Das Schweigen der Hirten

Der Vatikan versinkt, wie er vorgibt, in tiefer Scham angesichts tausender Opfer priesterlicher Sexualnot in Pennsylvania. Seit Jahren versinkt er und bittet um Vergebung. Das wenigstens unterscheidet ihn von der Mafia. Was ihn, was die katholische Kirche aber mit dem organisierten Verbrechen verbindet, ist ein äußerst wirksames Schweigekartell, als Omertá bekannt. Das Muster ist immer dasselbe: Mißbrauchsfälle werden über Jahrzehnte vertuscht, ihre Verjährung abgewartet. Wenn die meisten Taten verjährt, viele der Täter tot sind, erscheint ein Untersuchungsbericht, den Bischöfe bestürzt zur Kenntnis nehmen. Auch der Papst ist natürlich bestürzt, tut aber im gegebenen Fall, wie kürzlich in Chile, alles, um einen der Sünde verfallenen Gottesmann reinzuwaschen. Die kindlichen oder jugendlichen Opfer müssen, so scheint es, gebracht werden, damit die Kirche lebt. Denn es gibt einen Priestermangel, der zur Katastrophe sich auswüchse, würde man die Pädophilen aussondern. Irgendwo müssen sie ja hin mit ihren undomestizierbaren, gottgegebenen Trieben. Und die Kinder werden sicher irgendwo für das Opfer, das sie gebracht haben, belohnt. Anders kann man sich Gottes Gerechtigkeit nicht vorstellen.

Die tausende Opfer in den USA sind, wie dem gesunden Menschenverstand angesichts dieser systemischen Verbrechen klarwerden muß, nur die Eisbergspitze. Die Not der Kleriker ist groß. Niemand kann von ihnen eine kollektive physische Kastration verlangen, nachdem ihnen die psychische mit dem Keuschheitsgelübde schon angetan wurde. Das Verständnis, das die Kirche ihnen und weniger den Opfern entgegenbringt, entspringt der tiefen aber unausgesprochenen Einsicht in die Qual von Männern im besten Alter. Das Fleisch, das bekanntlich schwach ist, kann – soviel Einsicht besitzt die Kirche – nicht einfach ausgetrickst werden mit einem Gelübde. Immer wieder verlangt es das Opfer. Das ist die eigentliche Tragödie – die der Kinder, der Priester, der Kirche. Es scheint keinen Ausweg, kein Mittel zu geben – außer dem Beschweigen. Die Kinder, die gerade jetzt wieder zu Opfern werden und deren Opfersein in ein paar Jahrzehnten reumütig bekanntgemacht werden wird, können heute nicht beschützt werden – es sei denn, man setzt die Existenz der Kirche aufs Spiel. Und daß deren Existenz auch für das Seelenheil der Kinder unabdingbar ist, wird wohl kein Frommer bestreiten. Es ist wie mit dem Tod fürs Vaterland.

Manche der Vergewaltiger kümmerten sich ja auch schon um das Seelenheil der von ihnen nicht Beschützten, wie jener, der den Mund der Kindes, das vorher zur Fellatio gezwungen worden war, mit Weihwasser ausspülte. Immerhin ein Versuch, das beschmutzte Kind zu retten. Und auch der Vorwurf der Pädophilie wäre zu relativieren. Bei Licht besehen sind die Täter „ganz normale“ Männer, denen das von Natur und Normalität radikal Abweichende abverlangt wurde, ehe sie sich klarmachen konnten, was die Konsequenzen der spirituellen Kastration sein könnten. Größtenteils glaubten sie anfangs sicher an ihre Stärke, das Gelübde halten zu können. Es ist ja auch das Verhältnis ihrer Kirche zur Sexualität als dem zu widerstehenden Bösen, das dem Wunsch, gerade ihm zu widerstehen, indem man keusch bleibt, einen starken Schub geben kann. Was spätestens seit dem Heiligen Augustinus jedem, der sich nach dem Heil sehnt, klar ist, daß nämlich der Geschlechtsakt selbst die Erbsünde überträgt wie eine Krankheit, wird in den Vorstufen einer klerikalen Laufbahn stark motivierend wirken. Der krude Materialismus einer auf Triebbefriedigung zielenden Gesellschaft kann dagegen schwerlich von dem drängenden Wunsch nach dieser Laufbahn abhalten. Allein von der permissiven, zutiefst verderbten Umgebung mich unterscheiden zu können, mag mich mit Stolz und Heils-Hoffnung erfüllen und meine Nähe zu Gott vergrößern. Auf keinen Fall ist mir aber vorzuwerfen, daß ich mit dem mir bewußten sündhaften Verlangen und der Aussicht auf seine Befriedigung schon die lästige Pflicht auf mich genommen habe, das Evangelium zu verkünden. „Das sei ferne,“ pflegte der Apostel Paulus zu sagen.

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