Mitleid mit den Männern?

Sagen wir es so undifferenziert offen und politisch inkorrekt wie möglich: Die Mehrheit der Männer definiert sich über ihr Auto, ihren Fußball- (Basketball-, Football-)Verein und über ihren Schwanz. Letzterer ist als Zepter der Macht ins #MeToo-Gerede gekommen. „Schlimm!“, twittert deshalb oder könnte twittern der präsidiale Pussy-Grabber Donald T. „Wollt ihr die bewährte Ordnung auf den Kopf stellen? Mein Griff an die Pussy ist ein Privileg so alt wie die patriarchalische Ordnung.“

Ist das wirklich so? Geben die Donalds den Ton an, auf den #MeToo die Antwort ist? Der ZEIT-Autor Jens Jessen will solche pauschalen wie gemeinen Attacken auf sein Geschlecht nicht mehr ertragen. Die unterstellte „Kollektivverantwortung aller Männer für die Untaten jedes einzelnen“ macht ihn „sprachlos“. „Der Feminismus“, entrüstet er sich, „hat eine Grenze überschritten, die den Bezirk der Menschlichkeit von der offenen Barbarei trennte. Nur sehr Tapfere erkennen darin eine heilsame Lektion,  die es allen Männern erlaubt, die Diskriminierungserfahrung der Muslime zu machen: Was einige getan haben, wird allen zur Last gelegt. Jeder Muslim ist ein potenzieller Terrorist, jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger.“

Ohne es zu wollen, bringt Jessen die Sache auf den Punkt. Wenn man das „potenziell“ betont, stimmt die Aussage. Es ist einzig dem zivilisatorischen Fortschritt zu verdanken, daß der alte Mythos vom Frauenraub als Beginn der Menschheits-Geschichte (Hesiod), der nichts anderes meinte als gewaltsame Überwältigung und Vergewaltigung, nur noch in Kriegszeiten sich offen und brutal wie eh aktualisieren kann. In Friedenszeiten kommt es auf den Stand eben dieser oder jener Zivilisation an. Wenn an Festtagen die Barrieren aber fallen wie seinerzeit in Köln, wird die Überwältigung durch Massen- und Muskelkraft gegebenenfalls zum angeborenen männlichen Privileg, von der Zivilgesellschaft kaum sanktionierbar.

Damit sind wir bei den von Jessen auch bedauerten diskriminierten Muslimen. Ihnen hat ihr Gott alle Macht über ihre Frauen verliehen, zudem das Recht zur Züchtigung, sollten sie sich welchem Begehren auch immer verweigern. Ihre Hauptaufgabe sieht der Koran darin, das Begehren der Männer zu befriedigen („Eure Weiber sind euch ein Acker. Gehet zu eurem Acker von wannen ihr wollt“, Sure 2,223) . Heute loben sogar angebliche muslimische Feministinnen ihren Propheten dafür, daß es unter seiner Herrschaft nicht mehr so schlimm war wie bei den alten Arabern, die ihre ungewollten Mädchen-Babys ungestraft lebendig im Wüstensand verscharren durften. Immerhin.

Der „neue feministische Volkssturm“ (Jessen) hat zumeist vage die Jahrtausend-Verbrechen am weiblichen Geschlecht im Hintergrund, die männliche Herrschaft als eine über Leib, Leben und Tod. Träten die sich heute zu Unrecht attackiert fühlenden Jens Jessens ein wenig von sich selbst und ihrem Beleidigtsein zurück, beobachteten sie sich und ihre Geschlechtsgenossen auch jenseits aller physischen Gewalt im Umgang mit Weiblichkeit und deren „Diskriminierungserfahrungen“ so nüchtern wie möglich, erkennten sie vielleicht, daß jenseits der Penetrations- und Reproduktionsbedürfnisses tiefergehendes Interesse an Frauen als Personen nur selten anzutreffen ist. Dichter mögen Ausnahmen sein. Frauen registrieren immer wieder, daß Männer nicht fragen können. Etwa: Wer bist du? Viel wichtiger ist ihnen zu erklären: Wer ich bin. Meist reden sie sich mit dem „Weib als Rätsel“ (Freud) heraus. Auch ein uralter Mythos, uralter Denkfaulheit aus Herrschaftsroutine geschuldet.

Wenn Jessen beklagt, die neuen Feministinnen kündigten die Conditio humana, die allen Menschen ein gleiches Maß an Menschlichkeit zumesse, wird, auf das Geschlechterverhältnis bezogen, erst ein Schuh aus dieser Feststellung, wenn begriffen wird, daß genau dieses Maß an Menschlichkeit mit wenigen Ausnahmen allen Frauen in allen patriarchalischen Gesellschaften nicht und nie zugestanden wurde und wird. Auch das Christentum ging von Genesis 2 aus, wo die Frau als sekundär und ergo minderwertig weil aus der Rippe Adams stammend definiert wird. Diese Version übernahm der Islam. Das Patriarchat schuf den Rippen-Mythos zur Selbstrechtfertigung. Die katholische Kirche beruft sich auch auf ihn, um für ihre subtile Frauenverachtung ein Fundament zu haben.

Frauen, bislang die treuesten Dienerinnen ihrer Kirchen und ihres männlichen Gottes, begreifen all dies allmählich. Daher ihre Wut, die wiederum Männer wie Jessen heute fassungslos macht. In Panik versetzt sieht er „den ideologischen Triumph des totalitären Feminismus“ voraus. Das macht ihn“ein bisschen traurig“. Der denkbar falscheste Ausdruck: „traurig“. Männer wie er fühlen sich ertappt. Es gibt, wie es die feministische Theologin Sarah Coakley formuliert, so etwas wie ein „schlechtes maskulines Gewissen“. Vielleicht könnte von daher der Anstoß kommen, die richtigen Fragen an die Frauen zu stellen. Und an das männliche Selbst.         

 

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