Ist der Trumpismus ein Putinismus?

Beide Verfallsformen demokratischer Herrschaft wollen die über 70jährige Friedensordnung zerstören, um Neues, das das Alte wäre, zu schaffen. Amerika soll „again“ groß und stark werden u.a. auf Kosten seiner alten Verbündeten; Rußland soll wieder das Imperium in den Grenzen der UdSSSR werden auf Kosten seiner Rand-Völker.

Cui bono? fragt der Lateiner. Wem nutzt das? Schulterzucken. Die Frage geht ins Leere. Niemand. Der Schaden hingegen für die jeweiligen Völker wird beträchtlich sein, wahrscheinlich Abschied von aller Menschlichkeit, wie der Erste Weltkrieg gezeigt hat, über dessen Sinn und Nutzen schon zu seinem Beginn niemand Antwort zu geben wußte. Dennoch wurde er in Gang gesetzt. Den wahren Motor hinter dem damaligen offenkundigen Irrsinn und dem heutigen kann der Beobachter wenn überhaupt nur finden, wenn er sich in einen (Massen-)Psychologen verwandelt.

Kürzlich wurde ein höherer Verwaltungsbeamter der russischen Enklave Kaliningrad nach dem Eindruck gefragt, den die Inaugurationsrede Putins, deren martialisches Vokabular alles andere dominierte, auf ihn gemacht hatte. Die „großartige Rede“ habe der Welt gezeigt, daß Rußland stark genug sei, einen Krieg zu verhindern, verkündete der Beamte. „Sollte er aber doch stattfinden, werden wir ihn gewinnen.“ Wie sein oberster Dienstherr ist er durchdrungen von den Metaphern der Feindschaft, des Kampfes, des glorreichen Sieges noch in Zeiten, in denen es keine Sieger mehr geben kann.

Klaus Theweleit hat in seiner umfangreichen Studie über den soldatischen Mann Anfang der 1980er Jahre („männerphantasien“) einen reaktionären Autor (Ernst v. Salomon) mit dem Gedanken zitiert, Kriege würden geführt, „solange noch das tierische Erbteil im Blut kreist“ und daraus abgeleitet, daß der Krieg ersehnt wird, „weil er allein es erlaubt, daß der so strukturierte Mann mit sich selbst, seinem fremden, ‚urmenschlichen‘, ‚tierischen‘ Innen identisch werden kann, ohne daß es ihn verschlingt.“ Wohlgemerkt, Theweleit bezieht sich auf Männer, nicht auf Menschen allgemein. Der Soldat ist der Mann schlechthin. Theweleit: „Der Phallus, auf dem sich das ‚Ich‘ erhebt, ist ein Soldat. So erscheint das Soldatische lediglich als Fortsetzung des Kulturverständnisses, das wir in der europäischen Geschichte an der Arbeit sahen: Natur, Weiblichkeit und schließlich das eigene Unbewußte zentralistisch zu unterwerfen.“

Trumps Ideal einer bis an die Zähne bewaffneten Zivilgesellschaft, die das Alltagsleben als Krieg begreift, worin jeder bereit sein muß, sich gegen seinen Nachbarn als Nachbar, gegen seine Schüler als Lehrer, gegen den Verkehrssünder als Polizist mit tödlichem Erfolg zu wehren, ist eine Variante dieses archaischen Soldatentums. Wer so denkt, hat die Zivilisationsprozesse der letzten 350 Jahre rückwärts übersprungen. Der Kampf aller gegen alle, des Menschen als Wolf des Menschen, soll wieder ganz im Sinne des „tierischen Erbteils“ zu obersten Verhaltensnorm werden, allem bibelbeltischen Frömmigkeitsgehabe zum Hohn. Vom Christentum blieb dort nur noch der rachsüchtige Vatergott, über dem blutigen Fleisch des Sohnes schwebend und den Gedanken nahelegend: Mit weniger als mit diesem Tod habe ich mich nicht abfinden lassen. Auch dieser Gott entspricht dem soldatischen Ideal „gerechter“ Rachefeldzüge. Er rächt eben die gegen seine Gebote begangenen Sünden. Auch er ist ein neutestamentliches Produkt männlich-soldatischen Denkens, das eine breite blutige Spur auch durch das Alte Testament wie durch den Koran zieht.

So finden sich der in den Schoß des Orthodoxen Kirche zurückgekehrte ehemalige KGBler Putin und der von den Wählermassen der Evangelikalen getragene Pussygrabber-Kapitalist Trump in männlich-harmonischer Konfrontation wieder unter dem Zeichen des Kreuzes. Wir haben als Europäer oder als Christen, so scheint es, nicht mehr die Wahl zwischen beiden. Nur noch gegen beide. Der Putinismus ist das Verwesungsprodukt des Stalinismus; der Trumpismus das Gespenst einer Demokratie, das über ihrem amerikanischen Grab spukt. Die Amerikaner brauchen anscheinend keine Demokratie mehr, weil die nur sinnvoll für die „Eliten“ sei. Denen nämlich nützt die Freiheit der Rede und der Gedanken, weil einzig sie noch eigene Gedanken haben, die auf Freiheit angewiesen sind. Fake News sind die gewöhnlichen Produkte, behauptet aber der demokratisch gewählte Präsident. Für die anderen, ist er überzeugt, für die Massen, die in der Wahrheit sind – für deren Freiheit und Selbstbewußtsein sind die Gewehre da und „Fox News“.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ist der Trumpismus ein Putinismus?

  1. Anonymous schreibt:

    So ist es!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s