Mitleid mit den Männern? (2)

„Latenz“ ist ein Zustand des Verborgenseins von etwas Existierendem, das jederzeit sichtbar werden kann. In der #Metoo-Debatte trat ans Licht, was in den frühesten Geschichten, den Mythen, die sich die Menschen über ihre Anfänge erzählten, schon immer anwesend war, aber als Gesetzmäßigkeit und Ursache für Konflikte und Kriege aller Art nur von wenigen ohne Beschönigung benannt wurde. Der erste, der dies tat, war wohl Herodot, der „Vater des Geschichtsschreibung“: Er nannte den „Frauenraub“ die Ursache von allem. Frauen-Raub heißt aber Überwältigung und Vergewaltigung. Herodot erzählt, daß die Phönizier nach Argos gekommen waren und dort Handel mit den Griechen trieben. Einige Frauen, unter ihnen die Königstochter Io, wollten auch etwas kaufen: „Da stürzten sich die Phoiniker nach gegenseitiger Ermunterung auf sie. Die Mehrzahl der Frauen floh. Io aber raubten sie mit einigen anderen. Sie warfen sie ins Schiff und fuhren davon nach Ägypten.“

Eine Urszene des Patriarchats. Die Frauen werden als Sex-Sklavinnen wie später die Afrikanerinnen übers Meer entführt. Eine Variante dieser Geschichte ist der Raub der Helena und als Folge die Zerstörung Trojas und die Versklavung Kassandras und der anderen Trojanerinnen. Es schließ sich an der „Raub der Sabinerinnen“ durch die Männer der neu gegründeten Stadt Rom, die die Frauen der Nachbarstadt versklavten und vergewaltigten, um den benötigten Nachwuchs für die Stadt erzeugen zu können.

Eine andere Geschichte, die ein durchgehendes Motiv des Geschlechterverhältnisses im Patriarchat, den Frauenhaß, eindrucksvoll illustriert, findet sich im Alten Testament. Im 2. Buch Samuel wird die Geschichte von Amnon und Tamar erzählt, Halbgeschwister und Kinder ihres Vaters David. Amnon verliebt sich in seine schöne Halbschwester und begehrt sie. Als sie auf seine Nachstellungen nicht eingeht, „packte er sie und vergewaltigte sie. Hinterher aber empfand Amnon eine sehr große Abneigung gegen sie;  ja, der Haß, mit dem er sie nun haßte, war größer als die Liebe, mit der er sie geliebt hatte. Amnon sagte zu ihr: Stehauf, geh weg!“ – Die „gebrauchte“ Frau ist wie ein Topf mit einem Sprung. Dem entspringt der Virginitätswahn, eine der Säulen der jüdisch-christlichen Kultur. Der Mann projiziert sein Schuldgefühl als Verachtung auf die Frau. In stark patriarchalisch geprägten Gesellschaften des Orients oder Südeuropas, aber auch in entsprechenden nördlicheren Gegenden, in katholischen Milieus zumal, findet sich dieses Modell immer wieder. Der Fünfzehnjährige, der im Unterricht seine Lehrerin, über die er sich geärgert hat, mit dem Wort „Fotze“ bedenkt, hat diese Verachtung schon als männliches Kind verinnerlicht. Er wird sie nicht mehr loswerden.

Hat dieser Knabe, hat sein Vater, haben seine Kumpanen unser Verständnis verdient? Im Zweifel sogar Mitleid angesichts der Kübel von Schuldzuweisungen innerhalb des Weinstein-Wedel-Komplexes, wie es der ZEIT-Autor Jens Jessen nahelegt? Sind die Männer, die (auch in der ZEIT geschildert) ins Bordell gehen, um „wie Wölfe“, wenn auch der Reihe nach, über eine 17jährige drogenabhängige Prostituierte herzufallen, gleichwohl Repräsentanten der christlich-jüdischen Kultur, die den Frauenhaß seit Jahrhunderten unter Berufung auf die Ursünde Evas bewahrt und gehegt hat, um daraus die jungfräuliche Muttergottes zu destillieren? Und sind jene Soldaten, denen im Falle eines Sieges von ihren Offizieren die Frauen des Feindes quasi als Lustfleisch vorgeworfen werden, weniger wölfisch als Raubtiere, wenn es ihnen jenseits aller Hemmungen massenhaft gelingt, den Vergewaltigungsbefehl auch in die Tat umzusetzen? Vergewaltigung ist, anders als in Afrika oder Indien, in „zivilisierteren“ Gesellschaften deshalb ein auch sanktioniertes Kapitalverbrechen, weil die andere Seite der Männerehre, nämlich für den Schutz der Ehefrauen, Schwestern und Töchter zuständig zu sein, unterdessen dominiert. Ehefrauen und Töchter werden ja auch als „Eigentum“ zu schützenswerten Objekten. Sie zu „beschädigen“ geht gegen die Ehre des Mannes. Immerhin bedeutet die Stärkung des Schutzfaktors einen Kultur-Erfolg, der das „Wölfische“ halbwegs zu zähmen imstande ist. Ein nächster Krieg könnte die Tünche jedoch sofort abwaschen und die Zähnung vergessen machen.

Solange Männer sich nicht vorstellen können und nicht verstehen, was in einer Frau vorgeht, die sich beim nächtlichen Gang von der Bushaltestelle nach Hause bei jedem Schritt-Geräusch hinter ihr angstvoll umdreht, gegebenenfalls in Panik gerät, anfängt zu laufen – solange diese spezifische Angst, quasi ein weibliches Existential, von Männern im Umgang mit Frauen ausgeblendet wird, werden die Jens Jessens alle Hinweise auf dieses Element der Angst im Geschlechterverhältnis für Panikmache, für nicht akzeptables kollektives Schuldzuweisen an ein Geschlecht, ihres, ansehen und zurückweisen. Andererseits: Jedes Mädchen, das nur einen Zeitungsbericht über eine Vergewaltigung gelesen hat, wird dies mit ihrer Existenz als Frau in Verbindung bringen müssen. Auch wenn sie nicht potentielles „Opfer“ sein und nicht wie im alten Athen und im heutigen Riad die Straße nur in männlicher Begleitung betreten will, bleibt ihr Freiheit als auch auf nächtlichen Straßen lustvoll erlebte versagt. Wir wissen das alle, Männer und Frauen, und doch gibt es immer noch massenhaften Widerstand dagegen, die in der #MeToo-Debatte zutage getretenen Verhältnisse einer „wölfischen“ Zivilisation ernstzunehmen und zu kritisieren.

In einer paradoxen Weise blickt der Islam „realistisch“ auf das Geschlechterverhältnis. Der wölfisch-triebhafte Mann ist der von Gott so gewollte, und wenn er sich an Regeln hält, etwa außerehelichen Sex meidet, darf er mit seinem Besitz, bis zu vier Frauen, sehr viel zu seinem Spaß anstellen. Sie ist der Acker, er der Pflug. Will sie sich schützen, muß sie außerhalb des Hauses alle Hinweise auf weibliche Körpermerkmale so gut es geht unter Mänteln, Schleiern etc. verbergen. Wenn sie sich daran nicht hält, ist es ihre Schuld, nicht die des Mannes, wenn bei ihm der Wolf durchbricht.

Es hat auch im aufgeklärten Europa der Nachkriegszeit Richter gegeben, die nach dieser Selbst-Schuld-Logik der „natürlichen“ Verhältnisse Urteile gesprochen haben. Lang ist es nicht her.

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