, wäre hinzuzufügen, diese Selbstbestimmung stellt die männliche Autonomie als Gestalt von Herrschaft in Frage. Die vorgebliche Religionsfreiheit, die es den Musliminnen auch im Westen „erlauben“ sollte, das Kopftuch zu tragen, sieht Ourghi zufolge so aus: „Die Körper der Mädchen werden nicht nur sexualisiert, sondern sie werden auch emotional erpreßt. Die männliche Herrschaft will die Kontrolle über die Erziehung der Mädchen nicht verlieren. Freiheit muß für sie eine unbekannte Erfahrung bleiben. Es ist ein enormer psychischer Druck, der da auf manchen Kindern lastet. Die Mädchen sollen in ständiger Furcht vor dem eigenen Körper und vor denen der anderen (Männer) versetzt werden„.

Diesen Hintergrund des Islam, der zu Deutschland gehören soll, hat die Politik nicht verstanden oder will ihn nicht wichtig finden. Ob ihn die Pegidianer oder die AfD wirklich verstanden haben, was sie als „Islam“ attackieren, mag dahingestellt sein, aber sie scheinen diese kulturell-gesellschaftliche Dimension zu meinen, wenn sie sich „islamophob“ artikulieren. Hier von „Rassismus“ zu sprechen, trifft kräftig daneben und verhindert jeden notwendigen Dialog mit den „besorgten Bürgern“. Es gibt eine Besorgnis mit beträchtlicher Berechtigung, und die müßte die Mainstream-Gesellschaft, vor allem deren weiblicher Teil, eigentlich teilen.

Die Besorgnis aber sollte durchaus Islam-überschreitend sein. Davon überzeugt uns, was derzeit aus dem faulenden Untergrund der katholischen Kirche zutage gefördert wird. Auch hier grassierende Sexualangst und damit heftige Frauen-Abwehr. Tausende Vergewaltigungs-Opfer von Kindern und Jugendlichen weltweit, Verdecken und Verschweigen, um die Institution, ohne die es angeblich keinen Weg zum Heil gibt, nicht zu gefährden. Der Sozialpsychologe Heiner Keupp, Mitglied der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmißbrauchs, spricht mit Blick auf die Kirche vom „vergifteten Eros“. Die Kirche habe ein gestörtes, schwieriges Verhältnis zur Sexualität, und der Zölibat könne sich verheerend auswirken: „Die jungen Pfarrer, die auf dem Weg sind, die Mönche, werden überhaupt nicht wirklich in einem Reflexionsprozeß mit dem konfrontiert, was sie sich selber untun müssen, wenn sie sich für den Zölibat entscheiden.“

Es sind nicht nur aber vor allem junge Menschen, die die sexuellen Phobien der Religionen zu bezahlen haben – mit ihrem Lebensglück. Nun stellen aber die Religionen als Systeme für die meisten Menschen, die in ihnen gefangen sind und in ihnen ihr Heil suchen, unentrinnbare lebenslange Gefängnisse dar, deren Niederreißung zu fordern arg donquichottesk wirkt. Nur Aufklärung könnte frische Luft bewegen. Aber ihr müßten sich die Kirchen stückweise öffnen. Fraglich, ob sie das als Systeme von ihrer Struktur her leisten können. Es gibt weder in der muslimischen Welt noch in der katholischen einen einfachen Weg zur Freiheit.

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