Menschen, Würde, Rechte – und die Religion

Von 70 Jahren, drei Jahre nach Ende der größten Menschheitskatastrophe,  wurde 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Ihre Grundsätze hatten ihr Fundament in der Kultur des Westens, sofern die von der Aufklärung bestimmt ist. So sehen es vor allem und durchaus kritisch die Gesellschaften Asiens und die islamische Welt. Die Praxis in jenen Gesellschaften bis heute beweist die globale Unumsetzbarkeit der „Allgemeinen Erklärung“, die nur von 18 Staaten in der UN-Menschenrechtskommission unterzeichnet wurde. Sie stellt die Rechte des Individuums in den Mittelpunkt, während die sog. „asiatischen Werte“ das Kollektiv betonen. Sie steht auf dem Boden einer säkularen, wissenschaftlich orientierten Kultur, während etwa die „Kairoer Erklärung der Menschenrecht im Islam“ von 1990 dekretiert: „Alle Menschen bilden eine Familie, deren Mitglieder durch die Unterwerfung unter Gott vereint sind und alle von Adam abstammen.“ Die islamische Erklärung verweist unentwegt auf Gott und die Scharia der Steinigungen und der Frauenunterdrückung. Die Scharia, wie unklar auch ihr Erscheinungsbild ist, bestimmt jede Auslegung der Artikel, wenn es etwa heißt: „Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, soweit er damit nicht die Grundsätze der Scharia verletzt.“ Will sagen: Er hat genau dieses Recht nicht. Wenn er die Wahrheiten des Islam, etwa die von der adamitischen Abstammung, der Unwiderlegbarkeit der koranischen Suren und dem Schöpfertum Allahs als Mythos in Zweifel zieht, riskiert er seinen Kopf (so in Pakistan, Saudi Arabien, Iran etc.).

Es lohnt sich aber, im Sinne einer kritischen Selbstreflexion des jüdisch-christlichen Abendlandes, noch nicht einmal zwei Jahrhunderte zurückzublicken, etwa auf den Geist, der die katholische Kirche bis zum Zweiten Vatikanum Anfang der Sechziger des 20. Jahrhunderts beherrschte. Im Widerstand gegen die moderne Welt organisierte sich der Katholizismus, wie es der katholische Theologe Peter Neuner ausdrückte, „als Kontrastgesellschaft zur neuzeitlichen Welt. Die historische Interpretation der Schrift schien mit der Lehre von der Inspiration, verstanden als Diktat des Heiligen Geistes, unvereinbar“. Diesem Diktat sich zu unterwerfen entspricht den Unterwerfungsforderungen und Demutsbekundungen des Islam bis ins Detail. Darin liegt die eigentlich verbindende Grundhaltung aller Monotheismen. Ihr Feind ist bis heute, was Kant „Mündigkeit“, das Schlüsselwort der Aufklärung und Fundament der Menschenwürde, nannte. Die katholische Kirche entmündigt auch noch im 21. Jahrhundert unentwegt ihre Gläubigen wie auf der anderen Seite die islamische Geistlichkeit etwa mit dem Hinweis auf Inspiriertheit, gar Unfehlbarkeit der Geistlichkeit und implizit auf die Unwissenheit (Blödheit) der Herde.

Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte Kant den Offenbarungsglauben als einen Glauben bezeichnet, „der als historischer keiner allgemeinen überzeugenden Mitteilung fähig ist“. Diese radikale Infragestellung jeden Dogmas, das sich auf irgendeine zu irgendeinem konkreten Zeitpunkt abgegebene göttliche Mitteilung bezieht, haben die weltbeherrschenden Religionen nie nachvollziehen können und dürfen, vor allem nicht der Islam. Die christlichen Kirchen haben unterdessen Versuche unternommen, sich mit einigen Erkenntnissen der Wissenschaft (Kosmologie, Evolutionstheorie) abzugleichen, sehen sich aber nicht in der Lage, zentrale Inhalte des Offenbarungsglaubens wie Auferstehung und Gericht in Frage zu stellen, von der Existenz eines Schöpfers aller Dinge ganz zu schweigen. In einer Enzyklika von 1907 hatte Papst Pius X eine tiefe Einsicht kundgetan, der alle Mullahs und Imame bis heute freudig zustimmend können: Der Modernismus werde zur Vernichtung aller Religionen führen, der Weg dahin sei schon vorgezeichnet. Das Ende sei der Atheismus.

Wer immer behauptet, die Menschenrechte ließen sich zurückführen auf die Ethik der Weltreligionen, betreibt das Geschäft aller Täuscher, Wahrheitsverdreher, Volksverdummer der Geschichte, wie diese sie immer wieder hervorbringt, gegenwärtig in Gestalt des amerikanischen Präsidenten. Die Weltreligionen repräsentieren zuallererst die Rechtfertigungsideologie des Patriarchats. Sie befestigen seine Herrschaft und setzen einen „Vater“ oder ein vaterähnliches Wesen (Allah) als durch keine Argumente zu überbietende Instanz ein. Gehorsam wird – im stärksten Kontrast zur Mündigkeit –  zur obersten Tugend, Infantilisierung der Massen zum Ziel der Predigt. Gegen diesen Geist ist die Erklärung der Menschenrechte auch gerichtet, indem sie das Individuum auch schützen will vor den Zumutungen derer, die sich wie „Eingeweihte“ verhalten, wenn sie auch insgeheim wissen, daß ihr „Wissen“ kläglich ist. Es gibt heute Theologen, die genau dies zugeben. Sie aber wohnen schon an den Abgründen des Atheismus.

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