„Wir sind dran“

Diesen Titel trägt das neue Buch von Ernst Ulrich v. Weizsäcker, Ko-Präsident des Club of Rome. Der Titel ist doppeldeutig. Er könnte meinen: Los, krempelt die Armel hoch! Tut was! Oder auch. Morgen werden wir abgeholt und verurteilt. Wozu auch immer. Der Untertitel ist genau so doppeldeutig: „Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen.“ „Bleiben“? Wo? In unserem Kiez? In unserer Stadt? In Deutschland? In Europa? Nein – es geht darum, ob wir bleiben wollen auf dieser gegenwärtig noch schönen Erde oder nach Alpha Centauri oder zu irgendeinem Exoplaneten auswandern, wie nicht ohne Sarkasmus vor seinem Tod Stephen Hawking vorgeschlagen hat.

Dem Ende der Insekten, glaubt Weizsäcker, wird mit 20 Jahren Verzögerung vielleicht das der Spezies Homo folgen. Er blickt zurück auf die 80er Jahre, als die Menschheit glaubte, den Stein der Weisen gefunden zu haben in der Formel: Die Finanzmärkte sind gescheiter als alle Regierungen. Diese Formel war ein Abkömmling des von Adam Smith im 18. Jahrhundert erfundenen Mythos von der Unsichtbaren Hand, die letztlich die Hand Gottes war. So pflanzte sich der Mythos fort auch durch die aufgeklärtesten Jahrhunderte und Gesellschaften. Nicht nur der Vatikan und die Al Azhar Universität in Kairo bewahren und schützen die Mythen, sondern, wie einst die Chicago- Boys um Milton Friedman, die Think Tanks in der säkularen westlichen und fernöstlichen Welt. Endlich hatte auch die entgöttlichte Welt wieder etwas, an das sie fest glauben konnte. Dafür wurde etwa die FDP (Westerwelle) als ideologische Bekennerin dieses Glaubens in Deutschland auch unmittelbar nach der Finanzkrise 2008 bei der Wahl 2009 von einem medial völlig verblödeten Demos mit einer Rekord-Stimmenzahl belohnt. Dieses Rekordergebnis läßt ahnen, blickt man auch noch auf die Trump-Wahl, wie eine globalisierte Menschheit auf ihre globale Existenzkrise reagieren wird: mit Verdrängung, Verleugnung, Fundamentalisierung, Apathie und weiterer heftiger sozusagen kompensatorischer Vermehrung nach dem Motto: Jetzt erst recht! Die neue Groko hat unmißverständlich gezeigt, daß sie die ökologische Katastrophe (Klimaziele) nicht abzuwenden bereit ist, weil sie dies für nicht machbar hält. Wir haben es, so Weizsäcker, mit der auch von dieser Regierung im Grunde vertretenen Maxime, alle Politik der Maximierung der Kapitalinteressen unterzuordnen (Dieselskandal, Glyphosat, Braunkohle etc.), mit einem „riesigen zivilisatorischen Rückschritt“ zu tun.

Wenn wir vor allem anderen die Bevölkerungsexplosion nicht in den Griff kriegen (davor bewahre uns der Machismo speziell der afrikanischen Männer und der römische Klerus!) werden wir immer mehr Treibhausgase produzieren müssen, die Landwirtschaft immer weiter industrialisieren, die Regenwälder in Agrarsteppen verwandeln, den Müll zu Himalaya-Höhe auftürmen, die Arten außer der eigenen und den fleischproduzierenden Haustierrassen ausrotten und verzweifelt die Raketen konstruieren, die uns zu den Exos transportieren könnten. Große Teile der auch von Science Fiktion medial infantilisierten Massen mögen das in Unkenntnis der physikalischen Gesetze sogar für eine Option halten: Erlösung durch Technik, Auferstehung und Himmelfahrt. Und auch hier wirkt ein alter Mythos im Hintergrund: die Menschheit habe bislang für die Probleme, die sich ihr stellten, immer Lösungen gefunden. Mit Gottes Hilfe natürlich. Kenner der Erdgeschichte wissen, daß die Lebenszeit jeder Spezies und damit auch ihrer Götter und Erlöser begrenzt ist. Weiszäcker klammert sich nicht an Science Fiktion, sondern antwortet auf die Frage „Was hält Sie aufrecht?“ ganz nah-menschlich: „Die Kinder und Kindeskinder natürlich – und meine Liebe für Schmetterlinge.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s