Sarrazins Phobie (2)

Eine seltsame Szenerie. Ein Amateur, ein selbsternannter Experte für Religiöses, ein Dilettant also, schreibt ein dickes Buch (nicht sein erstes), und aus dem deutschen Medienwald erheben sich wutschnaubend die Verteidiger der angegriffenen Kultur/Religion Islam und schwenken ihre Speere und schlagen gegen ihre Schilde. Das gänzlich indiskutable Werk („Feindliche Übernahme“) sei „verletzend, grenz-rassistisch, manipulativ“ und habe sicher „negative Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ (SÜDD.ZTG). Das wäre allerdings schlimm. Aber wie soll das gehen ? Da denkt sich ein abendländischer „Herrenmensch“ böse Märchen über eine Weltreligion aus, der wir doch alle Respekt schuldig sind – und der Zusammenhalt wackelt. Warum widerlegt man nicht, statt in Wutgeheul auszubrechen, die schlimmen, gefakten Verdächtigungen? Warum kommt keiner auf die Idee, diesen über den Islam ausgeschütteten Unrat gelassen zu beantworten und klarzustellen, daß auch diese Religion unsere Achtung, ja Wertschätzung verdient, weil sie nämlich ein heiliges Buch hat und an den Gott glaubt, von dem wir annehmen, daß es auch unser Gott ist und „barmherzig“ zudem?

Die Antwort muß ernüchternd sein. Weil es nicht geht. Weil vor allem die, die sich eingehender als die meisten Kritiker Sarrazins mit dem Islam auseinandergesetzt haben, wissen, daß er recht hat, weil die meisten seiner Quellen recht haben. Das Buch „wimmle von Fehlern“, bemerkt die ZEIT und meint etwa die falsche Zahl der Suren. Man kann die Interpretationen zurückweisen, aber es handelt sich nicht um Mathematik, um richtig oder falsch. Interpretationen verdanken sich einem Standpunkt. Auch den kann man zurückweisen, aber nicht weil er „fehlerhaft“ ist. Nein, zu vermuten ist, daß die abendländischen Verteidiger der in Bedrängnis geratenen Muslime sich selbst, einen Teil ihrer eigenen Identität verteidigen.

Gesagt werden muß, daß es sich bei Sarrazins Buch um einen zu lang geratenes Oberseminar-Referat handelt, langweilig, ohne Esprit, ein Sammelsurium von Zitaten, die wenig von einer denkerischen Eigenleistung verraten. Wer sich auskennt, kennt das alles. Aber darum ist es nicht falsch. Im Gegenteil. Als Zitatensammler ist er brauchbar weil fleißig, unser Phobiker. Und er hat, was auch nicht besonders originell ist, im tiefsten Innern der islamischen Welt- und Menschensicht, eine Gestalt entdeckt, die uns allen sehr vertraut ist: den Vater. Diese Gestalt, „Gott“ oder „Allah“ genannt, ist die Klammer um alle „Leute des Buchs“, wie die Muslime sich selbst, die Juden und die Christen nennen. Soziologen und Historiker sprechen vom Patriarchat. Deshalb ist der Gott ein Mann mit allem, was zu einem Mann gehört, auch wenn die Muslime diesem Anthropomorphismus heftig widersprechen. Vor allem mit dem Anspruch auf unbedingten Gehorsam ist er der Vater. Er spricht auch nur zu Männern, zu seinesgleichen. Das wird im Koran besonders deutlich. Er sagt ihnen etwa, wie sie ihre Frauen zu behandeln haben, wann diese „unrein“ sind, wann sie mit ihnen nicht schlafen dürfen und wann sie geprügelt werden dürfen. Letzteres ist ein koranisches Alleinstellungsmerkmal, das auch gegenwärtige Muslime wohl beachten, auch wenn es ihnen peinlich ist, darüber zu reden.

Bei diesem Punkt hat Sarrazin sein Aha-Erlebnis. Da also liegt der Schlüssel: im Geschlechterbild der Muslime. Er schreibt: „Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, daß die Stellung der Frau in der Religion des Islam und in den islamischen Gesellschaften zentral für nahezu alles steht, was an dieser Religion problematisch ist und die Rückständigkeit der islamischen Länder bewirkt.“  Selten lag ein Monokausalist so richtig. Aber neu ist das auch nicht. Und es ist auch nicht ein Alleinstellungsmerkmal des Islam. Wir brauchen gar nicht bis nach Indien zu gucken, wo das Leben der Frauen flächendeckend von Mord und Vergewaltigung bedroht ist. Unsere heilige katholische Kirche hat Frauenverachtung und -ausgrenzung seit ihren Ursprüngen auf ihre Fahnen geschrieben. Ihre Sexualmoral ist der islamischen zum Verwechseln ähnlich – mit dem Unterschied, daß die Muslime durchaus sinnenfroher sind und wenigstens fürs Paradies den männlichen Gläubigen eine lustige Dauervögelei, Dauererektion  und Jungfrauen gratis,  versprechen. Vorher aber wird, wenigstens was die jungen Männer betrifft, gedarbt und später ehelich höchstens für die lustvolle Vermehrung der Muslime gesorgt. Anders sahen es die Päpste (Pillen Paule!) auch nicht.

Christlich-jüdisch und damit auch islamisch ist der Mensch „Adam“, der Mann. Die Frau ist zum Vertreiben der Langeweile eine Art Zutat, sagt die jüdische Genesis-Mythe. Der Koran, der sonst so ziemlich alles aus dem Alten Testament schamlos kopiert, macht sich gar nicht die Mühe, ihre Herkunft zu erklären oder ihr einen Namen zu geben. Irgendwann ist sie einfach da. Vor Adam aber, dem Mann, hatten sich zuvor die Engel niederwerfen müssen. Wahrlich ein starkes Bild, auf das sich die muslimischen Männer was einbilden können!

Sarrazin mißversteht gründlich die historisch-räumlich bedingte Strukturähnlichkeit der drei Monotheismen. Deshalb argumentiert er auch vom hohen abendländischen Roß herab als von einer wertvolleren Tradition. Auch die Höhe der antiken Zivilisation wurde erst einmal durch das Christentum eingeebnet bis in die tiefsten Tiefen der Teufels- und Hexenaberglaubens hinein, ehe mit der Renaissance sich die säkulare Welt zu befreien begann von der Vormundschaft der Kirche und schließlich die Aufklärung zustande brachte. Ob dies dem Islam gelingen kann, darüber wird heftig gestritten. Die höchsten Autoritäten des Glaubens in der Kairoer Al Azhar-Moschee halten den Weg in die historisch-kritische Koran-Auslegung und damit zu einer eigenen Aufklärung für verderblich. Er führe letztlich zum Untergang des Glaubens, wie im Westen zu beobachten. Diese Skepsis teilt Thilo Sarrazin, allerdings aus anderen Motiven heraus. Was man allerdings sinnvollerweise nicht ihm nicht vorwerfen darf, ist seine wortwörtliche Lesart des Koran. Sie entspricht dem Islam-Mainstream, der wenig Wert legt auf eine historische Einordnung und damit Relativierung der jeweiligen Suren. Sie sind Allahs ewiges Wort. Amen.

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