Timor clericalis oder: Die Furcht der Herren

Der Vatikan hat soeben das Nein zur Priesterweihe für Frauen bekräftigt. In der Zeitung L’OSSERVATORE ROMANO schrieb der Präfekt der Glaubenskongregation, Luis Ladaria, an der entsprechenden Aussage von Johannes Paul II von 1994 dürfe es keinen Zweifel geben. Jene Aussage sollte seinerzeit alle entsprechenden Diskussionen ein für allemal beenden. Ursache der aktuellen Bekräftigung des Dogmas war nun wohl einiges Gegrummel innerhalb der Kirche und Angst vor Ungehorsam, wie einige sachkundige Beobachter, etwa die Journalistin Christiane Florin, vermuten.

Bestätigt hat die zentralen Aussagen zur Frauenordination  im Schreiben von Johannes Paul („Ordinatio sacerdotalis“) auch Papst Franziskus, der Hoffnungsträger aller sich selbst als fortschrittlich verstehenden Katholiken, zu denen auch Frau Florin gehört. Einer seiner Bewunderer, der Regisseur Wim Wenders, hat gerade einen Film über den Papst gedreht, der jetzt in den Kinos anläuft.  Wenders spart alles aus, was dem progressiven Image Franziskus‘ schaden könnte. Also auch die „Frauenfrage“.

Beobachter, die von außen auf die katholische Kirche schauen, wundern sich über die Unmengen an Beton, der angerührt wurden, damit es in dieser Frage keinen Dammbruch gebe. Die diesem Beton beigegebenen Argumente – die Frau ist nur ein unvollkommener Mann (Thomas von Aquin), Jesus war ein Mann, die Apostel waren Männer, Adam war das Ebenbild Gottes, nicht Eva – können nur Kopfschütteln oder Fremdscham hinsichtlich ihrer Hervorbringer erzeugen. Man war in den frühesten Tagen des Christentums schon weiter, von Jesus selbst ganz zu schweigen. Auf ihn sich bei der Rechtfertigung der Patriarchenherrschaft zu berufen, bedeutet hinsichtlich der Gleichheit aller Menschen, die er predigte, eine infame böswillige Verhunzung seines Evangeliums. Nicht daß Jesus männliche Genitalien und vielleicht einen Bart hatte, macht ihn zum unüberbietbaren Vorbild für alle Priester, sondern daß er ein M e n s c h mit einer großartigen neuen Lehre war. Mensch – wie jede Frau. Das Beharren der Kirche auf dem Kriterium der Geschlechtlichkeit resp. „Höherwertigkeit“ des Männlichen qua Phallischem ist der jahrtausendealte Abwehrreflex gegen eine mögliche Entmachtung durch das Weibliche. Die „Jungs“ wollen nicht nur unter sich bleiben, wie Christiane Florin flapsig bemerkt, und auch das Weibliche könnte sie nicht entmächtigen, weil es selbst zur Macht strebt (daran denken die kritischen Katholikinnen gar nicht), sondern weil als tiefste und mächtigste Schicht im männlichen Seelenleben ein Trieb wirksam ist, der sie zu den Frauen als zu den Weibchen treibt. Indem sie als quasi Sklaven dem Trieb folgen, bertreten sie den Bereich der Lust als Sünde und der Bestrafung als Verlust des Seelenheils. Das sagt ihnen die Geschichte von Adam und Eva. Eva als die große Verderberin und Todbringerin beherrschte das Denken der Kirchenväter wie Tertullian. Deswegen errichteten sie das jungfräuliche Gegenbild Maria. Indem sie auch die Unreinheit (Blut!) der Frauen fürchten, fürchten sie das Unbeherrschbare, Unreine in sich selbst. Bestätigt wird ihnen die Berechtigung dieser Furcht durch die scheußlichen Mißbrauchsfälle in ihren Reihen, die Franziskus aufs heftigste geißelt. Wer kann schon sagen, das könne ihm nicht passieren!

An dieser Stelle, in der Furcht vor der erotischen Macht der Frauen, treffen sich männliche Christen und Muslime am innigsten. Sie zogen quasi gemeinsam in den Krieg gegen das andere Geschlecht, um es sklavenmäßig zu unterwerfen und zu bändigen, um aber auf jeden Fall seine sexuelle Selbstbefreiung zu verhindern. Und heute sehen sie all diese Bemühungen gefährdet. Deshalb geißelt der „fortschrittliche“ Franziskus auch die Gendertheorie.

Christiane Florin gehört zu den Katholikinnen, die als kritische der Kirche und den alten Männern treu bleiben. Mit hilfloser Gebärde fordert sie den „Weiberaufstand“ (so der Titel ihres letzten Buches) und weiß zugleich, daß sich nichts ändern wird. Auch unter Franziskus nicht. Ändern könnte diese Kirche nur ein Auszug der Frauen. Sie müßten begreifen, daß diese Kirche, wie schon Nietzsche diagnostizierte, sich weit von ihrer Gründergestalt entfernt hat. Aber die endlosen Zeiträume des Patriarchats, den christlichen Abschnitt eingeschlossen, haben die Unterwerfung und Preisgabe der eigenen Würde als freie Person zum konstitutiven Element des weiblichen Charakters gemacht. Einzelne Individuen, auch Gruppen, die das verstanden haben und sich befreien wollen, werden für die Masse nichts bewirken. Als „Women for Trump“ sich im Wahlkampf organisierten, um dem Pussygrabber zur Macht zur verhelfen, hätte man begreifen müssen, daß die breite Masse der von Sklavenmentalität Durchdrungenen in absehbarer Zeit nicht zu erreichen, gar zu verändern ist.

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2 Antworten zu Timor clericalis oder: Die Furcht der Herren

  1. Besserwisser schreibt:

    Bravo

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  2. Anonymous schreibt:

    neptun16, thank you ever so for you post.Much thanks again.

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