Dialektik des Gut-Seins

Dialektik heißt: Widerspruch in sich (mit einer Tendenz zur Auflösung).

Haben die Italiener recht, wenn sie sagen, die NGO-Schiffe auf dem Mittelmeer beförderten das Geschäft der Schlepper? Ist eine solche Vermutung, zumal sie aus dem Lager des neuen rechten Abschottungsnationalismus kommt, als zynisch zu bewerten und damit zu verurteilen? Es ist aber auch davon auszugehen, daß im Falle Italiens diese Verweigerung des Willkommens sich nicht gegen unmittelbar von Kriegen und politischer Verfolgung Bedrohte, gegen Asylberechtigte also, richtet, sondern gegen Migranten aus dem Afrika südlich der Sahara. Diese Menschen fliehen vor einem anscheinend unbesiegbaren Elend, vor existentieller Perspektivlosigkeit nach Norden, durchqueren unter unsäglichen Strapazen die Wüste und gelangen in ein Land, das sie versklavt oder – im Fall der auf sie wartenden Schlepper – ausraubt.

Ist davon auszugehen, daß jene, die ihre Heimat verlassen, wissen, welche Schrecken unterwegs warten? Kann man vermuten, daß ihr Traum vom Paradies Europa irgendetwas mit sachlichen Informationen zu tun hat? Es sind, was fast immer vergessen wird, „Privilegierte“, die jene Horror-Reise auf sich nehmen, denn sie haben immerhin Geld, um die Schlepper zu bezahlen. Die anderen verharren alternativlos im Elend. Das Maß der Uninformiertheit sowohl über die Strapazen wie über das Ziel bei gleichzeitiger zuletzt sterbender Hoffnung, es gebe das Paradies wirklich, kann nur verglichen werden mit dem Menschheits-verbindenden Glauben an das ewige Leben in einem Paradies. Eine, wie Theologen sagen würden, eschatologische Hoffnung.

Dieser  nachgerade grotesken Ignoranz hinsichtlich des Ziels entspricht offenbar eine gleichwertige Uninformiertheit der Europäer wie der Afrikaner selbst hinsichtlich der Ursachen des afrikanischen Elends. Wer immer in der westlichen, zur Rettung durchaus bereiten Welt jene Ursachen vor allem in den Nachwirkungen des Kolonialismus und seinen globalen ökonomischen Nachbeben sieht und daraus die Forderung ableitet, man müsse die Ursachen der Migration bekämpfen, vergißt allzu bereitwillig und von Schuldgefühlen übermannt, daß die tiefsten und nachhaltigsten Ursachen in den afrikanischen Kulturen/Gesellschaften selbst, in ihrer Geschichte liegen. Ihre Könige und Herrscher selbst versklavten zuerst ihre Untertanen, verkauften sie an Araber und Europäer, und von dort, wo das vor allem geschah, an der afrikanischen Westküste, stammen die meisten der Elenden in den Schlaubooten. Die Clan- und Stammesstrukturen sind es, vor denen sie fliehen und die ein Land wie den Südsudan, um nur das jüngste Beispiel von allzuvielen heranzuziehen, wenige Zeit nach der Selbständigkeit zerriß und in unsagbares kriegerisches Elend stürzte.

Die vor allem sexuell konnotierte Verrohung der afrikanischen Krieger in ihren Kämpfen gegen „die Anderen“ ist durchaus kein europäischer Import. Die afrikanischen Sprachen kennen das Wort „Gegner“ nicht – sie kennen nur „Feinde“. Im Herzen der Finsternis, im Kongo, sind es heute nicht Zuarbeiter des belgischen Königs, die foltern, vergewaltigen, verstümmeln und niederbrennen, sondern Afrikaner selbst, präziser: afrikanische Männer. Wenn sie nichts besitzen außer ihrer Potenz, dient diese zur Produktion nicht mehr ernährbarer Großfamilien oder alternativ der Vergewaltigung mit, wie berichtet wird, bestialischen wie kannibalischen Aspekten. Hier blicken wir wie in Indien in den tiefsten Abgrund der patriarchalischen „Ordnung“. Sie ist die Grundlage einer uralten Kultur, deren Elemente die Afrikaner selbst wohl für „natürliche“, unveränderbare halten. Weil wir immer unsere Mädchen „gereinigt“ haben, werden wir es weiter tun, auch wenn die ignoranten Europäer von „Verstümmelung“ sprechen.  Wir werden für unsere Familie, unseren Stamm, unseren Clan eintreten, für ihn Kriege führen, die anderen ausrotten, wenn es sein muß. So haben wir es immer gemacht. Und die Europäer übrigens lange genug auch. Oder?

Es scheint so, als drängten geradezu Humanismus, Aufklärung und christliche Ethik die heutigen Helfer in ihren Schiffen in die Lage, das „Gute“ zu wollen, wollen zu müssen – und damit das „Böse“ zu befördern. Wo sie früher halbwegs Seetüchtiges vorweisen mußten, um den Menschen die Flucht schmackhaft zu machen, brauchen die Schlepper heute nur lächerliche Schlauboote, für einen Sonntags-Ausflug auf einem Binnensee gerade angemessen. Denn draußen warten die, an die man die menschliche Fracht weitergeben kann. So argumentiert nicht nur der italienische Innenminister. Ihm ist schwer zu widersprechen. Deshalb scheint es so, als sei die wirksamste aktuelle Bekämpfung der Fluchtursachen, wenn man schon die afrikanische „Feind“-Kultur nicht ändern kann, die Verhinderung der Fluchtmöglichkeit spätestens an der Küste, ob in Libyen oder weiter westlich. Solange Schiffe warten, stirbt die Hoffnung nicht – und die ist tödlich. Retten wollen kann Töten heißen.

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Eine Antwort zu Dialektik des Gut-Seins

  1. Besserwessi schreibt:

    Schwere Entscheidung! Das ist so oder so eine schlechte Lösung.
    Daher: Marschallplan für Nordafrika!
    Von Ägypten bis Marokko.
    20-80 Mrd. in den Bau von Solarfabriken, Wasser entsalzen, Erde urbar machen und blühende Landschaften in Nordafrika schaffen.
    Ursachen bekämpfen, statt an den Symptomen rumzudoktorn

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