Perversion der Menschenliebe

Nächsten- und Feindesliebe sind zwar nicht Alleinstellungsmerkmal christlicher Kirchen, gleichwohl, gebündelt als Menschenliebe, die notwendige Basis ihres Selbstverständnisses.  Auch wenn Christen scheinbar Böses tun wie Ketzer verbrennen, Kreuzzüge durchführen oder Waffen segnen, wenn sie Juden mit dem Ziel des Pogroms als Gottesmörder anprangerten oder angeblich menschenunähnliche Schwarze versklavten, um Indianer zu schonen (Bartholomé de las Casas) – im Grunde stand dahinter immer der vermeintliche Auftrag ihres Stifters, die Menschheit zum wahren Glauben zu bekehren und ihr so das Himmelreich zu sichern. Sogar das Feuer, in dem Ketzer und Hexe verbrannten, sollte diese rettend reinigen von den begangenen Sünden.

Die gegenwärtig angesichts der zutage getretenen Eisbergspitze der Mißbrauchs- und Vergewaltigungsfälle, begangen durch Priester aller Kategorien über lange Zeiträume und in tausendfacher Zahl in allen katholischen Landen, wirft immer wieder die Frage auf, warum die Verbrechen beschwiegen, verheimlicht, geleugnet wurden. Die Antwort könnte überraschend lauten: aus Menschenliebe. Ehe man einen Bruder im Herrn mit einer Strafanzeige nachstellt, vor ein Gericht zerrt, ihn seines Arbeitsplatzes beraubt, seinen Ruf durch Brandmarkung unheilbar schädigt, damit seine menschliche Existenz vernichtet, ermahnt man ihn, hofft auf Besserung und versetzt ihn in eine andere Gemeinde. Dort mag er seine Taten bereuen, von weiteren Abstand  nehmen – oder auch nicht.

Es handelt sich wie bei der Mafia um eine Form der Männerbündelei, die so alt ist wie die Organisation, in der sie wiederum innerhalb des Patriarchats blüht. Auch durch die hierarchischen Etagen der Kirche tropft Testosteron. Die Mißbrauchszahlen lassen auf riesige Mengen schließen. Die Entweiblichung der Kirche seit den Vätern ihrer Frühzeit, selbst schon eine Form der einer urtümlichen Sexualangst geschuldeten Verzerrung menschlicher „Normalität“, verschaffte einer Sexualmoral Dominanz, die das komplexe Geschäft des erwachsenen Umgangs der Geschlechter außer Übung kommen ließ. Die Entfremdung von den Frauen, die quasi zu Aliens wurden, rückte fast zwangsläufig die Kinder in den Trieb-Fokus. Der zölibatär kastrierte Kleriker, müssen wir annehmen, sah vielfach keinen anderen Weg aus der Bedrängnis des Leibes als das Opfer der Wehrlosen. Und seine Vorgesetzten in der Hierarchie verstanden und beschützten ihn nicht nur, sondern sie betrieben den Triebausgleich dieser perversen Art vielfach selbst, sogar fallweise vom Papst gedeckt.

In Ländern wie Polen und Rußland, in Kontinenten wie Afrika und Südamerika, wo heute die Mehrzahl aller Katholiken lebt, wird die Verfolgung der Brüder durch die Feinde der Kirche mit äußerster Befremdung beobachtet. Man vermutet, ob zu Recht oder nicht, eine irreparable Schädigung des Glaubens-Fundaments. Die wachsende Zahl der Austritte mag den Skeptikern recht geben. Ihrer Logik zufolge muß der Mißbrauch, müssen die Opfer hingenommen werden, um die Kirche als notwendiges Ganzes in ihrer gegenwärtigen Gestalt, also auch mit Zölibat, zu retten. Dies folgt ganz der Logik der Vertuscher und Verschweiger. Und innerhalb dieser Logik können sie sich, Güter abwägend, auf das Übermaß des Segens berufen, den die seelenrettende Arbeit der Kirche und ihrer Diener letztendlich für die Menschheit hat. Dies scheint die Opfer, auch gemäß einer Moral der Liebe, zu rechtfertigen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Perversion der Menschenliebe

  1. Johanna von Ingelheim schreibt:

    Der Skandal ist ferner, dass die Kurie immer nur das Bedauert was von säkularen Medien herausgefunden wird.
    Methode VW.
    Statt endlich mal aufzuräumen. Wenn man extrapoliert wird einem schwindelig. Systematisch erscheint es fast. Die Vertuschung offenbar ganz sicher. Trotzdem bricht Kirchenrecht immer noch Arbeitsrecht.
    Schickt die Kirche zum Teufel.
    Deutschland muss sich endgültig von der Kirche emanzipieren.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s