Ein Sohnes-Opfer

Wer immer einen noch so distanzierten Blick in die Staufener Mißbrauchs-Vergewaltigungs-Hölle warf, erstarrte angesichts des Tiefenblicks in die menschliche Seele, dem er sich aussetzte. Vor allem das nicht nur duldende, sondern grausam aktive Mittun der Mutter des Jungen riß einen schauerlichen Abgrund auf zwischen dem, was wir allen Menschen als Würde zugestehen möchten und dem, was wir realiter als seine äußerste Selbstentwürdigung begreifen. Ein Blick auf die Täter der Shoa mag das bekräftigen. Die unantastbare Würde des Menschen meint ja seine „Heiligkeit“ als Ebenbild Gottes. Psychologen mögen alles verstehen wollen und scheitern; Theologen sprechen vom schlechthin „Bösen“ und erklären wenig. Berichterstatter des Falles, weder Psychologen aus Profession oder Theologen, sondern Menschen mit gesundem Verstand und kühlem Beobachterblick versagten angesichts aller Versuche, das Verhalten der Mutter zu deuten. Die fast verzweifelte Hilflosigkeit der Reporter wurde von Zuschauern und Zuhörern geteilt

Wer sich in eine in diesem Fall notwendige Distanz sagen wir des Beobachters der Beobachter begibt, mag in dem Verbrechen ein mythisches Schema erkennen: das des Sohnes-Opfers. Was die Beobachter erster Ordnung nicht wahrhaben wollen, ist ein uraltes Motiv: die Bereitschaft, das Wertvollste, das man besitzt, „jemand“ zu opfern, um dessen „Gunst“ zu erhalten oder zu bewahren. Der prominenteste Fall ist der des Abraham, des mythischen Stammvaters aller Monotheisten. Er unterwirft sich bedingungslos seines Gottes Befehl und ist bereit, sein Wertvollstes, den einzigen Sohn Isaak, für diesen Gott zu schlachten. Es handelt sich zwischen dem Mann und seinem Gott um eine Beziehung bedingungsloser Abhängigkeit und Unterwerfung. Die höchste Tugend des Mannes ist seitdem für alle Frommen der Gehorsam. Das gilt bis heute in der Kirche. Der Islam hat ebenfalls bis heute wie einst das Christentum mit Berufung auf Genesis 3,16 („Du hast Verlangen nach deinem Mann / er aber wird über dich herrschen“) diesen Gehorsam übertragen auf das Verhältnis des wahren Ebenbildes Gottes, den Mann, zu seinem Rippen-Abkömmling: das Weib Dem Patriarchat diente das seit je und erst recht in der monotheistischen Welt zur Selbstrechtfertigung.

Die äußerste Steigerung und Verklärung erfuhr das Sohnes-Opfer allerdings, wie wir wissen, durch die Tat eines Vaters, des Gottes selbst. Resigniert stellte der Philosoph Hans Blumenberg fest: „Kein Theologe hat je ernst zu sagen gewagt, Gott hätte seinen Heilswillen auch ohne das Opfer seines Menschensohnes vollziehen können.“ Bewußt läßt sich der Philosoph nicht auf das Schuld-Entsühnung-Opfer-Schema des Theologen ein, sondern appelliert in der Nachfolge Kants und der Aufklärung an Vernunft und Menschlichkeit. Damit mißversteht er gründlich das religiöse Denken, dem es eben um die Gnade Gottes geht, auch wenn diese der Menschlichkeit entgegensteht. Davon zeugen die Heerscharen der verbrannten Ketzer und Hexen

Mit einem solchen religiösen „Denken“ in perversester, entstelltester Form haben wir es – so unsere These – bei der Bereitschaft der Staufener Mutter zu tun, die dem Mann, den sie zu ihrem Gott gemacht hatte (jeden anderen hatte sie offenbar schon verloren) und der ein gewöhnlicher, von seinem Trieb allein gelenkter Verbrecher war, ihren Sohn zu opfern. Auch hier greift der Vergleich mit der Shoa und ihrem obersten Herrn, der sich zum Gott eines Volkes aufgeblasen hatte und von diesem Volk angebetet wurde. Auch hier war das Volk bereit, seine Söhne zu opfern, im Zweifel alle. Voraussetzung all dieser die Würde des Menschen durchaus antastenden Verhaltensweisen ist der Gehorsam als absoluter, wie nach Einschätzung der Gläubigen ihr Gott ihn verlangt. Das Sohnes-Opfer entkräftet den abschwächenden regelmäßig wiederkehrenden Hinweis auf seine Güte. Blumenberg stellt sich in seinem Buch Matthäuspassion einen Paulus vor, der aus Empörung weint „über einen Gott, in dessen Namen ich (Paulus) eine Theologie erfunden habe, die diese Schändlichkeit (des Sohnes-Opfers) als den Ablauf einer ‚Heilsgeschichte‘ enthält“. Seitdem hat sich tief eingegraben in unsere Kultur bis in ihre profansten und abgründigsten Staufener Tiefen die Vorstellung von der Notwendigkeit des Opfers.

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Eine Antwort zu Ein Sohnes-Opfer

  1. Said schreibt:

    Interessante aber auch streitbare These. Meistens sind Opferungen jedoch ein gemeinschaftlicher Akt. Das fehlt hier. Naheliegender finde ich eine ödipale Interpretation, bei der die Mutter eigene Wünsche auf die geduldeten Täter projiziert.

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