Gerechte Empathie ?

Eine seltsame Debatte. Warum – liest und hört man in diversen Medien – nahmen die Menschen weltweit so leidenschaftlich Anteil am Schicksal der thailändischen Jungen in der Höhle und warum bewegt sie nicht im gleichen Ausmaß das Schicksal der Ertrinkenden im Mittelmeer? Warum, müßte man folgerichtig weiter fragen und den Zeigefinger à la Uncle Sam noch energischer vorstrecken, seid ihr nicht so gut und mitleidsfähig, wie ihr sein solltet? Warum zerreißt es euch nicht täglich das Herz angesichts der getöteten, vergewaltigten,  versklavten Frauen und Kinder überall in Afrika, Indien und sonstwo? Warum fangt ihr nicht schon heute an, die Welt, die so viel Elend produziert, zu einem Ort der Liebe und des Friedens zu machen, wo der Wolf neben dem Lamm liegt und dessen Öhrchen leckt, statt es zu fressen?

Fast alles Grauen, das uns aus der offenbar fehlkonstruierten Menschwelt anweht, ist medial vermittelt. Die Fülle der Bilder macht uns anscheinend empfindlich und stumpft uns zugleich ab. Vor dem Medienzeitalter gingen die Leute wie zum Jahrmarktsvergnügen zu öffentlichen Foltern und Hinrichtungen, verbrachten ganze Tage, zuweilen strickend, um die arbeitende Guillotine herum, verlustierten sich im alten Rom angesichts menschenfressender Löwen und Tiger. Waren sie, unsere Vorväter und -mütter, noch böser und mitleidloser als wir, die wir dem Sterben vor Libyens Küste im Fernsehen zuschauen, ohne uns, Jeremiaden singend, die Kleider zu zerreißen?

Der Mensch, mahnt der Dichter, sei nicht nur edel und hilfreich, sondern vor allem  g u t. Also ein – horribile dictu – „Gutmensch“. Das ist wenn schon kein Befehl, so doch eine dringende Empfehlung. Ist er doch Gottes Ebenbild und sollte dem Vorbild keine Schande machen. Aber was wissen wir von Gottes Güte, an der nicht nur die Einwohner Lissabons während des Erdbebens 1755 zweifelten sondern auch die in den Baracken von Birkenau auf ihr Ende Warteten oder die Todgeweihten in den Hospizen krebskranker Kinder? Wir wissen nichts. Vielleicht ist Gott mit dem Teufel identisch, was manche Gnostiker schon in den frühen Jahren des Christentums glaubten. Und unter den über 7 Milliarden Menschen heute finden sich wahrscheinlich viel mehr kleine Eichmänner und Breiviks als Mütter Teresas. Das weltweite Ausmaß des Grauens läßt das vermuten. Die Bereitschaft junger Männer etwa, auf Befehl zu morden und zu vergewaltigen, erscheint als maßgeblicher Bestandteil der menschlichen DNA, ohne den keine Kriege funktionieren würden. Aber sie funktionierten und funktionierten bekanntlich wie geschmiert. Ohne sie, glaubten einige auch sehr kluge Denker, gäbe es keine Geschichte, keine Veränderung. „Vater aller Dinge“ nannte der alte Heraklit den Krieg. Erst die „Bombe“ veranlaßte kürzlich die Ächtung des Krieges, ohne ihn allerdings abzuschaffen.

Bei den Jungs in der Höhle waren wir mitfiebernd, weil es eigentlich wie ein Abenteuerfilm war, mit Happy End dazu. Für viele Menschen im digitalen Zeitalter ist alles Video. Die Welt schrumpft auf den Smartphone-Screen. Wirkliche Todesfälle und ausgedachte können viele nicht mehr auseinanderhalten. Schwarze Menschen in kippenden Schlauchbooten sind keine Vorlage für Filmisches. Besser wäre es, sie ertränken ungefilmt, denn ihr Tod ist keine Tragödie, sondern der Gipfel anonymer Banalität. Es wurde schon vorgeschlagen , die Gesichter der Boat-People nicht zu verpixeln, um ihnen jene Individualität zu geben, mit der der Beobachter ihres banalen Elends sich identifizieren könnte. Und überhaupt – warum verdienen die Menschen auf den Schlaubooten mehr Aufmerksamkeit als jene, die in ihren Dörfern zurückblieben und dort massakriert werden oder verhungern? Weil seltener gefilmt oder fotografiert wird, was dort an Grauenhaftem geschieht.

Der böse Ausdruck „Hypermoral“ drängt sich auf, wenn man jenen begegnen will, die einem mehr Empathie mit den Ertrinkenden abfordern. Schwer kann man den Verdacht loswerden, auf den Rettungsschiffen der NGOs träfen sich auch rettungswillige Menschen, die unter der Schuld der Großväter immer noch in der Weise leiden, daß sie diese Schuld zu ihrer eigenen machen. Ihr Handeln unter der großen Schlagzeile „Refugees welcome“ wäre ein Entsühnungsversuch, dessen vertrackte Dialektik aber auch darin bestehen könnte, immer mehr Elende und Verzweifelnde aus dem Innern des Kontinents an dessen nördliche Küste zu locken, wo sie Schlimmeres erwartet als das zu Hause vorgeblich nicht Ertragbare. Aber davon wissen die meisten, die sich auf den Weg durch die Wüste machen, offenbar nichts. Sie sind zudem eine Art „Elite“, mit mehr Geld für die Schlepper ausgestattet als die armen Verwandten. Zu sehr leuchtet und blendet sie „Europa“. Ein Leuchtfeuer, das nicht zuletzt von den Rettungsschiffen entzündet wird.

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