Ganz normale Männer

Wer sind die argen Sünder, die als Kinderschänder Ruf und Ansehen ihrer Kirche den unermeßlichen Schaden zugefügt haben, den ihre Häupter jetzt beklagen? Kranke Unholde mit Verbrecher-Gen, die den wachsamen Augen und Ohren der beichtväterlichen Sünden-Detektoren zufällig entkamen? Pädophile Seelenkrüppel, denen kein Psychoanalytiker rechtzeitig zur Hilfe kam? Leider massenhafte untypische Einzelfälle, die niemand verhindern kann, auch wenn er sich eifrig bemühen würde?

Anläßlich der jüngsten nicht nur Amerika, sondern auch Deutschland, ja ganz Europa betreffenden Studien über das Ausmaß der „Mißbräuche“, die solche zu nennen mehr als beschönigend klingt (wäre doch „Seelenmorde“ viel angemessener) – anläßlich des Rufes nach Ursachenforschung hat jetzt eine Gruppe von Forensikern unter Leitung von Norbert Leygraf den systemischen Hintergrund zu erhellen versucht, vor dem sich die Verbrechen entwickeln konnten, nein nachgerade entwickeln mußten. Diesen Hintergrund kennen eigentlich alle, die sich mit dem Frauenbild der Kirche seit Paulus beschäftigt haben. Ausgehend von Eva, der Ur-Sünderin, die wie wir wissen „den Tod in die Welt brachte“, über die Diffamierung der Lieblingsjüngerin Jesu, Maria Magdalena, als Hure, über die krude Theorie von der Erbsünde, die lt. Augustinus durch Geschlechtsverkehr wie eine Krankheit verbreitet wird – ausgehend von all diesen und noch viel mehr seltsamen Mystifikationen und Dogmen entweiblichte sich die Kirche zunehmend im Geiste eines versteinerten Patriarchats und verriet die Liebes-Botschaft ihres Stifters Jesus.

Die priesterlichen Übeltäter und ihre jungen Opfer zahlten wohl schon immer und zahlen auch heute für diese Entwicklung. Nach der Expertise jener Forensiker um Leygraf sind die Kinderschänder ganze normale Männer, nur zu einem geringen Teil manifeste Pädophile. Im Priesterberuf unter dem Dach des Zölibats, unter dem sie zu heiligen Männern, Stellvertretern Jesu,  zu werden hofften, vereinsamten aber viele. Manche wurden alkoholabhängig. Sexuell unreif (wie auch anders?) und psychisch labil konnten sie dem Ansturm der eigenen Triebsphäre nicht widerstehen. Weil das Leben in dieser Welt ohne Frauen sehr stressig ist, glaubten sie im Zölibat einen Zufluchtsort für Männer zu finden, die mit ihrer Sexualität nicht klarzukommen fürchteten. Sie fanden einen frauenverachtenden Männerbund, dessen einzelne Glieder sich gegenseitig schützten: die Kirche. In einem anderen Kontext heißt ein solcher Bund „Cosa Nostra“.

Ein Bund psychisch kastrierter, gleichwohl sich über die sündigen Massenmenschen und herumvögelnden Geschlechtsgenossen erhaben dünkender frommer Elite-Machos kann nur hervorbringen, was jetzt bejammert und mit Gebeten bekämpft wird. Die Kirche ist, wie schon Nietzsche erkannte, seit ihren paulinischen Anfängen krank. Was Nietzsche nicht sah, war die Ursache dieser Erkrankung im Frauenhaß und der Sexualangst der ersten Patriarchen und derer, die ihnen folgten. War doch Nietzche selbst ein  Frauenhasser aus verletztem Narzißmus. Dennoch bleibt diese seine Einsicht wahr: „Das Übergewicht der Unlustgefühle über die Lustgefühle ist die Ursache jener fiktiven Moral und Religion, deren Gott zum Widerspruch des Lebens abgeartet ist“ („Der Antichrist“).

Die Kleriker unterm Zölibat leben in einer „abgearteten“ Welt, wie sie jede die Frauen an den Rand drängende, wenn nicht gar eliminierende Welt ist. Die Kunstfigur einer jungfräulichen „Gottesmutter“ bringt da keinen Ausgleich, wie manche behaupten. Im Gegenteil. Dies müßte die Kirche erkennen. Sie bräuchte sich nur ihren Stifter und dessen Beziehungen zu Frauen anzusehen. Aber es gibt nicht die geringsten Anzeichen dafür, daß sie diesen Rat befolgt und daraufhin die Erkenntnis, das gegenwärtig Elend betreffend, wächst.

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